Sorben, Quelle: rbb

- Extrawurst oder Minderheitenschutz?

In Brandenburg könnte sich das "angestammte Siedlungsgebiet" der Sorben bald verdoppeln.  Dort, wo Sorben leben, haben sie besondere Rechte. Vielleicht auch bald in Senftenberg. Doch die Stadt will das verhindern.

Anmoderation
Eine der am meisten bedrohten Sprachen Deutschlands ist - sorbisch! Geschätzte 20.000 Sorben und Wenden leben heute nur noch in Brandenburg, vor allem in der Lausitz. Zum Schutz dieser Minderheit soll nach jahrelangem Streit deshalb nun endlich das offizielle Siedlungsgebiet der Sorben erweitert werden - und damit deren Rechte gestärkt werden. Doch das stößt in manchen Gemeinden auf heftigen Widerstand. André Kartschall.

In dieser Geschichte geht es um eine Stadt, eine Kirche, zwei Männer und die Frage, wer oder was diese Menschen hier eigentlich sind.

Der Reihe nach:

Měto Nowak, Berater für sorbische Angelegenheiten beim Brandenburger Landtag, hat einen Plan: Er will das so genannte "angestammte Siedlungsgebiet" der Sorben in Südbrandenburg vergrößern. In doppelt so vielen Orten wie bislang würden dann andere Regeln gelten: Straßenschilder müssten deutsche und sorbische Namen tragen, die Stadtverwaltung auch Sorbisch können und Kitas und Schulen zweisprachig sein. Die Kosten dafür würde das Land tragen.

Měto Nowak
Rat sorbisch-wendische Angelegenheiten

"Wir haben Gemeinden, wo wir persönlich Sorben kennen, wo die wendische Sprache lebendig ist, wo Schülerinnen und Schüler die Sprache in der Schule lernen, wo Vereine die Bräuche pflegen, wo Trachtenvereine aktiv sind, Chöre die Lieder singen."

Doch einige dieser Gemeinden wehren sich: zum Beispiel Senftenberg. Der Bürgermeister sieht schlicht keinen Bedarf, da die Minderheit der Sorben in seiner Stadt quasi ausgestorben sei.

Andreas Fredrich (SPD)
Bürgermeister Senftenberg

"Senftenberg war mit Sicherheit in der Geschichte Siedlungsgebiet, in den Ortsteilen auf jeden Fall. Wir haben in der Stadt eine alte wendische Kirche, aber wir haben in den letzten 100, 120 Jahren an sich kaum noch richtig lebende Traditionen bei uns in der Stadt."

Kaum noch lebende Traditionen – nur eine ehemals wendische – sprich sorbische – Kirche. Echte Sorben aber, so sagt uns das Rathaus, gibt es hier eigentlich keine. Doch plötzlich sind sie da: drei von sieben Mitgliedern des frisch gegründeten Ortsvereins der Domowina, des Dachverbands der Sorben.

KLARTEXT
"Sind Sie Sorbe?"
Gudrun Konzag

"Ja."
Günter Pawlisch

"Ja."
Gudrun Andresen

"Ich bin Deutsche, aber bekenne mich zum Sorbentum."

Sie sind also doch mehr als nur eine schwache Erinnerung, die Sorben in Senftenberg. Sollte die Stadt nach mehr als 100 Jahren also vielleicht doch wieder echtes sorbisches Gebiet werden?

Andreas Fredrich (SPD)
Bürgermeister Senftenberg

"Das setzt aber voraus, dass wir überhaupt bei uns in der Stadt einige haben, die dieser Sprache mächtig sind."
KLARTEXT

"Also, wir haben gerade welche getroffen: die Ortsgruppe der Domowina."
Andreas Fredrich (SPD)
Bürgermeister Senftenberg

"Es gibt immer den einen oder anderen, aber dann muss man auch sich da die Frage stellen. Wo ist denn da die Verhältnismäßigkeit?"

Gute Frage. Eine abschließende Antwort darauf gibt es nicht. Denn nirgends ist vorgeschrieben, wie viele Sorben nötig sind, damit eine Stadt zum Siedlungsgebiet gehört.

Extrawurst für ein paar Traditionsfanatiker oder per Landesverfassung garantierter Minderheitenschutz? Der Streit hat das Zeug zum Dauerkonflikt.

Měto Nowak
Rat sorbisch-wendische Angelegenheiten

"Zum einen heißt es: weis uns mal nach, dass die Sprache lebendig ist, dass die Kultur lebendig ist. Und wenn wir’s tun, wird uns aber vorgeworfen, ob das denn … wie authentisch das denn sei. Das sind zum Beispiel Erwartungen, mit denen wir konfrontiert werden: Unsere Frauen haben gefälligst immer in Tracht rumzulaufen, damit sie auch erkennbar sind."

In Senftenberg hat sich die Ortsgruppe der Domowina erst vor wenigen Wochen gegründet. Von der Bevölkerung weitgehend unbemerkt. Die Stimmung in der Stadt ist gespalten.

Passant
"Die sollen auf ihrem Gebiet bleiben, wo sie sind."
KLARTEXT

"Die wohnen doch schon hier, teilweise."
Passant

"Hier wohnt kein Sorbe. In Senftenberg nicht."
KLARTEXT

"Ich kenn’ drei."
Passant

"Ach, wirklich?"
Passantin

"Das stört mich nicht, ist doch in Ordnung."
Passant

"Senftenberg gehört nicht dazu."
KLARTEXT
"Warum nicht?"
Passant

"Das war schon immer so."
Passantin

"Weil sie vielleicht sogar schon länger hier sind als wir, wäre das vielleicht sogar in Ordnung. Nicht immer gegen Minderheiten, auch für Minderheiten."

Doch Senftenbergs Stadtverordnete haben den Eintritt in das sorbische Siedlungsgebiet erst einmal mehrheitlich abgelehnt.

Günter Paulisch
Domowina Senftenberg

"Ein Politiker hat in erster Linie darauf zu achten: 'Was meint die Mehrheit?' Und die Mehrheit von Senftenberg, die sind also sicherlich nicht der Meinung, dass das hier sorbisches Siedlungsgebiet wird."

Abmoderation
Übrigens: Entschieden wird das ganze aber nicht in Senftenberg, sondern vom Landtag und dem Kultusministerium in Potsdam.

Beitrag von André Kartschall

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