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Safaa lebt in Berlin und kommt aus Bangladesch. Sie will nie mehr von ihrer Mutter und ihrer Schwester geschlagen werden. Sie will zuhause nicht mehr hungern und sie will vor allen Dingen nicht als Minderjährige mit einem Mann verheiratet werden, den ihre Eltern für sie aussuchen. Eigentlich hat Safaa Glück, denn ihr Onkel und ihre Tante, bei denen sie in Berlin lebt, wollen sie gern adoptieren. Doch das ist bislang an bürokratischen Hürden gescheitert - seit zwei Jahren versucht die Familie, Safaa einen sicheren Status zu verschaffen. Eine zermürbend lange Zeit. Denn Safaa hat soviel Angst davor, zurück zu müssen, dass sie droht, sich umzubringen, falls sie nicht in Berlin bleiben darf.
Ein Lehrer aus Neukölln hat uns auf eine bewegende Geschichte aufmerksam gemacht. In einem Aufsatz hatte eine seiner Schülerinnen angedroht, sich umzubringen! Als wir recherchierten, erfuhren wir den tragischen Hintergrund: Der 17jährigen droht eine Zwangsverheiratung in ihrer alten Heimat Bangladesch. Andrea Everwien über den Kampf einer Berliner Familie mit den Behörden.
Eigentlich sind sie in Neukölln zuhause, aber mittlerweile kennen sie die ganze Stadt. Denn seit Monaten laufen die drei - wir nennen sie Susanne, Safaa und Arif - von Behörde zu Behörde. Ihr Ziel: das junge Mädchen soll in Deutschland bleiben dürfen.
Die damals 15jährige kam 2009 als Touristin, als Begleitung für die Großmutter. Die wollte einmal im Leben ihre deutschen Enkel in Berlin Besuchen. Die Oma ist längst wieder in Bangladesch. Doch Safaa blieb - weil ihre Eltern sie nicht mehr zur Schule lassen wollten.
Safaa
„Ich wollte immer gerne lernen. Schon in meiner 1. Klasse habe ich angefangen zu träumen, dass ich in der 10. Klasse meine Prüfung richtig gut mache und meine Prüfung mitnehme bei meinem Papa. So: Vater, guck mal, ich habe so ein gutes Zeugnis gekriegt, das gibt mir eine Chance, dass ich Abitur machen kann.“
Bangladesch. Für die meisten Frauen besteht das Leben aus Armut, Unterwerfung und harter Arbeit. Der einzige Ausweg ist Bildung. Safaa wollte Abitur machen, um sich nicht von ihren Eltern verheiraten lassen zu müssen, sie wollte ihr Leben selbst gestalten.
Doch ihre Eltern hatten andere Pläne. Was niemand ahnte: zuhause wurde Safaa wie eine Sklavin gehalten, Gewalt war an der Tagesordnung.
Safaa
„Einmal konnte ich fast 3 Monate nicht laufen, weil meine Mutter hat mich hier mit Metall geschlagen hat und hier ist richtig schwarz und dick gewesen und wir müssen auch Sport machen bei Schule und ich konnte gar nicht laufen. Wie kann ich Sport machen, ach. Ich habe immer geblutet. Immer. Meine Schwester hat mich immer so geschlagen, dass manchmal meine Hand geschnitten habe und da hat sie Salz rein gemacht - wie schmerzvoll das ist, ich kann jetzt nicht so denken, wie mein Leben da gewesen ist.“
Bei ihren Verwandten in Deutschland hat Safaazum ersten Mal Liebe und Zuwendung erfahren. Ihr Onkel ist Ausbilder für Köche, die Tante arbeitet als Buchhalterin. - Beide sind bereit, für Safaas Unterhalt zu sorgen. Ihre leiblichen Kinder, Sarah und Benni, sind wie Geschwister für sie..
Mit dieser Zeichnung hat Safaa die Wohnung der Familie geschmückt:
Drei Buchstaben, A, S und B, miteinander verbunden wie Blätter einer Pflanze.
A steht für Arif, den Onkel, B für Benni, den Cousin, und S: das sind die drei Frauen Susanne, Sarah und Safaa.
Seit 2009 lebt Safaa in dieser Familie. Eigentlich sollte sie wie die Großmutter nur für drei Monate bleiben Doch kurz vor dem Rückflug erfuhr der Onkel: in Bangladesch darf die damals 15jährige nicht weiter zur Schule gehen, stattdessen soll sie heiraten - einen Mann, den sie nicht kennt, den ihre Eltern für sie ausgesucht haben.
Safaar
„Ich habe total Angst gekriegt, so was ist jetzt los, Was geht jetzt wieder. Ich bin drei Monate nicht da und was denken sie jetzt wieder? Was planen sie?"
KLARTEXT
„Hast Du denn nie davon gehört vorher; dass Du verheiratet werden sollst?“
Safaar
„Nein, ich habe nie davon gehört."
KLARTEXT
„Warum will denn der Vater das Mädchen so früh verheiraten?"
Arif
„Der Vater möchte auf jeden Fall, weil finanzielle Gründe, weil bei uns kostet, wenn man zur Schule geht und auch das Leben und wenn sie verheiratet ist, der Mann übernimmt komplett.“
Susanne
„Ein 15jähriges Kind - das ist sie ja, ist ein Kind, das kann man nicht verheiraten. Wenn man einen Schritt weiter denkt, das ist ja eigentlich schon: dass ich zustimme, dass sie gegen ihren Willen vergewaltigt wird."
Arif
„Als ich das erfahren habe, war für mich total grausam. Ich habe in dem Moment gedacht: ich habe jetzt die Chance, ich muss was unternehmen."
Umgehend stellten Onkel und Tante einen Adoptionsantrag für Safas beim Familiengericht Schöneberg. Die Beiden haben die deutsche Staatsbürgerschaft. Nehmen sie Safaa an Kindes statt an, bekommt auch sie ein unbegrenztes Bleiberecht.
Obwohl die leiblichen Eltern in Bangladesch dem Adoptionswunsch zugestimmt haben, bangt die Familie aber bis heute um die Anerkennung durch den deutschen Staat.
Susanne
„Eigentlich wurde uns ja auch mit unserer Geschichte, was wir erzählt haben, was ihr passieren soll, diese Zwangsehe, und warum sie jetzt hier bleiben muss, damit ihr das halt nicht passiert, das wurde uns nicht geglaubt, wir wurden nicht gehört.“
Bei der Berliner Ausländerbehörde etwa - glaubte man Safaa nicht. Man unterstellte, sie wolle sich nur ein Aufenthaltsrecht erschleichen. Das Amt drohte ihr einmal sogar die zwangsweise Abschiebung an.
Die Begründung der Behörde war, Zitat:
„ … dass die Motive einer Adoption allein auf die widrigen Umstände und die schlechten Lebensverhältnisse in Ihrem Heimatland gestützt sind …“
Immerhin: auf Widerspruch der Familie wurde die Abschiebung vorläufig ausgesetzt, bis April 2012. Und über den Adoptionsantrag ist noch nicht endgültig entschieden worden.
Doch zwei Jahre Angst und Ungewissheit machen die Seele krank. Neulich musste Safaa für die Schule einen Aufsatz über ihr Leben verfassen. Dort schreibt sie über die Bemühungen der Familie, sie zu adoptieren - und was sie tut, wenn sie nicht bleiben darf, Zitat:
„Wenn es nicht klappen wird, bleibt mir nur übrig, dass ich mich umbringe."
Safaa
„Sie wollten, dass ich heirate und ich will das gar nicht und sie haben mir mein ganzes Leben gar nicht gegeben, gar nicht, und ich denke, ich bringe mich um lieber als heiraten oder mein Vater zu hören, was er sagt. Jetzt reicht mir endlich, ich kann nicht ertragen, wirklich nicht."
Wie das Leben des Mädchens weitergeht, muss das Familiengericht entscheiden.
Und wir werden natürlich dicht an dem Fall bleiben und Ihnen berichten, wie es mit Safaa weitergeht.
Beitrag von Andrea Everwien
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/klartext/archiv/klartext_vom_12_10/verzweifelt___neukoellner.html