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Mi 08.06.11 22:15

Kinder aus Suchtfamilien - Wenn Papa oder Mama zu viel trinken

Gerade am vergangenen Vater- oder Herrentag war es in ganz Berlin und Brandenburg wieder zu sehen. Heftiges Trinken ganz öffentlich und ungeniert. Ausschweifender Alkoholgenuss - gesellschaftlich akzeptierter Rausch. Für viele Kinder ist das nicht wirklich witzig, sie leiden unter dem übermäßigen Alkoholkonsum ihrer Eltern. Diese verlorene Kindheit prägt sie oft ein Leben lang. Ein Drittel der Kinder aus suchtbelasteten Familein wird später selbst abhängig. Bis heute oft noch immer ein Tabuthema: Lehrer oder Kita-Erzieher wagen es nur selten die Eltern auf ihre Sucht anzusprechen. Hilfe - auch und gerade für die Kinder - bleibt damit häufig aus...

Vater- oder Herrentag und Alkohol, das gehört für viele untrennbar zusammen. Vergangene Woche Himmelfahrt konnte man das wieder mal beobachten. Dabei ist das Über-den-Durst-Trinken bei Männern wie bei Frauen gar nicht so witzig. Vor allem Kinder leiden oft unter dem übermäßigen Alkoholkonsum ihrer Eltern. Ein Drittel der Kinder aus suchtbelasteten Familien wird später selbst abhängig. Umso erschreckender, dass Alkohol in der Familie nach wie vor ein großes Tabuthema ist. Ute Barthel.

Es sind die vergessenen Kinder, vergessen von den eigenen Eltern. Denn die Welt von Vater oder Mutter dreht sich nur um die Sucht.

Manfred Patzer wuchs in so einem Elternhaus auf. Die Alkoholsucht des Vaters zerstörte die ganze Familie. Der heute 38-Jährige erlebte viel Streit und Gewalt zu Hause. Sein Vater hat sich am Ende zu Tode getrunken.

Manfred Patzer
„Auch die Jahre davor war er alles andere als ein guter Vater. Er hat viel zu sehr um sich selbst gekümmert und um sein Geschäft und seine Drogen oder seine Suchtkarriere und hat sich um uns gar nicht groß gekümmert. Also, da war nicht viel. Da waren auch nie Kindergeburtstage, wo er war. Es war nie bei uns so, dass wir jetzt Leute eingeladen haben, dass die zu uns gekommen sind und wir Geburtstag gefeiert haben. Das gab's gar nicht.“

Auch Manfred Patzers Mutter konnte die zerbrochene Familie nicht heilen, denn sie litt selbst unter der Sucht des Vaters.

Manfred Patzer
„Ich war auch damals als einziger dabei, als mein Vater meine Mutter verprügelt hat, weil meine anderen beiden großen Geschwister waren noch in der Schule und das hat mich natürlich auch traumatisiert...“
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„Das heißt, Sie haben zugeschaut und konnten nicht eingreifen?“
Manfred Patzer
„Nee, genau, das war diese Hilflosigkeit auch und das dann auch wirklich sehen zu müssen, das war natürlich auch sehr schlimm...“
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„Wie alt waren Sie da?“
Manfred Patzer
„'83 , da muss ich so neun gewesen sein.“

Hans-Jürgen Hansen ist seit 34 Jahren trockener Alkoholiker. Geschlagen hat er seine Frau zwar nie, aber mit seiner Alkoholsucht hatte die Familie in den Ruin getrieben. Sein eigener Malereibetrieb ging pleite, es war nie Geld im Haus. Und die Kinder lernten schnell, dass auf ihren Vater kein Verlass war. Für seine Frau war das ein Alptraum.

Anita Hansen
„In dem Brausebrand, in dem er gelebt hat, hat er das ja gar nicht gecheckt, dass er den Kindern weh tut und auch mir weh tut. Das ist ihm ja gar nicht bewusst geworden.“

Hans-Jürgen Hansen
„Ich habe sehr an den Kindern gehangen, aber mir war nicht bewusst, was ich den Kindern antue. Für mich war wichtig, dass ich meinen Stoff habe. Und wie viel ich versäumt habe, ist mir bewusst geworden, wie jetzt meine Enkelkinder eingeschult wurden und ich sagen musste: 'Ich habe an die Einschulung meiner Kinder absolut keine Erinnerung.'“

Kinder aus Suchtfamilien können sich oft nicht auf ihre Eltern verlassen, sie werden früh erwachsen und erledigen Dinge, die Vater oder Mutter nicht auf die Reihe kriegen. Und meistens leben sie mit diesem Problemen im Verborgenen und vertrauen sich niemanden an.

In Berlin setzt sich deshalb der Verein Nacoa für diese Kinder ein.

Henning Mielke, NACOA - Interessenvertretung für Kinder aus Suchtfamilien e.V
„Es ist noch immer ein starkes Tabu, ja. Wir sprechen von einem doppelten Tabu. A): Ein Suchtproblem anzusprechen, das ist etwas, was man sehr ungerne tut einen anderen Menschen gegenüber. B): Sich einzumischen in die Belange anderer Familien, ist auch etwas, was man sehr ungerne tut. Das heißt, die Kinder sind eigentlich von einem doppelten Taburing umgeben und der ist nicht so leicht einzureißen.“

Von den Süchtigen schaffen nur zirka zehn Prozent den Weg in die Suchtberatungsstellen. Und dort erfahren die Berater oft nur von einem Bruchteil der Suchtkranken, dass sie auch Kinder haben, die ebenfalls Hilfe brauchen.

Immerhin gibt es in Berlin eine Rahmenvereinbarung zwischen Senat und den Trägern der Suchthilfe, um einen Austausch über die Situation dieser Kinder zu gewährleisten. Unterschrieben im Dezember 2009. Doch konkret umgesetzt wurde der Vertrag bis heute nur in vier Bezirken.

Aber nur wenn man weiß, welche Kinder in Suchtfamilien aufwachsen, können Projekte weiterhelfen. Miriam Vogt trifft den neunjährigen Paul regelmäßig seit November und gibt ihm damit eine Auszeit von den Problemen zu Hause.

Miriam Vogt, Projekt „Vergiss mich nicht" - dem Patenschaftsprojekt für Kinder von Suchtkranken
„Ich glaube, es ist was, worauf er auch so ein bisschen stolz ist und sich freut. Er hat mich beispielsweise schon seiner halben Klasse vorgestellt. Und das ist auch einfach so was, es weiß auch jeder: Ich bin die Patin, das ist ihm auch nicht unangenehm. Das finde ich süß zu sehen, das es etwas ist, worauf er sich freut und was er für sich hat. Er hat ja auch noch einen kleineren Bruder, der ja auch noch relativ außer Rand und Band ist. Und ich glaub', es für ihn so ganz schön, das er was nur für sich hat. Das ist so das Wichtigste."

Paul hat jemanden, der für ihn da ist und auf den er sich verlassen kann, einen Nachmittag lang kann einfach mal nur Kind sein. Vielleicht macht ihn diese Patenschaft auch stark genug, später selbst der Sucht zu widerstehen.

Manfred Patzer hatte niemanden, zu dem er gehen konnte. Er hat sich mit seinen Problemen abgekapselt und wurde später selbst drogensüchtig. Seit vier Jahren ist er clean.

Hans-Jürgen Hansen arbeitet ehrenamtlich beim Blauen Kreuz. Er hörte auf zu trinken, weil er seine Familie nicht verlieren wollte. Ohne die Unterstützung von Frau und Kindern hätte er es niemals geschafft.

Hans-Jürgen Hansen
„Ich kann mir gar keinen Rückfall erlauben, ich möchte nämlich meine Enkelkinder groß werden sehen. Bei meinen Enkelkindern sehe ich viele Sachen, die ich von meinen eigenen Kindern überhaupt keine Erinnerung mehr habe. Das darf mir nicht noch mal passieren."



Autorin: Ute Barthel

Dieser Text gibt den Sachstand vom 08.06.2011 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

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