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Mi 07.09.11 22:15

Gute Mischung - Wie gezielte Mietpolitik Schulen helfen kann

Das Brunnenviertel vor fünf Jahren: viele Migranten, viele Menschen, die von Transfermitteln leben und viele Kinder, die nur schlecht Deutsch sprechen. Die Schulen: oft heruntergekommen, die Lehrer häufig resigniert. Bildungsorientierte Migranten flüchten ebenso wie die letzten deutschsprachigen Familien. Seit fünf Jahren macht jetzt die größte Wohnungsbaugesellschaft im Viertel, die degewo, gezielte Mietpolitik und engagiert sich in den Schulen. Denn die degewo hat erkannt: ohne gute Schulen verlieren die Immobilien an Wert. Erste Erfolge sind sichtbar.

Integration? Ja bitte! Aber: Mein Kind in eine Migrantenklasse? Das dann doch nicht. Eine ganz typische Abwehrhaltung vieler Berliner Eltern, wenn es darum geht, auf welche Schule ihr Kind kommen soll. Sie fürchten, dass ihr Kind in einer Klasse mit vielen Schülern, die nicht gut deutsch sprechen, weniger lernt. So ging es auch einigen Eltern aus Berlin-Mitte kürzlich. Sie waren zunächst ziemlich sauer, als sie erfuhren, dass ihre Kinder gegen ihren Willen auf eine Schule im benachbarten Wedding geschickt werden sollen.

Alexander Mühler

„Bei 94 Prozent nicht-deutscher Herkunftssprache denkt man sich natürlich: 'Was ist hier für ein Klima, welche Sprache wird hier gesprochen? Was läuft hier in den Klassenräumen ab?'"

Helge von Niswandt
„Es geht nicht nur um türkisch-islamische Verhältnisse. Der Wedding ist einfach ein ganz anderer Stadtteil als Mitte, ja."

Claudia Brendel

„Weil uns einfach der Anteil an Kindern mit Migrantenhintergrund zu hoch war. Und wir dachten, dass unser Sohn als kleiner blonder Steppke hier einfach untergeht."

Aber diese Ängste erwiesen sich als unberechtigt. An der Gustav-Falke-Schule im Wedding, so berichtet Andrea Everwien, klappt Integration überraschend gut - dank einer ungewöhnlichen Initiative. Als die Eltern den Schulalltag dort kennenlernten, waren sie bass erstaunt.


Alexander Mühler
„Die bemühen sich hier um die Eltern, um die Kinder, wie ein Restaurant, das gutes Essen anbietet, die darum kämpfen, dass die Leute wiederkommen, weil guter Service ist, weil es gut schmeckt, weil man sich um die Kunden bemüht. Das hat die Schule gemacht."

Die Gustav-Falke-Schule im Wedding hat drei Klassen eingerichtet, in denen gute Deutschkenntnisse Voraussetzung sind. Die Kinder müssen vor Schulbeginn einen Deutschtest ablegen.

Nur, wer 80 bis 100 Prozent des Sprachtests besteht, kommt in diese Extra-Klassen - egal ob als Kind deutscher oder eingewanderter Eltern. Wer besonders gute Sprachkenntnisse mitbringt, bekommt besonders guten Unterricht an dieser öffentlichen Schule: Naturwissenschaften und Englisch ab der ersten Klasse - das gibt es sonst fast nur an Privatschulen.

So profitieren alle von dem anspruchsvolleren Unterricht: Fingal, Linus und John genauso wie Hendrijke und Maleeha.

Schülerin
„Ich heiße Malalay und freue mich auf meine Einschulung, weil es so schön ist.“
Schülerin
„Ich heiße Maleeha Khaled und freue mich auf die Schule, weil diese Schule voll schön ist."

„Erste Klasse nur für Deutsche", titelte die Taz, als die ersten Berichte über die deutschsprachigen Klassen an der Gustav-Falke-Schule kamen. Und das böse Wort von der Selektion war auch gleich zur Hand.

Von wegen Selektion. Der Initiator dieses Schulversuches ist die degewo, die Wohnungsgesellschaft, die im Wedding rund 5.000 Wohnungen hat. Ihr Vorstand will durch die gezielte Anwerbung bildungsorientierter Mieter eine bessere soziale Mischung erreichen.

Frank Bielka, Vorstand degewo
„In der Politik gibt es sozusagen eine Doppelmoral, einerseits zu sagen: 'Schafft uns gemischte Bestände, aber verdrängt keine Leute, nehmt keine Auswahl vor.' Und das eine ohne das andere geht nicht. Natürlich nehmen wir dann auch eine Auswahl vor."

Frank Bielka ist kein Bildungspolitiker. Er will gute Renditen für die degewo, er will den Wedding wieder attraktiver machen.

Deshalb wertet die Wohnungsgesellschaft seit etwa fünf Jahren einzelne Siedlungen gezielt auf. Schöne Gärten, ein attraktiver Spielplatz: ein Angebot für Familien mit selbst verdientem Geld. Bei der Neuvermietung bevorzugt die degewo ausdrücklich Mieter mit deutschem Pass und Arbeitsplatz.

Frank Bielka, Vorstand degewo
„Wenn Sie eine soziale Mischung herstellen wollen, müssen Sie bereit sein zu sagen: 'Ich suche ein bestimmtes Personenklientel, das ich hier ergänzend hinein haben will.'"
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„Welches Klientel?"
Frank Bielka, Vorstand degewo
„Ein eher mittelschichtiges, ein Personenklientel, bei dem die Leute ihrer Arbeit nachgehen, eigenes Geld verdienen. Das sind dann meist auch Leute, die stärker interessiert sind an ihrer Umgebung. So eine Mischung brauchen Sie in einem Quartier, um es stabil zu halten."

Doch Baupolitik allein reicht nicht. Bielka hat erkannt: Die Mittelschicht kommt nur in den Wedding, wenn es im Bezirk gute Schulen gibt.

Frank Bielka, Vorstand degewo
„Wir stellen fest, dass viele Familien, wenn sie denn eine Wohnung suchen, auch danach schauen, ob die Schulen und Kitas in der Gegend in Ordnung sind.“

Deshalb gründete er vor fünf Jahren den „Bildungsverbund Brunnenviertel". Bielka engagierte diesen Mann: Eduard Heussen. Dessen erster Auftrag: deutschsprachige Eltern für die Gustav-Falke-Schule zu interessieren.

Eduard Heussen, Bildungsverbund Brunnenviertel
„Wir haben sehr emotionale Elternabende in den Kindertagesstätten gehabt, wo die Eltern sagen: 'Wir baden hier nicht die Fehlentwicklungen der Integrationspolitik aus. Wir schicken unsere Kinder nicht dahin, die sind keine Versuchskaninchen.' Dann haben wir zurück gefragt: 'Was wären denn Bedingungen, unter denen ihr Eure Kinder schicken würdet?' Dann haben sie gesagt: 'Wir haben zwei Bedingungen: Das eine ist eine überwiegend deutsche, gute deutsche Sprachkenntnis der Schülerinnen und Schüler und das zweite - und das sagen gerade die Eltern, die hier in diesem Viertel wohnen – keine, wie sie es ausdrücken, 'islamische Übermacht'.'“

Frank Bielka, Vorstand degewo
„Wir versuchen auf diese Art und Weise, bildungsorientierte Eltern und Kinder in das Quartier zu holen."

Heussen redet mit allen: mit Eltern, Lehrern und der Schulverwaltung. Er ermuntert die Schulen, die oft schon mit dem Rücken an der Wand standen, sich als Restschulen abgestempelt fühlen. Und er holt Menschen von außen in diese Schulen.

Eduard Heussen, Bildungsverbund Brunnenviertel

„Für die Schulen ist es wichtig, dass sie das Gefühl haben, nicht alleine da zu stehen. Und umgekehrt für die Kinder ist es wichtig, dass sie hier eine Heimat finden, dass sie mit ihrem Gebiet kommunizieren können. Deswegen ist der Austausch zwischen innen und außen wahnsinnig wichtig."

Zum Beispiel an der Weddinger Ernst-Reuter-Schule. In Zusammenarbeit mit dem Bildungsverbund wurde hier eine junge Architektin engagiert. Fee Kyriakopoulos brachte Studenten von der Technischen Universität mit und erarbeitete mit den Schülern des Kunst-Leistungskurses die Neugestaltung des Schulfoyers. Farbenlehre, ästhetische Überlegungen, Berechnungen - die Schüler entfalten Eifer und Argumente.

Schülerin
„Also, ich finde die Kreise auch sehr gut, die würden mir gefallen, weil das wirkt so verspielt und das bringt so Leben in den Raum und deswegen würde ich auch die Kreise wählen."
Schülerin
„Aber bei den Kreisen ist es ja so, dass die halt zu kindlich sind und wir sind ja hier auch auf der Mittelstufe und nicht mehr im Kindergarten. Außerdem müsste man überlegen, wie die Kreise überhaupt angebracht werden, die werden ja ziemlich groß, die haben ja bestimmt so einen Durchmesser von einem Meter oder so."

Das alte Foyer war dunkel und unfreundlich. Wochenlang haben die Schüler geschrubbt, gezeichnet, geklebt. Das neue Foyer ist hell und einladend.

Schülerin

„Auf jeden Fall ist man stolz da drauf, dass man das sieht, was man erreicht hat, was für eine Arbeit man hier geleistet hat."

Durch die Zusammenarbeit mit Studenten von der TU haben die Schüler neue Perspektiven gewonnen. Denn unter den Studenten waren einige mit ausländischen Wurzeln - so wie sie selbst.

Fee Kyriakopoulos, Architektin, Pfefferwerk

„Sie haben in der Familie niemanden, der studiert oder studiert hat. Und die machen jetzt ja alle Abitur, aber dieser Schritt zur Uni ist ein riesiger, das ist völlig abstrakt. Dann haben die sich fünf-, sechsmal mit Studenten über mehrere Stunden auseinandersetzen müssen. Und das fand ich irre, weil die dann so meinten: 'Ich dachte, nur Deutsche studieren.'"

Das Ghetto öffnen - nur so kommt der Wedding raus aus der Schmuddelecke. Demnächst wollen die Schüler der Ernst-Reuter-Schule ihre Terrasse neu gestalten für ein Schulcafé. Und das wird offen sein für alle.



Autorin: Andrea Everwien

Dieser Text gibt den Sachstand vom 07.09.2011 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

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