Angriffe auf Spieler von Makkabi Berlin - Nahostkonflikt auf dem Fußballplatz?

Die Kreisklasse C ist Berlins unterste Fußballliga. Sportlich geht es hier quasi um nichts als den Spaß am Fußball. Seit dieser Saison ist die dritte Herren-Mannschaft des jüdischen Vereins Makkabi Berlin dabei. Meist verliert das Team - normal für eine neue Mannschaft. Zweimal stand Makkabi aber kurz vor einem Sieg - beide Male wurde das Spiel abgebrochen: die Gegner fingen an zu prügeln und skandierten judenfeindliche Parolen.

Anmoderation: Viele haben sie vielleicht verfolgt, die Makkabi Games, die größte jüdische Sportveranstaltung Europas, die im Sommer zum ersten Mal in Deutschland stattfand, in Berlin. Wo 1936 jüdische Sportler von den Olympischen Spielen ausgeschlossen wurden, standen jetzt Tausende für Toleranz und gegen Antisemitismus und Rassismus ein. Auch der Berliner Fußballverein TUS Makkabi mit seinen jüdischen, christlichen, muslimischen und atheistischen Mitgliedern tritt ausdrücklich für Toleranz ein. Dennoch mussten wir jetzt erleben, dass Fußballspieler des TUS Makkabi in Berlin kürzlich schwer bedroht und antisemitisch beschimpft wurden. Andre Kartschall.

Vergangenen Sonntag in Berlin: Für die dritte Mannschaft von Makkabi läuft es – wie meistens – nicht besonders gut. Zur Halbzeit liegt sie bereits mit 0:6 zurück, am Ende des Spiels steht es dann 0:8.

Gute Verlierer sein, den Makkabi-Spielern bleibt meist nur das. Eine Woche zuvor aber hätten sie fast gewonnen: Makkabi führte 1:0 gegen die dritte Mannschaft von Neukölln, ein Team mit vielen Spielern, die arabische Wurzeln haben.

Plötzlich, so steht es im Schiedsrichterbericht, schlug einer der Neuköllner Spieler seinem Gegner mit der Faust ins Gesicht. Platzverweis. Von diesem Moment an sollen permanent Drohungen ausgestoßen worden sein:

"Wir holen die Messer raus."

Makkabi spielte weiter und machte das 2:0. Dann brach der Schiedsrichter das Spiel ab, weil ein Neuköllner seine Mitspieler direkt aufforderte:

"Kommt, wir holen die Messer raus."

O-Ton Fabian Weißbarth, Makkabi Berlin

"Als das Spiel daraufhin abgebrochen worden ist, zeigte dann auch die gegnerische Mannschaft demonstrativ T-Shirts mit 'I love Palestine", wenn man sich gerade die politische Situation anguckt und dann gerade gegen uns sowas, frage ich mich, was das mit den Messerstecherandrohungen soll und mit diesem T-Shirt. Also, da wurde unnötig eskaliert und was Politisches reingebracht, was mit uns überhaupt nichts zu tun hat."

Eine offensichtliche Anspielung auf die aktuelle sogenannte "Messer-Intifada" in Israel, findet Claudio Offenberg, Sportlicher Leiter bei Makkabi. Er sagt, solche Äußerungen gab es bisher nicht.

O-Ton Claudio Offenberg, Makkabi Berlin

"'Wir stechen dich ab!' Und 'Warte ab, wir kommen hin und wir holen die Messer raus!' Das sind alles ganz klare Hinweise darauf, dass der Nahohst-Konflikt hier 1:1 angekommen ist."

O-Ton Leonard Kaminski, Makkabi Berlin

"Es gab nix, wir verprügeln euch, wir machen irgendwas, sondern es wurde permanent über Messerstecherei geredet, wie es ja auch wirklich gerade in Israel ist, wo halt Leute einfach erstochen werden."

Es war bereits der zweite Vorfall: Auch beim ersten Heimspiel wurden Makkabis Spieler und Zuschauer schon bedroht und beschimpft: als "dreckige Juden" und "Judenschweine". Auch damals spielten beim Gegner vor allem Fußballer mit arabischen oder türkischen Wurzeln.

O-Ton Leonard Kaminski, Makkabi Berlin

"Dass es halt wirklich zum Spielabbruch kommt und dass es halt teilweise auch zu antisemitischen Beleidigungen kommt, ist, weil wir Makkabi sind. Und wie gesagt: es hat einfach ein Muster, da wo wir führen und gewinnen und gegen Teams spielen, wo halt so ein Hintergrund ist, da scheint’s einfach nicht in Ordnung zu sein, gegen Makkabi zu verlieren."

Besuch bei Abbas Berjawi, Vorsitzender des 1. FC Neukölln. Er betont, in seinem Verein gehe es ums Fußballspielen. Rassismus und Antisemitismus hätten auf dem Platz nichts verloren. Er will die Sportgerichtsentscheidung gegen die zwei beschuldigten Spieler abwarten, dann entscheiden.

O-Ton Abbas Berjawi, 1. FC Neukölln

"Wenn zwei, drei Leute die Sachen anfangen oder so drauf sind, hat der ganze Verein damit nichts zu tun. Und …"

Reporter

"Sind Ihre Spieler."

O-Ton Abbas Berjawi, 1. FC Neukölln

"Sind meine Spieler und die, wenn das rauskommen sollte, dass die das gemacht haben, dann werden sie auch dafür 'ne gerechte Strafe von mir bekommen. Also, die dürfen für Neukölln nicht mehr spielen."

Reporter

"Wenn sich das bestätigen sollte?"

O-Ton Abbas Berjawi, 1. FC Neukölln

"Wenn das sich bestätigen sollte."

Reporter

"Reden Sie jetzt von den Drohungen mit dem Messer?"

O-Ton Abbas Berjawi, 1. FC Neukölln

"Auch ja, auf jeden Fall."

Reporter

"Und der Faustschlag?"

O-Ton Abbas Berjawi, 1. FC Neukölln

"Und der Faustschlag, natürlich."

Soviel zum sportlichen und unsportlichen Teil der Geschichte. Doch warum kommt es überhaupt zu den Ausschreitungen? Die Wahrheit hierzu liegt wohl nicht auf dem Platz.

Vielmehr scheint es, dass die aktuellen Ereignisse in Israel einige, insbesondere junge, Muslime radikalisieren.

O-Ton Abbas Berjawi, 1. FC Neukölln

"Darüber wird geredet. Die sehen das in den Berichten, in den arabischen Berichten."

Reporter

"Ist Thema Nummer 1?"

O-Ton Abbas Berjawi, 1. FC Neukölln

"Ist Thema Nummer 1. Zurzeit ist die Intifada Thema Nummer 1."

Bei einem Teil der Jugendlichen mündet das in unverhohlene Judenfeindlichkeit.

Reporter

"Erzählen die Ihnen das offen? Fallen Sprüche?"

O-Ton Abbas Berjawi, 1. FC Neukölln

"Ja, die. Wir müssen …"

Reporter

"Ganz ehrlich."

O-Ton Abbas Berjawi, 1. FC Neukölln

"Ganz ehrlich? Dass wir die Juden vernichten müssen."

Reporter

"Erzählen Ihnen Jugendliche?"

O-Ton Abbas Berjawi, 1. FC Neukölln

"Erzählen die mir nicht direkt, ich hör das."

Reporter

"Wenn die sich unterhalten."

O-Ton Abbas Berjawi, 1. FC Neukölln

"Ja, ich hör das. Ich hör sowas viel. Find ich auch nicht schön."

Der Psychologe Ahmed Mansour macht seit Jahren Projektarbeit mit arabischen Jugendlichen in Neukölln. Sein besonderes Augenmerk: die Bekämpfung antisemitischer Vorurteile. Diese sieht er ganz aktuell auf dem Vormarsch.

O-Ton Ahmed Mansour, Psychologe

"Das ist definitiv ein Trend. Und mit Strafen erreicht man eigentlich gar nichts. Nahost-Konflikt spielt bei vielen, vielen Jugendlichen, besonders muslimischen Jugendlichen, eine Riesenrolle. Das sind Jugendliche, die hier geboren und aufgewachsen sind, sie gehören zu Deutschland. Und trotzdem schaffen wir es nicht, diese Jugendlichen pädagogisch zu erreichen, ihnen ein anderes Bild zu vermitteln, ein differenziertes Bild."

Sonntag vor drei Tagen: wieder spielt Makkabi  gegen den 1. FC Neukölln. Dieses Mal sind es die ersten Mannschaften beider Vereine. Aufgrund der Vorfälle eine Woche zuvor findet das Spiel unter Beobachtung der Polizei statt. Einmalig in der siebten Liga.

Friedliche Koexistenz, viel miteinander geredet wird nicht. Das Urteil gegen die zwei beschuldigten Neuköllner Spieler steht noch aus. Der Vereinsvorsitzende hat aber bereits erste Konsequenzen gezogen. Gegen drei andere Spieler. Die wollten offenbar noch nachdem das Spiel abgebrochen war auf die Makkabi-Spieler losgehen.

O-Ton Abbas Berjawi, 1. FC Neukölln

"Die wurden auch vom Verein, also von mir, von meiner Seite aus gefeuert."

Reporter

"Die sind schon weg?"

O-Ton Abbas Berjawi, 1. FC Neukölln

"Die sind weg. Die sind aus der Mannschaft raus, aus dem Verein komplett rausgeflogen."

Reporter

"Die waren in der Kabine und wollten raus und noch Ärger machen?"

O-Ton Abbas Berjawi, 1. FC Neukölln

"Genau."

Reporter

"Und die haben Sie rausgeschmissen?"

O-Ton Abbas Berjawi, 1. FC Neukölln

"Genau."

Bei Makkabi beobachten sie genau, welche Strafen der Berliner Fußballverband gegen die zwei anderen Spieler verhängt. Der Verein fordert: Das Thema "Antisemitismus" muss auf den Tisch, mit klaren Worten, aber ohne Generalverdacht.

Claudio Offenberg, Makkabi Berlin

"Man muss die Dinge ganz klar ansprechen, man muss mit den Führungskräften, mit den Trainern, mit den Vereinsvorständen, mit den Betreuern, mit wem auch immer, mit den Mannschaftskapitänen verschiedener Vereine sich an einen Tisch setzen und sagen: Das sind hier die Spielregeln und sicherlich dann auch klar machen, dass man nicht alle in einen Topf wirft. Das ist ganz wichtig. Es gibt bestimmt viele, viele, die das auch innerhalb dieser Vereine verurteilen, aber vielleicht trauen die sich nicht, dann ihre Meinung zu sagen. Und die muss man stärken."

Beitrag von André Kartschall

Abmoderation: Sicher ein richtiger Ansatz ...

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