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Mi 09.11.11 22:15

Windpark jetzt im Wald – alles öko oder was?

Energiewende – aber nicht mit uns. Täglich protestieren Bürger gegen die „Verspargelung" des schönen Landes. Windräder, wohin das Auge blickt, Lärmbelästigung, lästige Schatten gehören dazu. Zunehmend werden neue Windenergieanlagen allerdings in menschenleeren Waldgebieten geplant. Eine Alternative?

Wenn Sie an den zahlreichen Windrädern in Brandenburg vorbeifahren, wie finden Sie die? Ökologisch sicherlich sinnvoll, aber wollen Sie so ein Windrad-Ungetüm vor Ihrem Haus stehen haben? Die Proteste nehmen zu, und die Politik steckt in einem Dilemma: Einerseits Ist der Ausbau der Windenergie beschlossene Sache, andererseits will man Rücksicht auf die Belange der Bürger und der Umwelt nehmen. Darum sollen jetzt Windparks zunehmend in Waldgebieten gebaut werden, weitab von den Ortschaften. Doch auch dagegen regt sich Protest. Andrea Everwien.

Werner Glinsk wohnt mitten in „seinem Wald". Über 40 Jahre war er hier Revierförster: im Chransdorfer Forst, nördlich von Großräschen in der Lausitz.

Werner Glinsk, ehemaliger Revierförster
„Mir hängt jeder grüne Baum am Herzen, egal, wie auch immer und gerade die jungen Bestände, die mühevoll hier aufgeforstet wurden mit Schulklassen. Pro Hektar wurden 14.000 kleine Sämlinge gepflanzt und wenn hier 1200 Hektar wieder aufgeforstet wurden, können Sie sich vorstellen, wie viel Herzblut hier in solchem Wald steckt.“

Doch mit der Ruh über den Wipfeln im Chransdorfer Forst soll jetzt Schluss sein - statt junger Bäumchen sollen hier demnächst 25 Windkraftranlagen mitten im Wald entstehen. Etwa ein bis zwei Hektar Freifläche braucht jedes der geplanten Windräder, solche wie diese im Spremberg Stadtwald. Sie sind 195 Meter hoch, fast so hoch wie das Restaurant am Berliner Fernsehturm; die unterste Spitze der Rotorblätter dreht sich 60 Meter über den Bäumen.

Solche Windriesen in den Chransdorfer Forst? Die Anwohner sind empört - sie sind nicht grundsätzlich gegen Windkraft, aber ihren schönen Wald wollen sie dennoch nicht für den Windpark hergeben.

Anwohner
„Windräder in den Wald gestellt, da mach ich doch irgendwas falsch.“
Anwohner
„Wir machen gerade nachhaltigen Wald nieder und setzen dafür nachhaltige Windenergie hin.“

Klimaschutz zu Lasten des Waldes - das klingt absurd. Doch die Wende in der Klimapolitik macht es notwendig. Fukushima gab den Ausschlag. Der drohende Supergau versetzte die Welt in Angst und Schrecken - und in Berlin verkündete die Bundeskanzlerin den Ausstieg aus der Atomenergie.

Um das zu schaffen, soll in Brandenburg der Anteil der Windenergie bis 2020 mehr als verdoppelt werden. Dafür müssen zwei Prozent der gesamten Landesfläche mit Windparks bebaut werden.

Doch es wird immer schwieriger, genügend geeignete Flächen zu finden. Kein Mensch will heute mehr das Windrad vor der Haustür haben - und wenn seltene Vogel- oder Fledermausarten bedroht sind, verbiet der Naturschutz den Bau von Windparks. Das alles müssen die Planer berücksichtigen.

Wo also sollen die Windräder hin? Zum Beispiel in den Wald, sagt etwa Wolfgang Peters, Landschafts- und Umweltplaner. Anders sei die Energiewende nicht zu bewältigen. Und nicht jeder Wald sei ursprünglich und pure Natur.

Wolfgang Peters, Umweltplaner
„Es gibt durchaus auch Wald, der überhaupt nicht naturnah ist, der aus Kieferstangenforsten besteht, dessen Hauptfunktion ist es, Holz zu produzieren."

Als solch ein Nutzwald wird der Chransdorfer Forst eingeschätzt. Und deshalb soll hier auch der Windpark entstehen. Der ehemalige Förster ist empört: Sein Wald sei sehr wohl naturnah, schließlich hätten sich hier in extra aufgestellten Nistkästen Fledermäuse niedergelassen.

Werner Glinsk, ehemaliger Revierförster
„Wir haben 18 verschiedene Fledermausarten hier, diese Nistkästen waren voll mit Wochenstuben von Fledermäusen, sechs davon überwintern bei uns.“

Diese Fledermäuse stehen unter Artenschutz. Wo und wie sie leben, spielt eine entscheidende Rolle bei der Genehmigung der Windräder.

Wolfgang Peters, Umweltplaner
„Natürlich ist es so, dass die Windmühlen nicht einfach so in den Wald gestellt werden, sondern das geschieht nur nach einer umfangreichen Prüfung der möglichen Auswirkung der Windenergienutzung."

An diesem Verfahren können und sollen sich die Bürger beteiligen - zum Beispiel im Rahmen der Umweltverträglichkeitsprüfung. Die Behörden- und Öffentlichkeitsbeteiligung ist dort ausdrücklich vorgesehen - Einwände der Bürger müssen berücksichtigt werden.

Doch bisher nehmen die Anwohner diese Möglichkeit nicht wirklich wahr. Der Bürgermeister von Großräschen wünscht sich deutlich mehr aktive öffentliche Beteiligung.

Thomas Zenker (SPD), Bürgermeister Großräschen
„Die Bürger müssen ihre Rechte wahrnehmen, sie müssen sich auch nachvollziehbar artikulieren, weil wir sind nunmal ein Rechtsstaat und die Verwaltungsrichter beurteilen nur die Akten, die auch nachvollziehbar da sind. Deswegen meine herzliche Einladung, auch in der Bürgerversammlung so gesagt: Bürger, informiert Euch, geht in die Verwaltungen, guckt Euch die Pläne an und bringt Eure Argumente auch schriftlich ein.“

Doch es geht nicht nur um die Fledermaus. Der Chransdorfer Forst wird von den Anwohnern als ein Stück Heimat, als ein Erholungsort in freier Natur empfunden.

Anwohner
„Er wurde durch Kinderhand gepflanzt, kann man sagen, unter Anleitung der Förster, und früher durften wir gar nicht dort rein, weil das ein NVA-Wald war, und jetzt, wo wir die Möglichkeit haben, in diesen Wald reinzugehen, da soll er einfach weg.“
Anwohnerin
„Menschen zählen einfach nicht mehr, das ist nicht in Ordnung - der Wald wird einfach nur runter gemacht für nichts."

Wolfgang Peters, Umweltplaner

„Wenn es in der Bevölkerung darum geht, dieses Stück Wald zu erhalten, weil es mit bestimmten Erinnerungen verbunden ist oder weil es Heimat für die Leute ist, ist es eine verständliche Motivation, dann gegen den Windpark zu sein. "

Gegen Argumente wie Landschaftsbild und Heimatschutz könne man mit Rationalität wenig ausrichten. Da helfe nur, dass die Politik die Genehmigungsverfahren transparent betreibt und…

Wolfgang Peters, Umweltplaner
„…und auf der anderen Seite für Gerechtigkeit sorgt. Und Gerechtigkeit bedeutet auch immer Teilhabe an dem Nutzen der Anlage."

Wie das geht, hat der Nachbarort Spremberg vorgemacht: Dort drehen sich die Windriesen seit 2009 über dem Stadtwald - und der Bürgermeister freut sich jährlich über rund 220.000 Euro Pachteinnahmen. Damit kann er Kindergärten und Schulen finanzieren - und plant schon die nächsten sieben Windräder im Wald - zum Wohle seiner Stadt.

Klaus-Peter Schulze (CDU), Bürgermeister Spremberg

„Wir werden nach Fertigstellung der anderen Anlagen insgesamt jährlich etwa 730.000 Euro Pacht einziehen. Hinzu kommt, dass die Anlagen ab einem bestimmten Anlagenalter, etwa sechs Jahre, Gewerbesteuer zahlen und die wird nicht ganz unerheblich sein."

In Spremberg scheint sich jedenfalls kaum jemand über den Windpark im Stadtwald zu ärgern.

Anwohner
„Hier tun se nicht stören, ich meine, das ist erneuerbare Energie, was willste mehr!“
Anwohnerin
„Wenn ich auf dem Balkon stehe und aus dem Fenster gucke, dann sehe ich das sogar und tu beobachten und alles.“
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„Und dass das im Wald steht, stört sie auch nicht?“
Anwohnerin
„Nein, stört mich auch nicht.“
Anwohner
„Die Pilze kann man trotzdem suchen."


Autorin: Andrea Everwien

Dieser Text gibt den Sachstand vom 09.11.2011 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

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