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Anfang Mai wurde Kayrat Batisov, ein junger Deutscher aus Russland, in der Nähe von Wittstock auf dem Heimweg von der Disco mit einem Feldstein so schwer verletzt, dass er an den Folgen starb.Vor wenigen Tagen wurde er in Baden-Württemberg beigesetzt. Während der Täter mittlerweile ermittelt sein soll, versuchen einige Unerschrockene, öffentlich an das Opfer zu erinnern. Doch das Miteinander von Einheimischen und Zugereisten wird in dem kleinen Dorf Alt Daber auch weiterhin schwierig bleiben. Denn bisher leben beide Seiten sprachlos miteinander.
Kamera: Fayd Jungnickel/Jürgen Voigt
Schnitt: Stefan Helfrich
Kajrat Batesow ist tot. In Alt Daber bei Wittstock trauerten am letzten Dienstag Freunde und Bekannte um den 24jährigen Russlanddeutschen. Zur selben Zeit wurde er in Baden-Württemberg beigesetzt. Seine Familie wollte nicht, dass Kajrat an dem Ort beerdigt wird, an dem er erschlagen worden ist.
O-Ton Valentina Stranski (Russlanddeutsche):
"Er begann erst zu leben und er wollte leben. Wir hier kannten ihn nur wenig. Aber wir wissen: er war guter Kamerad, ein Freund - lustig, liebenswürdig, verantwortungsbewusst. Er konnte wunderbar Gitarre spielen und singen."
Kajrat kam vor einem halben Jahr aus Kasachstan nach Deutschland. Wittstock sollte seine neue Heimat werden.
O-Ton Spätaussiedlerin:
"Die jungen Leute können sich nicht durchsetzen. Sich einzuleben ist nicht leicht und nun hat er sein junges Leben hingeben."
Valentina neben ihr sagt:
O-Ton:
"So kann man nicht leben. Man muss in Frieden mit den andern leben und sich gegenseitig achten."
O-Ton Übersiedlerin:
"So was hat sich keiner gedacht"
Der Tatort mitten in Alt Darber. In der Nacht zum 4. Mai wurden Kajrat Batesow und ein Freund nach der Disko hier auf der Straße angegriffen. Drei Jugendliche traktierten ihn so stark mit einem Feldstein, dass Kajrat drei Wochen später im Krankenhaus starb. Die Ermittler hatten es schwer, obwohl mindestens zehn Leute den Überfall beobachtet hatten.
Gerd Schnittcher, Leitender Oberstaatsanwalt:
"Bei den Diskobesuchern da stellen wir eine Mauer des Schweigens fest. Die haben zugesehen und nicht eingegriffen? Erst mal das und sich anschließend auch nicht als Zeugen zu erkennen gegeben."
Alwin Peter sagt, er hat zur Tatzeit fest geschlafen. Ihm gehört die Gaststätte, in der sein Sohn die Disko organisiert hatte. Ein paar Tage später soll es hier einen Racheakt gegeben haben.
O-Ton Alwin Peter:
"Hier wurde uns als Dank die Scheiben eingeschlagen. Hier sehen sie die Blutspritzer. Es wurde so reingetreten...."
Für Alwin Peter steht fest: das waren die Russlanddeutschen. Denn wie bei einheimischen Jugendlichen gäbe es auch bei den Russlanddeutschen gewaltbereite.
O-Ton Alwin Peter:
"Wenn sie hierher kommen, ich habe nischt gegen die Leute. Das sage ich Ihnen noch mal, ich würde die Russen gerne wieder haben. Det war Zucht und Ordnung hier. Das hat die Kommandantur gemacht und hat nicht uns Deutsche verprügelt. Dit is meine Meinung dazu. Wenn die Russen wieder kommen, ich wird se gerne wieder einladen. C und A - Sowjetarmee."
Früher war die Sowjetarmee bei Alt Daber stationiert. Mit den Russlanddeutschen, die jetzt als Übersiedler hierher kommen haben die 86 Einwohner wenig Kontakt.
O-Ton Frau:
"Dann wurde man schon mal aufgerufen, wer ebend kleine Sachen hat von Kindern, Spielzeug, was man nicht mehr braucht, dort abzugeben.Es war einmal, wo sie es dankend angenommen haben, dann war nachher nicht mehr die Dankbarkeit."
O-Ton Mädchen:
"Man hat auch immer das Gefühl, dass die Leute selbst versuchen, Abstand zu halten und sich nicht unbedingt, na ja integrieren wollen, aber irgendwie doch Angst haben durch Sachen, die hier schon passiert sind oder die sie selber schon erlebt haben."
Die 40 Russlanddeutschen leben am Rande von Alt Daber im alten Lehrlingswohnheim. Es ist die erste Station in der neuen Heimat. Nach einem halben Jahr ziehen die meisten in eine Wohnung in der Umgebung. Die Verhältnisse hier im Heim sind bescheiden. Familie Mezler lebt mit fünf Personen in zwei Zimmern mit Küche. Arbeit haben sie noch nicht, sie leben von Sozialhilfe. Das Eingewöhnen fällt ihnen schwer.
O-Ton Olga Mezler:
"Bis jetzt gefällt es mir hier noch nicht sehr, sagt die 20jährige Olga. Besonders die Jugendlichen, das ist anderes als bei den Erwachsenen, die Jugendlichen, die haben gar keine Beziehungen zueinander."
Und ihre Mutter fügt hinzu:
O-Ton Galina Mezler:
"Zwischen den Deutschen und uns gibt es ganz allgemein eine Sprachbarriere. Deshalb klappt das gegenseitige Verstehen einfach noch nicht."
Fast alle lernen deutsch in einem Sprachkurs in Wittstock. Die restliche Zeit sind die Übersiedler hier im Heim unter sich. Sie suchen auch nicht gerade den Kontakt zu den DeutschenViele ziehen nach Wittstock in die sogenannte Papageiensiedlung. Obwohl Russlanddeutsche und Deutsche hier Tür an Tür leben, bleiben oft die Vorurteile.
O-Ton Frau:
"Das merkt man ja so schon im Aufgang, wenn man bei denen an der Wohnungstür vorbeigeht, manchmal auch der strenge Geruch nach Knoblauch und so ne... Ich meine, die Deutschen nehmen auch viel Knoblauch, aber auch andere Gewürze auch dazwischen...das ist vielleicht ein bisschen abstoßend."
Die Russlanddeutschen wollen ihre Meinung nicht vor der Kamera äußern. Sie sind verunsichert. Das ist nicht erst so seit dem Überfall auf Kajrat, weiß der Verein Opferperspektive.
Dominique John, Opferperspektive:
"Ich hab mit sehr vielen Familien im letzten halben Jahr Kontakt gehabt und hab so gut wie keine gefunden, die mir nicht irgendeine Geschichte erzählt hat, wo es um eine Bedrohung oder um einen Angriff ging oder wo es um eine andere Form von sozialem Mobbing ging. Alle haben entsprechende Erlebnisse gemacht und dementsprechend geht hier auch die Angst unter den Russlanddeutschen um in Wittstock."
Frage:
"Hat denn die Stadt genug für die Integration getan?"
O-Ton Lutz Scheidemann (FDP), Bürgermeister Wittstock:
"Wenn Sie das Ergebnis so sehen, hat sie nicht genug getan. Die Frage ist, wer auch nicht. Wer kann und wer müsste viel mehr tun. Wir stehen ja immer nach irgendwelchen Problemen vor der Frage, haben wir denn da vorher alles richtige gemacht? Sicherlich nicht."
Der Bürgermeister ist hilflos. Der Druck auf die Stadt wird immer größer. Denn Wittstock ist bekannt als Schwerpunkt der rechten Szene in Nordbrandenburg. Eine schlechte Basis für die Integration der Übersiedler. Vor einem halben Jahr gründete sich ein Aktionsbündnis gegen rechte Gewalt. Doch schon bei der ersten Demonstration im Dezember ließen sich die Skinheads nicht beeindrucken. Weil die rechten Straftaten im letzten Jahr um 42 Prozent gestiegen sind, hat die Polizei in Wittstock eine Sondereinsatzgruppe aufgebaut.
Die Familie von Kajrat Batesow wird die Stadt verlassen und nach Baden-Württemberg ziehen. Auch die Solidarität von einigen Wittstockern bei einer Demonstration letzten Freitag gibt ihnen keine Hoffnung, dass sie hier jemals zuhause sein könnten. Seit dem Tod von Kajrat ist die Stimmung besonders aufgeheizt. Auch in der Nacht nach der Trauerkundgebung gab es wieder eine Schlägerei. Diesmal waren die Russlanddeutschen in der Überzahl.
Schnitt: Stefan Helfrich
Kajrat Batesow ist tot. In Alt Daber bei Wittstock trauerten am letzten Dienstag Freunde und Bekannte um den 24jährigen Russlanddeutschen. Zur selben Zeit wurde er in Baden-Württemberg beigesetzt. Seine Familie wollte nicht, dass Kajrat an dem Ort beerdigt wird, an dem er erschlagen worden ist.
O-Ton Valentina Stranski (Russlanddeutsche):
"Er begann erst zu leben und er wollte leben. Wir hier kannten ihn nur wenig. Aber wir wissen: er war guter Kamerad, ein Freund - lustig, liebenswürdig, verantwortungsbewusst. Er konnte wunderbar Gitarre spielen und singen."
Kajrat kam vor einem halben Jahr aus Kasachstan nach Deutschland. Wittstock sollte seine neue Heimat werden.
O-Ton Spätaussiedlerin:
"Die jungen Leute können sich nicht durchsetzen. Sich einzuleben ist nicht leicht und nun hat er sein junges Leben hingeben."
Valentina neben ihr sagt:
O-Ton:
"So kann man nicht leben. Man muss in Frieden mit den andern leben und sich gegenseitig achten."
O-Ton Übersiedlerin:
"So was hat sich keiner gedacht"
Der Tatort mitten in Alt Darber. In der Nacht zum 4. Mai wurden Kajrat Batesow und ein Freund nach der Disko hier auf der Straße angegriffen. Drei Jugendliche traktierten ihn so stark mit einem Feldstein, dass Kajrat drei Wochen später im Krankenhaus starb. Die Ermittler hatten es schwer, obwohl mindestens zehn Leute den Überfall beobachtet hatten.
Gerd Schnittcher, Leitender Oberstaatsanwalt:
"Bei den Diskobesuchern da stellen wir eine Mauer des Schweigens fest. Die haben zugesehen und nicht eingegriffen? Erst mal das und sich anschließend auch nicht als Zeugen zu erkennen gegeben."
Alwin Peter sagt, er hat zur Tatzeit fest geschlafen. Ihm gehört die Gaststätte, in der sein Sohn die Disko organisiert hatte. Ein paar Tage später soll es hier einen Racheakt gegeben haben.
O-Ton Alwin Peter:
"Hier wurde uns als Dank die Scheiben eingeschlagen. Hier sehen sie die Blutspritzer. Es wurde so reingetreten...."
Für Alwin Peter steht fest: das waren die Russlanddeutschen. Denn wie bei einheimischen Jugendlichen gäbe es auch bei den Russlanddeutschen gewaltbereite.
O-Ton Alwin Peter:
"Wenn sie hierher kommen, ich habe nischt gegen die Leute. Das sage ich Ihnen noch mal, ich würde die Russen gerne wieder haben. Det war Zucht und Ordnung hier. Das hat die Kommandantur gemacht und hat nicht uns Deutsche verprügelt. Dit is meine Meinung dazu. Wenn die Russen wieder kommen, ich wird se gerne wieder einladen. C und A - Sowjetarmee."
Früher war die Sowjetarmee bei Alt Daber stationiert. Mit den Russlanddeutschen, die jetzt als Übersiedler hierher kommen haben die 86 Einwohner wenig Kontakt.
O-Ton Frau:
"Dann wurde man schon mal aufgerufen, wer ebend kleine Sachen hat von Kindern, Spielzeug, was man nicht mehr braucht, dort abzugeben.Es war einmal, wo sie es dankend angenommen haben, dann war nachher nicht mehr die Dankbarkeit."
O-Ton Mädchen:
"Man hat auch immer das Gefühl, dass die Leute selbst versuchen, Abstand zu halten und sich nicht unbedingt, na ja integrieren wollen, aber irgendwie doch Angst haben durch Sachen, die hier schon passiert sind oder die sie selber schon erlebt haben."
Die 40 Russlanddeutschen leben am Rande von Alt Daber im alten Lehrlingswohnheim. Es ist die erste Station in der neuen Heimat. Nach einem halben Jahr ziehen die meisten in eine Wohnung in der Umgebung. Die Verhältnisse hier im Heim sind bescheiden. Familie Mezler lebt mit fünf Personen in zwei Zimmern mit Küche. Arbeit haben sie noch nicht, sie leben von Sozialhilfe. Das Eingewöhnen fällt ihnen schwer.
O-Ton Olga Mezler:
"Bis jetzt gefällt es mir hier noch nicht sehr, sagt die 20jährige Olga. Besonders die Jugendlichen, das ist anderes als bei den Erwachsenen, die Jugendlichen, die haben gar keine Beziehungen zueinander."
Und ihre Mutter fügt hinzu:
O-Ton Galina Mezler:
"Zwischen den Deutschen und uns gibt es ganz allgemein eine Sprachbarriere. Deshalb klappt das gegenseitige Verstehen einfach noch nicht."
Fast alle lernen deutsch in einem Sprachkurs in Wittstock. Die restliche Zeit sind die Übersiedler hier im Heim unter sich. Sie suchen auch nicht gerade den Kontakt zu den DeutschenViele ziehen nach Wittstock in die sogenannte Papageiensiedlung. Obwohl Russlanddeutsche und Deutsche hier Tür an Tür leben, bleiben oft die Vorurteile.
O-Ton Frau:
"Das merkt man ja so schon im Aufgang, wenn man bei denen an der Wohnungstür vorbeigeht, manchmal auch der strenge Geruch nach Knoblauch und so ne... Ich meine, die Deutschen nehmen auch viel Knoblauch, aber auch andere Gewürze auch dazwischen...das ist vielleicht ein bisschen abstoßend."
Die Russlanddeutschen wollen ihre Meinung nicht vor der Kamera äußern. Sie sind verunsichert. Das ist nicht erst so seit dem Überfall auf Kajrat, weiß der Verein Opferperspektive.
Dominique John, Opferperspektive:
"Ich hab mit sehr vielen Familien im letzten halben Jahr Kontakt gehabt und hab so gut wie keine gefunden, die mir nicht irgendeine Geschichte erzählt hat, wo es um eine Bedrohung oder um einen Angriff ging oder wo es um eine andere Form von sozialem Mobbing ging. Alle haben entsprechende Erlebnisse gemacht und dementsprechend geht hier auch die Angst unter den Russlanddeutschen um in Wittstock."
Frage:
"Hat denn die Stadt genug für die Integration getan?"
O-Ton Lutz Scheidemann (FDP), Bürgermeister Wittstock:
"Wenn Sie das Ergebnis so sehen, hat sie nicht genug getan. Die Frage ist, wer auch nicht. Wer kann und wer müsste viel mehr tun. Wir stehen ja immer nach irgendwelchen Problemen vor der Frage, haben wir denn da vorher alles richtige gemacht? Sicherlich nicht."
Der Bürgermeister ist hilflos. Der Druck auf die Stadt wird immer größer. Denn Wittstock ist bekannt als Schwerpunkt der rechten Szene in Nordbrandenburg. Eine schlechte Basis für die Integration der Übersiedler. Vor einem halben Jahr gründete sich ein Aktionsbündnis gegen rechte Gewalt. Doch schon bei der ersten Demonstration im Dezember ließen sich die Skinheads nicht beeindrucken. Weil die rechten Straftaten im letzten Jahr um 42 Prozent gestiegen sind, hat die Polizei in Wittstock eine Sondereinsatzgruppe aufgebaut.
Die Familie von Kajrat Batesow wird die Stadt verlassen und nach Baden-Württemberg ziehen. Auch die Solidarität von einigen Wittstockern bei einer Demonstration letzten Freitag gibt ihnen keine Hoffnung, dass sie hier jemals zuhause sein könnten. Seit dem Tod von Kajrat ist die Stimmung besonders aufgeheizt. Auch in der Nacht nach der Trauerkundgebung gab es wieder eine Schlägerei. Diesmal waren die Russlanddeutschen in der Überzahl.


