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Immer mehr Spielhallen schießen wie Pilze aus dem Boden. Genervte Anwohner befürchten eine Abwertung ihrer Kieze und machen bei den Bezirken Druck. Doch die haben kaum eine Handhabe gegen die Neueröffnung solcher Hallen, da Spielautomaten nicht unter das staatliche Glücksspielmonopol fallen. Und somit ist dem Geschäft mit der Spielsucht kaum eine Grenze gesetzt. Dabei birgt gerade das Spielen an Spielautomaten das höchste Suchtpotential.
Berlin entwickelt sich immer mehr zu einer Hochburg für Zocker. In den vergangenen Jahren sind Spielhallen überall wie Pilze aus dem Boden geschossen. Viele Berliner ärgern sich vielleicht wie Sie, über die Verschandelung des Stadtbildes. Doch noch viel grösser ist das Problem der Spielsucht, das mit der zunehmenden Zockerei einhergeht. Was unternimmt die Stadt gegen diese Gefahr? Iris Marx zeigt, wie Bund und Land sich den schwarzen Peter gegenseitig zuschieben.
Immer mehr Spielhallen schießen wie Pilze aus dem Boden. Genervte Anwohner befürchten eine Abwertung ihrer Kieze und machen bei den Bezirken Druck. Doch die haben kaum eine Handhabe gegen die Neueröffnung solcher Hallen, da Spielautomaten nicht unter das staatliche Glücksspielmonpol fallen. Und somit ist dem Geschäft mit der Spielsucht kaum eine Grenze gesetzt. Dabei birgt gerade das Spielen an Spielautomaten das höchste Suchtpotential...
Sie sind wieder zurück. Die Spielhallen. Nachdem sie Ende der 90er-Jahre fast völlig aus dem Stadtbild verschwunden waren, erobern sie wieder die Innenstädte. In Berlin stieg ihre Zahl in den vergangenen vier Jahren um über 65 Prozent.
Zum Ärger der Anwohner.
Anwohner
„Ich finde es bedenklich. Nicht nur, weil es die Spielsucht fördert, sondern weil es auch das normale Gewerbe hier verdrängt."
Seit wann Berlin die Spielhallen wieder anzieht, lässt sich ziemlich genau auf ein Datum festlegen: es ist der 1. Januar 2006. An diesem Tag ist die neue Spielverordnung des Bundes in Kraft getreten. Und mit der neuen Verordnung wurde das Automatenspiel auf einmal wieder attraktiv, so war es auch geplant.
Denn ein Ziel war: „Die rechtlichen Rahmenbedingungen sollen liberalisiert werden."
Jetzt sind mehr Geräte erlaubt, die schneller und besser sind. Wer sich freuen kann ist etwa der Geschäftsführer der Merkur Spielotheken:
Dieter Kuhlmann, Merkur-Spielothek
„Wir haben heute ein anderes Produkt als vor fünf Jahren. Und dieses Produkt spricht auch mehr Gäste an. Das war sicherlich ein Vorteil der Spielverordnung."
Neue Gäste. Das ist schön, denn jetzt verzockt nicht mehr nur der Vati das Geld, sondern auch die Mutti und auch die Omi.
Dieter Kuhlmann, Merkur-Spielothek
„Früher war es wirklich eine Männer-Domäne. Heute ist es so, dass wir neue Gäste hinzugewinnen. Das sind zum einen Frauen. Früher, um ein paar Zahlen zu nennen, lagen wir unter zehn Prozent heute in der Spitze bis zu 40 Prozent, im Schnitt 25 Prozent."
Vor der Kamera möchte hier niemand etwas sagen. Zu groß ist das schlechte Gewissen, dass man hier Stunde für Stunde ums Geld spielt.
Die junge Frau hier im Bild hat angeblich mit ihrem Freund in den vergangenen drei Jahren mehrere Tausend Euro verzockt. Bislang konnten die Eltern sie unterstützen - das Spielen können sie aber immer noch nicht lassen.
Viele tauchen hier regelrecht ab, den ganzen Tag. Kein Wunder, dass man hier kaum jemanden raus kommen sieht.
Wer gar nicht mehr davon los kommt, könnte irgendwann hier landen: In der Suchtklinik bei Dr. Werner Platz, denn die Suchtgefahr bei Automatenspielen ist extrem hoch.
KLARTEXT
„Was macht das Automatenspiel so attraktiv?"
Dr. Werner Platz, Suchtexperte Vivantes
„Es ist der einfache Zugang. Es ist nicht wie beim großen Spiel, beim Roulette oder Black Jack, also ähnlich 17 und 4, dass man da in ein Casino muss, da vielleicht einen Ausweis zeigt und registriert wird, sondern man geht einfach rein ohne Ausweis, man braucht keinen Croupier, braucht keinen Mitspieler, mit dem man sich auseinandersetzen muss, man hat den Automaten und kann sofort los legen."
Experten sprechen davon, dass die Automatenspieler 80 Prozent der behandelten Süchtigen ausmachen, die sich teilweise ihre ganze Existenz ruinieren:
Dr. Werner Platz, Suchtexperte Vivantes
„Ein Werkstattbesitzer, der Autos reparierte, kam in die Richtung spielen zu müssen. Und er hat immer mehr gespielt. Er hat auch seinen Betrieb verloren. Er war nicht mehr davon abzubringen. Er war Tag und Nacht in der Spielhalle. Er hat sogar dort geschlafen. Ihm war es peinlich, wenn dann die Frühschicht kam und die Putzdamen, dass sie ihn wieder erkannten und er immer noch da war. Aber er konnte nicht davon lassen."
Ob der Hinweis auf den Geräten da viel ausrichten kann?
Nach der Spielverordnung ist der Verlust zwar auf maximal 80 Euro pro Stunde begrenzt, außerdem muss man eine Pause nach einer gewissen Spielzeit machen - das aber hilft kaum. Manche Gäste bespielen hier vier bis fünf Automaten gleichzeitig.
Das, was auf Bundesebene mit der neuen Spielverordnung ausgelöst wurde, versucht man in Berlin auf Bezirksebene wieder auszugleichen. Doch die Möglichkeiten, eine neue Spielhalle zu verhindern, sind begrenzt.
So wie in Charlottenburg-Wilmersdorf. Hier stieg die Zahl der Spielhallen von 39 auf 71, weitere Zulassungs-Anträge liegen auf dem Tisch
Klaus-Dieter Gröhler (CDU), Baustadtrat Charlottenburg-Wilmersdorf
„Wir haben immer wieder von einzelnen Anwohnern, aber auch von Eigentümern von Nachbarhäusern Protest: ‚Warum lasst ihr so viele Spielhallen zu? Das muss doch zu verhindern sein.‘ Der Senat verweist dann regelmäßig darauf, dass Baugenehmigungsverfahren ist Sache der Bezirksämter und der Senat hilft den Bezirken nicht."
Und der zuständige Wirtschaftssenator Harald Wolf erklärt sich für nicht zuständig. Er könne an den geltenden Gesetzen für die Spielhallen nichts tun, dies läge in der Kompetenz des Bundes. Obwohl: Richtig sicher sei er sich da nicht. Ein Gespräch, lehnt er ab.
Und das Bundeswirtschaftsministerium möchte vor der Kamera ebenfalls nichts zum Thema sagen. Wir hätten gerne erfahren, warum der Bund überhaupt die Spielverordnung so liberalisiert hat. Obwohl bereits damals das hohe Suchtpotential bekannt war.
Ist es das Geld? Berlin etwa, hat im vergangenen Jahr aber nur knapp 13 Millionen Euro an Vergnügungssteuer eingenommen. Viel ist das nicht.
Nicht besonders kreativ, aber immerhin: Ein Berliner Senat hat eine Idee:
Ulrich Nußbaum (parteilos), Finanzsenator
„Das wächst sich zunehmend zu einem sehr großen Problem aus. Nicht nur städtebaulich, dass das einfach nicht in Ordnung ist, so viele Spielhallen auf einem Platz zu haben. Sondern auch für die Menschen, die dort spielen gehen, die suchtgefährdet sind, die dort abgezockt werden und deswegen hat der Finanzsenator, also ich, vor, die Vergnügungssteuer drastisch hoch zu setzen, damit wir das Spielen einfach für die Spielhallenbetreiber unattraktiver machen und das abschöpfen."
Abschöpfen also, statt eindämmen. Eine Erhöhung von 11 auf 15 Prozent ist im Gespräch. Aber am Ende gewinnt doch nur einer. Zum Beispiel die Merkur- Spielothek.
Dieter Kuhlmann, Merkur-Spielothek
„So schnell geht das…"
Autorin: Iris Marx
Immer mehr Spielhallen schießen wie Pilze aus dem Boden. Genervte Anwohner befürchten eine Abwertung ihrer Kieze und machen bei den Bezirken Druck. Doch die haben kaum eine Handhabe gegen die Neueröffnung solcher Hallen, da Spielautomaten nicht unter das staatliche Glücksspielmonpol fallen. Und somit ist dem Geschäft mit der Spielsucht kaum eine Grenze gesetzt. Dabei birgt gerade das Spielen an Spielautomaten das höchste Suchtpotential...
Sie sind wieder zurück. Die Spielhallen. Nachdem sie Ende der 90er-Jahre fast völlig aus dem Stadtbild verschwunden waren, erobern sie wieder die Innenstädte. In Berlin stieg ihre Zahl in den vergangenen vier Jahren um über 65 Prozent.
Zum Ärger der Anwohner.
Anwohner
„Ich finde es bedenklich. Nicht nur, weil es die Spielsucht fördert, sondern weil es auch das normale Gewerbe hier verdrängt."
Seit wann Berlin die Spielhallen wieder anzieht, lässt sich ziemlich genau auf ein Datum festlegen: es ist der 1. Januar 2006. An diesem Tag ist die neue Spielverordnung des Bundes in Kraft getreten. Und mit der neuen Verordnung wurde das Automatenspiel auf einmal wieder attraktiv, so war es auch geplant.
Denn ein Ziel war: „Die rechtlichen Rahmenbedingungen sollen liberalisiert werden."
Jetzt sind mehr Geräte erlaubt, die schneller und besser sind. Wer sich freuen kann ist etwa der Geschäftsführer der Merkur Spielotheken:
Dieter Kuhlmann, Merkur-Spielothek
„Wir haben heute ein anderes Produkt als vor fünf Jahren. Und dieses Produkt spricht auch mehr Gäste an. Das war sicherlich ein Vorteil der Spielverordnung."
Neue Gäste. Das ist schön, denn jetzt verzockt nicht mehr nur der Vati das Geld, sondern auch die Mutti und auch die Omi.
Dieter Kuhlmann, Merkur-Spielothek
„Früher war es wirklich eine Männer-Domäne. Heute ist es so, dass wir neue Gäste hinzugewinnen. Das sind zum einen Frauen. Früher, um ein paar Zahlen zu nennen, lagen wir unter zehn Prozent heute in der Spitze bis zu 40 Prozent, im Schnitt 25 Prozent."
Vor der Kamera möchte hier niemand etwas sagen. Zu groß ist das schlechte Gewissen, dass man hier Stunde für Stunde ums Geld spielt.
Die junge Frau hier im Bild hat angeblich mit ihrem Freund in den vergangenen drei Jahren mehrere Tausend Euro verzockt. Bislang konnten die Eltern sie unterstützen - das Spielen können sie aber immer noch nicht lassen.
Viele tauchen hier regelrecht ab, den ganzen Tag. Kein Wunder, dass man hier kaum jemanden raus kommen sieht.
Wer gar nicht mehr davon los kommt, könnte irgendwann hier landen: In der Suchtklinik bei Dr. Werner Platz, denn die Suchtgefahr bei Automatenspielen ist extrem hoch.
KLARTEXT
„Was macht das Automatenspiel so attraktiv?"
Dr. Werner Platz, Suchtexperte Vivantes
„Es ist der einfache Zugang. Es ist nicht wie beim großen Spiel, beim Roulette oder Black Jack, also ähnlich 17 und 4, dass man da in ein Casino muss, da vielleicht einen Ausweis zeigt und registriert wird, sondern man geht einfach rein ohne Ausweis, man braucht keinen Croupier, braucht keinen Mitspieler, mit dem man sich auseinandersetzen muss, man hat den Automaten und kann sofort los legen."
Experten sprechen davon, dass die Automatenspieler 80 Prozent der behandelten Süchtigen ausmachen, die sich teilweise ihre ganze Existenz ruinieren:
Dr. Werner Platz, Suchtexperte Vivantes
„Ein Werkstattbesitzer, der Autos reparierte, kam in die Richtung spielen zu müssen. Und er hat immer mehr gespielt. Er hat auch seinen Betrieb verloren. Er war nicht mehr davon abzubringen. Er war Tag und Nacht in der Spielhalle. Er hat sogar dort geschlafen. Ihm war es peinlich, wenn dann die Frühschicht kam und die Putzdamen, dass sie ihn wieder erkannten und er immer noch da war. Aber er konnte nicht davon lassen."
Ob der Hinweis auf den Geräten da viel ausrichten kann?
Nach der Spielverordnung ist der Verlust zwar auf maximal 80 Euro pro Stunde begrenzt, außerdem muss man eine Pause nach einer gewissen Spielzeit machen - das aber hilft kaum. Manche Gäste bespielen hier vier bis fünf Automaten gleichzeitig.
Das, was auf Bundesebene mit der neuen Spielverordnung ausgelöst wurde, versucht man in Berlin auf Bezirksebene wieder auszugleichen. Doch die Möglichkeiten, eine neue Spielhalle zu verhindern, sind begrenzt.
So wie in Charlottenburg-Wilmersdorf. Hier stieg die Zahl der Spielhallen von 39 auf 71, weitere Zulassungs-Anträge liegen auf dem Tisch
Klaus-Dieter Gröhler (CDU), Baustadtrat Charlottenburg-Wilmersdorf
„Wir haben immer wieder von einzelnen Anwohnern, aber auch von Eigentümern von Nachbarhäusern Protest: ‚Warum lasst ihr so viele Spielhallen zu? Das muss doch zu verhindern sein.‘ Der Senat verweist dann regelmäßig darauf, dass Baugenehmigungsverfahren ist Sache der Bezirksämter und der Senat hilft den Bezirken nicht."
Und der zuständige Wirtschaftssenator Harald Wolf erklärt sich für nicht zuständig. Er könne an den geltenden Gesetzen für die Spielhallen nichts tun, dies läge in der Kompetenz des Bundes. Obwohl: Richtig sicher sei er sich da nicht. Ein Gespräch, lehnt er ab.
Und das Bundeswirtschaftsministerium möchte vor der Kamera ebenfalls nichts zum Thema sagen. Wir hätten gerne erfahren, warum der Bund überhaupt die Spielverordnung so liberalisiert hat. Obwohl bereits damals das hohe Suchtpotential bekannt war.
Ist es das Geld? Berlin etwa, hat im vergangenen Jahr aber nur knapp 13 Millionen Euro an Vergnügungssteuer eingenommen. Viel ist das nicht.
Nicht besonders kreativ, aber immerhin: Ein Berliner Senat hat eine Idee:
Ulrich Nußbaum (parteilos), Finanzsenator
„Das wächst sich zunehmend zu einem sehr großen Problem aus. Nicht nur städtebaulich, dass das einfach nicht in Ordnung ist, so viele Spielhallen auf einem Platz zu haben. Sondern auch für die Menschen, die dort spielen gehen, die suchtgefährdet sind, die dort abgezockt werden und deswegen hat der Finanzsenator, also ich, vor, die Vergnügungssteuer drastisch hoch zu setzen, damit wir das Spielen einfach für die Spielhallenbetreiber unattraktiver machen und das abschöpfen."
Abschöpfen also, statt eindämmen. Eine Erhöhung von 11 auf 15 Prozent ist im Gespräch. Aber am Ende gewinnt doch nur einer. Zum Beispiel die Merkur- Spielothek.
Dieter Kuhlmann, Merkur-Spielothek
„So schnell geht das…"
Autorin: Iris Marx


