Hausarzt behandelt einen Patienten (Quelle: rbb)

- Alarmierend - Hausärztenotstand in Brandenburg

Die ambulante Gesundheitsbetreuung läuft auch in Brandenburg ungebremst auf den Kollaps zu. In den nächsten fünf Jahren wird ein Drittel der niedergelassenen Ärzte in Rente gehen, und junge Ärzte, die die Hausarztpraxen, besonders in den Randgebieten übernehmen möchten, sind kaum in Sicht. Ohne zusätzliche finanzielle Unterstützung werde sich dieser Trend nicht umkehren lassen, so Experten. KLARTEXT zeigt, am Beispiel Guben, wie dort wo immer weniger Allgemeinmediziner arbeiten, die hausärztliche Versorgung leidet.

Kamera: Omar El Chanati
Schnitt: Wilfried Hübner

89 Jahre lebt Johanna Vogel in Guben. Und in den letzten dreißig Jahren musste sie kein einziges Mal zum Arzt. Doch vor kurzem bekam sie eine Bronchitis. Auf den Vorschlag der Notärztin aber wollte sie nicht eingehen:

O-Ton Johanna Vogel
Ich geh’ nicht ins Krankenhaus. Ich kann zuhause genauso gut sterben, wie im Krankenhaus. Wenn es doch aber so schwierig ist, einen Hausarzt zu finden.
Dann kommt eben keiner.


Ihr Pech, sie hat keinen Hausarzt und übernehmen will sie von den niedergelassenen Kollegen keiner. Wie Johanna Vogel kann es jedem gehen, der zu lange einfach nur gesund war. Denn in den brandenburgischen Weiten herrscht akuter Ärztemangel:

O-Ton Karl-Heinz Vogel, Sohn
Dann habe ich noch verschiedene Ärzte konsultiert. Meistens bin ich ja nur zu den Schwestern durchgekommen. Und die haben dann dieses Argument vorgebracht – Überlastung, Überlastung, Überlastung.

Selbst langjährige Patienten müssen oft auf einen Termin beim Hausarzt warten. Ärzte halten das für unverantwortlich. Doch selbst wer in Guben Glück und einen Hausarzt hat, weiß nicht, wie lange noch. Mehrere Mediziner stehen vor dem Ruhestand:

O-Ton Umfrage
Müssen wir sehen, wie es weitergeht. Das wissen wir auch noch nicht. Guben ist ja so, mit Ärzteengpass. Die Ärzte werden alle älter, wenn man mal die Reihe durchguckt, wir sind Gubener, wir wissen, was hier noch an Ärzten ist. Es werden immer weniger. Wir kriegen langsam Angst.

Bei denen, die noch arbeiten quellen die Terminkalender über, obwohl sie neue Patienten ablehnen:

O-Ton Andreas Keller, Hausarzt
Also um die hundert sind die Spitzen. Und achtzig ist heutzutage ein ruhiger Tag. Vor zwei, drei Jahren war noch ein normaler Tag mit sechzig Patienten. Und ein halber Tag, wie Mittwoch oder Freitag, vierzig Patienten. Jetzt haben wir an einem halben Tag vierzig und an einem langen Tag sechzig bis hundert.

Derart belagert, haben die Niedergelassenen, wie Andreas Keller, häufig siebzig Stunden Wochen. Und bewegen sich dabei auch noch im Grenzbereich des Verantwortbaren:

O-Ton Andreas Keller, Hausarzt
Normalerweise müsste ich vor jeder Spritze erst einen viertelstündigen Vortrag halten, was alles für Nebenwirkungen sind, damit der Anwalt nicht kommt. Dann ist es ja einfach auszurechnen, dass das bei hundert Patienten am Tag nicht zu schaffen ist, vom Zeitbudget.

Ab acht Uhr morgens strömen die Patienten in seine Praxis. Aber auch die müssen warten, wenn ein Notfall dazukommt. Kurz vor neun ist es ein Anruf aus einem Pflegeheim. Über eine Stunde wird der Besuch insgesamt in Anspruch nehmen. Reich wird Keller dadurch nicht. Sicher weiß er nur, in seiner Praxis warten jetzt noch mehr. Die alte Dame muss ins Krankenhaus, sie hat eine Herzattacke. Und so ist die Situation in Guben inzwischen einigermaßen absurd. Eigentlich soll der Hausarzt ja helfen, dass der Patient gar nicht erst zum Notfall wird. In Guben aber kommt er erst, wenn man schon einer ist. Kurz nach zehn, zurück in der Praxis. Auf absehbare Zeit wird sich für Keller und seine noch in Guben praktizierenden Kollegen nichts ändern:

O-Ton Andreas Keller, Hausarzt
Im Moment sehe ich keine sehr rosige Perspektive: Das immer mehr, wie schon jetzt, Patienten zum Arztbesuch in die umliegenden größeren Städte fahren müssen, dass die Wartezimmer so voll sein werden, dass sich mancher überlegen wird, ob er sein relativ geringfügiges Leiden nicht selber auskuriert, und es immer mehr zu einer Ansammlung von schweren Fällen kommen wird.

Dabei wäre Abhilfe durchaus möglich. Praxen, mit stattlichen Patientenkarteien, die junge Mediziner übernehmen könnten, gibt es genug. Sie werden inzwischen angeboten wie Sauerbier. Doch die Arbeits- und Lebensbedingungen schrecken arbeitssuchende Mediziner derart, dass sie eine Praxis in Guben nicht mal geschenkt haben wollen:

O-Ton Andreas Keller
Es sind von den hausärztlichen Kollegen insgesamt sechs Ärzte in den Ruhestand gegangen. So dass sich deren Patientenzahl auf die verbliebenen Hausärzte verteilen musste. Und von diesen sechzehn sind meines Wissens ungefähr zehn, bei denen man damit rechnen muss, dass sie in den nächsten fünf Jahren auch in den Ruhestand treten. Und keiner dieser, bisher in den Ruhestand gegangenen oder in den Ruhestand gehenden Kollegen, konnte einen Nachfolger für seine Praxis finden.

Wie auch. Denn nach dem Gehetze in der Praxis, unterbrochen von Notfällen, stehen ab 14.00 Uhr noch die ganz regulären Hausbesuche auf Kellers Programm. Ein täglicher Marathon für knapp zweitausend Euro im Monat..Diskutiert wird nun, ob die Anhebung der Arzthonorare, zumindest auf Westniveau, helfen könnte. Keller allerdings hält das für zu wenig:

O-Ton Andreas Keller
Für die nächsten Jahre sehe ich keine Besserung. Selbst dann nicht, wenn solche finanziellen Verbesserungen in Aussicht sind.
Was bedeutet das für die Patienten?
Weite Wege, lange Wartezeiten, volle Wartezimmer. Stress.
Das heißt, man darf in Guben nicht mehr krank werden?
So ungefähr.


Inzwischen hat auch die Kassenärztliche Vereinigung das Problem erkannt. So richtig konkret wird hier aber eben auch niemand:

O-Ton Dr. Hans-Joachim Helming, Vors. Kassenärztliche Vereinigung
Wenn da nicht jetzt was passiert, und solche Sachen kann man nicht nachgängig korrigieren. Man muss jetzt, wenn man weiss, in fünf Jahren entsteht dieser Ärztemangel mit diesen dramatischen Auswirkungen, man muss jetzt gegensteuern, nicht erst in fünf Jahren. Dann ist alles zu spät. Dann kriegt man das Versorgungsdefizit nicht mehr gerade gezogen.

Die neunundachtzigjährige Johanna Vogel aus Guben muss jedenfalls weiter ohne Hausarzt auskommen. Wahrscheinlich sieht sie erst wieder einen Arzt, wenn sie ein Notfall ist.