Asbest in Neukölln - Wie Mieter unnötig gefährdet werden

In vielen Berliner Wohnhäusern schlummert eine unsichtbare Gefahr: Asbest in Fußböden. In einer Siedlung in Neukölln wurden Böden in den Hausfluren entfernt, ohne Sicherheitsvorkehrungen für Arbeiter und Mieter. Nach Anzeigen bei der Polizei wurden die Arbeiten zwar gestoppt, aber der Staub und die asbesthaltigen Reste blieben liegen. Die Mieter sind ratlos, denn der Behördendschungel in Sachen Asbest ist für schier undurchdringlich.

Anmoderation: In vielen Berliner Wohnhäusern schlummert eine unsichtbare Gefahr: Asbest in Wänden oder Fußböden. Experten gehen davon aus, dass in vielen Häusern, die zwischen 1960 und 1990 gebaut wurden, mit großer Wahrscheinlichkeit Asbest zu finden ist, damals ein üblicher Baustoff. Stößt man heute bei Bauarbeiten zufällig auf Asbest, sollten eigentlich sofort die Alarmglocken schrillen. Doch Mieter einer Siedlung in Berlin-Neukölln, in deren Hausflur der gefährliche Stoff entdeckt wurde, fühlen sich im Stich gelassen. Ute Barthel.

Die  Arbeiter kamen in aller Frühe und rissen die Fußböden in den Hausfluren heraus. Mit dem Lärm schreckten sie die Mieter auf. In  diesen zerbrochenen Böden lauert eine  tödliche Gefahr: Asbest. Die Fasern gelangen beim Zerbrechen der Bodenfliesen in die Atemluft- in der Lunge können sie Krebs auslösen. Viele Bewohner in diesen Häusern in Neukölln  sind sehr besorgt, seit sie von ihren Nachbarn erfahren haben, was geschehen war.

O-Ton Nadin Schatz, Mieterin

"Sie sind aus ihren Betten gefallen am Muttertag in der Früh. Die Böden wurden herausgestemmt mit Brachialgewalt, das haben die Nachbarn erzählt, und in blauen Säcken weggeschleppt, wohin weiß keiner. Manche Nachbarn haben es gar nicht mit bekommen. Die sind nachmittags aus dem Haus und dann war schon der halbe Boden raus."

Einige Mieter hatten schon lange den Verdacht, dass in den Böden Asbest sein könnte. Sie alarmierten die Polizei. Die Folge: Baustopp und Tests in einem Fachlabor - auch das von Klartext beauftragte Gutachten bestätigt den Verdacht. In acht Hauseingängen sind die Böden asbesthaltig. Drei Wochen lang geschah nichts. Die Mieter liefen weiter durch die kontaminierten Hausflure. Sie wandten sich an die Hausverwaltung, die DIM und erhielten keine Antwort. Auch die Ansprechpartner beim Bauaufsichtsamt halfen nicht.

O-Ton Nadin Schatz, Mieterin

"Sie sagen, da die DIM ja ein privater Eigentümer ist, die Häuser sind ja privatisiert worden, hätten sie da keine Handhabe. Das ist für uns der meistgesagte Satz in den letzten drei Wochen: 'Uns sind die Hände gebunden!' Für mich ist es ein Skandal, dass Mieter damit allein gelassen werden."

Nur die Mitarbeiter vom Landesamt für Gesundheit und Technische Sicherheit, kurz LaGeTSi, handelten. Sie veranlassten den Baustopp und die Beprobung. Demnächst wird eine Spezialfirma die Asbestsanierung in den Hauseingängen vornehmen. So  berichtet  es der Sprecher der Behörde den Mietern. Sie hoffen, dass sich die Behörde für sie einsetzt.

O-Ton Mieterin  

"Und uns auch unterstützen in irgendeiner Hinsicht?"

O-Ton Harald Henzel, Landesamt für Gesundheit und Technische Sicherheit (LAGeTSi)

"Sie wissen, das LaGeTsi ist die Behörde, die für den Schutz der Beschäftigten zuständig ist, die die Tätigkeiten damit vollziehen."

O-Ton Nadin Schatz

"Jetzt wissen sie ja, dass die Mieter zwei,  manche sagen drei Wochen diesem Asbeststaub ausgesetzt waren ..."

O-Ton Harald Henzel

"Ihr Vertraglicher Ansprechpartner ist der Vermieter. Und für die Sicherheit von Gebäuden und damit auch für die Sicherheit aller NutzerInnen ist immer die bezirkliche Bauaufsicht zuständig."

Die Odyssee der Mieter durch die Behörden geht also weiter. Bisher wurden ihre Sorgen weder vom Vermieter, noch vom Bauaufsichtsamt ernst genommen.

Auch  wir kämpfen uns bei unseren Nachfragen durch den Dschungel der Zuständigkeiten. Der Neuköllner Baustadtrat Thomas Blesing sagt uns in einem Telefoninterview, dass seine Mitarbeiter vergangene Woche vor Ort waren. Mit den Mietern hat aber keiner von ihnen gesprochen.

O-Ton Thomas Blesing (SPD), Baustadtrat Neukölln

"Es waren mindestens ein halbes Dutzend Fachleute vor Ort die haben nichts mehr entdeckt. Es besteht ja seit letztem Mittwoch keine Gefahr mehr für die Mieter."

KLARTEXT

"Naja, aber das erfahren die aus der Zeitung und nicht von dem Hauseigentümer die geben keine Information raus und das LaGeTSi sagt, wir sind eigentlich nur für unsere Leute zuständig, die da arbeiten. Aus Sicht des Arbeitsschutzes und die haben sich doch auch an Sie gewandt. Da müssen Sie doch auch Antworten ..."

O-Ton Thomas Blesing (SPD), Baustadtrat Neukölln

"Mein Bauaufsichtsamt ist doch keine Informationsbehörde."

Die Bauaufsicht keine Informationsbehörde. Da haben wir wohl etwas falsch verstanden. Herr Blesing leitet ja nur die Abteilung für Bauen, Natur und Bürgerdienste.

Der Vermieter antwortet erst nach einer Woche: dass nun "umgehend eine zertifizierte Fachfirma beauftragt" wurde. Warum die Mieter wochenlang durch den kontaminierten Flur laufen mussten, beantwortet er nicht.

Besteht wirklich keine Gefahr mehr? Diese Aufnahmen haben wir einen Tag nachdem das Bauaufsichtsamt vor Ort war, gemacht. Wir zeigen sie Sven Leistikow, einen Rechtsanwalt, der sich auf die Asbestproblematik spezialisiert hat. Er kann die Einschätzung, dass alles in Ordnung sei, nicht teilen.

O-Ton Sven Leistikow Rechtsanwalt

"Soweit man das mit bloßem Auge entscheiden kann ist das in Ordnung.  Das ist aber bei Asbestfasern nicht möglich, weil man Asbest ja mit bloßem Auge nicht sehen kann. Das heißt eigentlich ist die Situation, das was da geschichtlich, Historisch da passiert ist an der Baustelle, im Grunde genommen Hinweis genug darauf, dass hier dringend gehandelt werden muss.

Wir zeigen die Bilder auch dem Abgeordenten der Grünen, Andreas Otto. Er setzt sich schon seit langem dafür ein, dass die Asbestsanierung in Wohngebäuden vom Senat endlich ernster genommen wird.

O-Ton Andreas Otto (Bü 90/ Die Grünen), baupolitischer Sprecher

"Ich habe es auch schon mehrfach, wie auch hier erlebt, dass Mieterinnen und Mieter hin und her geschickt werden. Die melden sich beim Bauamt und dann heißt es, nee geht doch zum Arbeitsschutz und wieder zurück. Das kann ja nicht sein. Da sind Leute in Sorge um ihre Gesundheit, um die Gesundheit ihrer Kinder und die brauchen ganz klar einen Ansprechpartner und darum muss sich der Senat von Berlin dringend kümmern.

Doch eine solche Ombudsstelle für die Mieter gibt es nicht. Von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung erhalten wir nur den Hinweis auf eine Broschüre. Darin steht, die zuständige Behörde sei das Bauaufsichtsamt. Aber die ist ja, wie wir jetzt gelernt haben, keine Informationsbehörde.

Die von Asbest betroffene Siedlung in Neukölln gilt als sozialer Brennpunkt. Hier leben viele arme Familien. Sie fühlen sich abgehängt, auch weil die Politiker ihre Sorgen um ihre Gesundheit ignorieren.

O-Ton Nadin Schatz, Mieterin

"Hier wohnen wir dann, wie man ja sieht, in krank machenden Wohnungen und gerade Familien, denen es auch so finanziell nicht gut geht, die sich das auch nicht mehr aussuchen können, heutzutage aber anscheinend hat die Politik und die Behörden keine Handhabe, Hände gebunden so."

Frage

"Glauben Sie denen das?"

O-Ton Nadin Schatz, Mieterin

"Nein, natürlich nicht, das ist eine politische Frage ..."

O-Ton Pinar Ejder, Mieterin

"Aber wenn zu viele Kosten, dann verschweigt man das ganz gern und kehrt es unter den Teppich ..."

Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Denn unter dem Teppich in den Wohnungen zerbröseln die asbesthaltigen Platten. Die Gesundheitsgefahr, die von den gebrochenen Platten ausgeht, habe die Hausverwaltung bisher verharmlost.

O-Ton Pinar Ejder, Mieterin

"Mittlerweile habe ich eine Todesangst muss man sagen, und ich weiß auch gar nicht ob dieses Asbest, was unter meinem Teppich ist, genauso harmlos zu nehmen ist, wie das die Hausverwaltung mir eigentlich sagt."

Frage

"Was sagt die denn?"

O-Ton Pinar Ejder, Mieterin

"Die Hausverwaltung sagt, ich soll das nicht so dramatisieren, das wäre nicht so schlimm ..."

Vielleicht hofft der Vermieter so die Kosten der teuren Asbestsanierung in der Siedlung zu sparen und setzt dabei die Gesundheit der Bewohner aufs Spiel. Doch viele Mieter lassen sich nicht mehr beruhigen und haben immerhin erreicht, dass nun eine Fachfirma  zumindest in den Hausfluren die asbesthaltigen Böden saniert. 

Beitrag von Ute Barthel

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