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Mi 07.09.11 22:15

Kindheit im Versteck - Wie Illegale in Berlin aufwachsen

Wer sich illegal in Deutschland aufhält, der macht sich strafbar - die Gesetze sind eindeutig. Und dennoch lassen Jahr für Jahr tausende Menschen ihre Heimat hinter sich, um illegal nach Deutschland zu kommen - bundesweit sollen es bis zu gut 400.000 Menschen sein, die im Schatten leben: ohne Papiere und in ständiger Angst, aufzufliegen. Manchmal bringen sie ihre Kinder mit - und die hat keiner gefragt. Wie aber lebt es sich als Kind in einer Stadt wie Berlin, wie lebt es sich in einem Land, das sich zu Kinderrechten bekennt - sich aber schwertut, auch illegalen Kindern diese Rechte zu gewähren?

Das Video zum Beitrag liegt aus rechtlichen Gründen nicht vor.

Können Sie sich vorstellen, dass eine Mutter mit ihrem kleinen Kind mehrere Jahre lang heimlich in einer deutschen Stadt lebt, ohne dass es den Behörden auffällt? Das Kind besucht sogar eine Kita, geht einkaufen, spielt mit anderen Kindern. Doch das alles illegal. Das Kind hat weder einen Pass noch eine Krankenversicherung, noch bekommt die Mutter Kindergeld. Stattdessen lebt sie in ständiger Angst, erwischt zu werden. Bis zu 30.000 Kinder leben nach offiziellen Schätzungen illegal in Deutschland. Katharina Mänz über das berührende Schicksal eines kleinen Mädchens aus Berlin.

Nennen wir sie Anna. Anna ist in Berlin geboren, für die Behörden allerdings existiert die Vierjährige gar nicht: Sie hat keine Papiere, sie lebt illegal in der Stadt. Auf den ersten Blick: ein lebhaftes, fröhliches Kind – doch es reicht ein harmloser Anlass, um die Kleine aus der Bahn zu werfen, erzählt uns die Leiterin ihrer Kita. Genau wie Anna können wir sie nicht offen zeigen, um Anna zu schützen.

Stimme nachgesprochen
„Die anderen Kinder erzählen ganz aufgeregt am Morgen einer Erzieherin, dass ein ungewöhnlich großes Polizeiaufgebot an der Kreuzung in der Nähe der Kita steht. Anna hörte 'Polizei, Polizei' und wurde zunehmend unruhig, hielt sich am Oberschenkel der Erzieherin fest und war den ganzen Vormittag angespannt, nervös, leicht den Tränen nahe, sie war komplett in sich irritiert und verunsichert. Das war für die Erzieher, die mit Menschen ohne Papieren kaum zu tun haben, für die war das ein regelrechter Schock.“

Annas Leben ist nicht normal – und sie selbst kann nichts dafür. Annas Mutter kam mit einem Touristenvisum aus Südamerika, da war sie schwanger, mit Annas Vater war es aus. Sie ist einfach geblieben. Sie träumte von einem guten Job, guten Schulen für ihr ungeborenes Kind, vielleicht einem deutschen Mann.

Doch statt Traumjob geht sie putzen, schwarz natürlich, und die Angst, entdeckt zu werden, begleitet sie auf Schritt und Tritt – Anna soll bloß nichts davon merken.

Stimme nachgesprochen

„Ich gehe mit ihr immer zum Spielplatz, um sie mit den anderen Kindern zusammenzubringen. Ich versuche dabei, nicht besorgt zu wirken und dass ich keine Probleme habe. Dass alles in Ordnung ist, dass ich glücklich bin, dass sie keine Angst haben und auch nicht traurig sein muss. Sie sieht mich immer nur fröhlich, ich zeige ihr nicht, wenn ich traurig bin. Sie denkt, das ist ein normales Leben, alles ist in Ordnung.“

Alles in Ordnung? Ihre Chance, irgendwann auch legal hier leben zu dürfen, ist verschwindend gering – denn Annas Mutter ist wohl das, was man einen Wirtschaftsflüchtling nennt.

Stimme nachgesprochen
„Also, ich denke, hier ist es besser zu leben und zu arbeiten als daheim, da ist schwieriger für meine Tochter, vor allem, was die Schule angeht. Es ist viel besser für sie, hier aufzuwachsen.“

Damit Anna zumindest ein bisschen Normalität leben kann, bringt ihre Mutter sie inzwischen in eine Kita. Eine Stunde Fahrt hin und eine zurück – damit Anna einfach mal unbeschwert mit anderen Kindern spielen kann. Die katholische Kita hilft unbürokratisch, auch ohne Papiere und Meldeadresse.

Doch Anna zahlt einen hohen Preis für den Traum ihrer Mutter – und die Frage ist berechtigt: Dürfen Eltern ihren Kindern ein Leben im Schatten zumuten? Die Antwort allerdings fällt schwer.

Johannes Knickenberg, Forum Illegalität
„Das ist unsere Perspektive, dass wir glauben, da setzt sich jemand an seinen Schreibtisch in Afrika oder Asien oder in Osteuropa und plant seine irreguläre Migration. So läuft das nicht. Und da wird nicht groß vorher Information eingezogen: Wo kann ich hingehen, wenn ich krank bin, hab ich da Ansprüche, wo kann ich die geltend machen, darf ich das, kann mein Kind zur Schule gehen? Oft kommen die Kinder dann auch hier erst zur Welt, dann hat 'ne junge Frau sich noch gar keine Gedanken gemacht, als sie damals gekommen ist oder meinte, kommen zu müssen, was sie möglicherweise dann mal tun wird, wenn es denn soweit ist.“

Was zum Beispiel, wenn das Kind krank wird. Ohne Papiere – das bedeutet nämlich auch: ohne Krankenversicherung. Anna leidet an einer chronischen, schmerzhaften Gelenkerkrankung, seitdem sie zwei ist. Zweimal pro Woche Krankengymnastik, dutzende Arztbesuche seitdem – das hätte Annas Mutter von ihrem Job als Putzfrau niemals zahlen können. Die Ärzte der Malteser Migranten Medizin arbeiten alle ehrenamtlich, Annas Behandlung wird aus Spenden finanziert – unbehandelt würde sie irgendwann im Rollstuhl sitzen.

Dr. Adelheid Franz, Malteser Migranten Medizin

„Wir sind für die, die keine Krankenversicherung und auch keinen Aufenthalt hier haben, der Hausarzt. Dann können sie kommen und wenn irgendwas ist, dann können sie hier sein. Was der Patient an Dankbarkeit darüber ausdrückt, das ist die große Motivation.“

Schwer zu sagen, ob Anna in der südamerikanischen Heimat ihrer Mutter nicht ähnlich gut versorgt würde – nur: Anna ist nun mal hier, weil ihre Mutter sich so entschieden hat.

Und selbst Kinder Illegaler haben Rechte – zum Beispiel, eine Schule zu besuchen. So garantiert die UN-Kinderrechtskonvention, jedem Kind unter anderem das Recht auf Bildung – und zwar...

Zitat
„...ohne jede Diskriminierung unabhängig von der Rasse, der Hautfarbe, dem Geschlecht, der Sprache, der Religion, (…) der Geburt oder des sonstigen Status des Kindes, der Eltern oder seines Vormunds.“

Und das hat auch die Bundesrepublik so ratifiziert.

In der Praxis allerdings scheitern viele Eltern, weil vor allem öffentliche Schulen nicht mitmachen – oft aus Angst, sich strafbar zu machen oder weil sie schlicht keine freien Plätze haben.

Recht so? Ja, meint zumindest der Berliner Innensenator: Wer illegal im Land ist, begeht schließlich eine Straftat.

Ehrhart Körting (SPD), Innensenator Berlin
„Dass die Schulen derartige Kinder aufnehmen, ist eine Art humanitärer Akt, aber kein Recht der UN-Kinderrechtskonvention auf Bildung.“
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„Aber da steht doch drin: Unabhängig vom Status...“
Ehrhart Körting (SPD), Innensenator Berlin
„Ja, die haben überhaupt keinen Status – verstehen Sie. Den Status hat jemand, der geduldet ist, der Asyl begehrt und dessen Asyl noch nicht anerkannt ist. Die Kinder sind ja gar nicht offiziell da – also ich muss doch, wenn ich Leistungen vom Staat in Anspruch nehme, muss ich mich doch dem Staat gegenüber offenbaren. Ich kann doch nicht hinter vorgehaltener Hand sagen: 'Hurra, hier bin ich – aber ich sag nicht, wer ich bin – aber nun komm mal mit staatlichen Leistungen rüber.'“
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„Das heißt dann aber auch: Die UN-Kinderrechtskonvention gilt nur für solche Kinder, die sich den Behörden, dem Staat in irgendeiner Form zu erkennen geben aus Ihrer Sicht?“
Ehrhart Körting (SPD), Innensenator Berlin
„Es gilt nur für Kinder, die auch tatsächlich da sind, und auch sagen: 'Wir sind da.'“

So kompromisslos sich der Innensenator im Interview gibt – wenn es um Härtefälle geht, dann entscheidet oft großzügig, allein in diesem Jahr bekamen 158 Illegale einen Aufenthaltsstatus.

Doch die ehrenamtlichen Helfer würden den Kindern gerne das jahrelange Versteckspiel und das Leben in Angst ersparen und fordern pragmatische Lösungen - egal, warum die Eltern sich illegal in Berlin aufhalten.

Traudl Vorbrodt, ehem. Mitglied Härtefallkommission
„Natürlich sind die Eltern 'schuld', aber in ganz vielen Anführungszeichen. Aber ein Kind bewusst vom Staat her unsicher aufwachsen zu lassen, kommt für mich ziemlich in die Nähe der unterlassenen Hilfeleistung – auch wenn's keine körperlichen Gebrechen sind, aber seelische.“

Was tun also mit illegalen Kindern? In der Praxis immer eine Gratwanderung zwischen Menschlichkeit und dem Pochen auf Recht und Gesetz. Hat Annas Mutter die richtige Entscheidung für ihre Tochter getroffen? Das kann nur Anna selbst entscheiden, wenn sie erwachsen ist.



Autorin: Katharina Mänz

Dieser Text gibt den Sachstand vom 07.09.2011 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

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