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Mi 08.02.06 22:05

Etikettenschwindel: Wie CDU-Politiker Mario Czaja zu seinem Hochschulstudium kam

Mario Czaja (30), der Vorsitzende des CDU-Kreisverbandes Marzahn-Hellersdorf und Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses, schmückt sich nach mit einem in Deutschland nicht anerkannten Hochschulabschluss. Laut Handbuch des Berliner Abgeordnetenhauses für die 15. Wahlperiode hat Mario Czaja von 2002 bis 2005 ein „postgraduales Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Freien Univ. Teufen/St. Gallen“ absolviert und als „Diplom-Ökonom“ abgeschlossen. Doch anscheinend verbirgt sich hinter der Freien Universität Teufen nur eine Briefkastenfirma, die ihren Sitz in einer kleinen Wohnung im Appenzeller Land hat.

Mit der Berliner CDU geht es ja wieder bergauf. Die Scharmützel sind beendet, die Kiezfürsten zuerst mal wieder auf Linie gebürstet. Jetzt ist wieder Ruhe im Karton. Und der Spitzenkandidat Pflüger, den die Kanzlerin ihren Berliner Parteifreunden empfohlen hat, der ist schon dabei, sein Wahlkampfteam aufzustellen. Wir dürfen gespannt sein, ob Mario Czaja mit dabei sein wird. Auch er ist ein Hoffnungsträger von Angela Merkel. Für ihn ging es bisher immer steil bergauf: Jetzt zeigt sich: Das war mehr Schein als Sein. Peinlich für ihn, peinlich für die Berliner CDU. Michael Beyer berichtet.

Technische Universität Berlin heute morgen. Der Wissenschaftsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses kommt zusammen. Die Stimmung ist gut. Denn die Volksvertreter sind gerade von einer Bildungsreise in die USA zurück. Kaliforniens Eliteuniversitäten haben sich die Politiker angesehen.

Einer ist in den USA geblieben und hat noch ein bisschen Urlaub rangehängt. Mario Czaja. Für die CDU der Fachmann für Forschung und Wissenschaft. Er selbst ist studierter Diplom-Ökonom, den Abschluss frisch in der Tasche – so steht es jedenfalls im Abgeordnetenbuch.

Nikolas Zimmer (CDU), Fraktionsvorsitzender
„So weit ich weiß, handelt es sich um einen Studiengang, den er in der Schweiz absolviert hat. Diplom-Ökonom ist wohl der Abschluss. Mehr damit befasst habe ich mich allerdings nicht.“

Die Schweizer Universität wirbt in einschlägigen Zeitschriften um Kundschaft. Man honoriere berufliches Fachwissen und verleihe Doktor- und Professortitel. Respekt. Doch wir wollen mehr wissen über diese Karriereschmiede.

Unter dem Stichwort Titelmühlen finden wir auch die Freie Universität Teufen im Netz. Das sind Pseudo-Unis, die für wenig Aufwand und viel Geld akademische Titel verleihen.

Der Münchner Professor Manuel Theisen, Experte für Hochschulabschlüsse, fällt über die Universität Teufen ein vernichtendes Urteil.

Prof. Manuel Theisen, Maximilians Universität München
„Das ist kein Lehrbetrieb. Das ist kein Lehrprogramm. Es sind keine Lehrpersonen. Es ist ein Briefkasten.“

Bereits der Internetauftritt der Uni Teufen ist dubios. Es fehlen Links zu Professoren und zu Seminaren. Statt richtiger Adresse: ein Postfach.

Prof. Manuel Theisen, Maximilians Universität München
„Interessanterweise hat weder der Rektor, noch der Dekan irgendeinen Titel. Das ist auch interessant. Offensichtlich handelt es sich um die beiden Putzfrauen. Die haben noch nicht einmal ihr Diplom, wo sie es doch so günstig anbieten.“

Professor Theisen wirft auch einen Blick auf den Lebenslauf von Mario Czaja. Eine Sammlung kleiner Schönheitsfehler. So gibt er für das Jahr 95 „Gymnasium“ an. Nicht Abitur. Denn das hat er nicht geschafft.

Sein Studium in der Schweiz adelt er als postgraduales Studium – als er hätte er bereits ein anderes Hochschulstudium absolviert.

Prof. Manuel Theisen, Maximilians Universität München
„Das ist kein Lebenslauf. Das ist keine Ausbildung. Sondern das ist eine höchst phantasievolle Zusammenstellung von Unwahrheiten.“

Drei Jahre gibt Mario Czaja an, bis zum Abschluss studiert zu haben. Offiziell müssen dafür alle Studenten der Uni Teufen eine Diplomarbeit erstellen und eine Abschlussprüfung absolvieren. Aber es geht wohl auch anders.

In Berlin treffen wir Otto Gantert. Er bietet „akademisches Ghostwriting“ an. Mit Mario Czaja hat er nichts zu tun. Mit der Freien Universität Teufen jedoch schon. Seine Agentur hat im Auftrag der Uni Teufen akademische Arbeiten erstellt. Gutachten nennt Gantert das selbst und meint: seine Arbeiten sind vermutlich an zahlende Titelanwärter der Uni Teufen weitergegeben worden, um damit den Schein eines akademischen Verfahrens zu wahren.

Otto Gantert, Promotionsberater
„Teufen hat uns des Öfteren beauftragt, Gutachten zu erstellen für Themen, die dann möglicherweise oder vermutlich als Diplomarbeiten oder Dissertationsschriften verwendet worden sind.“

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„Das heißt, sie haben Diplomarbeiten geschrieben oder schreiben lassen?“
Otto Gantert, Promotionsberater
„Ich habe Gutachten erstellt oder erstellen lassen, durch eine meiner Co-Autoren die dann eine Verwendung gefunden hat, die ich nicht hinterfrage.“

Es wird immer dubioser. Wir fahren in die Schweiz. Dahin, wo Mario Czaja auch gewesen sein müsste. An die Universität Teufen. Es dauert eine Weile, bis wir hinter der Postfachadresse eine Anschrift in der Stadt Appenzell finden und hier landen: in einem Wohnviertel. Ein Messingschild führt uns weiter - in eine kleine Wohnung im Dritten Stock. Schlägt hier also das Herz der Freien Universität Teufen?

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„Können wir mal einen Blick in Ihre Universität rein werfen?“

Die Nachbarn bekommen vom Unibetrieb in ihrem Wohnhaus wenig mit. Sie zählen nur die edlen deutschen Autos vor ihrem Haus.

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„Was läuft hier?“
Nachbar
„Ja, was läuft hier? Letztens war ein deutscher Mercedes hier, schöner Wagen. Sonst nichts. Grosse Autos. Rolls Royce, Mercedes.“

Selbst einmal die Schweizer Bildungsbehörde weiß nicht, was sich hinter den Kulissen der Uni Teufen abspielt.

Christian Aergerter, Erziehungsdirektion Appenzell
„Wir haben keinen Kontakt zu dieser Universität. Ich kenn die auch nicht genau. Ich habe auch keinen Einblick, was sie macht.“

Die Universität Teufen ist in der Schweiz staatlich nicht anerkannt. Aber legal. Fast jeder kann im Kanton Appenzell eine Uni gründen. Denn hier fehlt ein Hochschulgesetz, das Standards und Regeln für den Unibetrieb vorschreibt.

Die Abschlüsse der Universität Teufen sind wertlos – die Schweiz erkennt sie nicht an. Deutschland schon gar nicht. Da urteilt die Berliner Senatsverwaltung für Wissenschaft und Forschung knapp und eindeutig.

Dr. Brigitte Reich, Senatsverwaltung für Wissenschaft und Forschung
„Die rechtliche Situation ist so: da es keine vom Heimatland anerkannte Hochschule ist, dürfen die Abschlüsse hier auch nicht geführt werden.“

Diplome aus Teufen – auch juristisch heikel. Denn wer sie als Titel öffentlich ausweist, riskiert eine Strafanzeige wegen Titelmissbrauchs. Im Fall von Mario Czaja hat im Januar sogar die Staatsanwaltschaft ermittelt, jedoch das Verfahren eingestellt. Interneteinträge und der Vermerk im Abgeordnetenbuch waren für die Behörde kein Anlass für ein Strafverfahren.

Höchst peinlich für die Hauptstadt-CDU ist der Fall trotzdem. Schließlich sitzt Mario Czaja ausgerechnet im Wissenschaftsausschuss.

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„Wussten Sie, dass die Universität Teufen eine Uni ist, wo man seinen Titel für geringen Aufwand kaufen kann?“

Nikolas Zimmer, Fraktionsvorsitzender CDU
„Das wusste ich nicht. Ich habe mich ehrlich auch damit nicht beschäftigt weil ich es auch für nicht statthaft halte, akademische Würden sich anders zu erarbeiten, als dadurch, dass man sich tatsächlich anstrengt und entsprechende Abschlüsse erwirbt.“

Mehrfach haben wir versucht, Mario Czaja persönlich zu befragen. Mails geschickt und telefoniert. Doch er ist noch in den USA. Dort, wo er eigentlich hingeflogen war, um sich als CDU-Wissenschaftsexperte ausgerechnet Eliteunis anzuschauen.

Beitrag von Michael Beyer

Stand vom 08.02.2006

Dieser Beitrag gibt den Sachstand vom 08.02.2006 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

Video 08.02.06

Logo: Klartext (Quelle: rbb)

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Wie CDU-Politiker Mario Czaja zu seinem Hochschulstudium kam

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

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