-
Das Tierheim Kremmen präsentiert sich als Rettungsanker für Tiere. Insbesondere Hunden soll hier geholfen werden. Doch Tierärzte, ehemalige Mitarbeiter und Vertragspartner erzählen eine ganz andere Geschichte. Die Behörden sind informiert, doch der Betrieb läuft weiter, denn der Betreiber bestreitet alle Vorwürfe.
Anmoderation
Tierquälerei in einem Tierheim? Ein Vorwurf wie dieser ist eigentlich ein Fall für das Veterinäramt. Normalerweise. Doch im brandenburgischen Kremmen scheint die zuständige Behörde offenbar lieber wegzuschauen, als die Situation im dortigen Tierheim aufzuklären. André Kartschall zeigt, wie ehemalige Mitarbeiter, Tierärzte und Zeugen mit ihren Beschwerden einfach gegen Wände laufen.
Fast zu schön, um wahr zu sein: Ein Ort, an dem Tiere gerettet werden, die anderswo kein Zuhause finden: Eine Tierpension bei Kremmen, auch bekannt als Hundeschutzverein "Nordische in Not".
Schaulaufen im Schnee: der Chef, Ralf Hewelcke, galt bislang als besorgter Tierschützer.
Schöne heile Welt, so scheint es, doch diese Aufnahmen zeigen ein ganz anderes Bild. Fotos und Videos, die uns zugespielt wurden: Zu sehen sind Zwinger, die offenbar marode und angeblich viel zu klein sind; Tiere, die auf engstem Raum eingesperrt scheinen. Ehemalige Mitarbeiterinnen erheben noch schwerere Vorwürfe.
Ehemalige Mitarbeiterinnen
"Also es kam vielfach zu körperlicher Gewalt an den Tieren."
"Er misshandelt ja auch Tiere, oder schlägt auch Tiere. Das habe ich auch mitbekommen."
"Der Umgang mit den Tieren ist mittelalterlich, genau wie der Umgang mit den Menschen."
"Die Katzen, die waren in ganz dunklen Räumen untergebracht, die hatten keine Fenster, da waren einfach nur so ne Milchglasfliesen, so dass also kein Tageslicht reinfiel, gar nix."
"Also, in der Zeit, wo ich da war, sprich, in diesen zweieinhalb Jahren, wurden zwei von meinen Kollegen krankenhausreif gebissen und vier Hunde wurden tot gebissen."
Die Aggressivität der Hunde, so sagen es uns die ehemaligen Mitarbeiterinnen, hänge mit den Haltungsbedingungen zusammen: so gut wie kein Auslauf, kaum Zuneigung, zeitweise nur zwei Pfleger für bis zu zweihundert Hunde und jede Menge andere Tiere, behaupten die Auszubildenden. Und: es gäbe Schläge.
Sabrina Schreiber
ehemalige Auszubildende
"Die Hündin schnappte dann nach mir, als ich ihr das Geschirr ausziehen wollte und ich hab dann halt über Funk um Hilfe gebeten. Und Herr Hewelcke kam dann, und nahm sich den Hund sofort ohne irgendwas zu sagen den Hund und prügelte mit der Leine solange auf den Hund ein, bis dieser sich komplett unterworfen hatte."
Viele der Hunde gelten ohnehin als schwierig und teilweise gefährlich. Dennoch sollten die Mitarbeiter jeden Tag in die Käfige, so erzählen sie es uns: Fünf Minuten für jeden Hund: Füttern, Kot wegmachen, ein Minimum an Zuwendung. Das aber sei gefährlich bei dem Zustand, in dem viele der Tiere seien.
KLARTEXT
"Das sieht tief aus."
Cindy Rosenberg
ehemalige Auszubildende
"Es war tief. Es musste genäht werden und unter Vollnarkose auch gereinigt werden. Ich war knapp einen Monat sogar krank geschrieben. Und danach war das Arbeiten auch nicht mehr so leicht, insgesamt hat es über drei Monate gedauert, bis ich komplett meinen Arm wieder einsetzen konnte. Herrn Hewelcke hat's gar nicht interessiert. Er hat nicht einmal nachgefragt, wie es mir geht."
KLARTEXT
"Obwohl er gesagt hatte, Sie sollen Zeit mit diesem Hund verbringen?"
Cindy Rosenberg
ehemalige Auszubildende
"Genau."
Sollten die Vorwürfe stimmen, spielt Ralf Hewelcke der Welt außerhalb der Anlage seit Jahren etwas vor. Zum Beispiel mit seinem Vorzeigeprojekt: den Schlittenhunden.
Melanie Jahn
ehemalige Angestellte
"Sie saßen halt in ihren Zwingern und wurden nicht bewegt. Gerade die Schlittenhunde, beziehungsweise die Huskies, alle diese ganzen Mixe, sind ja auch wirklich Arbeitstiere, die halt laufen und beschäftigen wollen und einen Menschen haben wollen. Und die wurden dann halt im Winter, also in meiner Saison, wo ich halt da war, einmal, total untrainiert an den Schlitten geschmissen und mussten dann halt ihre Arbeit da leisten ..."
KLARTEXT
"Wenn's Fernsehen kommt?"
Melanie Jahn
ehemalige Angestellte
"Wenn's Fernsehen kommt ja, zum Beispiel."
Dieses Mal aber will Ralf Hewelcke nicht, dass das Fernsehen kommt. Ein Interview lehnt er ab. Die Haltungsbedingungen vor Ort will er uns auch nicht mit der Kamera dokumentieren lassen.
Das Gelände ist von der Straße aus nicht einsehbar, nur ein Schild weist den Weg.
Auch in einer Tierarztpraxis ist der Name Ralf Hewelcke bekannt. Mehrere Hunde, die ehemalige Mitarbeiter aus der Anlage holten, wurden hier behandelt.
Dr. Annette Klug
Tierärztin
"Gemeinsam war den allen, dass sie in einem ganz, ganz schlechten Ernährungszustand waren. Also, die waren abgemagert eigentlich bis auf die Knochen, die hatten kaum Muskulatur, weil sie sich offensichtlich nicht bewegen konnten, angemessen. Und die Fellqualität war bei allen Hunden erbärmlich. Also die waren definitiv unterernährt und unterversorgt. Hunde, die wirklich so vernachlässigt oder so heruntergekommen aussehen, erlebe ich sonst nicht."
KLARTEXT
"Sonderfall?"
Dr. Annette Klug
Tierärztin
"Sonderfall, auf jeden Fall."
Die Vorwürfe ergeben ein erschreckendes Bild.
Ein Fall für das zuständige Veterinäramt in Gransee? Wir bitten um ein Gespräch: Abgelehnt. Auch ein Interview mit Kamera gibt es nicht. Stattdessen schreibt man uns: Es habe, Zitat:
"… wiederholt amtliche Kontrollen der Hundepension (gegeben), bei denen geringfügige Beanstandungen festgestellt wurden."
Geringfügige Beanstandungen oder untragbare Zustände?
Wir selbst können die Lage auf dem Hof nicht dokumentieren, da wir ja keine Drehgenehmigung haben.
Schriftlich bestreitet Ralf Hewelcke alle Vorwürfe. Die Tiere würden nicht misshandelt, seien adäquat untergebracht und gut versorgt. Genügend Auslauf hätten sie auch. Die vielen Zeugenaussagen erklärt er so: Es handele sich um, Zitat:
"Mitarbeiter ..., die ich gekündigt habe und die mich nun gern in einem schlechten Licht sehen"
Außerdem schreibt er:
"Ich weine den Mitarbeitern, die mich hier nun belasten, keine Träne nach."
Eine Art Verschwörung von ehemaligen Mitarbeiterinnen also? Eine, an der sich auch Kunden der Tierpension und Tierärzte beteiligt haben?
Bei unserer Recherche stoßen wir auf eine Institution, die Zeugen gehört und die Zustände vor Ort überprüft hat: die Industrie- und Handelskammer Potsdam. Auszubildende hatten hier von angeblichen Missständen auf dem Hof berichtet. Daraufhin sahen sich IHK-Mitarbeiter dort um.
Wolfgang Spieß
IHK Potsdam
"Wir haben dort Verstöße festgestellt, und wir haben daraufhin das Veterinäramt in Gransee informiert, diese Dinge abzustellen. Und aus diesen Gründen, aus diesen besagten Gründen, möchten wir nicht, dass dort im Moment weiter ausgebildet wird."
Deshalb hat die IHK beim Land Brandenburg beantragt, Ralf Hewelcke die Ausbildungserlaubnis zu untersagen. In diesem Zusammenhang zog Ralf Hewelcke gegen die IHK vor Gericht – und verlor. In der Begründung wurden die Richter sehr deutlich, Zitat:
"Nach dem vorliegenden erdrückenden Belastungsmaterial weist alles darauf hin, dass der Antragsteller eine Tierpension betreibt, ohne die gesetzlich erforderlichen Rahmenbedingungen ... vorzuhalten."
Der Beschluss ist noch nicht rechtskräftig. Offen bleibt die Frage, wie es sein kann, dass die Industrie- und Handelskammer mehr über mutmaßliche Missstände im Tierheim Kremmen berichten kann als das zuständige Veterinäramt. Mangelnde Kommunikation?
Wolfgang Spieß
IHK Potsdam
"Wir haben das Veterinäramt in Gransee informiert, mehrfach informiert."
KLARTEXT
"Warum mehrfach?"
Wolfgang Spieß
IHK Potsdam
"Die Mehrfachheit kam dadurch zustande, dass auf ein erstes Schreiben nicht geantwortet wurde – dem folgt natürlich ein zweites Schreiben."
KLARTEXT
"Und dann wurde geantwortet?"
Wolfgang Spieß
IHK Potsdam
"Wir warten nach wie vor auf eine Antwort."
Damit steht die IHK nicht allein. Auch die ehemaligen Mitarbeiterinnen wurden vom Veterinäramt bislang nicht gefragt.
Sabrina Schreiber
ehemalige Auszubildende
"Sie haben das Veterinäramt aber selber informiert?"
Sabrina Schreiber
ehemalige Auszubildende
"Wir haben das angezeigt, dass da was nicht stimmt, ja."
KLARTEXT
"Beim Veterinäramt?"
Sabrina Schreiber
ehemalige Auszubildende
"Ja."
KLARTEXT
"Und was ist passiert?"
Sabrina Schreiber
ehemalige Auszubildende
"Nix."
KLARTEXT
"Hat man Sie noch mal befragt?"
Sabrina Schreiber
ehemalige Auszubildende
"Nee."
KLARTEXT
"Haben Sie Rückmeldung bekommen?"
Sabrina Schreiber
ehemalige Auszubildende
(Kopfschütteln)
Beitrag von André Kartschall





