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Lange galt der Friseurberuf als äußerst mies bezahlt. 3 € pro Stunde sind im Osten nicht selten. Jetzt soll endlich bundesweit der Mindestlohn kommen. Stufenweise bis 2015 soll es dann 8,50 € für Waschen, Schneiden, Föhnen geben. Doch taugt das Vorhaben für diese Branche oder bedeutet es die absehbare Pleite für viele Salons?
3 Euro und 5 Cent pro Stunde, würden Sie für diesen Lohn arbeiten? So wenig bekommen Friseure in den neuen Bundesländern zum Teil nach ihrer Ausbildung. Bisher war das jedenfalls so. Denn nun soll alles besser werden: Die Gewerkschaft Verdi hat für die Friseure bundesweit einen Mindestlohn ausgehandelt – und feiert das als großen Erfolg. Doch ist es auch einer? Ist der Mindestlohn überhaupt durchsetzbar? Iris Marx hat sich in Brandenburg mal umgehört.
Es klingt nach Revolution bei den Friseuren.
Sie haben mit der Gewerkschaft Verdi endlich einen Mindestlohn vereinbart. Ab dem 1. August gibt es bundesweit mindestens 8,50 € die Stunde – stufenweise bis zum Jahr 2015.
Ute S. Kittel
Verdi
„Es ist auf jeden Fall ein historischer Moment."
Endlich! Endlich? Im brandenburgischen Landkreis Barnim scheint die Revolution in der Waschen-Schneiden-Föhnen-Welt wohl noch auszubleiben.
Hier in der Region um Eberswalde und mit der Grenze zu Polen mangelt es nicht an Friseurläden. Das Problem ist nur, dass sich hier kaum ein Friseur an den Tarifvertrag halten muss.
Er gilt nämlich nur für die Betriebe, die in einer Innung organisiert sind. Das sind in Barnim jedoch nicht all zu viele, wie der Obermeister der Innung Matthias Ferber sagt.
Matthias Ferber
Friseurobermeister Friseur-Innung Barnim
„In der Innung selber sind derzeit 21 Innungsbetriebe. Wir sind eine kleine Innung."
21 von insgesamt 138 Betrieben. Die Innung hat es nicht geschafft, alle Interessen unter einen Hut zu bekommen.
Matthias Ferber
Friseurobermeister Friseur-Innung Barnim
„Es wurde ja zwischen Verdi und dem Zentralverband der Friseure eine Vereinbarung getroffen. Das nutzt ja nichts, wenn die sogenannten Billig-Friseure für 5-6 Euro Haare schneiden. Die sind davon ja überhaupt nicht betroffen."
Daher hat Barnim den Tarifvertrag auch gar nicht erst unterschrieben.So gut die Gewerkschaft mit dem Tarifvertrag für die Arbeitnehmer gekämpft hat: Er macht kaum Sinn, weil sich nur wenige daran halten müssen.
Ute S. Kittel
Verdi
„Dann heißt das zunächst in erstem Schritt rein juristisch, dass 90 Prozent der Friseure sich nicht an den Tarifvertrag halten müssten."
Der große Durchbruch bleibt also erstmal aus. Aber:
Ute S. Kittel
Verdi
„Das war aber nicht unser alleiniges Ziel. Wir wollen natürlich auch hier zu einer Ordnung im Friseurhandwerk beitragen und das geht, in dem wir gemeinsam mit dem Tarifverbund, mit dem Tarifverbund auf Arbeitgeberseite die Allgemeinverbindlichkeit anstreben werden. Und ich sage auch jetzt ganz mutig, wir werden die erreichen. Das heißt, diejenigen, die es heute nicht freiwillig anwenden, werden dann irgendwann vom Gesetzgeber per Verordnung gezwungen werden, dass dieser Tarifvertrag auch für sie anzuwenden ist."
Nur, wie soll das gehen? Die Gewerkschaft braucht dafür die Unterstützung von mehr als 50 Prozent der Friseure bundesweit. Nur dann kann das Bundesministerium für Arbeit den Tarifvertrag allgemeinverbindlich erklären.
Und wie wahrscheinlich ist das? Wir fragen einen Arbeitsmarktexperten von der FU Berlin, Prof. Ronnie Schöb.
Prof. Ronnie Schöb
Arbeitsmarktexperte FU Berlin
„Lange Jahre war es so, dass diese Erklärung nur sehr, sehr selten ausgesprochen wurde. Und wenn, dann meistens im Baugewerbe. In den letzten Jahren ist die Bereitschaft der Regierung gestiegen, eine solche Allgemeinverbindlichkeitserklärung abzugeben."
Aber, ob die Allgemeinverbindlichkeit kommt? Das ist im Moment noch ungewiss. Denn der Mindestlohn hat Vor- und Nachteile.
Für Friseure wie Horst Lüdke, der ohnehin schon gut bezahlt, ist der Mindestlohn eine Gelegenheit endlich vom Billig-Image wegzukommen.
Horst Lüdke
Friseur
„Es ist nun mal durch diesen schlechten Ruf… Der beginnt ja eigentlich mit dem Lohn. Das ist ja, Mutter sagt, wenn die Tochter Friseur werden will: „Mann, da kannst du doch nichts verdienen, lass das sein!" Die ganze Verwandtschaft sowieso. Wir finden immer schwerer junge Leute."
Schwer neue Mitarbeiter zu finden hat es auch Ramona Lisson aus Barnim.
Für sie ist es schwierig den Mindestlohn zu zahlen.
Ramona Lisson
Friseurbetreiberin
„Wäre vielleicht schön, wenn wir noch eine Kraft mehr hätten, die uns da ein bisschen mehr unterstützen könnte. Aber leisten kann ich es mir nicht.
KLARTEXT
„Könnten Sie dann den Mindestlohn zahlen?“
Ramona Lisson
Friseurbetreiberin
„Ne! Also einer müsste dann definitiv einstecken."
…oder sie erhöht die Preise für die Kunden.
Ramona Lisson
Friseurbetreiberin
„Bei uns kostet ein Haarschnitt, ein Herrenhaarschnitt 5 Euro, trocken, mit Waschen 11 Euro. Also ich denke mal, wenn ich jetzt 5 Euro erheben würde, Verständnis wäre da, aber es könnte durchaus möglich sein, dass die dann woanders hingehen."
Wenn es ums Geld geht, sind die Kunden nun mal empfindlich.
KLARTEXT
„Würden Sie in Zukunft drei bis vier Euro mehr bezahlen?"
Horst Lüdke
Kunde
„Hm. Eigentlich nicht."
So attraktiv der Mindestlohn für Frisöre auf den ersten Blick erscheint – ganz ohne Risiko für die keinen Salons ist er nicht – vor allem hier in Barnim an der Grenze zu Polen.
Prof. Ronnie Schöb
Arbeitsmarktexperte FU Berlin
„Ganz einfach, wenn ich plötzlich 20-30 Prozent mehr Lohnkosten habe, dann kann ich nicht mehr zu den Preisen anbieten, zu denen ich jetzt anbiete. Die Folge wird sein, dass einige Leute über die Grenze gehen und sich dort die Haare schneiden lassen und manche eben dann auf Hausbesuche zurückgreifen, das heißt, Friseure nehmen, die schwarz arbeiten."
Matthias Ferber
Friseurobermeister Friseur-Innung Barnim
„In den alten Bundesländern ist dann eben Frankreich, Holland, Schweiz, Österreich, wo meistens die Friseurpreise noch höher sind als in Deutschland stellenweise. Und wir haben hier Polen und Tschechien. Da ist es eben günstiger. Und wenn jetzt da ein Friseursalon ist, der sowieso schon mit dieser Problematik zu kämpfen hat und der jetzt noch den Leuten mehr Lohn zahlen soll, dass der davor Angst hat. Das sind Existenzen. Da ist die Finanzdecke der einzelnen Leute recht dünn. Das ist einfach so. Nicht alle über einen Kamm scheren. Okay, 2 Euro fürs Phrasenschwein, aber es ist halt so."
Einige der kleinen Friseursalons werden dann wahrscheinlich pleite gehen. Die Gewerkschaft teilt diese Sorge allerdings nicht.
Ute S. Kittel
Verdi
„Ehrlich gesagt sind die Friseure, die heute stöhnen und jammern, in einem Dilemma, aber das müssen wir nicht mehr handlen."
Und außerdem liege die Verantwortung auch bei den Kunden.
Ute S. Kittel
Verdi
„Wir sind hier in einem Beruf, in einem Dienstleistungssektor, in dem die Kunden auch in einer Verantwortung sind. Und jeder Kunde, der zu einem Friseur geht, der nur acht Euro für einen Haarschnitt verlangt, der muss kein Gewerkschafter sein, um darauf zu kommen, dass dort keine seriösen Arbeitsbedingungen stattfinden können."
Der neue Tarifvertrag ändert für die Friseure erst einmal nicht viel. Wenn aber die Allgemeinverbindlichkeit kommen sollte, müssen da alle durch: Friseure und Kunden. Einen Haarschnitt für 5 Euro wird es dann wohl nicht mehr geben. Alle Friseurläden allerdings dann auch nicht mehr.
Beitrag von Iris Marx


