Ein Älterer Mann in seiner Wohnung (Quelle: rbb)

- Tausende ohne Krankenversicherung – immer mehr Berliner und Brandenburger im sozialen Abseits

Tausende Brandenburger und Berliner sind inzwischen nicht mehr in der gesetzlichen Krankenversicherung versichert und können sich eine private Absicherung nicht leisten. Darunter sind viele ehemalige Selbständige, deren Unternehmen gescheitert sind. Eine weitere Gruppe: Arbeitslose, die kein Arbeitslosengeld II bekommen, weil ihr Einkommen aus der Bedarfsgemeinschaft 10 oder 20 Euro über der Bemessungsgrundlage liegt. Die Krankenkassenbeiträge steigen dann sogleich um über 100 Euro – für viele nicht bezahlbar. Die Folge: Krankheitskosten werden zur Schuldenfalle.

Bis zu 1, 3 Millionen Menschen in Deutschland haben keine Krankenversicherung, zig Tausende davon leben in Berlin und Brandenburg. Denn, wer mal nicht zahlen kann, dem droht der Rausschmiss. Ohne Absicherung ist jede Krankheit ein unkalkulierbares Risiko. Michael Beyer stellt Menschen vor, die aus sehr unterschiedlichen Gründen durch das Netz gerutscht sind.

Eine Taxifahrt in Brandenburg. Der Fahrer will nicht erkannt werden. Doch er redet offen über sein größtes Problem: Er ist er nicht krankenversichert:

Taxifahrer
„Ich lebe jetzt ohne Krankenversicherung schon vier Jahre. Die Beiträge sind für mich als kleiner Selbstständiger viel zu hoch."

Seine private Krankenversicherung hatte ihm gekündigt, weil er zwei Raten nicht bezahlen konnte. Für 500 Euro im Monat käme er zurück in die Versicherung. Doch das ist zuviel für den Selbständigen. Momentan lebt er von 600 Euro im Monat, also gerade 100 Euro mehr, als er für die Krankenversicherung zahlen müsste. Und so geht er lieber gar nicht zum Arzt.

Taxifahrer
„Ich habe eine Handverletzung, stellenweise Zahnschmerzen, dann sind viele Zähne abgebrochen. Es fällt mir natürlich schwer, den Leuten zu begegnen, die bei mir ins Taxi steigen und es ist mir natürlich peinlich. Und man selbst fühlt sich wie ein Asozialer und arbeitet dabei.“

Andere private Krankenkassen wollen den 57jährigen nicht – zu hohes Gesundheitsrisiko. Und: gesetzliche Krankenkassen nehmen Selbstständige über 55 grundsätzlich nicht mehr auf.

Winfriet Wagner, selbstständiger Architekt aus Berlin. Auch er war bei seiner Kasse in Rückstand geraten. Die Folge: Kündigung. Seit zehn Jahren lebt er ohne Krankenversicherung.

Winfriet Wagner, Architekt
"Es hat tiefe Zeiten der Verzweiflung gegeben. Das ist natürlich auch dann nicht dem Beruf zuträglich. Da geht man unter Deck. Das führt dazu, dass man verdrängt."

Auch Winfriet Wagner muss zum Arzt. Mund und Kiefer sind seit Jahren entzündet, in seiner linken Gesichtshälfte wuchert eine Geschwulst. Tumorverdacht.

Winfriet Wagner, Architekt
„Es wächst kontinuierlich. Sie können sehen, dass ich völlig deformiert bin auf der einen Seite. Das ist das äußere Kennzeichen.“

Winfriet Wagner ist vor einem Monat dann doch noch bei der AOK untergekommen. Weil er früher einmal angestellt war. So bekommt er jetzt eine kleine Rente und ist damit krankenversichert.


Winfriet Wagner, Architekt
"Plötzlich erlebt man, dass man wirklich getragen ist von einem Netz. Wenn es auch auf niedriger Ebene ist. Man hat das Gefühl, man ist geborgen."

Ohne Krankenversicherung leben laut Statistik 16.000 Berliner und 4.000 Brandenburger. Das sind doppelt so viele, wie noch vor zehn Jahren. Vor allem Selbständige sind ohne Absicherung, aber auch Studenten die mit 30 Jahren aus der Familienversicherung der Krankenkassen ausgeschlossen werden.

Um diese Menschen kümmert sich der Malteser Hilfsdienst in Berlin. Die Ärztin Adelheid Franz betreut 50 Patienten ohne Krankenversicherung pro Woche – und zwar kostenlos. Doch viele scheuen selbst den Weg zu ihr, aus Scham.

Dr.Adelheid Franz, Ärztin Malteser Hilfsdienst
"Scham über das, was sie mir erzählen müssen, aus welchen Gründen sie nicht versichert sind. Da stecken ja Lebensgeschichten dahinter, die nicht verarbeitet sind. Teilweise Scham wegen der Erkrankungen, die sie haben. Und teilweise merkt man, was das für eine Kränkung für den Menschen auch ist, dass er etwas auf die Reihe bringen würde, was er nicht auf die Reihe bringt.“

Adelheid Franz fordert eine Mindest- oder Pflichtversicherung für alle, die von den Krankenkassen abgelehnt werden und durchs Raster fallen.

Dr.Adelheid Franz, Ärztin Malteser Hilfsdienst
"Es muss jeder die Möglichkeit haben, sich zu versichern. Und ich kenne eigentlichen keinen, der sagt: "Nö, ich will eigentlich nicht versichert sein. Von denen ist noch keiner hier gewesen."

Auch die Brandenburger SPD-Landtagsabgeordnete Tina Fischer engagiert sich für Nichtversicherte. Vor drei Monaten machte sie das Sozialministerium mit einer Anfrage auf das Thema aufmerksam. Sie fragte, ob die Landesregierung Handlungsbedarf sieht? Die Antwort war eindeutig. Zitat.
“Die Landesregierung sieht gegenwärtig keinen Handlungsbedarf. Die Zahl der nicht krankenversicherten Personen ist sehr gering."

Tina Fischer (SPD), Abgeordnete Landtag Brandenburg
"Die Dunkelziffer ist viel, viel höher. Ich denke, wir haben wesentlich mehr als 4000 Betroffene in Brandenburg. Und da kann man nicht einfach sagen, ihr seid euch selbst überlassen und da müsst ihr gucken."

Die Juristin Tina Fischer berät auch Siegfried Clausnitzer. Im Auftrag der DDR arbeitete er fast 20 Jahre an der Erdgastrasse in der Sowjetunion und später in Russland. Jetzt kämpft der Rückkehrer um seine Rente und um seine Krankenversicherung. Er versinkt im Papierkrieg zwischen BfA und Krankenkassen.

Siegfried Clausnitzer
"Die Bürokratie hier, die erwürgt mich.“

Peter Clausnitzer leidet unter den Folgen eines Autounfalls. Täglich nimmt er Schmerzmittel. Die Medikamente hat er vom Malteser Hilfsdienst aus Berlin bekommen. Ein anderer Arzt hatte sich zuvor geweigert, den 78jährigen ohne Krankenkarte zu behandeln.

Siegfried Clausnitzer
"Das ist einfach so ein bedrückendes Gefühl, nicht behandelt zu werden und bezahlt haben. Ich hab bezahlt, mein ganzes Leben lang.“

Peter Clausnitzer hat versucht, sich über seine Ehefrau zu versichern. Sie hat eine Krankenversicherung. Doch die Kasse verlangt dafür das so genannte Familienbuch. Das Problem: In Russland, wo die Ehe geschlossen wurde, gibt es ein solches Buch nicht.

Tina Fischer, Abgeordnete Landtag Brandenburg
„Da kann es nicht sein, dass ne Kasse sich einfach sperrt und sagt, das erkenn ich nicht an weil das in einer anderen Sprache ist oder ne andere Farbe hat, als die, die wir hier verwenden. Und jetzt musst Du Dir selber weiterhelfen."

Die gesetzliche Krankenkasse AOK schlägt nun wegen einer neuen Problemgruppe Alarm: Auch Langzeitarbeitslose und Unverheiratete, die in einer so genannten Bedarfsgemeinschaft leben – könnten jetzt reihenweise den Krankenschutz verlieren. Sie bekommen kein ALGII-Geld mehr und müssen sich selbst versichern. Koste es, was es wolle.

Michael Beyer