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Demokratie gibt es nur mit mündigen Bürgern. Mündige Bürger brauchen Informationen. Die sollen sie unter anderem von der Zentrale für politische Bildung erhalten. In Brandenburg veranstaltet diese eine Ausstellung zu adligen Bürgern des Landes.
Dort erfährt man viel über den adligen Widerstand gegen Hitler - und sehr wenig über die anderen Adligen, die "Steigbügelhalter" der Nazis.
Wer im Geschichtsunterricht aufgepasst hat, weiß: Viele Adelige haben sich in der Nazizeit nicht nur mit Ruhm bekleckert. Widerstandskämpfer waren die Ausnahme. Ein Großteil der Adeligen unterstützte die völkisch bis rassistisch geprägte Deutschnationale Volkspartei, die Hitler an die Macht verhalf. Soweit die Fakten. Umso erstaunlicher, dass ausgerechnet eine Ausstellung der Landeszentrale für politische Bildung in Potsdam diese Tatsachen außer acht lässt. Andre Kartschall.
Wenn Rainer Pomp sich eine Ausstellung anschaut, fallen ihm manchmal Dinge auf, die andere Leute nicht bemerken. Der Mann ist Doktor der Geschichte – Spezialgebiet: der Brandenburger Adel in der Weimarer Republik.
Bei „Heimat verpflichtet" geht es um die Nachkommen: Die Landeszentrale für politische Bildung porträtiert Adlige, die nach der Wiedervereinigung in den Osten gezogen sind.
Zu der Ausstellung in Potsdam gehört aber auch eine Chronik des Adels – und die fand Pomps besonderes Interesse, vor allem die Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus.
Dr. Rainer Pomp
Historiker
„Was nicht drin vorkommt, ist eigentlich, was der Adel gemacht hat in der Weimarer Republik, insbesondere auch der brandenburgische Landadel. Die waren nicht nur Monarchisten, wie es hier steht – die haben eigentlich von Anfang an versucht, die Weimarer Republik zu zerstören. Die haben Verbände gegründet, nicht nur die Deutschnationale Volkspartei, auch den Landbund oder den Stahlhelm, die streng antirepublikanisch waren, antidemokratisch, die waren antisemitisch. Und ihr Ziel war die Errichtung einer rechten Diktatur."
Weimarer Republik und Nationalsozialismus sind in der Ausstellung nur ein Randthema. Im Fokus steht die Zeit seit der Wiedervereinigung. Zwölf Familiengeschichten, zwölf Erfolgsgeschichten. Die Ausstellung schaut wohlwollend auf den Adel.
Auch im historischen Teil. Viele Dinge fehlen. So kann der Eindruck entstehen, die Zentrale für politische Bildung würde – so ganz nebenbei – die deutsche Geschichte umschreiben. Manche Aussage in der Chronik könnte zumindest falsch verstanden werden.
Dr. Rainer Pomp
Historiker
„‚Adlige, die der Deutschen Adelsgenossenschaft beitreten wollen, müssen ihre Herkunft nachweisen, sogar in Form von „Ariernachweisen".' Das hört sich jetzt so an, als würde es den Adligen vorgeschrieben, sie müssten jetzt den Ariernachweis bringen. Es war eigentlich andersrum, gerade auch die brandenburgischen Adelsgenossenschaften, der Adel selber hat diesen Ariernachweis eingebracht. Das hat einen Grund gehabt: Sie wollten eine Elite haben, eine Führungselite ohne jüdische Vorfahren."
KLARTEXT
„Einen ‚judenreinen' Adel?"
Dr. Rainer Pomp
Historiker
„Einen ‚judenreinen' Adel."
Seinen „Arierparagraphen" beschloss der Adel bereits 1920, 13 Jahre vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Rainer Pomp hat mehrere Aufsätze über die Zeit der Weimarer Republik verfasst. In seiner Doktorarbeit geht es um den Brandenburgischen Landbund, in dem sich auch der Landadel organisiert hatte.
Der Landbund unterhielt damals eine Bauernhochschule – auf dem Stundenplan standen: Nordische Mythologie, Rasse und Sprache, Ostische und die Arische Rasse: Blut-und-Boden-Ideologie. Der Adel als Vorreiter für die Nationalsozialisten. Viele Absolventen der Schule wurden folgerichtig später auch NSDAP-Führer.
Zunächst hatte sich der Adel politisch in der Deutschnationalen Volkspartei gesammelt. Sie wird in der Chronik zwar erwähnt, unerwähnt bleibt aber, dass sie mit der NSDAP einen Pakt gegen die Republik schloss: die sogenannte Harzburger Front: ein teils paramilitärischer Zusammenschluss von adligen, nationalsozialistischen und anderen rechtsextremen Gruppierungen. Und unerwähnt bleibt vor allem eines: dass die DNVP schließlich als Koalitionspartner Hitlers mit in der Regierung saß und ihm an die Macht verhalf. In der Chronik heißt es stattdessen:
Dr. Rainer Pomp
Historiker
„Da steht: 30.1.1933: ‚Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten und der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler endet die Weimarer Republik.' Dass dieser Adel drauf hingearbeitet hat und zwar erfolgreich, kommt da drin gar nicht vor."
KLARTEXT
„ … an der Machtergreifung beteiligt war?"
Dr. Rainer Pomp
Historiker
„… und an der Machtergreifung natürlich auch beteiligt war."
Noch einseitiger wird es dann ab 1933. Es geht nur noch um „Adligen Widerstand".
Dr. Rainer Pomp
Historiker
„‚NS-Zeit und adliger Widerstand im Zweiten Weltkrieg': Da sieht man schon eine bestimmte Gewichtung. Adliger Widerstand: den hat's gegeben, nur im Vergleich zum Gesamtadel waren adelige Widerständler eine sehr, sehr kleine Minderheit."
Doch nur von dieser Minderheit ist die Rede.
Was für ein Geschichtsbild vermittelt die Landeszentrale für politische Bildung hier eigentlich? Ein Interview gibt es nicht. Gründe dafür werden – trotz mehrmaliger Nachfrage – nicht genannt. Auf der Homepage der Landeszentrale kann man zumindest nachlesen, welchen Anspruch die Chefin des Hauses an die eigene Arbeit hat. Man leiste, Zitat:
„… Aufklärung durch die Bereitstellung von Informationen ... damit sich jeder frei entscheiden kann".
Wir fragen schriftlich nach: Meint die Landeszentrale, dem eigenen Anspruch hier gerecht geworden zu sein? Die Antwort lautet schlicht: „Ja."
Auf den Inhalt der Kritik geht die Landeszentrale an keiner Stelle ein.
Dr. Rainer Pomp
Historiker
„Das ist eigentlich ein Skandal. Ein Skandal, was hier gemacht wurde, dass das Bild des Adels beschönigt wurde, dass rechtsradikale Haltungen, rechtsextremes Gedankengut, das der Adel hatte, einfach negiert wurden in dieser Ausstellung. Und das ist etwas, dass man als Landeszentrale für politische Bildung nicht machen darf."
Immerhin: Die Landeszentrale hat dem Kritiker, Herrn Pomp, zugesichert, Zitat: „Anregungen, Ergänzungen und Hinweise" zu prüfen und zukünftig zu berücksichtigen. Da sind wir gespannt.
Beitrag von André Kartschall


