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Mi 23.11.11 22:15

Alle Jahre wieder: Winterchaos bei der S-Bahn?

Es ist noch nicht mal richtig Winter und trotzdem gibt es bei der S-Bahn schon wieder Verspätungen und Zugausfälle. Die Ursachen sind vielfältig - technische Probleme, offenbar zu wenig Personal in den Werkstätten und nicht genügend Zugführer. Die Geschäftsführung sagt, die S-Bahn strenge sich an, aber versprechen wolle sie lieber nichts. Müssen sich die S-Bahn-Kunden damit abfinden, dass sie zwar - abgesehen von einigen Entschuldigungsrabatten - voll zahlen müssen, aber mit der vollen Leistung nicht wirklich immer rechnen können?

Verspätungen, Zugausfälle, Chaos. Man glaubt es kaum: Die S-Bahn hat schon wieder Probleme. Und dabei ist es noch nicht mal richtig Winter. Kaum ein Thema regt Berliner und Brandenburger, die aus dem Umland in die Stadt wollen, mehr auf. Vor allem, weil viele nicht einsehen, dass sie den vollen Fahrpreis zahlen müssen, dafür aber oft keine volle Leistung bekommen. Warum kriegt das S-Bahn-Management die Probleme nicht in den Griff? Ute Barthel.

Ein ganz normaler Novembertag bei der S-Bahn: drängeln, warten und sich ärgern über die Verspätungen.

Passantin
„Das klappt doch jetzt schon nicht, was soll denn das da werden? Sehen Sie sich doch die Züge an: überfüllt ohne Ende, jeden Abend was anderes, jeden Morgen was anderes. Man muss schon zwei Stunden früher los, damit man überhaupt auf Arbeit kommt. Und dann heißt es immer: Wir bitten um Entschuldigung. Das ist der größte Witz!“

Passant
„In Frohnau fällt schon öfter mal, zwei-, dreimal ein Zug aus, hintereinander, und dann ist die S-Bahn in Frohnau schon überfüllt und dann geht’s ja erst richtig los auf Tour. Jetzt kommt sie mal.“

Es herrscht das Prinzip Hoffnung bei der S-Bahn. Die Zuverlässigkeit überwacht der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg. In der letzten Woche lag sie nur bei 83 statt der vereinbarten 97 Prozent.

Hans-Werner Franz, Geschäftsführer Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg
„Wir hatten ideale Temperaturen, um mit einem Schienenfahrzeug zu fahren und in dieser Situation schon ein solches Missmanagement und solch ein schlechter Zustand ist überhaupt nicht hinnehmbar.“

Die S-Bahn klagt über Schwierigkeiten mit der neuen Anlage für den Bremssand, an der sie schon seit langem herumbastelt.

Peter Buchner, Geschäftsführer S-Bahn
„Dazu kommt, dass die Züge einen erhöhten Sandverbrauch haben, das dazu führt, dass leider einige Züge im Netz nur mit 60 Unterwegs sein dürfen. Das führt zu Staus fast wie im Straßenverkehr und führt zu größeren Fahrplanlücken.“

Mal wieder Ärger mit dem Sand, ein altes Problem, das zum ersten Mal 2006 auftrat.

Hans-Werner Franz, Geschäftsführer Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg
„Das war vor fünf Jahren. Und man hat erst mal lange so gut wie gar nichts getan und dann nach langer Zeit angefangen, zu überlegen, wie kann man das verbessern. Und leider hat man es bis heute nicht geregelt.“

Aber liegt es nur an der Technik? Noch immer sind nicht alle Züge fit für den Winter. Die Beschäftigten in den Werkstätten arbeiten rund um die Uhr, um die Motoren und Achsen zu erneuern. Die S-Bahn hat dafür viele Leiharbeiter eingesetzt. Trotzdem reicht das Personal hinten und vorn nicht, um die Instandsetzungsarbeiten bis zum Winter zu schaffen, sagt Peter Polke, Mitglied im Betriebsrat der S-Bahn.

Peter Polke, Mitglied im Betriebsrat
„Wir schätzen, mit 15 Prozent mehr Beschäftigten würden wir das locker schaffen. Warum müssen wir denn jetzt an den Wochenende arbeiten? Weil keine Leute da sind.“

Als Verstärkung bräuchten sie dringend Elektroniker und Ingenieure, die sich mit der Berliner S-Bahn auskennen. Die Arbeiter gingen in den Werkstätten bis an ihre Leistungsgrenze. Was das bedeutet, berichtet uns ein Mitarbeiter aus der Instandhaltung. Er will nicht erkannt werden, da er sonst Disziplinarmaßnahmen fürchtet.

Stimme nachgesprochen
„In den Werkstätten herrschen katastrophale Zustände, die Mitarbeiter wissen gar nicht mehr, wie sie die Arbeit noch schaffen sollen. Einzelne Mitarbeiter haben mittlerweile mehrere 100 Überstunden, haben auf den Jahresurlaub verzichtet, weil sie dringend benötigt werden, weil sie Spezialkenntnisse haben und der Arbeitgeber sich weigert, Einstellungen vorzunehmen.“

Die S-Bahn habe kein Konzept für die Personalplanung, so die Kritik, denn selbst nach der jetzigen Generalüberholung der S-Bahn-Flotte müssen die Züge auch künftig wieder regelmäßig gewartet werden. Die Geschäftsführung hingegen behauptet, dass sie kein Personalproblem habe.

Peter Buchner, Geschäftsführer S-Bahn
„Wir haben alle Azubis übernommen, die in den letzten zweieinhalb Jahren ausgelernt haben und einen ordentlichen Abschluss gemacht haben, das waren 69. Wir haben von den Leiharbeitern die besten übernommen.“
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„Wie viele waren das?“
Peter Buchner, Geschäftsführer S-Bahn
„Das waren noch mal über 40 Mitarbeiter.“

Stimme nachgesprochen
„Ja, das reicht bloß mit. Damit konnten wir gerade die Fluktuation ersetzen. Ansonsten ist doch kaum etwas Neues geschaffen worden. Die haben doch fast 1000 Mitarbeiter abgebaut von 2007 bis 2009 und selbst wenn er 100 einstellt, ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein.“

Zwar hat die S-Bahn im vergangenen Jahr Mitarbeiter eingestellt, doch verglichen mit dem Personalabbau seit 2004 hat sie immer noch rund ein Viertel weniger als zu Zeiten, in denen die S-Bahn noch zuverlässig fuhr.

Hans-Werner Franz, Geschäftsführer Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg

„Wir sehen aus der Erfahrung der letzten Jahre, der letzten drei Winter, dass die Personalanzahl offenbar nicht reicht. Sie reicht nicht bei der Infrastruktur, sie reicht nicht in den Werkstätten, sie reicht nicht beim Service. Und jetzt kommt neu hinzu, dass sie auch nicht beim Fahrpersonal. Wir hatten gerade die letzte Woche wieder erhebliche Probleme, dass Züge nicht gefahren sind, weil nicht genügend Fahrer da waren.“

Denn bei den Fahrern ist der Krankenstand zurzeit extrem hoch, auch weil die Arbeitsbelastung angestiegen ist. Seit einiger Zeit müssen sie an vielen Stationen die Zugabfertigung mit übernehmen. Denn das Bahnhofspersonal wird immer weiter abgebaut.

Peter Polke, Mitglied im Betriebsrat
„Die Kollegen fühlen sich einfach ausgequetscht. Die sind für alles verantwortlich, was am Zug passiert und auf dem Bahnhof. Die Aufsichten, die früher da waren, die den Zug abgefertigt haben, die die Verantwortung übernommen haben für die Zugfahrt als solche, sind nicht mehr da oder wurden abgebaut und dadurch haben wir eine Leistungsverdichtung, die so gestiegen ist, dass man am Ende des Monats sagen muss: ‚Ich kann nicht mehr.‘“

Jetzt werden zwar neue Fahrer nachgeschult, aber die werden erst im nächsten Frühling die ausgelaugten Zugführer verstärken können.

Hans-Werner Franz, Geschäftsführer Verkehrsverbund Berlin Brandenburg
„Es geht zu langsam. Man hat in früheren Zeiten zu viel Personal abgebaut und nun reicht die Zeit, diese Fahrer auszubilden, nicht aus, um schnell genug genügend zu bekommen. Aber das ist ein eindeutiges Missmanagement auf Seiten der S-Bahn.“

Doch trotz dieses mangelhaften Angebots der S-Bahn müssen die Kunden den vollen Preis bezahlen. Zwar gab es Entschuldigungsleistungen für den vergangenen Winter, doch im Moment bekommen die entnervten Fahrgäste keine Entschädigung. Allein die Länder Berlin und Brandenburg profitieren davon, denn an sie muss die S-Bahn wegen der mangelnden Zuverlässigkeit Strafe zahlen.

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„Davon hab ich aber als Kunde nichts oder doch?“
Mattias Gille, Senatsverwaltung Verkehr
„Sie haben als Kunde eine ganze Menge davon, denn das Land Berlin setzt die Gelder, die es von der S-Bahn bekommt , sehr intensiv zum Beispiel bei der BVG in die Instandhaltung von Fahrzeugen, in die Streckeninstandhaltung in die Barrierefreiheit, Fahrstühle in den Stationen, ein.“

Aha. Die unpünktliche S-Bahn finanziert also die Instandsetzungsarbeiten der BVG. Schön für die landeseigene BVG, der Fahrgast hingegen hat davon nur bedingt etwas.



Autorin: Ute Barthel

Dieser Text gibt den Sachstand vom 23.11.2011 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

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