Kita-Mieten

- Steigende Mieten: Kindertagesstätten in den Innenstadtbezirken vor dem Aus

35 Jahre lang war die Kita "Klein und stark" in Kreuzberg eine Institution. Doch nun muss sie schließen: die Miete im boomenden Kiez hat sich verdreifacht! Immer mehr, vor allem kleinere Initiativkitas können sich die Mieten in Berliner Innenbezirken nicht mehr leisten. Die Zuschüsse des Senats reichen bei weitem nicht mehr aus. Und Ausweichimmobilien? - längst vom Senat an private Investoren verhökert.

Ab August hat jedes Kind – auch die unter Dreijährigen – einen Anspruch auf einen Kitaplatz. Das hat die Bundesregierung versprochen. Wenn man sich allerdings die Lage in Berlin ansieht, dann kommen einem große Bedenken! Rund zwölftausend Kitaplätze gibt es hier zu wenig. Und es könnte noch schlimmer kommen: Denn immer mehr Kitas müssen dicht machen: sie können ihre Miete nicht mehr zahlen und werden gekündigt! Helge Oelert und Peter Kessen über eine alarmierende Entwicklung.

KLARTEXT
„Weißt du, warum die Kita zumachen muss?“
Kind 1
„Weil die kein Geld mehr hat:“
Kind 2
„Ich weiß, dass wir rausgehen aus der Kita…“
Kind 3
„Dem, dem das hier gehört, der will mehr Geld. Und soviel Geld hat die Kita nicht.“

Der Kinderladen „Klein und stark" in Kreuzberg. Eine private Kita, getragen vom Engagement der Eltern. 27 Kinder werden hier ganztags betreut.

Eine Einrichtung mit Tradition. Gegründet 1978 in einem leerstehenden Ladenlokal. Es war eine bewegte Zeit im damals runtergekommenen Wrangelkiez nahe der Mauer. Ein Projekt bürgerschaftlichen Engagements, auch politisch motiviert als ein Zeichen des Aufbruchs und der Hoffnung – im abgeschriebenen Randviertel.

Doch 35 Jahre später haben sich die Vorzeichen geändert. Die Gegend rund ums Schlesische Tor erlebt – wie viele Berliner Innenstadtbereiche – einen Boom. Ladenbesitzer konkurrieren um Hipster und Touristen, das Geld scheint für sie auf der Straße zu liegen.

Da passt so etwas Bodenständiges wie Kindererziehung plötzlich nicht mehr zur Gewinnerwartung der Vermieter. Im Falle „Klein und stark" sollte die Quadratmetermiete mal eben von 12 auf 35 Euro verdreifacht werden.

Anja Michel
Erzieherin
„Begründet hat es der Vermieter einfach damit, dass er tatsächlich in dieser Gegend jetzt 30-40 Euro bekommen könnte für Gewerbe. Und wir soviel natürlich nicht zahlen können. Wir könnten aller, allerhöchstens zwanzig Euro zahlen.“

Ab Juni brauchen 27 Kinder einen neuen Platz, „Klein und stark" räumt nach 35 Jahren das Feld.

Für die Kreuzberger Sozialstadträtin eine alarmierende Entwicklung. Denn in letzter Zeit häufen sich auf ihrem Schreibtisch die Fälle, in denen Kitas die Miete um ein Vielfaches erhöht wurde.

Monika Herrmann, Bündnis 90/ GRÜNE
Stadträtin Friedrichshain- Kreuzberg
„Das sind keine Ausnahmefälle, muss man ganz klar sagen. Und ich glaube, dass es noch öfter vorkommen wird, und nicht nur im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Sondern es betrifft die Innenstadtbezirke, die eh große Probleme haben mit Wohnraum.“

Und selbst die, die bestehende Verträge haben, sind vor Mietsteigerungen nicht sicher. Als Ute Landsberg mit ihrer Kita im Friedrichshain jetzt Nachbarräume anmieten wollte, um zusätzliche Plätze zu schaffen, wollte der Vermieter gleich die Miete für den noch laufenden Vertrag erhöhen.

Ute Landsberg
Kitaleiterin „Klimperkiste"

„Die Erweiterung ist im Grunde an der Mietsteigerung gescheitert. Weil sich der Vermieter dazu entschlossen hat, da wir erweitern wollten, auch hier in dem bestehenden Mietobjekt die Miete zu erhöhen.“

Am härtesten trifft es die, die ganz neue Verträge aushandeln müssen. Beim Dachverband der Kinder- und Schülerläden melden sich immer wieder Eltern, die selbst eine Kita gründen wollen. Solche Neugründungen müsste die Politik angesichts rund 15.000 fehlender Kitaplätze optimal unterstützen. Doch man lässt sie mit ihrem Problem allein.

Babette Sperle
Dachverband Berliner Kinder- und Schülerläden
„Wenn es daran scheitert, dass sie jetzt keine Räume mehr finden, die bezahlbar sind, oder wenn sich fünf Initiativgruppen um einen Kinderladen streiten, weil der noch bezahlbare Miete hat, dann ist klar was passiert: Vier von diesen Fünf werden keinen Kinderladen eröffnen, obwohl, wir alle fünf Kinderläden bräuchten.“

Die finanzielle Ausstattung für Kitas den wirklichen Bedingungen anzupassen, wäre die Aufgabe der Politik, damit trotz des Mietanstiegs neue Betreuungsplätze entstehen können. Doch die Senatsverwaltung für Bildung hofft offenbar, das Problem würde sich lösen, wenn man es nur lange genug ignoriert. Auch unsere Interviewanfragen wurden nicht beantwortet. Schriftlich heißt es lapidar, Zitat:
„Die landesseitige Förderung … wird unter Einbeziehung der Träger-Verbände regelmäßig der allgemeinen Entwicklung der Personal- und Sachkosten angepasst."

Richtig ist, dass Trägerverbände alle paar Jahre mit Landesvertretern über die Mittel für die Kitas verhandeln. Doch der Senat legt für seine Berechnungen offenbar völlig weltfremde Quadratmeterpreise zugrunde.

Martin Hoyer
Paritätischer Wohlfahrtsverband
„Für eine Kaltmiete haben wir ungefähr zwischen 3,50 Euro und 5,30 Euro zur Verfügung. Das hängt davon ab, wie groß die Räume sind.“
KLARTEXT
„Und ist das realistisch?“
Martin Hoyer
Paritätischer Wohlfahrtsverband
„Das ist zurzeit für Neuanmietungen nicht mehr realistisch.“

Dabei gibt es immer noch leerstehende Räume. Aber für unter 6,50 Euro will heute niemand mehr vermieten. Die tatsächlichen Gewerbemieten bewegen sich meist über 8 Euro, in vielen Bereichen sogar deutlich über 10. Und nirgendwo in Deutschland steigen die Gewerbemieten so rasant wie in Berlin.

Mietkostenzuschüsse könnten da helfen – das meinte jedenfalls der Senat. Und kündigte ein Förderprogramm für neue Kindertagesstätten an. Aber bis in die Wirklichkeit hat es dieses Programm offenbar nie geschafft. Warum dieses Durcheinander?

Martin Hoyer
Paritätischer Wohlfahrtsverband
„Ich kann Ihnen da auch keine Antwort drauf geben. Oder doch, es gibt eine Antwort: Als das Förderprogramm aufgelegt worden ist, ist dieses Problem als solches bereits erkannt worden. Und man hat sich politisch dafür entschieden zu sagen, wir müssen uns dieses Problems annehmen. Im Laufe der Umsetzung dieses Förderprogramms ist aber deutlich geworden, dass das mit dem Förderprogramm nicht wirklich umsetzbar ist.“

Auch Alternativräume können Kitas kaum angeboten werden. In den vergangenen Jahren haben die Bezirke fast alle ungenutzten Immobilien an den Liegenschaftsfonds der Stadt abgetreten. Dort könnten noch Gebäude oder Flächen zu finden sein, die für Kitas wieder hergerichtet werden können. Doch hier fehlte bislang offenbar politischer Wille, diese den Bezirken zügig zurück zu geben.

Monika Herrmann, Bündnis 90/ GRÜNE
Stadträtin Friedrichshain- Kreuzberg
„Rückübertragungen beziehungsweise auch Tauschgrundstücke das ist ein sehr zähes, ungeliebtes Vorgehen, was der Liegenschaftsfonds und die Senatsverwaltung für Finanzen nicht besonders mögen.“

Das alles geht auf Kosten der Kitas. Sie haben dem überhitzten Immobilienmarkt nichts entgegenzusetzen. Und manche meinen, die Politik heize das ganze sogar weiter an. Aus Angst vor Kündigung will der Chef eines Kitaträgers nicht erkannt werden. Seine Einrichtung ist Mieterin einer städtischen Wohnbaugesellschaft – und bekam vor Kurzem eine Mieterhöhung um unglaubliche 400 Prozent!

Anonymer Kitaträger
„In den Gesprächen mit der Wohnungsbaugesellschaft wurde uns gesagt, dass es eine politische Vorgabe auf Landesebene war, marktfähige Mieten jetzt zu realisieren.“

Die steigenden Mieten in der City – für die Kita „Klein und stark" in Kreuzberg bedeuten sie bereits das definitive Aus. Nach 35 Jahren für alle ein großer Verlust.

Anja Michel
Erzieherin
„Traurig, ich bin wütend, ich bin enttäuscht. Also sind wir alle. Weil wir hängen tierisch an dem Laden, wir hängen an dem Laden, an der Gegend."

Die Schließung dieser Kita – nur der Vorbote für einen allgemeinen Trend: dass sich Kinderbetreuung in der Innenstadt bald nur noch Vermögende leisten können.


Beitrag von Helge Oelert und Peter Kessen