Tierversuche

- Unmenschlich? Die Zahl der Tierversuche in Berlin steigt

Tierversuche einschränken – dieses Ziel hat sich der Senat in seiner Koalitionsvereinbarung selbst gesetzt. Doch im Max-Delbrück-Centrum in Berlin-Buch soll ein Neubau entstehen – mit Platz für 12.000 Versuchstiere. Das Land Berlin ist an der Forschungseinrichtung beteiligt. Verstößt der Neubau also gegen den Koalitionsvertrag? Tierversuchsgegner sagen: Ja. KLARTEXT recherchiert selbst.

Heute ist Welttag des Versuchstiers! Ja, den gibt es wirklich und da wird sicher auch gefeiert, dass seit März keine Kosmetikprodukte für die Tiere sterben mussten, in der EU mehr verkauft werden dürfen. Die Medizinforschung allerdings experimentiert weiter an Tieren, so wie im Forschungszentrum Max-Delbrück im Norden von Berlin. Jetzt wird das Zentrum sogar ausgebaut. Und wie nicht anders zu erwarten, gehen Berliner Tierschützer nun empört auf die Barrikaden. Aber ist dieser Protest auch berechtigt? Andre Kartschall.

Demonstranten
„Tierversuche sind grausam und unnötig, es gibt ganz viele Alternativmethoden."
„Ich finde, alle Tiere sollen frei sein. Also, ich bin gegen alles, ich bin gegen Tierversuche."
„Wenn der Mensch eine Krankheit hat, soll er doch sich selber zur Verfügung stellen für den Versuch."

Forschung Ja – aber bitte ohne Tierversuche. Das forderten rund 1.000 Menschen am vergangen Samstag in Berlin-Mitte. Gemeint war vor allem eine Einrichtung: das Max-Delbrück-Centrum in Berlin-Buch.

Das molekularbiologische Institut will anbauen, um noch mehr Versuchstiere halten zu können.

Wolfgang Apel
Tierschutzverein Berlin
„Wir haben ja gerade in Berlin, dass das Max-Dellbrück-Center erweitert werden soll mit 24 Millionen. Alle sagen, wir wollen von Tierversuchen weg und hier werden sie neu installiert."

Mehr Versuchsmäuse sind ein Problem, denn die Regierungsparteien SPD und CDU haben im Koalitionsvertrag festgelegt:
„Die Koalition wird sich für die Einschränkung von Tierversuchen einsetzen …"
Der Senat sagt dazu: der Wissenschaftsstandort Berlin wächst, mehr Wissenschaftler brauchen auch mehr Mäuse. Außerdem gehe es den Tieren in Berlins moderner Tieranstalt eh besser als im Rest der Republik.

Thomas Heilmann (CDU)
Senator für Verbraucherschutz
„Wir als Senat handeln genau so, wie der Koalitionsvertrag es verspricht, da gibt es auch Leute, die so ein bisschen Hetze betreiben."
KLARTEXT
„Trotzdem gibt's mindestens 6.000 Mäuse mehr anschließend."
Thomas Heilmann (CDU)
Senator für Verbraucherschutz
„Also, ich hatte ja schon gesagt: die Frage ist ja, wo sie untergebracht werden. Und es ist uns nicht gedient, dass wir die Mäuse in einer schlechteren Anstalt in Baden-Württemberg lassen."

Kein Argument für die Tierversuchsgegner – fordern sie doch eine Forschung ganz ohne Tierversuche. Das dürfte schwierig werden, gerade am Max-Delbrück-Centrum. Denn hier wird molekularbiologische Grundlagenforschung betrieben.

Josef Zens
Max-Delbrück-Centrum
„Wenn Sie untersuchen wollen, wie Krebs sich im Körper ausbreitet, welche Organe der Krebs zuerst befällt, dann können Sie das nicht im Reagenzglas machen, dann können Sie es auch nicht in der Petrischale untersuchen oder im Computer. Da brauchen Sie einen lebenden Organismus. Und das geht nur im Tierversuch."

Wie die Tierversuchsgegner diese Forschung ohne Tiere machen wollen, können sie weder dem Max-Delbrück-Centrum noch uns erklären. Stattdessen gehen sie lieber zum Angriff über.

Wolfgang Apel
Tierschutzverein Berlin
„Das Max-Delbrück-Centrum soll sich sehr zurückhalten, denn alleine die Tierhaltung, die ja sehr auffällig geworden ist in den letzten Jahren, zeigt, welche Verantwortungslosigkeit dort herrscht."
Josef Zens
Max-Delbrück-Centrum
„Das war ein Fall, wo eine Maus verhungert ist. Das war sehr traurig, da gab's auch Ärger. Da wurden Mitarbeitergespräche geführt, dass es nicht mehr passiert. Da hatte ein Pfleger einen Fütterungshinweis übersehen. Die Maus hatte keine Zähne und dann sollte die Flüssigfutter bekommen. Er hat das übersehen und hat ihr Festfutter übers Wochenende gegeben und die Maus ist verhungert."

Die verhungerte Maus war der gravierendste Vorfall in den vergangenen Jahren. Sie blieb das einzige – unbeabsichtigte – Todesopfer. Planmäßig gestorben wird allerdings viel häufiger: 30.000 von 50.000 Tieren werden jedes Jahr getötet. Notwendige Opfer, so sehen es die Wissenschaftler.

Josef Zens
Max-Delbrück-Centrum
„Schluckimpfung gegen Kinderlähmung: an Tierversuchen ausprobiert, HIV-Kombinationstherapie: über Tierversuche entwickelt. Bluttransfusion, Herztransplantation: das alles könnte man sich ohne Tierversuche nicht vorstellen. Insulin, ganz wichtig. Die wichtigsten medizinischen Fortschritte beruhen auf Tierversuchen."

Tierversuche werden übrigens nur genehmigt, wenn keine andere Methode zur Verfügung steht. Das überprüft auch eine sogenannte Tierversuchskommission. Und in der sitzen immer auch Tierschützer.

Gerald Hübner ist einer davon, sogar ein erklärter Tierversuchsgegner. Seit 1987 sitzt er in der Berliner Kommission. Meistens stimmt er gegen die Versuche oder enthält sich. 25 Jahre zwischen allen Stühlen.

Gerald Hübner
Tierversuchsgegner
Tierversuchskommission Berlin
„Tatsächlich: es ist – so wie die Medizin heute läuft – natürlich nicht alles ersetzbar. Und das wird immer ein Dilemma bleiben, auch für den Tierversuchsgegner – er wird sich bemühen, Dinge zu reduzieren, Forschungsrichtungen zu fördern, die vom Tierversuch weggehen können. Aber hundertprozentig ersetzen heute, jetzt, sofort, ist völlig illusorisch."
KLARTEXT
„Sagt der Tierversuchsgegner?"
Gerald Hübner
Tierversuchsgegner
Tierversuchskommission Berlin
„Ja, das ist einfach, das ist die Tatsache. Leider, die traurige Tatsache."

Forschung ganz ohne Tierversuche – momentan eine Utopie. Doch vielleicht gibt es ja andere Möglichkeiten, Tieren Leid zu ersparen:

Die Zahl der Versuchstiere, die jedes Jahr in Deutschland sterben, liegt bei drei Millionen.

Das ist viel, doch deutsche Jäger erlegen viel mehr Tiere: fünf Millionen.

Und die allermeisten Tiere sterben aus einem anderen Grund: 650 Millionen werden jedes Jahr von Menschen gegessen. 
 

Beitrag von André Kartschall