- Ärzte unter Anklage - Wie die Staatsanwaltschaft Betrugsvorwürfen in DRK-Klinik nachgeht

Drei Jahre haben die Ermittlungen gedauert, 40.000 Seiten umfasst die Akte inzwischen. Schwere Vorwürfe erhebt die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklageschrift: Bandenmäßiger Betrug. Doch wann sich die Beschuldigten vor Gericht verantworten müssen, steht in den Sternen. Die Anklageschrift liegt KLARTEXT jetzt exklusiv vor.

Nach welchen Kriterien suchen Sie sich ihren Arzt aus? Fachkompetenz und Vertrauen – das ist für die meisten wohl das Wichtigste. Doch was, wenn sich rausstellt, dass der Arzt kein ausreichendes Fachwissen besitzt und ihre Kasse bei der Abrechnung sogar betrogen wird? Das soll bei den DRK-Kliniken in Berlin offenbar so gelaufen sein. Seit Jahren wird in einem der wohl ungeheuerlichsten Betrugsfälle im Berliner Gesundheitswesen ermittelt. Doch bis heute mussten sich die Beschuldigten nicht vor Gericht verantworten! Ursel Sieber und Hermann Müller mit neuen Details.

Es war eine der größten Razzien der letzten Jahre, die Durchsuchung der DRK-Kliniken vor knapp drei Jahren. Kripobeamte des Landeskriminalamts beschlagnahmen aus Büros und Privaträumen tonnenweise Unterlagen. Die Ermittler vermuten Abrechnungsbetrug in großem Stil, systematisch geplant von der damaligen Geschäftsführung. Und fahrlässige Körperverletzung.

Eine mutmaßlich Geschädigte ist Doris Strehmann, seit einem Unfall gehbehindert. Sie hatte Schmerzen in der Brust und Angst vor Krebs. Ihre Mutter war bereits an Brustkrebs erkrankt. 2007 ließ sie sich im Medizinischen Versorgungszentrum einer DRK-Klinik untersuchen. Auf der Mammografie einer Brust zeigte sich ein kleiner weißer Fleck – der jedoch als unbedenklich eingestuft wurde.

Doris Strehmann
„2007 haben sie mir gesagt, dass das nix ist und da habe ich mich drauf ja verlassen, weil man sich auf die Ärzte ja verlassen sollte. Da bin ich dann nach Hause gegangen, da war für mich alles erledigt.“

Doch es war Krebs. Und ein Jahr später war der Tumor enorm gewachsen.

Doris Strehmann
„Da war das dann zu sehen wie ein Hühnerei. Da bin ich dann selber noch mal hingegangen. Hab zum Glück eine Freundin mitgenommen, sonst hätte ich sonst was gemacht.“

Doris Strehmann hatte Glück. Der Tumor war zwar sehr aggressiv, hatte aber noch keine Metastasen gebildet. Dennoch fordert sie Schadensersatz von der DRK-Klinik. Das Brustzentrum Göttingen hat ihr in einem radiologischen Gutachten bereits bestätigt, dass die Mammografie damals falsch befundet, der Brustkrebs zu spät erkannt wurde, Zitat:

„Bei korrekter Bewertung hätten weitere diagnostische Maßnahmen bereits im August 2007 zur richtigen Diagnose geführt.“

Was war passiert? Doris Strehmann glaubte sich 2007 in guten Händen. In der Obhut eines Facharztes. Stattdessen wurde das Röntgenbild ihrer Brust von einer Assistenzärztin befundet. So ging es vielen Patienten in den Medizinischen Versorgungszentren der DRK Kliniken. Bis die Sache durch eine anonyme Anzeige aufflog.

Bei ihren Durchsuchungen stießen die Ermittler auf ein raffiniert eingefädeltes System. Das geht aus der Anklageschrift hervor, die KLARTEXT exklusiv vorliegt. Auf 165 Seiten enthüllt sie, wie die damaligen Geschäftsführer der DRK-Kliniken regelrecht Jagd auf Patienten machten, um Umsatz und Profit der Klinik zu steigern. Wir zeigen Karin Stötzner, der Patientenbeauftragten von Berlin, unsere Unterlagen.

Karin Stötzner
Patientenbeauftragte Berlin
„An dieser Geschichte kann man sehen, wie sehr medizinische Versorgung zum Wirtschaftsbereich geworden ist. Zum ökonomischen Feld. Ein Feld, in dem die Akteure schauen, wie sie Erträge erwirtschaften können und wie eben dann Patienten mit ihren Heilungserwartungen zu ökonomischen Größen werden.“

Und so soll die damalige Geschäftsführung vorgegangen sein: Medizinische Versorgungszentren dürfen Krankenhäuser seit 2004 betreiben, mit ambulant tätigen Fachärzten unter einem Dach. Auch die DRK-Kliniken kauften in ganz Berlin Arztpraxen – doch viele dieser Fachärzte wurden in den medizinischen Versorgungszentren gar nicht tätig, sie waren Alibi-Ärzte: Unter ihrem Namen wurden ambulante Behandlungen vielfach nur abgerechnet. Tatsächlich behandelt wurden die Patienten großteils von Ärzten aus der Klinik, auch von Assistenzärzten, wohl weil das billiger war. Die ganze Konstruktion war illegal und aus Sicht der Patientenbeauftragten riskant.

Karin Stötzner
Patientenbeauftragte Berlin
„Faktisch wurden sie durch Ärzte versorgt, die noch in der Ausbildungsphase sind, die behandeln dürfen, weil sie schon approbiert sind, aber die noch nicht den Facharzt-Nachweis haben. Das ist fahrlässig und betrügerisch.“

Gleichzeitig sollten diese Ärzte möglichst viele Patienten in die eigene Klinik einweisen. Das Medizinische Versorgungszentrum war für die Geschäftsführung eine Art „Zulieferbetrieb", um die Klinikbetten zu füllen. Die Geschäftsführung rühmte sich: Rund 2.200 Patienten seien über das ambulante Versorgungszentrum zusätzlich akquiriert, rund 7 Millionen Euro Umsatz zusätzlich erzielt worden.

Die DRK-Kliniken kamen durch das ambulante Versorgungszentrum auch an lukrative Operationen: Laut Anklageschrift wurden ambulante Eingriffe großteils über die Klinik abgerechnet, obwohl die Leistungen auch ambulant – und damit billiger – hätten erbracht werden können.

Davon profitierten offenbar auch die Beschuldigten selbst, durch Bonuszahlungen von bis zu einer halben Million Euro. Patienten als Gelddruckmaschine.

Karin Stötzner
Patientenbeauftragte Berlin
„Wo kann man am besten abrechnen, wo kann ich den größten Gewinn erwirtschaften, wie muss ich sie betiteln, wie muss ich sie am besten eintüten, sind sie ambulant, sind sie stationär zu versorgen, wie ist ihre Krankheit zu beziffern. Und das ist erschreckend, weil auch für die Patienten stehen sie dann als Individuen nicht mehr im Mittelpunkt, sondern sie spüren das natürlich, dass sie eine Abrechnungsgröße sind.“

Seit 15 Monaten liegt die Anklageschrift bei Gericht. Der Vorwurf: Bandenmäßiger Betrug. Warum wurde das Verfahren immer noch nicht eröffnet?

Tobias Kaehne,
Pressesprecher Berliner Strafgerichte
„Es ist so, dass die Wirtschaftsstrafkammer sehr stark belastet ist. Sie hat eine Vielzahl anderer Verfahren zu behandeln, die früher eingegangen sind, zum Teil auch Haftsachen, so dass diese Sache einfach warten muss, bis sie an der Reihe ist.“

Wir haben auch die Beschuldigten um eine Stellungnahme gebeten. Doch niemand wollte sich äußern.


Die neue Geschäftsführung der DRK-Kliniken Berlin teilte uns immerhin schriftlich mit: Man "entschuldige" sich "in aller Form", wenn Patienten in diesem Fall geschädigt worden seien – ausschließen könne man das nicht.


Beitrag von Ursel Sieber und Hermann Müller