- Zahnlose Job-Center - Keine Macht gegen Hartz IV Drückeberger?

Politiker fordern härtere Sanktionen für arbeitsunwillige Hartz IV-Empfänger. Wir haben einen Job Center-Mitarbeiter im Alltag begleitet. Sein Fazit: Eigentlich würden die gesetzlichen Sanktionen ausreichen, wenn die Mitarbeiter nur die Möglichkeit hätten, sie umzusetzen.

Kein Recht auf staatlich bezahlte Faulheit - mit solchen markigen Sprüchen hat FDP-Chef Westerwelle die Diskussion um Hartz IV losgetreten. Wer sich der Arbeit verweigert, dem müssten die Mittel gekürzt werden. Schärfere Sanktionen müssten her, ereifern sich viele Politiker. Sie auch? Doch was sagen diejenigen dazu, die über die Sanktionen entscheiden müssen? Die Fallmanager in den Arbeitsagenturen haben ihre ganz eigenen Erfahrungen mit den so genannten Drückebergern. Robin Avram mit Insider-Informationen.

Berlin – Neukölln. Hier lebt mehr als jeder vierte im arbeitsfähigen Alter von Hartz IV. Muss der Staat mehr Druck auf diese Menschen ausüben, um sie in Beschäftigung zu bringen?

Wir begleiten einen Mann zur Arbeit, der es wissen muss: Christian Goldmann ist Jobvermittler: Jeden Tag ist er mit der Hartz-IV-Realität konfrontiert. Sein Arbeitsplatz: Das JobCenter Neukölln. Um acht öffnet es seine Türen.

Der Andrang an einem ganz normalen Werktag mitten im Monat. 78.000 Männer, Frauen und Kinder werden hier von 715 Mitarbeitern betreut. Pro Jahr wird fast eine halbe Milliarde Euro Steuergeld an sie überwiesen.

Christian Goldmann fördert insgesamt 400 Menschen. Er trägt eine große Verantwortung. Denn allein an seine Kunden werden jährlich über zwei Millionen Euro ausgezahlt. Doch zum Fördern gehört auch das Fordern.

Der erste Kunde. So werden im JobCenter die Hartz-IV-Empfänger genannt. Er wurde bisher von einer Kollegin betreut. Zum letzten Termin ist er nicht erschienen - und er will unerkannt bleiben.

Christian Goldmann, Arbeitsvermittler JobCenter Neukölln
„Sie waren neulich schon mal eingeladen, da haben Sie irgendwie die Einladung nicht bekommen, sagte die Kollegin.“
Kunde
„Richtig, weil im Haus da ist der ganze Briefkasten kaputt. Dann habe ich das irgendwie durch Zufall im Papierkorb gefunden.“

Sagt der Kunde die Wahrheit? Christian Goldmann wird es nicht überprüfen können.

Christian Goldmann, Arbeitsvermittler JobCenter Neukölln
„Also ist noch nicht sicher gestellt, dass die Post auch wirklich bei Ihnen ankommt?“
Kunde
„Ist nicht sicher.“
Christian Goldmann, Arbeitsvermittler JobCenter Neukölln
„Wie sieht‘s aus? Mir fehlt hier noch…Wir kennen uns ja noch nicht, also mein Name ist Goldmann. Ich bin jetzt der heute zuständige Arbeitsvermittler, mir fehlen noch ein paar Sachen, nämlich beispielsweise die Schulbildung. Haben sie einen Schulabschluss?“
Kunde
„Nee, gar nicht ohne.“

Keinen Schulabschluss – das hört Goldmann von jedem dritten Kunden. Und sage und schreibe zwei Drittel haben keinen qualifizierten Berufsabschluss. Das sind die mit Abstand größten Risikofaktoren für Hartz IV.

Viele dieser ungelernten Menschen würden gerne arbeiten. Doch wer älter als 45 ist, sucht oft jahrlang vergebens – es fehlt an passenden Jobs.

Andererseits gibt es auch Kunden wie diesen: Der ehemals selbstständige Gebäudereiniger ist gesund und hätte durchaus Chancen, vermittelt zu werden. Trotzdem bezieht er seit rund einem Jahr Hartz IV. Aber: schon morgen habe er einen Job in Aussicht, so sagt er jedenfalls.

Christian Goldmann, Arbeitsvermittler JobCenter Neukölln
„Jetzt möchte ich einfach nur wissen, haben sie sich beworben, oder warten Sie jetzt erst ab, ob das bei dieser…“
Kunde
„Beworben hab ich mich ein paar Stellen schon, aber abgelehnt, ohne Erfolg.“
Christian Goldmann, Arbeitsvermittler JobCenter Neukölln
„Bringen Sie mir das nächste Mal da auch was mit?“
Kunde
„Hab ich auch was mit.“
Christian Goldmann, Arbeitsvermittler JobCenter Neukölln
„Können Sie das nächste Mal noch die Firma mit reinschreiben?“
Kunde
„Hab ich aus der Zeitung, da steht nur, was da ist und die Nummer.“
Christian Goldmann, Arbeitsvermittler JobCenter Neukölln
„Gut.“

Hat der Kunde sich wirklich beworben? Eigentlich sollen die Arbeitsvermittler das stichprobenartig kontrollieren. Doch dafür fehlt Christian Goldmann meist die Zeit. Zudem kann er die Kunden nur alle drei Monate einladen – zu selten, um wirklich kontrollieren zu können, ob sie sich ernsthaft um einen Job bemühen.

Weil es nicht genügend Personal gibt, muss er doppelt so viele Menschen betreuen wie zu Beginn der Arbeitsmarktreform angestrebt wurde.

Christian Goldmann, Arbeitsvermittler JobCenter Neukölln
„Ich muss gucken, wo ich mir sozusagen meine Zeit herhole, und dann muss ich eben die Kundengespräche sehr konzentriert führen. Und kann jetzt nicht, wie Sie das angedeutet haben, auf spezifische Problematiken eingehen.“

Ein anderer Kunde von Christian Goldmann hat einen Beleg eingereicht. Den muss er jetzt mit einer Kollegin in der Leistungsabteilung abstimmen. Die Sachbearbeiter in der Abteilung sind dafür zuständig, das Geld auszuzahlen.

Die Zusammenarbeit ist mitunter mühselig, denn Arbeitsvermittler und Sachbearbeiter benutzen immer noch zwei verschiedene Computerprogramme.

Christian Goldmann, Arbeitsvermittler JobCenter Neukölln
„Gut, dann ist ja alles drin. Jetzt ist die Frage, warum es noch nicht eingerechnet wurde?“
Kollegin
„Weil wir die Zeit noch nicht hatten.“

Kinderkrankheiten, die zu Fehlern führen – so manchem wird deshalb zu Unrecht das Geld gekürzt. Auch im Jahr sieben der Hartz-Reformen genießen die JobCenter wenig Vertrauen.

Zurück in der Beratung. Goldmanns Ziel: Den Kunden weiterbilden. Denn viele Qualifizierungsmaßnahmen erhöhen die Chancen, wieder in Arbeit zu kommen - doch das überzeugt nicht jeden.

Christian Goldmann, Arbeitsvermittler JobCenter Neukölln
„Haben Sie da schon mal eigentlich ‘ne Qualifikation gemacht im Reinigungsbereich? Ne Weiterbildung, irgendwas, es gibt ja Weiterbildungen?“
Kunde
(schüttelt den Kopf)
Christian Goldmann, Arbeitsvermittler JobCenter Neukölln
„Hätten Sie da Interesse dran?“
Kunde
(schüttelt den Kopf)
Christian Goldmann, Arbeitsvermittler JobCenter Neukölln
„Warum nicht?“
Kunde
„Zu stressig, ne.“
Christian Goldmann, Arbeitsvermittler JobCenter Neukölln
„Ist ja nur eine Qualifikation. Sie müssen ja auch währenddessen nicht arbeiten.“
Kunde
„Man kriegt ja auch nichts. Man macht ja eigentlich nur umsonst das.“

Eine Weiterbildung – zu stressig und zu schlecht bezahlt? Christian Goldmann hört das oft. Er vermutet, dass nicht wenige eine mehrmonatige Qualifizierung ablehnen, weil sie in der Zeit lieber schwarz arbeiten.

Den nächsten Termin vereinbart er deshalb eine Woche später – der Kunde sagte ja, dass er morgen einen Job in Aussicht habe. Wird daraus nichts, wird Goldmann ihn in eine Qualifizierungsmaßnahme stecken, auch gegen seinen Willen.

Wenn der Kunde nicht mitspielen will, kann Goldmann schon heute scharf sanktionieren. 359 Euro – das ist der reguläre Hartz-IV-Satz. Wird ein Termin versäumt, gehen 36 Euro davon ab. Wird eine zumutbare Arbeit oder Qualifizierung abgelehnt, müssen 251 Euro reichen - drei Monate lang. Bei einer weiteren Pflichtverletzung werden nochmal 108 Euro abgezogen. Und: Hartz IV kann sogar komplett gestrichen werden.

Sanktions-Instrumente, die dem Arbeitsvermittler im Prinzip ausreichen.

Christian Goldmann, Arbeitsvermittler JobCenter Neukölln
„Ich brauch da nicht mehr, wenn man das konsequent umsetzt. Wir sind ja eine Arbeitsvermittlung, das ist ja hier keine Strafanstalt, daher finde ich, dass es reicht.“

Aber: Alle Sanktionsbemühungen werden ausgehebelt, wenn der Kunde sich krank schreiben lässt. Und das passiert bei einem guten Viertel aller Arbeitslosen, die Christian Goldmann zum Termin einlädt.

Christian Goldmann, Arbeitsvermittler JobCenter Neukölln
„JobCenter Neukölln, Goldmann, hallo. Sie haben heute einen Termin bei uns… okay… schicken Sie uns ‘ne Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung?“

Wie viele seiner Kunden drücken sich auf diese Weise vor der Vermittlung? Goldmann kann es nicht sagen. Doch derzeit kann er kaum etwas ausrichten gegen eigentlich arbeitsfähige Kunden, die sich wie am Fließband von verantwortungslosen Ärzten krankschreiben lassen.

KLARTEXT
„Wie groß ist dieses Hindernis bei der erfolgreichen Vermittlung?“
Christian Goldmann, Arbeitsvermittler JobCenter Neukölln
„Das ist ein Riesenhindernis, weil damit unsere Bemühungen, den Kunden in Arbeit zu bringen, sozusagen, ich weiß nicht, ob Sie Schach spielen, schachmatt gesetzt werden.“

Christian Goldmann geht zur Mittagspause. Bevor er beim JobCenter anfing, war er selbst anderthalb Jahre lang arbeitslos. Er hatte damals private Probleme – doch die hat er überwunden. Er weiß: Meistens geht was. Deshalb trifft es ihn, wenn Menschen sich drücken.

Christian Goldmann, Arbeitsvermittler JobCenter Neukölln
„Ja, man wird ärgerlich, in dem Sinne, wenn Menschen damit nicht zufrieden sind, was ihnen geboten wird vom Staat. Immerhin sind sie sehr häufig schon lange Jahre arbeitslos und haben nichts erbracht an Steuerleistung, und das müssen wir ja nun alles erbringen von unseren Steuergeldern, Sie, ich, und einige andere auch, ansonsten geht es nicht.“

Goldmann sagt: Ja, manchen Menschen würde er gern mehr Druck machen, um sie in Arbeit zu bringen. Aber es hilft ihm wenig, wenn Politiker verkünden: Arbeitslose, ran die Besen!

Denn wenn die Politik von den JobCentern konsequentere Sanktionen fordert, muss sie die JobCenter auch fördern - und die Zahl der Arbeitsvermittler kräftig erhöhen.




Autor: Robin Avram