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KLARTEXT
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Mi 01.02.12 22:15

Ex-Stasi-Männer beim Brandenburger Staatsschutz

Dass ehemalige Stasi-Mitarbeiter heute beim Brandenburger Staatsschutz arbeiten, ist bereits seit 2009 bekannt. Wer diese MfS-Mitarbeiter aber waren und was genau sie im Namen des Geheimdienstes der DDR taten, davon wusste die Öffentlichkeit bislang nichts. KLARTEXT hat sich die Stasi-Akten der heutigen Staatsschützer angesehen und wundert sich. Wie soll das zusammenpassen, dass - zum Beispiel - ausgerechnet ein ehemaliger Stasi-Mitarbeiter der Abteilung Spionage heute die freiheitlich-demokratische Grundordnung schützen soll?

Wieder diskutiert man über Stasi-Mitarbeiter beim brandenburgischen Staatsschutz. Jeder dritte hat eine MfS-Vergangenheit. Heute arbeiten diese Männer teilweise in gehobenen Funktionen. Da haben wir dann mal nachgefragt bei der brandenburgischen Landesregierung, ob man das denn nicht mal ändern will. Im Namen der betroffenen Staatsschützer kam dann diese Antwort: Nein, ändern will man nichts. Zum einen, weil die Personen damals jung waren und zum anderen, weil sie ihrem Arbeitgeber die Stasi-Tätigkeit von Anfang beichteten. Trotzdem: Wie kann man sich in jungen Jahren bewusst für eine Stasi-Karriere entscheiden, während andere das Ende der DDR herbeidemonstrieren? Dürfen solche Menschen heutzutage für den Staatsschutz arbeiten, ist das moralisch vertretbar? Die brandenburgische Landesregierung meint: Ja. Wir meinen: Nein. Gabi Probst berichtet.

Wer wollte, der konnte eigentlich sehen, was in der DDR in den 80ger Jahren los war, wie die Stasi und ihre Helfers Helfer friedliche Demonstranten verhaftet. Genau zu dieser Zeit verpflichtet sich der 19-jährige Offiziersschüler Maik Wachholz, alle seine „Kräfte und Fähigkeiten“ in den Dienst des Ministeriums für Staatssicherheit zu stellen. Er darf sogar für die Hauptabteilung II der Stasi arbeiten, der Spionageabwehr. Eine zentrale Abteilung, wie wir von dem Historiker Dr. Engelmann erfahren.

Roger Engelman, BStU Berlin

„Das war also auch in der MfS-internen Werte-Skala ein sehr wichtiger Arbeitsbereich, wobei man sagen muss, dass Spionageabwehr im Sinne des MfS etwas breiter zu verstehen ist, als man das landläufig so macht. Da war zum Beispiel die Überwachung der westlichen Korrespondenten auch dabei oder die Überwachung des Botschaftspersonals.“

Maik Wachholz beginnt, laut Akten, seine Karriere als „operative Sicherungskraft“ der Hauptabteilung II, in einer militärisch-operativen Unterabteilung.

Roger Engelman, BStU Berlin
„...mit Außensicherung der sowjetischen Botschaft und auch anderer sowjetischen Einrichtungen in Berlin-Mitte und dann auch noch kleiner Objekte, die dem MfS zugehörig waren.“

Vor der sowjetischen Botschaft „operativen Dienst“ zu leisten, heißt aber damals nicht nur Wache stehen, sondern bedeutet, auch Menschen zu beobachten, zu kontrollieren und gegebenenfalls der Stasi zu melden, wer zum Beispiel ein Sympathisant von Michael Gorbatschow ist.

Roger Engelman, BStU Berlin

„Wer in solchen Bereichen sich bewährt hat, der konnte dann in die eigentlichen operativen Bereiche, also in die Bereiche, die mit inoffiziellen Mitarbeitern gearbeitet haben.“

Maik Wachholz hat sich offenbar bewährt. Laut Akten habe er durch „hohen persönlichen Einsatz“ alle „Aufgaben erfüllt“ und wurde dafür zwei Mal ausgezeichnet. Die Stasi schickt ihn sogar zum Studium.

Beendet wird seine Stasi-Karriere nur durch den Fall der Mauer. Er bleibt bis zum Schluss und unterstützt damit den Polizeistaat.

Heute ist Maik Wachholz beim Landeskriminalamt Brandenburg, Abteilung Staatsschutz, Leiter eines Kommissariats mit einem Beamtengehalt A11 – rund 3300 Euro. Den Übergang von der Diktatur zur Demokratie hat er nahtlos geschafft – genau wie sein Kollege Ulf Lange, hier im Bild. Beim Staatsschutz ist der sogar im Höheren Dienst. Gehalt: rund 4000 Euro im Monat.

1984, als die Opposition in der DDR wächst, geht er bewusst zur Stasi und macht seine Grundausbildung in der Abteilung 26 in Berlin, bis auch er, eineinhalb Jahre später, von der Stasi zum Studium geschickt wird. Laut Akten ist er sehr lernwillig:

Zitat
„In seiner Tätigkeit als Sonderkurier der Abteilung 26 sowie bei der Lösung von Postaufgaben eignetet sich Genosse Lange Grundkenntnisse der Struktur des MfS sowie der Abteilung 26 an.“

In der Abteilung 26, in die er nach seinem Studium noch im August ‘89 zurückkehrt, gibt es die Gelegenheit, alles Wichtige zu lernen. Telefonüberwachung, Überwachung von Telex- und Einzelanschlüssen, akustische Überwachung… bis zum „konspirativen Eindringen in Objekte“, in Wohnungen, Büros, Hotels, Fahrzeuge. Auch seine Karriere wird nur durch den Fall der Mauer beendet.

Roger Engelman, BStU Berlin
„Ich finde das hochproblematisch, weil Hauptamtliche MfS-Mitarbeiter relativ unabhängig vom dem konkreten Tätigkeitsbereich doch in sehr undemokratischen Geist erzogen worden sind.“

Ulf Lange ist heute beim Brandenburger Staatsschutz für „Sonderaufgaben“ zuständig. Doch er will darüber – genau wie Maik Wachholz - nicht persönlich mit uns reden. Gern hätten wir den Gewerkschaftsboss der Brandenburger Polizei, Andreas Schuster, gefragt, ob eine Tätigkeit beim Staatsschutz mit einer Stasi-Vergangenheit vereinbar sei. Doch wir halten Andreas Schuster für befangen, haben wir doch auch seine Stasi-Akten als Inoffiziellen Mitarbeiter mit dem Decknamen Werner öffentlich gemacht.

Und so fragen den Vorsitzenden der Berliner Polizeigewerkschaft, Bodo Pfalzgraf.

Bodo Pfalzgraf, Polizeigewerkschaft Berlin
„Ehemalige Stasi-Leute beim Staatsschutz der Polizei ist völlig unsensibel, das geht auch aus meiner Sicht überhaupt nicht. Das wäre dann genauso, als ob man Mitarbeiter der Mafia anschließend für die Bekämpfung der organisierten Kriminalität einsetzt.“

Tja.Die brandenburgische Landesregierung unterstützt es also, dass 17 ehemalige Stasi-Mitarbeiter heute für den Staatsschutz tätig sind. Unsere Meinung kennen Sie ja und was denken Sie? Schreiben Sie uns gerne eine E-Mail an: Klartext@rbb-online.de.



Autorin: Gabi Probst

Dieser Text gibt den Sachstand vom 01.02.2012 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

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