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Wenn es kälter wird, dreht der Kältebus seine Runden und die Übergangsheime sind wieder überfüllt. Eigentlich sollen die Obdachlosen (wenn sie wollen) in normale Mietverhältnisse vermittelt werden – doch günstiger Wohnraum wird in der Hauptstadt immer knapper. Die Zahl der Obdachlosen auf Dauer wird steigen – warnen die Hilfsorganisationen.
„Arm, aber sexy" - mit diesem Spruch hat Klaus Wowereit Berlin ein Image verpasst, das sich super verkauft. Doch die, die wirklich arm sind in dieser Stadt, die finden den Spruch gar nicht so lustig. Fast eine halbe Million Berliner müssen immerhin mit weniger als 900 Euro pro Monat auskommen. Das muss reichen für Essen, Kleidung, Strom, Heizung und - für die Miete. Doch die können sich viele nicht mehr leisten. Immer häufiger verlieren Menschen - sogar aus der Mittelschicht - deshalb ihre Wohnung und leben auf der Straße. Katharina Mänz.
Wenn Frank Rabe in der Bahnhofsmission auftaucht, dann halten sie ihn doer für einen Sozialarbeiter. Dabei ist er obdachlos. Vor drei Wochen hatte er noch Arbeit und ein Dach über dem Kopf – jetzt verbringt der Steuerfachangestellte die Tage auf der Straße, rennt von einem Amt zum anderen – und kann es selbst nicht fassen, dass er einer von denen ganz unten sein soll.
Frank Rabe, obdachloser Steuerfachangestellter
„Ich bin 46 Jahre, war in meinem ganzen Leben drei Monate arbeitslos, hab‘ wirklich immer gearbeitet, Steuern bezahlt und hab` alles getan. Und dann, wenn ich wirklich mal in einer Situation bin, wo ich Hilfe brauche und man mir die dann verwehrt und mir dann sagt, wo ich heute beim Amt war zum Beispiel, wo man mir dann sagt: Rufen Sie doch nicht immer gleich nach dem Staat. Das ist das erste Mal, wo ich Unterstützung gebraucht hätte, und wenn ich das dann als Antwort bekomme in der Situation, finde ich das ein bisschen traurig.“
Als Frank Rabe letztes Jahr nach Berlin kommt, zieht er übergangsweise in ein Wohnheim. Im Oktober kann er seine Miete nicht zahlen, man setzt ihn vor die Tür. Plötzlich ist er wohnungslos, kündigt seinen Job als Steuerfachangestellter, weil ihm die Probleme über den Kopf wachsen.
Zumindest über Nacht kann er hierher, ins Übernachtungsheim. Eine neue Wohnung zu finden – praktisch aussichtslos, Frank Rabe hat Unterhaltsschulden.
Frank Rabe, obdachloser Steuerfachangestellter
„Weil ich in der Schufa drinstehe mit Einträgen und somit auf dem normalen Wohnungsmarkt oder bei der Wohnungsbaugesellschaft die Chancen, eine Wohnung zu bekommen, gleich Null sind.“
KLARTEXT
„Haben Sie es versucht?“
Frank Rabe, obdachloser Steuerfachangestellter
„Ja, natürlich. Aber die Wohnungsbaugenossenschaften lassen sich die Schufa-Auskunft geben, dann kriegt man die Ablehnung und fertig.“
Längst kein Einzelfall mehr – die Zahl derer, die urplötzlich auf der Straße stehen, nimmt zu, seitdem die Wohnungen in Berlin knapper werden.
Jürgen Mark, Leiter Übernachtungsheim Franklinstraße
„Wir schreiben uns zu jedem Gast einen kurzen Text auf – und schreiben immer öfter in dieses Journal ‚Wohnung verloren‘, also ganz aktuell wohnungslos geworden, die erste Nacht im Leben des Menschen, die hier verbracht wird. Und das passiert einfach in den letzten Monaten und auch schon Jahren immer häufiger.“
Auch bei den Beratungsstellen häufen sich die Fälle von Wohnungslosen. Und es trifft längst nicht mehr nur die Üblichen: Geringverdiener, Arbeitslose, Hartz IV-Empfänger – sondern zunehmend auch Durchschnittsverdiener, wie in diesem Fall.
Gerhard Schumacher, Beratungsstelle für Wohnungslose
„Der Fall ist schon sehr krass. Wobei ich muss sagen, das ist nicht unbedingt ein Ausnahmefall, das kommt schon öfters vor. Gerade dass Menschen, die aus einem ganz anderen sozialen Hintergrund kommen, wo man denkt, dass denen das nicht passieren kann. Das ist eben auch keine Seltenheit mehr, dass Menschen aus der bürgerlichen Mitte unsere Stelle zumindest anlaufen.“
Warum aber verlieren Menschen ihre Wohnung? Mal reicht das Geld nicht mehr für die gestiegene Miete, mal ist es eine Trennung oder der Tod des Partners, der das Leben und die Finanzen auf den Kopf stellt. Und mancher steckt den Kopf in den Sand – bis es zu spät ist.
Jürgen Mark, Leiter Übernachtungsheim Franklinstraße
„Da gibt’s viele Wege in die Wohnungslosigkeit. Da sind manchmal wirklich die Personen darunter, die buchstäblich die blauen Briefe hinter den Spiegel stecken und nicht reinschauen, um zu vermeiden, dass man nervös wird. Oder Menschen, die gar nicht glauben können, dass es zu einer angedrohten Räumung kommt, das kommt in ihrer Welt gar nicht vor, weil es eine Ungerechtigkeit darstellen würde – also ‘ne Blauäugigkeit, die oftmals da ist. Aber dann gibt es auch viele, ich sage es mal vorsichtig, korrupte Vermieter, die mit allen Tricks versuchen, Mieter aus den unterschiedlichsten Gründen loszuwerden.“
Dieter Schramm ist so einer, den man loswerden will. Er war sehr krank, wohnt deswegen in einer betreuten Einrichtung – inzwischen ist er gesund. Und weil er kein Betreuungsfall mehr ist, muss er hier raus. Nur: wohin? Hartz-IV-Empfänger aus betreutem Wohnen – damit braucht er erst sich erst gar nicht um eine Wohnung zu bewerben. Und dann noch die Schulden.
Dieter Schramm, Wohnungssuchender
„Und das ist dann noch der letzte casus knacktus, wenn ich das zugeben muss. Und ich kann ja da schlecht schwindeln, dann fallen die Jalousien völlig runter.“
KLARTEXT
„Dann sind die Gespräche ganz schnell beendet?“
Dieter Schramm, Wohnungssuchender
„Dann tut es ihnen leid, sie haben zwar mit mir persönlich kein Problem, aber mit diesem bösen, bösen Schufa-Eintrag.“
Und das ausgerechnet in Marzahn. Hier soll es doch noch jede Menge kleiner, bezahlbarer Wohnungen geben. Da sollte doch auch für Dieter Schramm was dabei sein.
Zum Beispiel hier. Gleich um die Ecke hat die degewo eine Wohnung frei. 34 Quadratmeter, 360 Euro warm, das geht auch mit Hartz IV. Nur leider: Auch in Marzahn werden die kleinen Wohnungen knapp und die Vermieter wählerisch – und wer Schulden hat, für den sind die Aussichten trüb.
Frank Bielka, degewo
„Unsere Aufgabe ist es natürlich auch, zu schauen, ob die Bonität des Mieters vorhanden ist. Das heißt, es gibt natürlich Auskünfte von Seiten der Schufa oder ähnlichen, ob es da Probleme gibt. Es gibt ja durchaus auch notorische Mietverweigerer – und wenn die in solchen Listen vorhanden sind, dann verzichten wir natürlich gerne auf solche Mieter, denn der zahlt natürlich seine Miete nicht.“
Hat also die Politik hier ein Problem verschlafen – und wie will sie gegensteuern, damit nicht noch mehr durchs Raster fallen und keine Wohnung finden?
Gerne hätten wir nachgefragt, doch weder die Senatsverwaltung für Soziales noch die für Stadtentwicklung stand – mit Hinweis auf die laufenden Koalitionsverhandlungen – für ein Interview zur Verfügung.
Immerhin: Die Wohnungsbaugesellschaften sehen Handlungsbedarf – neue, preiswerte Wohnungen müssten her.
Frank Bielka, degewo
„Mein Wunsch an die Politik wäre: Die Schaffung von kleinen Wohnungen auch zu subventionieren. Das ist ein Tabuwort in Teilen der Politik, das ist mir klar, aber dann muss man eben wissen, wenn man das nicht will, dass die neu geschaffenen Wohnungen eine Miete von acht oder neun Euro nettokalt haben, plus Betriebskosten – und das ist für viele Leute nicht zu bezahlen.“
Und die Folgen? Wenn der Staat für die Schwächsten der Schwachen keinen bezahlbaren Wohnraum vorhält, dann quellen die Obdachlosenheime demnächst über – und zwar nicht nur im Winter.
Jürgen Mark, Leiter Übernachtungsheim Franklinstraße
„Wenn Leute weiterhin zahlenmäßig so stark aus normalen Wohnverhältnissen heraus kippen, dann können wir das mit den heutigen Maßnahmen nicht mehr stemmen. Dann müssen wir wahrscheinlich irgendwann im Tiergarten irgendwelche Zeltburgen haben oder Wagenburgen, die sich wieder irgendwo ansiedeln, weil Menschen natürlich einen Ausweg suchen müssen, speziell in der kalten Jahreszeit auch Schutz brauchen, und die Hilfe nicht von außen kommt, dann werden sie sich wieder selbst helfen.“
Auf Hilfe von außen mag sich auch Frank Rabe nicht mehr verlassen. Er will so schnell wie möglich eine feste Bleibe und dann zurück in seinen Job. Damit das Leben aus der Tasche bald ein Ende hat.
Kurz vor unserer Sendung wurde übrigens bekannt: CDU und SPD haben sich in ihren Koalitionsverhandlungen darauf verständigt, innerhalb der nächsten vier Jahre 30.000 weitere bezahlbare Wohnungen für Sozialschwache zu sichern. Werden wir mal beobachten, ob das ausreicht und ob das für die Wohnungslosen erschwinglich sein wird.
Autorin: Katharina Mänz
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/klartext/archiv/klartext_vom_09_11/wenn_es_wieder_kaelter.html