Braune Bäche in der Lausitz - Messwerte passend gemacht?

Aus dem Tagebau Welzow fließt eisenhaltiges Wasser in die Landschaft. Dafür gelten Grenzwerte - die wohl nicht immer eingehalten wurden. Und so wurden offenbar die Kontrollstationen einfach so weit vom Tagebau weg verlegt, dass dann auch wieder die Messwerte stimmten. Umweltschutz auf Brandenburger Art.

Anmoderation: Wie kann es angehen, dass Flüsse und Bäche in der Region Welzow in Brandenburg zunehmend verockern, also so wie dieser immer brauner werden - obwohl das Problem seit langem bekannt ist. Auch wir haben ja häufig darüber berichtet. Die Ursache liegt in eisenhaltigen Zuleitungen aus dem Braunkohletagebau. Jetzt sind Papiere aufgetaucht, die eine erstaunliche Nachgiebigkeit der zuständigen Kontrollbehörde offen legen. André Kartschall berichtet.

Das hier ist eine der Stellen, über die es in Brandenburg seit Jahren Streit gibt: ein brauner Bach bei Welzow, der am Ende in die Spree fließt.

Und das hier ist die Ursache für die Braunfärbung: der Tagebau Welzow-Süd. Von hier stammt die Kohle für das Kraftwerk Schwarze Pumpe. Der Tagebau reicht mehr als 100 Meter tief, bis weit unter den Grundwasserspiegel. Damit Welzow-Süd nicht absäuft, muss permanent Grundwasser abgepumpt werden, über so genannte Einleitstellen in die umliegenden Bäche und Teiche.

Der Eisengehalt des Wassers darf dabei nicht zu hoch liegen, es gelten strenge Grenzwerte. Dennoch sind die Gewässer rund um Welzow-Süd seit Jahren braun gefärbt. Klartext berichtete bereits mehrfach darüber.

Axel Kruschat vom Bund für Umwelt und Naturschutz, BUND, kämpft seit Jahren gegen die so genannte "Verockerung" der ganzen Gegend, wie hier der Teichlandschaft Haidemühl.

KLARTEXT

"Das sieht doch alles noch ganz gut aus, hier wächst doch noch jede Menge in dem Ockerschlamm."

Axel Kruschat, BUND Brandenburg

"Ja, das ist für die Pflanzen an Land ist das nicht das Problem. Das Problem besteht darin: erstmal, wenn ich das Wasser einleite mit 'nem hohen Gelöst-Eisenwert, und das reagiert dann mit dem Sauerstoff, und reduziert den Sauerstoff sozusagen im Wasser. Und dadurch haben Sie dann Wasser ohne Sauerstoffgehalt, was natürlich lebensfeindlich ist."

KLARTEXT

"Ohne Fische, auch?"

Axel Kruschat, BUND Brandenburg

"Für die Fische ist das schlecht, die kriegen dann schlecht Luft, nich."

Maximal 5 Milligramm Eisen pro eingeleitetem Liter Wasser dürfen hier enthalten sein. So steht es in der "Wasserrechtlichen Erlaubnis", die seit 2008 gilt. Trotzdem nimmt die Verockerung hier seit Jahren offensichtlich zu.

Axel Kruschat, BUND Brandenburg

"Hier kann man schon mal sehen, hier im vorderen Teich sieht man schon die Trübung. Als wir 2014 das erste Mal hier gemessen haben, war diese Trübung hier in der Form noch nicht vorhanden, sondern die ist jetzt erst gekommen."

Doch Vattenfall beteuert seit Jahren, dass die Grenzwerte für Eisen rund um den Tagebau Welzow-Süd – bis auf ganz wenige und vereinzelte Ausnahmen – eingehalten werden. Eingehaltene Grenzwerte und dennoch braunes  Wasser: Wie passt das zusammen? Diese Frage ist bislang ungeklärt.

Jetzt aber liegen dem BUND erstmals Akten vor, die das erklären können. Ein bisher unbekannter Schriftwechsel aus dem Jahr 2010: Damals schreibt Vattenfall an das Landesbergbauamt, das für die Aufsicht zuständig ist. Das Unternehmen meldet, dass es immer wieder Probleme mit mehreren Einleitstellen gegeben hat: der Eisengehalt des Wassers lag zu hoch, was, Zitat:

"in den letzten Monaten wiederholt zur Überschreitung geführt hat."

Das heißt also: 2010 wird der so genannte "Eingreifwert", sprich: der Grenzwert, regelmäßig überschritten. Eigentlich müssten jetzt aufwändige Maßnahmen eingeleitet werden, um das Eisen herauszuwaschen, bevor es in die Umgebung gelangt. Doch Vattenfall schlägt eine andere Lösung vor, ganz nach dem Motto: Was nicht passt, wird passend gemacht:

"hiermit beantragen wir die Probenahmestellen in Fließrichtung zu verlegen."

Im Klartext: statt wie bisher an den Einleitstellen zu messen, soll nun teils mehr als einen Kilometer entfernt flussabwärts gemessen werden. Davon wird das Wasser zwar nicht sauberer, aber die Messwerte fallen niedriger aus. Ein Trick. Vattenfall argumentiert gegenüber dem Bergbauamt auch ganz offen:

"Mit der Verlegung der Probenahmestelle in Fließrichtung können die Gehalte somit deutlich gesenkt werden."

Axel Kruschat, BUND Brandenburg

"Das ist ungefähr so, als wenn man den Abgaswert von einem VW Golf so in 5 Meter Entfernung misst. Kommt man auch zum richtigen Ergebnis. Kann man auch auf andere Weise machen, haben wir ja gerade miterlebt, aber so ungefähr kann man sich das vorstellen."

KLARTEXT

"Bloß, dass Vattenfall keine Software entwickelt hat."

Axel Kruschat, BUND Brandenburg

"Vattenfall ist hier noch Old School. Man geht einfach weg."

Erstaunlich: das Bergbauamt genehmigt den Trick auch noch. Anstatt, wie eigentlich vorgesehen, Vattenfall zu verpflichten, die Wasserqualität zu verbessern, werden ganz offiziell neue Probenahmepunkte festgelegt – genau dort, wo Vattenfall sie haben wollte.

Axel Kruschat, BUND Brandenburg

"Wenn sie ein Bergamt haben, das, wenn es Probleme gibt, die Messstellen einfach verlegt: Mit diesem Bergamt können Sie ja nicht viel anfangen, wenn Sie jetzt Verockerung, Sulfatbelastung und die Spätfolgen des Tagebaus in den Griff bekommen wollen, ja."

KLARTEXT

"Dann kann man's eigentlich auch lassen mit der Überwachung, oder?"

Axel Kruschat, BUND Brandenburg

"Also, gucken Sie sich das an. Das ist ein überwachter Flussabschnitt, ja. Sieht gut aus. Also, kann man dann wirklich auch im Zuge der Haushaltskonsolidierung …"

KLARTEXT

"… einstellen."

Axel Kruschat, BUND Brandenburg

"… einstellen, nicht?!"

Und auch noch ein anderer interessanter Vorgang findet sich in den Akten: Im vergangenen Jahr hatte der BUND mitten im Wald bei Welzow Einleitstellen entdeckt, die es offiziell gar nicht gab. Auch darüber hatte Klartext berichtet. Der Verdacht schon damals: das hier ist eine illegale Einleitstelle.

Axel Kruschat, BUND Brandenburg

"Die war nicht erlaubt, wurde jetzt aber legalisiert, ja."

KLARTEXT

"Nachdem sie schon im Wald lag?"

Axel Kruschat, BUND Brandenburg

"Jaja, die lag da schon mehrere Jahre im Wald."

KLARTEXT

"Und wurde dann genehmigt, als sie gefragt haben: 'Was ist das eigentlich?'"

Axel Kruschat, BUND Brandenburg

"Genau."

Auch darüber hätten wir gern mit dem Bergbauamt gesprochen. Doch es gibt kein Interview für uns und auch keine Auskunft. Zur Begründung heißt es, dass zu der Problematik noch ein Gerichtsverfahren läuft. Auch Vattenfall lehnt ein Interview ab, schriftliche Fragen bleiben unbeantwortet. Stattdessen schickt das Unternehmen ein Statement mit der pauschalen Aussage …

"… dass an allen Überwachungsstellen die Überwachungswerte eingehalten bzw. deutlich unterschritten werden …"

Kein Wunder, wenn man sich seit Jahren aussuchen kann, wo man misst.

Beitrag von André Kartschall

weitere Themen der Sendung

Asbest in Neukölln - Wie Mieter unnötig gefährdet werden

In vielen Berliner Wohnhäusern schlummert eine unsichtbare Gefahr: Asbest in Fußböden. In einer Siedlung in Neukölln wurden Böden in den Hausfluren entfernt, ohne Sicherheitsvorkehrungen für Arbeiter und Mieter. Nach Anzeigen bei der Polizei wurden die Arbeiten zwar gestoppt, aber der Staub und die asbesthaltigen Reste blieben liegen. Die Mieter sind ratlos, denn der Behördendschungel in Sachen Asbest ist für schier undurchdringlich.

Debatte - Wer gehört eigentlich zu Deutschland?

Es regt sich kaum Protest darüber, dass Muslime derzeit häufig unter Generalverdacht gestellt werden - und zwar nicht nur von AfD-Wählern. Da heißt es gern mal: "Kopftuchverbot? Ja, warum denn auch nicht? Jetzt sofort und für alle!", "Solidarität mit muslimischen Opfern? Wieso das denn? Sind die das nicht irgendwie selbst schuld?" Doch was bedeutet das für eine Gesellschaft, in der geschätzt vier Millionen Muslime friedlich und schon über mehrere Generationen leben? Ein Debattenbeitrag, der zum Umdenken anregen will.

Bockbrauerei - Gewerbe oder Wohnen?

Die Bockbrauerei in Kreuzberg ist  ein Bauwerk aus der frühen Zeit der Berliner Industrialisierung -  steht aber noch heute für ein funktionierendes Gewerbegebiet. Nun will ein privater Investor hier über 300 Wohnungen bauen. Deshalb fürchten rund 30 mittelständische Firmen und Einrichtungen der Kiezkultur - wie das Inklusionstheater Thikwa - um den Standort und eine lebendige Mischung von Arbeit, Kultur und Wohnen. Wohnraum versus Kiezkultur -  in Kreuzberg muss das offenbar ein Konflikt sein.