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Im Gegensatz zu anderen Großstädten ist im liberalen Berlin die Straßenprostitution längst Alltag. Doch nun breitet sich das horizontale Gewerbe auch im Zentrum des Tourismus aus – mitten auf dem Hackeschen Markt. Restaurantbesitzer und Bezirkspolitiker sind erregt – und empört. Die Bordsteinschwalben stören angeblich das Geschäft mit den Touristen. Was tun? Zurück zum klassischen Sperrbezirk?
Sex in the City? Bislang in Berlin ganz einfach. Doch nun fühlen sich zumindest Berlins professionelle Liebesdienerinnen diskriminiert: Erst wurde per Gericht untersagt, ein Großbordell an der Kurfürstenstraße aufzumachen, jetzt richtet sich Bürgerzorn gegen die Huren, die in Berlin-Mitte ihren Geschäften nachgehen. Der Grund: Die Prostituierten sind dabei, den Straßenstrich an der Oranienburger Straße immer mehr Richtung Hackesche Höfe zu verlagern. Iris Marx über das Problem mit dem ungeliebten Rotlichtgewerbe.
Prostitution in Berlin. Sichtbar wie in kaum einer anderen Großstadt. So wie hier an der Kurfürstenstraße, wo die Anwohner bereits am helllichten Tage den Straßenstrich vom Balkon aus beobachten können.
Noch sieht es im Berliner Stadtteil Mitte anders aus. Rund um den Hackeschen Markt leben viele Familien mit Kindern. Auch für zahlreiche Touristen ein beliebter Treffpunkt. Zwar gibt es auch hier seit über 20 Jahren einen Straßenstrich, aber weiter entfernt.
Doch der Strich kommt näher. Neuerdings stehen die Prostituierten sogar auf dem Hackeschen Markt – zum Ärger der Anwohner und Geschäftsleute. Sie befürchten, dass ihr Kiez verkommt.
Bürgerversammlung vor einer Woche. Hier machen Anwohner und Gewerbetreibende ihrem Ärger Luft:
Gewerbetreibender
„Wir haben in den letzten Jahren verfolgt, dass der Kiez näher ranrückt an den Markt und dass Gäste schon – ich sage mal – nett gefragt werden. Und das ist glaube ich nicht im Sinne unserer Gäste auf der Terrasse. Ich denke, dass man noch irgendwelche Mittel finden muss, um das ein bisschen einzudämmen.“
Anwohner
„Die Damen stehen bereits an der Ecke Rosenthaler Straße, und zwar so, dass man mit ihnen in Berührung kommen muss.“
Gewerbetreibender
„Und das in so einer sogenannten 1A-Lage!“
Man fühlt sich belästigt, möchte die Frauen gern weg haben. Aber das geht nicht, erklärt Bezirksstadtrat Carsten Spalleck. Er verweist auf die Rechtslage.
Carsten Spallek (CDU), Bezirksstadtrat für Ordnung Berlin Mitte
„Das, was mir geschildert wird, ist, dass die Prostituierten in den letzten Jahren ein Stück runter die Rosenthaler Straße Richtung Hackescher Markt gewandert sind. Gleichwohl ist durch das Prostitutions-Gesetz die Prostitution legalisiert worden. Wir haben als Ordnungsamt keine Handhabe, dagegen vorzugehen. Das heißt, das, was die die Damen dort tun, ist durch den Gesetzgeber legitimiert.“
Die Rechtslage ist klar. Deshalb versucht der Bezirk mit anderen Mitteln, die Frauen von der Straße zu treiben. Er nutzt allgemeine Bauvorschriften als Schikane. Die Stundenhotels¸ in denen die Frauen von der Straße ihre Freier bedienen, sollen so verdrängt werden.
Bausstadtrat Gothe (SPD), Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung Berlin Mitte
„Es gibt ein Feld, auf dem wir sehr aktiv sind. Das ist die Tatsache, dass die Prostituierten, die sich auf der Straße anbieten, zur Verrichtung der Geschäfte sich einer Pension bedienen müssen. Wir haben in der Oranienburger Straße eine Handvoll Pensionen, die in allgemeinen Wohngebieten sich befinden, die dazu genutzt werden. Das ist dort eigentlich nicht zulässig. Gegen diese Pensionen gehen wir vor den Verwaltungsgerichten vor.“
KLARTEXT
„Auf diesem Weg versuchen Sie ordnungspolitisch, die Mädels hier weg zu bekommen?“
Bausstadtrat Gothe (SPD), Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung Berlin Mitte
„Genau. Die Operationsbasis quasi sind die Pensionen für den Straßenstrich. Und gegen die gehen wir über die Verwaltungsgerichte vor.“
Die Frauen von hier zu verdrängen bedeutet nichts anderes als am Hackeschen Markt einen Sperrbezirk durch die Hintertür zu schaffen, obwohl gerade das der zuständige Senat in Berlin nicht will.
Schriftlich lässt er KLARTEXT mitteilen:
ZITAT
„Der Senat hält Sperrbezirke weder fachlich noch politisch für sinnvoll.“
Grund: Das Abdrängen der Prostitution würde die Probleme nur verschieben, aber nicht lösen. Wohin soll die Prostitution denn auch verlagert werden? Niemand möchte gern den Strich vor der eigenen Haustür haben. Einige Städte haben den Straßenstrich deshalb in ein anrüchiges Ghetto verbannt.
Beispiel Köln: Hier wurde der Strich an den Stadtrand gedrängt. Zum Teil erledigen die Frauen den Geschlechtsverkehr im Auto des Freiers in einem alten Stall. Passend daher die Bezeichnung der Anlage: Verrichtungsboxen.
Ist es das, was man will? Acht Jahre nach Legalisierung der Prostitution?
Erniedrigend finden das einige Frauen vom Hackeschen Markt. Schöne Frauen, die sich angeblich freiwillig auf das Gewerbe eingelassen haben, so wie diese ehemalige Lehramtsstudentin. Ein Gespräch vor der Kamera lehnt sie aber ab.
Wir fragen bei Hydra nach, einer Beratungsstelle für Prostituierte. Marion Detlefs, eine Sozialarbeiterin, erklärt uns, wie sie das Vorgehen des Bezirks bewertet.
Marion Detlefs, Hydra e.V.
„Wir empfinden das als neue Diskriminierung, als neuen Versuch, das Thema Prostitution zu tabuisieren, zu verbieten, zu reglementieren und finden das natürlich nicht wünschenswert.“
KLARTEXT
„Ist das ein Rückschritt?“
Marion Detlefs, Hydra e.V.
„Ja, das wär’ ein Rückschritt?“
Doch die Anwohner empfinden das anders. Sie befürchten durch die Prostitution mehr Kriminalität in ihrem Kiez..
Anwohnerin
„Es ist einfach unangenehm, es stört sehr und es ist für viele auch wirklich bedrohlich.“
Bislang ist das aber wohl eine unbegründete Angst. Von der Prostitution gehe keine Gefahr aus. Straftaten, die hier begangen werden, stehen laut Auskunft der Berliner Polizei gegenüber KLARTEXT:
Zitat
„… nicht im Zusammenhang mit der Prostitution“.
Nicht alle Anwohner, die hier abends unterwegs sind, nehmen Anstoß am Straßenstrich, aber:
Anwohner
„Ich habe damit eigentlich gar keine Probleme. Ich habe damit nur dann Probleme, wenn diese jungen Barbie-Verschnitte…, wenn ich abends nach Hause komme, mich anquatschen und fragen: ‚Und Süßer, wollen wir mal so…?‘ Man ist freundlich, man sagt: ‚Nein, ich habe keine Lust.‘ Oder geht weg. ‚Bleib doch mal stehen, bleib doch mal stehen.‘ Das ärgert mich übrigens genau im gleichen Maße wie tagsüber die einem mit debilen Grinsen in den Weg springenden Leute, die für den Tierschutzverein werben, für die Johanniter oder sonst irgendwas.“
Nicht aggressiv um Kunden werben, Grenzen akzeptieren, das sollte eben auch das älteste Gewerbe der Welt.
Denn die Prostitution ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen, nirgendwo ist das so deutlich wie hier am Hackeschen Markt in Berlins Mitte.
Autorin: Iris Marx
Prostitution in Berlin. Sichtbar wie in kaum einer anderen Großstadt. So wie hier an der Kurfürstenstraße, wo die Anwohner bereits am helllichten Tage den Straßenstrich vom Balkon aus beobachten können.
Noch sieht es im Berliner Stadtteil Mitte anders aus. Rund um den Hackeschen Markt leben viele Familien mit Kindern. Auch für zahlreiche Touristen ein beliebter Treffpunkt. Zwar gibt es auch hier seit über 20 Jahren einen Straßenstrich, aber weiter entfernt.
Doch der Strich kommt näher. Neuerdings stehen die Prostituierten sogar auf dem Hackeschen Markt – zum Ärger der Anwohner und Geschäftsleute. Sie befürchten, dass ihr Kiez verkommt.
Bürgerversammlung vor einer Woche. Hier machen Anwohner und Gewerbetreibende ihrem Ärger Luft:
Gewerbetreibender
„Wir haben in den letzten Jahren verfolgt, dass der Kiez näher ranrückt an den Markt und dass Gäste schon – ich sage mal – nett gefragt werden. Und das ist glaube ich nicht im Sinne unserer Gäste auf der Terrasse. Ich denke, dass man noch irgendwelche Mittel finden muss, um das ein bisschen einzudämmen.“
Anwohner
„Die Damen stehen bereits an der Ecke Rosenthaler Straße, und zwar so, dass man mit ihnen in Berührung kommen muss.“
Gewerbetreibender
„Und das in so einer sogenannten 1A-Lage!“
Man fühlt sich belästigt, möchte die Frauen gern weg haben. Aber das geht nicht, erklärt Bezirksstadtrat Carsten Spalleck. Er verweist auf die Rechtslage.
Carsten Spallek (CDU), Bezirksstadtrat für Ordnung Berlin Mitte
„Das, was mir geschildert wird, ist, dass die Prostituierten in den letzten Jahren ein Stück runter die Rosenthaler Straße Richtung Hackescher Markt gewandert sind. Gleichwohl ist durch das Prostitutions-Gesetz die Prostitution legalisiert worden. Wir haben als Ordnungsamt keine Handhabe, dagegen vorzugehen. Das heißt, das, was die die Damen dort tun, ist durch den Gesetzgeber legitimiert.“
Die Rechtslage ist klar. Deshalb versucht der Bezirk mit anderen Mitteln, die Frauen von der Straße zu treiben. Er nutzt allgemeine Bauvorschriften als Schikane. Die Stundenhotels¸ in denen die Frauen von der Straße ihre Freier bedienen, sollen so verdrängt werden.
Bausstadtrat Gothe (SPD), Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung Berlin Mitte
„Es gibt ein Feld, auf dem wir sehr aktiv sind. Das ist die Tatsache, dass die Prostituierten, die sich auf der Straße anbieten, zur Verrichtung der Geschäfte sich einer Pension bedienen müssen. Wir haben in der Oranienburger Straße eine Handvoll Pensionen, die in allgemeinen Wohngebieten sich befinden, die dazu genutzt werden. Das ist dort eigentlich nicht zulässig. Gegen diese Pensionen gehen wir vor den Verwaltungsgerichten vor.“
KLARTEXT
„Auf diesem Weg versuchen Sie ordnungspolitisch, die Mädels hier weg zu bekommen?“
Bausstadtrat Gothe (SPD), Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung Berlin Mitte
„Genau. Die Operationsbasis quasi sind die Pensionen für den Straßenstrich. Und gegen die gehen wir über die Verwaltungsgerichte vor.“
Die Frauen von hier zu verdrängen bedeutet nichts anderes als am Hackeschen Markt einen Sperrbezirk durch die Hintertür zu schaffen, obwohl gerade das der zuständige Senat in Berlin nicht will.
Schriftlich lässt er KLARTEXT mitteilen:
ZITAT
„Der Senat hält Sperrbezirke weder fachlich noch politisch für sinnvoll.“
Grund: Das Abdrängen der Prostitution würde die Probleme nur verschieben, aber nicht lösen. Wohin soll die Prostitution denn auch verlagert werden? Niemand möchte gern den Strich vor der eigenen Haustür haben. Einige Städte haben den Straßenstrich deshalb in ein anrüchiges Ghetto verbannt.
Beispiel Köln: Hier wurde der Strich an den Stadtrand gedrängt. Zum Teil erledigen die Frauen den Geschlechtsverkehr im Auto des Freiers in einem alten Stall. Passend daher die Bezeichnung der Anlage: Verrichtungsboxen.
Ist es das, was man will? Acht Jahre nach Legalisierung der Prostitution?
Erniedrigend finden das einige Frauen vom Hackeschen Markt. Schöne Frauen, die sich angeblich freiwillig auf das Gewerbe eingelassen haben, so wie diese ehemalige Lehramtsstudentin. Ein Gespräch vor der Kamera lehnt sie aber ab.
Wir fragen bei Hydra nach, einer Beratungsstelle für Prostituierte. Marion Detlefs, eine Sozialarbeiterin, erklärt uns, wie sie das Vorgehen des Bezirks bewertet.
Marion Detlefs, Hydra e.V.
„Wir empfinden das als neue Diskriminierung, als neuen Versuch, das Thema Prostitution zu tabuisieren, zu verbieten, zu reglementieren und finden das natürlich nicht wünschenswert.“
KLARTEXT
„Ist das ein Rückschritt?“
Marion Detlefs, Hydra e.V.
„Ja, das wär’ ein Rückschritt?“
Doch die Anwohner empfinden das anders. Sie befürchten durch die Prostitution mehr Kriminalität in ihrem Kiez..
Anwohnerin
„Es ist einfach unangenehm, es stört sehr und es ist für viele auch wirklich bedrohlich.“
Bislang ist das aber wohl eine unbegründete Angst. Von der Prostitution gehe keine Gefahr aus. Straftaten, die hier begangen werden, stehen laut Auskunft der Berliner Polizei gegenüber KLARTEXT:
Zitat
„… nicht im Zusammenhang mit der Prostitution“.
Nicht alle Anwohner, die hier abends unterwegs sind, nehmen Anstoß am Straßenstrich, aber:
Anwohner
„Ich habe damit eigentlich gar keine Probleme. Ich habe damit nur dann Probleme, wenn diese jungen Barbie-Verschnitte…, wenn ich abends nach Hause komme, mich anquatschen und fragen: ‚Und Süßer, wollen wir mal so…?‘ Man ist freundlich, man sagt: ‚Nein, ich habe keine Lust.‘ Oder geht weg. ‚Bleib doch mal stehen, bleib doch mal stehen.‘ Das ärgert mich übrigens genau im gleichen Maße wie tagsüber die einem mit debilen Grinsen in den Weg springenden Leute, die für den Tierschutzverein werben, für die Johanniter oder sonst irgendwas.“
Nicht aggressiv um Kunden werben, Grenzen akzeptieren, das sollte eben auch das älteste Gewerbe der Welt.
Denn die Prostitution ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen, nirgendwo ist das so deutlich wie hier am Hackeschen Markt in Berlins Mitte.
Autorin: Iris Marx


