Marktplatz vor dem Rathaus in Angermünde (Quelle: dpa)

- Zocken um Immobilien - riskante Wohungsdeals in Brandenburg

Angermünde steht vor einer selbst verschuldeten Katastrophe: Für rund 9,3 Millionen Euro Altkredite muss die Stadt möglicherweise haften. Dabei hatte sie gehofft, genau diese Schulden durch den Verkauf der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft BWG vor wenigen Jahren loszuwerden. Doch der Coup erweist sich als Flop: Letzte Woche wurde für die BWG das Insolvenzverfahren eröffnet - und die Stadt hat für das Geld gebürgt. Kritiker schätzen, dass dies ihr Investitionsvolumen für die nächsten zehn Jahre halbieren könnte - Kindergärten, Schulen und Altenheime werden das zu spüren bekommen.

Stellen Sie sich mal vor: Jetzt, mitten im Winter, müssten Sie Angst haben, dass Ihnen demnächst die Heizung abgestellt wird - obwohl sie jeden Monat brav ihre Miete und ihre Betriebskosten zahlen. Aus der Luft gegriffen? Mitnichten. Andrea Everwien und Teresa Majerowitsch zeigen, warum sich Mieter in zwei Brandenburger Städten genau davor fürchten.

Liane Fritsch
„Im Moment ist bei uns hier in der Wohneinheit gar nichts selbstverständlich, man steht jeden Früh auf und hat das Gefühl: ‚Ach, ist die Heizung noch warm oder kommt noch warmes Wasser aus der Leitung?‘ Also, wir sind alle verunsichert."

Familie Fritsch wohnt in Welzow, in der Wohnanlage „Neue Heide". Selbstverständlich zahlt sie jeden Monat Miete und Betriebskosten - so wie die anderen Mieter auch. Doch monatelang hatte der Eigentümer der rund 200 Wohnungen kein Geld an die Energielieferanten überwiesen. Der Eigentümer, das ist eine Immobilienfirma namens LUWAG, vormals NAU Real Estate Group AG. Die Energieversorger drohten deshalb Wasser und Heizung abzustellen.

Jörg Albrecht
„Irgendwie ist man machtlos dem Ganzen gegenüber. Man hat seine Miete gezahlt, man geht dafür arbeiten und man hat immer das Gefühl, es ist kalt. Wir denken an unsere Kinder, die dann frieren, wenn's hier kalt wird…"

Was für diese Mieter existentiell ist, scheint für die Vermietergesellschaft ein Spiel zu sein. Monopoly.

Er hat die Nau Real Estate Group AG gegründet: Ottmar Nau. Seit Ende der 90er Jahre macht Nau in Immobilien. Ob in Kamp-Lintfort am Niederrhein oder Radevormwald bei Wuppertal, ob in Dortmund oder in Münster - Nau kauft möglichst billig große Wohnanlagen - häufig mit geliehenem Geld. Investitionen: nicht erkennbar. Betriebskosten wurden oft nicht gezahlt. Häuser verkommen, Mieter ziehen aus, am Ende steht oft die Zwangsverwaltung.

In Deutschland vergammeln Häuser, Mieter müssen fürchten, im Kalten zu sitzen. Wenn es Ottmar Nau zu kalt wird, zieht er sich nach Mallorca zurück. Dort hat er zwei Mühlen ausgebaut - zu Luxusherbergen.

Nau ist in Deutschland kaum erreichbar, In der Verwaltungszentrale in Berlin schottet man sich ab. In den von Nau gegründeten Firmen wechseln häufig die Geschäftsführer. Unklare Zuständigkeiten, wechselnde Verantwortungen, das scheint bei der Nau-Gruppe Teil des Spiels zu sein. Am Nau-Monopoly beteiligen sich bis zu rund 50 Firmen. So können Zuständigkeiten verschleiert werden.

Nach jeder Pleite geht es offenbar munter weiter: neuer Ort, neue Firma, neues Glück.

Beispiel Angermünde

Im März 2008 verkauft die Stadt ihre kommunale Wohnungsbaugesellschaft, die BWG. Rund 1.300 Wohnungen im Buchwert von etwa 27 Millionen.

Leider hat Angermünde sich bei der Renovierung von Plattenbauten übernommen: 25 Millionen Schulden lasten auf der Gesellschaft. Die Stadtväter beschließen zu verkaufen.

Wolfgang Krakow (SPD), Bürgermeister Angermünde
„Wir haben etwa mehrere Jahre vorher geprüft und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass nicht aus eigener Kraft letztendlich diese BWG sich retten kann. Das kann nur Baron Münchhausen, wir konnten es nicht und haben uns dann dazu entschlossen, diese BWG zu verkaufen."

Für den symbolischen Preis von zwei Euro kaufen die Nau Holding S.L. & Co Zweite und Zehnte KG - so heißen diese Firmen wirklich - die Angermünder Wohnungsbaugesellschaft. Laut Kaufverträgen - die KLARTEXT vorliegen - verpflichtet sich die eine der Gesellschaften, 9.600.000 Millionen Euro nach einem halben Jahr abzulösen. Das sind Schulden der Stadt, die sie für die Sanierung aufgenommen hatte, Schulden, für die die Stadt sich verbürgt hat.

Bei den Angermünder Abgeordneten entstand offenbar der Eindruck: 9,6 Millionen könnten die Käufer spielend zahlen. Kurt Habermann aber glaubte ihnen schon damals nicht.

Kurt Habermann (FWG Angermünde)
„Sie würden riesige Investitionen tätigen, in Rostock für 600 Millionen Wohnungsbestände kaufen, in München kaufen, also immer das Vorschieben: ‚Wir sind sowas von aktiv‘, nicht."

Wolfgang Semmroth vertritt als Rechtsanwalt Gläubiger der Wohnungsbaugesellschaft. Er hat die Bilanzen der Käuferfirmen genau studiert - und fand Merkwürdiges heraus.

Laut Handelsregister soll eine Kommanditistin der einen Käufergesellschaft für 14.280.000 Euro haften. Damit wären die 9,6 Millionen Schulden leicht zu bezahlen gewesen. Doch möglicherweise hatte die Kommanditistin dieses Geld gar nicht. Denn in ihrer Bilanz taucht es nicht auf.

Wolfgang Semmroth, Rechtsanwalt
„Es war wohl nicht so ernst gemeint mit dieser Kommanditeinlageverpflichtung. Denn es ist doch bemerkenswert, dass die Gesellschaft, die diese Verpflichtung zu erfüllen hatte, eine entsprechende Verbindlichkeit in ihr Zahlenwerk nicht aufnimmt und die Gesellschaft, die diese Forderung hat - 14.280.000 ist doch wohl ein Betrag - diese Forderung nicht in ihren Aktiva ausweist. Deswegen: Es war wohl nicht so ernst gemeint."

Und tatsächlich: Im September 2008 verstrich die Zahlungsfrist, die Nau-Gesellschaft zahlte ihre Schulden nicht.

Die Stadt bleibt nun auf über 9 Millionen Euro sitzen. Angermündes Stadtverordnete haben es den Käufern aber auch allzu leicht gemacht.

Wolfgang Semmroth, Rechtsanwalt
„Jeder Häuslebauer weiß - spätestens durch die Belehrung durch den beurkundenden Notar -, dass er den Käufer nicht ermächtigen wird, seine Immobilie zu belasten, bevor nicht der Kaufpreis geflossen ist."

Der Vertrag in Angermünde enthält keine der üblichen Sicherheiten. Der Kaufpreis von zwei Euro wurde zwar gezahlt, die 9,6, Millionen Euro Ablösesumme aber wurden nicht überwiesen. Stattdessen belegt der neue Eigentümer sogleich die Häuser mit neuen Schulden. Über sieben Millionen Grundschulden lässt er für die Nau Real Estate GmbH ins Grundbuch eintragen.

Als Sicherheit bekam die Stadt übrigens Aktien der Nau Real Estate Group AG, zum Stückwert von stolzen 16 Euro. Für die Stadt heute beinah wertlos, der Stückpreis liegt dieser Tage bei 44 Cent.

Kurt Habermann (FWG Angermünde)
„Der Vertrag selber ist unter aller Kanone. Im Bezug auf die Position der Stadt dabei. Keiner macht einen solchen Vertrag. Ich kenne so einen Notarvertrag nicht.“

Übrigens: Vergangene Woche wurde das Insolvenzverfahren über die BWG eröffnet. Die Stadt hat ihr Vermögen verloren, die Schulden dafür behalten. Deshalb muss sie jetzt neue Kredite aufnehmen. Die laufen dann bis ins Jahr 2039.

Der Bürgermeister mag aber bis heute nicht einsehen, dass der Verkauf wohl ein Fehler gewesen ist.


Wolfgang Krakow (SPD), Bürgermeister Angermünde
„Sie werden mir nicht entlocken, dass ich heute mich hinstelle und sage: ‚Ach, Gott, ach Gott, was haben wir da für einen Fehler gemacht.‘"

Übrigens: Zur Frage nach der Angermünder Wohnungsbaugesellschaft lässt Nau schriftlich mitteilen:

Zitat
„Zur wirtschaftlichen Situation der BWG GmbH können wir keine Stellung nehmen. Da aber das Insolvenzverfahren eröffnet wurde, ist diese sicherlich nicht gut."

Ob das Spiel noch lange so weitergeht? Immerhin: Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft Potsdam gegen Ottmar Nau - wegen Betruges.



Autoren: Andrea Everwien und Teresa Majerowitsch