Integration - Hochbegabt und dennoch chancenlos?

Sie ist 23, anerkannt als Flüchtling aus Syrien, und hat ihr Zahnmedizinstudium in Aleppo so gut wie beendet. Doch statt jetzt in Deutschland zügig ins Berufsleben zu starten, muss sie vom Jobcenter leben. Die Ausländer- und Zulassungsbehörden in Berlin reagieren nicht flexibel und rechnen offenbar nicht mit studier- und arbeitswilligen Flüchtlingen.

Anmoderation: Ein Aspekt, den wir jedoch auch bedenken sollten: Je länger wir Flüchtlinge in einer Versorgungssituation halten, je länger sie ohne Arbeit sind, umso länger sind sie auch abhängig von staatlichen Leistungen, sprich, verursachen dem Staat Kosten. Andrea Everwien zeigt, dass es eigentlich ganz einfach sein könnte, wenn unsere Bürokratie nicht immer neue Hürden aufbauen würde.

Sie ist 23 Jahre jung, Flüchtling aus Syrien: Deemah Tesare. Seit zwei Jahren lebt sie in Berlin – innerhalb eines Jahres hat sie so gut Deutsch gelernt, dass sie damit studieren könnte.

 

O-Ton Deemah Tesare

"Ja, das war mein Ziel von Anfang an! Ich habe in Syrien Zahnmedizin studiert, das war lange, das war nicht wenig, das waren vier Jahre von meinem Leben, Ich habe die Zahnmedizin auch geliebt!"

Doch dann wurde die Situation in Syrien unerträglich. Das Haus ihrer Eltern: Von Raketen zerschossen. Nicht einmal Ärzte können unbehelligt arbeiten – sie erlebt, wie  ihr Vater, ein plastischer Chirurg, zwischen die Fronten gerät.

 

O-Ton Deemah Tesare

"Er hat geholfen,… Kriegsopfern von beiden Seiten. Er hat nicht geguckt, wer ist das, hat nicht gefragt, gehörst du zu dieser Seite oder zu dieser Seite. Bist du böse oder nicht."

Beide Seiten verfolgten ihn deswegen. Zerstörung auch an der Universität in Aleppo, an der Deemah studierte.

 

O-Ton Deemah Tesare

"In Aleppo sind die Leute jetzt ohne Wasser, ohne Strom. Und ja, es war schwierig auch bei mir an der Uni. Stellen Sie sich vor, dass jemand einen Patient behandeln muss, wenn es kein Wasser am Stuhl gibt. Und kein Strom."

Deemah will jetzt in Deutschland zu Ende studieren. Doch auf Flüchtlinge als Studenten ist die deutsche Bürokratie offenbar nicht vorbereitet.

Beispiel Berlin. Die Ausländerbehörde. Wie alle Asylbewerber, musste auch Deemah sich hier melden, als sie nach Berlin kam. Hier bekommen sie die ersten Ausweise – eine Aufenthaltsgestattung. Sie gilt, bis über den Asylantrag entschieden wird und der Asylbewerber entweder anerkannt wird, eine Duldung bekommt oder  ausreisen muss. Bis diese Entscheidung fällt, können Monate vergehen – und solange steht in dem Ausweis: Studium nicht gestattet.

Monika Bergen vom Berliner Flüchtlingsrat findet das unsinnig. In ihren Deutschkursen, die sie kostenlos erteilt, finden sich regelmäßig hochmotivierte Akademiker aus Syrien. Könnten sie ihr Wissen an einer deutschen Hochschule vertiefen, hätten sie gute Berufschancen. Das etwa sind ihre Sprachschüler

 

O-Töne Syrische Deutschschüler

Bauingenieur

"My name is Nour Al-Deen, I’m  from Syria , I studied engineering, civil engineering."

Medienwissenschaftlerin

"My name is Phtihal, I come from Syria and I study media."

Bank- und Finanzmanager

"I am Osama I’m from Syria, I have a diploma in banking and financial management."

Jurist

"My name is Mojad, I’m from Syria, I studied law."

Vier  Flüchtlinge, vier  Menschen mit Potential – warum sollten sie nicht in Berlin studieren? Monika Bergen fordert: der Stempel muss weg. Berlins Bürokratie muss umdenken.

 

O-Ton Monika Bergen, Flüchtlingsrat Berlin

"Im positiven Fall haben wir so eine Hilfsmentalität. Denen muss man helfen, die armen Menschen…– Na klar. Aber es geht ja eigentlich sehr viel weiter. Es geht darum, diese Menschen als Menschen mit Fähigkeiten und so weiter anzuerkennen, mit Fähigkeiten, die auch hier gefragt sind."

Selbst die Berliner Bildungsverwaltung teilt diese Auffassung. Staatssekretär Steffen Krach: der Stempel muss weg – und er kann auch weg. Eine Ermessensentscheidung.

 

O-Ton Steffen Krach, (SPD), Staatssekretär Senatsverwaltung Bildung, Jugend und Wissenschaft

"Die Handhabung in Berlin ist restriktiver als in anderen Bundesländern. Wir sagen: Berlin als moderne und tolerante Stadt kann sich das nicht leisten. Deswegen meinen wir, dass diese Handhabung der Ausländerbehörde geändert werden muss."

Schon vor zwei Wochen hat der Senat einen entsprechenden Beschluss gefasst. Trotzdem gibt es  den Stempel gibt es immer noch. Warum? Der zuständige Innensenator möchte sich offenbar nicht erklären – jedenfalls nicht öffentlich. Unsere Bitte um ein Interview: abgelehnt.

Zurück zu Deemah: das Problem mit dem Stempel hat sie inzwischen nicht mehr. Weil sie als Flüchtling anerkannt wurde, hat sie jetzt das Recht zu studieren – auch in Berlin.

Deswegen hat sie noch lange keinen Studienplatz: sie kann nicht einfach zur Uni gehen und sich für das  neunte Semester einschreiben. Eine anonyme Zentralstelle in Bonn bewertet ihre Unterlagen. Wieviel Semester wird sie anerkennen? Immerhin hat Deemah ihre Studienleistungen aus 8 Semestern dokumentiert, übersetzt und beglaubigt.

Acht Monate lang musste sie auf eine Antwort warten – Vorgestern: der Tag der Wahrheit. Endlich sind ihre Papiere zurück aus Bonn – doch es wird eine Enttäuschung. Wieviel Semester wurden anerkannt?

 

Klartext

 "Wieviel Semester wurde Ihnen anerkannt?"

O-Ton Deemah Tesare

"Nur zwei"

Klartext

Von wie vielen?

O-Ton Deemah Tesare

"Von acht.  Ich wundere mich, warum ist das, weil Anatomie ist das Gleiche- wir sind in auch Menschen, also wir studieren die gleiche Anatomie in Syrien."

Nach welchen Kriterien  entschieden wurde? Deemah weiß es nicht. Sie wird Widerspruch einlegen. Der wird sie weitere Monate kosten - verlorene Semester.

Weil  sie aber unbedingt Zahnärztin werden will, wäre sie bereit, das ganze Studium noch einmal zu machen. Ihre  Durchschnittsnote im Abitur: 1,2, reicht für die Zulassung. Also hat sie sich bundesweit um einen Erstsemesterplatz beworben. – Leider auch dies vergeblich.

Das Problem: Obwohl Flüchtlinge nicht in ihrem Heimatland studieren können, werden sie bei der Vergabe von Studienplätzen wie  jeder andere Ausländer behandelt. Für die sind hier maximal 5 % der Studienplätze vorgesehen. So wurden für’s Wintersemester an der Charité  gerade mal 2 Studienplätze für Zahnmedizin an Ausländer vergeben – zu wenig.

 

O-Ton Monika Bergen, Flüchtlingsrat

"Da würde ich ganz klar fordern, dass diese Flüchtlinge den Inländern gleichgestellt werden."

O-Ton Deemah Tesare

"Ich sitze hier und nehme Geld vom Staat und mache nichts, warte auf eine Studienplatz. Das finde ich unsinnig. Je schneller ich mich integriere, desto besser für den deutschen Staat und für mich und für alle Leute."

Beitrag von Andrea Everwien

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