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Unter der Erde lauern angeblich noch tausende tickende Zeitbomben, warnen Experten und fordern: Die gefährlichen Blindgänger aus dem 2. Weltkrieg müssten systematisch geräumt werden. Sitzen wir auf einem Pulverfass?
„Wegen einer Bombenentschärfung ist die Berliner Innenstadt bis morgen früh weiträumig gesperrt. Anwohner werden gebeten, ihre Häuser zu verlassen." An derartige Warnmeldungen haben wir uns schon fast gewöhnt. Aber das ist heikel, sagen Experten. Von den mehreren tausend Blindgängern aus dem 2. Weltkrieg gehen noch immer große Gefahren aus. Benedict Maria Mülder und Max Thomas Mehr.
Vor knapp zwei Wochen an der Oberbaumbrücke. Bauarbeiter entdecken bei der Sanierung des Spreeufers eine 250 Kilogramm schwere britische Fliegerbombe aus dem 2. Weltkrieg: ein Blindgänger. Die Oberbaumbrücke 1945. Insgesamt gingen 440.000 Bomben auf Berlin nieder, sagen Historiker:
Laurenz Demps, Historiker
„Wir können davon ausgehen, dass etwa zehn Prozent der abgeworfenen Bomben nicht gezündet haben. Sei es durch Fabrikationsfehler, sei es, dass sie in weichen Boden gefallen sind oder der Aufschlagwinkel schlecht gewesen ist. Und es gibt Pessimisten, die sagen, das dauert noch mindestens hundert Jahre bis die letzte gefunden worden ist, dann kann die möglicherweise schon von alleine hochgegangen sein. Und es gibt Optimisten, die sagen, in 50 Jahren wird es zu Ende sein.“
Schon im Februar war hier eine Mörsergranate gefunden worden. Bis die Bomben fielen, standen hier Häuser, wo heute Bäume wachsen.
Laurenz Demps, Historiker
„Wo am wenigsten gesucht worden ist, nach meiner Einschätzung, sind solche Flächen wie hier, wo vereinzelte Ruinengrundstücke sind.Und da ist es meiner Meinung nach besonders gefährlich.“
Beispiel Baustelle Pettenkoferstraße 5 in Friedrichshain. Im Juli 1994 sterben hier drei Bauarbeiter als ein Blindgänger aus dem 2. Weltkrieg detoniert. Spätfolgen des Krieges. 1983: Hasenhäger Weg in Buckow. Hier kommt es zur Selbstdetonation einer 250-Kilo-Bombe gleich neben einer Schule. Gott sei dank sind Ferien. Gesteinsbrocken durchschlagen Dächer.
Wolfgang Spyra, einst Kriminaltechniker der Berliner Polizei und heute Bombensachverständiger, sieht Gefahr im Verzug.
Prof. Wolfgang Spyra, Technische Universität Cottbus
„Das Risiko steigt aus meiner Sicht mit der Zeit, weil nämlich Umwelteinflüsse den Mechanismus, der im Augenblick die Bombe sozusagen noch in Ruhe hält, sich auflösen kann. Es kann Einflüsse geben dadurch, dass Energie eingetragen wird. LKW's fahren über Straßen. Es gibt Selbstdetonationen außerdem. Auch beim Baugeschehen kann aus Versehen ja durchaus mal ein Bagger so ein Teil anfassen, und dann fängt eben die Uhr wieder an zu ticken.“
Die Zahl der Blindgänger, die noch im Berliner Boden verborgen sind, wird von Experten wie Wolfgang Spyra auf 3000 bis 4000 geschätzt. Wo Neubauten entstehen, wie hier am Spreedreieck, bietet der Senat den Bauherren an, Grundstücke anhand solcher alter Luftbildaufnahmen aufzuklären.
Doch Berlin hat nicht einmal alle überlieferten Unterlagen vollständig ausgewertet. Hier am Ostkreuz wurden während der Bauarbeiten bereits zwei Bomben gefunden. Doch der Senat bezweifelt, dass die historischen Unterlagen noch heute präzise Auskunft geben.
Mathias Gille, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung
„Durch über 60 Jahre Erdarbeiten sind die Materialien, die uns dort zur Verfügung stehen, aus den Berichten heraus, nur noch zum Teil tauglich. Dadurch, dass sich die Stadtsituation insgesamt sehr verändert hat, wir also sehr viele Umbauarbeiten hatten, viel Erde und Erdreich transportiert worden ist, sind natürlich die Funde an den Orten, an denen die Bomben gefallen sind, gar nicht mehr möglich.“
Spyra bezweifelt dies, hält den Blick in die Archive für unverzichtbar.
Prof. Wolfgang Spyra, Technische Universität Cottbus
„Wenn ich so etwas relativiere, dann akzeptiere ich ja ein höheres Lebensrisiko in dieser Stadt, was eigentlich durch nichts gerechtfertigt ist. Außer der Tatsache, dass solche Informationen zusammenzutragen Geld kostet. Ich find' schon, dass es zu einer Lebensqualität dieser Stadt gehört, dass man solchen Informationen Beachtung schenkt und sie auch in eine strategische Maßnahme mit einbaut.“
Stattdessen bleibt es bei Zufallsfunden wie hier in Wilmersdorf 2008 in der Mecklenburgischen Straße. Eine 500 Kilo schwere Bombe. Selbst Berlins oberster Bombenentschärfer Detlev Jaab kritisiert im Deutschen Beamtenmagazin die riskante Strategie des Senats. Jaab sähe es lieber, wenn in Berlin etwa anhand alter Luftaufnahmen systematisch gesucht und entsorgt statt nach dem Zufallsprinzip vorgegangen würde.
Doch an seiner Politik möchte der Senat nicht rütteln lassen. Mit den Praktikern reden darf KLARTEXT nicht. Mit Informationen über Blindgänger und Munitionsaltlasten soll die Öffentlichkeit nicht beunruhigt werden. Dabei gibt es durchaus Beispiele für vorbildliche Gefahrenabschätzung. Flughafen Tempelhof: Die Altlasten des neuen Parks sind genau erfasst, bestimmte Flächen ganz gesperrt. Wer hier zum Beispiel einen Hering einschlagen will, der braucht eine Genehmigung - von einem Kampfmittelexperten. Vorsichtshalber ist Zelten und Campen überall verboten.
Übrigens, was das Kosten-Argument angeht: Eine Stadt wie Oranienburg macht in ihrem Haushalt für Bombenräumungen 2,5 Millionen Euro in diesem Jahr locker. Die Hauptstadt Berlin dagegen will nur 2 Millionen Euro dafür ausgeben. Wohl nach dem Motto: Wird schon nix passieren.
Autoren: Benedict Maria Mülder und Max Thomas Mehr
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/klartext/archiv/klartext_vom_08_06/fliegerbomben_in_berlin.html