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Schon mehrmals berichtete KLARTEXT über Korruptionsverdacht in der Cottbuser Polizei. Daraufhin nahm die Staatsanwaltschaft Ermittlungen auf, eine Sonderkommission der Polizei wurde ins Leben gerufen, der Fall sorgte für Schlagzeilen. Nun wird der Vorwurf der Bestechlichkeit erhoben. Doch es gibt noch mehr brisante Details, denn das korrupte Netzwerk hat offenbar seinen Ursprung in der Vergangenheit. Offensichtlich hat niemand aufgepasst.
Mit unserem Bericht über einen Kriminalkommissar aus Cottbus haben wir kürzlich für Schlagzeilen gesorgt. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen ihn wegen Bestechlichkeit. Ein Cottbuser Sicherheitsdienst soll ihm Luxuskarossen kostenlos zur Verfügung gestellt haben. Gegenleistungen waren vermutlich interne Polizeiinformationen. Doch warum hat niemand von den Kollegen in seiner Dienststelle von diesem "Geschäft auf Gegenseitigkeit" etwas mitbekommen? Die Frage wurde jetzt zur Chefsache beim Polizeipräsidenten...
In der Chefetage beim Polizeipräsidenten des Landes Brandenburg sah man sich nach der Berichterstattung von KLARTEXT veranlasst, hausintern eine Sonderkommission einzusetzen. Ermittler des Landeskriminalamtes sollen den Fall des Cottbuser Kriminalkommissars Uwe R. und seiner Ehefrau – die auch Polizistin ist – aufklären.
Und weil der Polizist fast täglich mit den Autos zur Arbeit kam und nicht wenige Kollegen durch die Polizeiarbeit wussten, dass alle Autos mit dem Buchstaben im Nummernschild OS dem Sicherheitschef Andre Waiß gehörten, stellt sich für den Polizeipräsidenten die Kernfrage, warum dies hier solange geduldet wurde. Chefsache für den Polizeipräsidenten.
Arne Feuring
Polizeipräsident Brandenburg
"Diese disziplinarrechtlichen Ermittlungen richten sich nicht nur gegen den Beschuldigten des Strafverfahrens, sondern die haben ganz klar den Auftrag auch im weiteren Umfeld zu ermitteln, weil wir nach wie vor davon ausgehen müssen, dass dieser Umstand mit dem Kfz hätte bekannt sein müssen und hier wird eben auch sehr intensiv ermittelt.“
Er will die Ursache wissen.
Arne Feuring
Polizeipräsident Brandenburg
„Das ist ja mit einer der gravierendsten Umstände, da dieses Verhalten ja seit mindestens fünf Jahren offensichtlich angedauert hat und es nicht publik, auch nicht dienstintern bekannt gemacht worden ist. Das ist ein ganz großes Problem für uns.“
Ein Restaurant in Cottbus. Wir treffen uns hier mit Insidern, sie müssen anonym bleiben. Angeblich wissen sie, dass diese Verschwiegenheit bei vielen Kollegen mit Korpsgeist zu tun haben soll. Tatsächlich – so recherchieren wir – hat ein Drittel der Fahnder aus der Kriminalpolizei Cottbus eine gemeinsame Vergangenheit: sie waren für den Staatssicherheitsdienst der DDR, kurz STASI, tätig, Zitat:
„Viele von denen waren STASI-mäßig vorbelastet. Aber eine Truppe kam nach der Wende fast komplett zu uns in die Fahndung – das war die besonders geheime Truppe bei der Kriminalpolizei, der K1. Offiziell waren die bei der früheren Kripo der DDR angestellt, inoffiziell haben die aber vorwiegend für die STASI gearbeitet. Die, die es wussten, haben immer gemunkelt, dass diese Kollegen zwei Ausweise hatten, einen Polizei- und einen STASI-Ausweis.“
Eine geheime Truppe bei der Kriminalpolizei der DDR, die für die STASI arbeitete? Wir forschen in der STASI-Unterlagenbehörde nach. Tatsächlich gab es die so genannte K1/U innerhalb der Kriminalpolizei. Das „U“ steht für unbekannt, sagt der Experte.
Rüdiger Sielaff
Außenstellenleiter Stasi-Aufarbeitung
„Die Struktur K1/U der K1 war eine besondere Operativgruppe für Beobachtungen, Ermittlungen und konspirative Observationen, eine streng geheime Struktur über deren Existenz, deren Wirkungsweise, deren Aufgabenfelder weder nach extern noch nach intern Information dringen sollten.“
KLARTEXT
„Ein Staatsgeheimnis?
Rüdiger Sielaff
Außenstellenleiter Stasi-Aufarbeitung
„In dem Befehl von Herrn Dickel, dem Chef der VP und dem Innenminister der DDR wird die Existenz der K1/U als Staatsgeheimnis tituliert.“
Die STASI als Polizei getarnt? Zu DDR-Zeiten ein Staatsgeheimnis. Der beschuldigte Polizeibeamte Uwe R. aus Cottbus soll auch dabei gewesen sein.
In der STASI-Unterlagenbehörde finden wir eine so genannte Besoldungsstammkarte zu ihm. Demnach arbeitete er seit 1988 für das Ministerium für Staatssicherheit, kurz MfS und steht deshalb offenbar auch in der Mitarbeiterliste. Nach außen war er aber seit 1985 beim Ministerium des Innern, kurz MdI, also bei der Polizei angestellt.
Rüdiger Sielaff
Außenstellenleiter Stasi-Aufarbeitung
„Die K1/U ist eine offizielle Struktur der K1 gewesen, die aber unter einem starken Einfluss des MfS stand. Das wird deutlich daran, dass es personelle Verflechtungen gab, dass es eine gemeinsame Ausbildung gab, dass es die Nutzung von Technik des MfS gab und auch eine umfassende Kontrolle des MfS über die Tätigkeit der K1/U.“
Die Aufgaben der Polizisten der K1/U wurden meist von der STASI gestellt. Sie sollten unter anderem in Polizeikluft Demonstrationen von Oppositionellen oder Republikflucht verhindern.
Der Sicherheitsexperte des Bundesligisten Cottbus, Andre Waiß, ist der Spender der Luxuswagen. Er war einmal Kollege von Uwe R. Und auch Waiß hatte zu DDR-Zeiten sieben Jahre lang inoffiziell für die STASI gearbeitet. Eine ehemalige Mitarbeiterin meint, dass er bis heute keinen Hehl daraus macht, Zitat:
„Er führt seine Firma auch heute so. Er muss über jeden alles wissen, damit er es irgendwann gegen denjenigen verwenden kann.“
Konnte man von Uwe R., seinem Freund Andre Waiß sowie ihren Kollegen der K1 erwarten, dass sie als ehemaliger Handlanger einer Diktatur heute nach demokratischen Rechtsnormen arbeiten? Einer, der es wissen muss, ist der ehemalige Polizeipräsident Brandenburgs, Graf von Schwerin. Vor der zuständigen
Enquetekommission des Brandenburger Landtages verneinte er erst kürzlich die Frage entschieden.
Detlef Graf von Schwerin
ehemaliger Polizeipräsident Brandenburg
„Ich denke, wenn jemand über Jahre als Hauptamtlicher oder bei K1 oder über Jahre IM gewesen ist, dann aus meiner Sicht hat er nicht die persönliche Eignung und schon gar nicht für den Aufstieg in den gehobenen Dienst.“
Zu den gemeinsam Netzwerken aus der Vergangenheit wollen uns die Beteiligten nichts sagen.
Wir haben die Beschuldigten befragt. Ihr Anwalt teilte uns mit, Zitat: "Was diese Personen vor 20 bis 30 Jahren gemacht haben, geht Sie schlichtweg nichts an." Das sehen wir allerdings anders.
Beitrag von Renate Rost


