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Eine viertel Million mehr Berliner soll es im Jahre 2030 geben, so prognostiziert es der Senat - und fragt sich: Wo sollen die alle wohnen? KLARTEXT hingegen fragt: 250.000 Menschen - wo sollen die eigentlich herkommen?
Was für viele Berliner eine ziemlich erschreckende Vorstellung ist, ist für den Berliner Senat ein Erfolg. Nach dem Motto: Je größer der Zuzug in eine Stadt, umso toller sie muss sie wohl sein. Doch stimmt die neueste Bevölkerungsprognose überhaupt, die der Senat jüngst vorgelegt hat? André Kartschall hat die Rechnung überprüft.
250.000 zusätzliche Berliner im Jahr 2030: Wo sollen die wohnen, arbeiten – oder auch nur einen Parkplatz finden? Solche Fragen stellen sich viele seit der Berliner Senat seine Bevölkerungsprognose für das Jahr 2030 präsentiert hat.
Dieser Mann hingegen fragt sich erst einmal: Wo sollen all die Menschen überhaupt herkommen? Demografie-Experte Harald Michel von der Humboldt-Universität. Die Berechnung des Senats hat er sich genauer angesehen.
Erster Punkt: die Zuwanderung aus dem Ausland:
130.000 Menschen sollen allein von dort kommen. Durch die Euro-Krise zogen zuletzt zwar auch Südeuropäer nach Berlin. Doch mit Abstand die meisten Zuwanderer kommen aus Osteuropa. Unangefochtener Spitzenreiter: die Polen! Seit 2011 ist ihre Zahl rasant angestiegen. Doch die Freude über die Zuwächse dürfte von kurzer Dauer sein, denn:
Harald Michel
Humboldt-Universität Berlin
„Erstens schrumpft die polnische Bevölkerung genauso wie die deutsche. Es wird also auch in Zukunft dort weniger junge Menschen geben, die ihr Glück im Ausland versuchen werden. Ein zweiter Punkt ist, wir hatten durch melderechtliche Besonderheiten einen Anstieg in den letzten Jahren, der jetzt wieder abebben wird. Dieser Sondereffekt ist kein langfristiger Trend in der Zuwanderung."
Denn viele Polen dürfen sich erst seit 2011 hier anmelden – und holen das jetzt nach. Der Zuzug aus Polen also: statistisch ein so genannter „Einmaleffekt". Genauso wie – hoffentlich auch – die Euro-Krise in Südeuropa. Das Plus aus dem Ausland insgesamt also: fraglich.
Bleibt das Inland: zunächst einmal die Neuen Bundesländer, selbst schon arg entvölkert. Ausgerechnet von hier erwartet Berlin immerhin noch 50.000 Bürger. Doch:
Harald Michel
Humboldt-Universität Berlin
„Die Frage ist, ob es noch genügend junge Menschen gibt. Wir werden ab 2015 in diesen Altersgruppen, die für Wanderung relevant sind, eine Reduktion um etwa 50 Prozent der Altersgruppe erhalten. Das ist der Geburtenknick, der jetzt in diese Altersgruppe hineinwächst. Dann stehen einfach mal nur noch 50 Prozent der jetzt vorhandenen jungen Leute überhaupt für eine Wanderung theoretisch zur Verfügung."
Zweifel gibt es also auch hier. Bleiben noch die Alten Bundesländer: Von dort erhofft sich die Hauptstadt sage und schreibe 190.000 Neu-Berliner. Doch der Westen hat bald ganz ähnliche Probleme wie der Osten.
Harald Michel
Humboldt-Universität Berlin
„Also erstens mal werden auch die alten Bundesländer ab 2015/20 in eine Stabilisierungsphase der Bevölkerung eingehen. Das heißt, auch dort werden die Bevölkerungszahlen sinken, auch die der jungen Menschen. Und zweitens mal ist unwägbar, wie sich die weitere Entwicklung in Berlin in Bezug auf die Bundeshauptstadt entwickelt. Sollten sämtliche Ministerien nach Berlin verlagert werden, ist so ein Sondereffekt noch mal denkbar. Es ist eher nicht so abzusehen, ob das passiert. Und dann glaube ich, dass diese Zahl weit optimistisch überhöht ist."
Damit stünden sämtliche Wanderungsgewinne in Frage. Und: Berlin rechnet auch noch mit Wegzügen in das Umland, den Speckgürtel: 100.000 Menschen Verlust. Droht Berlin sogar zu schrumpfen? Doch der Demograf bezweifelt auch diese Zahl.
Harald Michel
Humboldt-Universität Berlin
„Es ist zu vermuten, es steht sicher zu vermuten, dass diese Abwanderung, diese Suburbanisierung, ihren Höhepunkt längst überschritten hat und eher in den gegenteiligen Prozess umschlagen wird. Das geben auch die meisten Zahlen zu, das heißt also, die Abwanderung Berlins wird etwas geringer sein, als veranschlagt.“
Also ein weiterer Unsicherheitsfaktor. Der einzige Punkt der Rechnung, der sicher scheint, ist der sogenannte Sterbeüberschuss, also die Differenz zwischen Todesfällen und Geburten.
Wir wollen von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung wissen, was sie zu all den Kritikpunkten sagt. Schriftlich antwortet sie, Zitat:
„Alle ... Bedenken sind in die Überlegungen eingegangen und wurden abgewogen."
Gern hätten wir in bei Senator Müller nachgefragt, wie dann dennoch eine viertel Million Bevölkerungszuwachs herauskommen konnte. Doch ein Interview gibt es nicht. Harald Michel jedenfalls hat für die optimistischen Zahlen des Senats eine ganz einfache Erklärung.
Harald Michel
Humboldt-Universität Berlin
„In einer Prognose steckt immer Wunschdenken."
KLARTEXT
„In der auch?"
Harald Michel
Humboldt-Universität Berlin
„In jeder."
Übrigens zur Erinnerung: Nach der Wiedervereinigung, da hatten die Statistiker Berlin auch ein schnelles Wachstum vorhergesagt: nämlich auf rund fünf Millionen Einwohner. Und wie wir heute wissen, war diese Prognose auch schon reines Wunschdenken.
Beitrag von André Kartschall
250.000 zusätzliche Berliner im Jahr 2030: Wo sollen die wohnen, arbeiten – oder auch nur einen Parkplatz finden? Solche Fragen stellen sich viele seit der Berliner Senat seine Bevölkerungsprognose für das Jahr 2030 präsentiert hat.
Dieser Mann hingegen fragt sich erst einmal: Wo sollen all die Menschen überhaupt herkommen? Demografie-Experte Harald Michel von der Humboldt-Universität. Die Berechnung des Senats hat er sich genauer angesehen.
Erster Punkt: die Zuwanderung aus dem Ausland:
130.000 Menschen sollen allein von dort kommen. Durch die Euro-Krise zogen zuletzt zwar auch Südeuropäer nach Berlin. Doch mit Abstand die meisten Zuwanderer kommen aus Osteuropa. Unangefochtener Spitzenreiter: die Polen! Seit 2011 ist ihre Zahl rasant angestiegen. Doch die Freude über die Zuwächse dürfte von kurzer Dauer sein, denn:
Harald Michel
Humboldt-Universität Berlin
„Erstens schrumpft die polnische Bevölkerung genauso wie die deutsche. Es wird also auch in Zukunft dort weniger junge Menschen geben, die ihr Glück im Ausland versuchen werden. Ein zweiter Punkt ist, wir hatten durch melderechtliche Besonderheiten einen Anstieg in den letzten Jahren, der jetzt wieder abebben wird. Dieser Sondereffekt ist kein langfristiger Trend in der Zuwanderung."
Denn viele Polen dürfen sich erst seit 2011 hier anmelden – und holen das jetzt nach. Der Zuzug aus Polen also: statistisch ein so genannter „Einmaleffekt". Genauso wie – hoffentlich auch – die Euro-Krise in Südeuropa. Das Plus aus dem Ausland insgesamt also: fraglich.
Bleibt das Inland: zunächst einmal die Neuen Bundesländer, selbst schon arg entvölkert. Ausgerechnet von hier erwartet Berlin immerhin noch 50.000 Bürger. Doch:
Harald Michel
Humboldt-Universität Berlin
„Die Frage ist, ob es noch genügend junge Menschen gibt. Wir werden ab 2015 in diesen Altersgruppen, die für Wanderung relevant sind, eine Reduktion um etwa 50 Prozent der Altersgruppe erhalten. Das ist der Geburtenknick, der jetzt in diese Altersgruppe hineinwächst. Dann stehen einfach mal nur noch 50 Prozent der jetzt vorhandenen jungen Leute überhaupt für eine Wanderung theoretisch zur Verfügung."
Zweifel gibt es also auch hier. Bleiben noch die Alten Bundesländer: Von dort erhofft sich die Hauptstadt sage und schreibe 190.000 Neu-Berliner. Doch der Westen hat bald ganz ähnliche Probleme wie der Osten.
Harald Michel
Humboldt-Universität Berlin
„Also erstens mal werden auch die alten Bundesländer ab 2015/20 in eine Stabilisierungsphase der Bevölkerung eingehen. Das heißt, auch dort werden die Bevölkerungszahlen sinken, auch die der jungen Menschen. Und zweitens mal ist unwägbar, wie sich die weitere Entwicklung in Berlin in Bezug auf die Bundeshauptstadt entwickelt. Sollten sämtliche Ministerien nach Berlin verlagert werden, ist so ein Sondereffekt noch mal denkbar. Es ist eher nicht so abzusehen, ob das passiert. Und dann glaube ich, dass diese Zahl weit optimistisch überhöht ist."
Damit stünden sämtliche Wanderungsgewinne in Frage. Und: Berlin rechnet auch noch mit Wegzügen in das Umland, den Speckgürtel: 100.000 Menschen Verlust. Droht Berlin sogar zu schrumpfen? Doch der Demograf bezweifelt auch diese Zahl.
Harald Michel
Humboldt-Universität Berlin
„Es ist zu vermuten, es steht sicher zu vermuten, dass diese Abwanderung, diese Suburbanisierung, ihren Höhepunkt längst überschritten hat und eher in den gegenteiligen Prozess umschlagen wird. Das geben auch die meisten Zahlen zu, das heißt also, die Abwanderung Berlins wird etwas geringer sein, als veranschlagt.“
Also ein weiterer Unsicherheitsfaktor. Der einzige Punkt der Rechnung, der sicher scheint, ist der sogenannte Sterbeüberschuss, also die Differenz zwischen Todesfällen und Geburten.
Wir wollen von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung wissen, was sie zu all den Kritikpunkten sagt. Schriftlich antwortet sie, Zitat:
„Alle ... Bedenken sind in die Überlegungen eingegangen und wurden abgewogen."
Gern hätten wir in bei Senator Müller nachgefragt, wie dann dennoch eine viertel Million Bevölkerungszuwachs herauskommen konnte. Doch ein Interview gibt es nicht. Harald Michel jedenfalls hat für die optimistischen Zahlen des Senats eine ganz einfache Erklärung.
Harald Michel
Humboldt-Universität Berlin
„In einer Prognose steckt immer Wunschdenken."
KLARTEXT
„In der auch?"
Harald Michel
Humboldt-Universität Berlin
„In jeder."
Übrigens zur Erinnerung: Nach der Wiedervereinigung, da hatten die Statistiker Berlin auch ein schnelles Wachstum vorhergesagt: nämlich auf rund fünf Millionen Einwohner. Und wie wir heute wissen, war diese Prognose auch schon reines Wunschdenken.
Beitrag von André Kartschall


