Tankstellen Zapfsäule (Quelle: rbb)

- Schlechte Öko-Bilanz bei Biotreibstoffen

Brandenburg treibt den Ausbau der Produktion von Biokraftstoffen voran. Klimaveränderungen und steigende Rohstoffpreise scheinen der Politik Recht zu geben. Eine Schweizer Studie indes belegt, dass die derzeit für Biokraftstoffe genutzten Pflanzen eine zu geringe Energieausbeute haben. Im Übrigen sei auch die Aufbereitungstechnologie unausgereift, so dass die Ökobilanz insgesamt negativ ausfällt.

Bio boomt. Jeder ganz normale Supermarkt hat mittlerweile zig Produkte im Regal, auf denen das Bio-Siegel leuchtet. Für die eigene Gesundheit, aber vielleicht eher noch fürs eigene Gewissen, sind viele gern dazu bereit, etwas mehr zu zahlen. Und wenn man mit „Bio“ auch noch das Klima schonen kann, umso besser. In Brandenburg werden auf immer größeren Flächen Raps und Roggen angebaut, aus denen Biotreibstoffe hergestellt werden. Gut fürs Klima, aber schlecht für die Umwelt. Katrin Aue zeigt, warum Biodiesel diesen Namen eigentlich gar nicht verdient hat.

Berlin tankt. Trotz Klimaschock, trotz hoher Preise. Doch an dieser Tankstelle gibt es etwas, das klingt nach gutem Gewissen: Biodiesel aus Pflanzen. Und er ist auch noch billiger. Ein Ausweg?

Tankstellenkunden
„Beim Verbrauch des Fahrzeugs, bei der Verbrennung, ist es mit Sicherheit umweltfreundlicher. Denke ich schon.“
„Also, es ist auf jeden Fall besser als der herkömmliche Diesel, aber nicht in dem Maße, wie Biodiesel propagiert wird.“


Das geht schon in die richtige Richtung. Denn Biokraftstoffe, also Biodiesel und Bioethanol, sind längst nicht so gut wie ihr Ruf. Das hat eine neue Studie des staatlichen Schweizer Forschungsinstituts empa ergeben: Zwar verursachen Treibstoffe aus Raps und Roggen weniger klimaschädliches Kohlendioxid. Anders sieht es aber bei der Gesamtrechnung der Umweltbelastungen aus, der Ökobilanz: Da schneidet Biotreibstoff sogar schlechter ab als herkömmlicher Kraftstoff.

Berechnet man die gesamten Umweltbelastungen, verursachen Benzin oder Diesel jeweils rund 200 so genannte „Umweltbelastungspunkten“. Biodiesel aus Raps hingegen belastet die Umwelt durchschnittlich rund zweieinhalb mal mehr, Bioethanol aus Roggen sogar fast fünf Mal mehr.

Neu sind diese Ergebnisse für Experten wie Christian Hey vom Umweltsachverständigenrat der Bundesregierung, nicht. Schon lange ist bekannt: Vor allem der massive Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden beim Anbau von Raps oder Roggen führen zu Umweltschäden.

Christian Hey, Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung
„Ich glaube, die Überraschung kommt daher, dass wir immer noch glauben: Wo Bio draufsteht, ist Bio drin. Das stimmt aber nicht. Gerade bei Biomasse oder bei Biokraftstoffen und Biomasse stimmt das nicht. Man sollte nicht nur auf das Wort hereinfallen.“

Dabei ist die Idee, Kraftstoff aus Pflanzen herzustellen, erstmal gut – für das Klima.
Denn wenn man Biosprit tankt, kommt aus dem Auspuff nur so viel des Treibhausgases CO2 heraus, wie die Pflanzen vorher gebunden haben.

Doch rechnet man die Umweltbelastungen durch die intensive Landwirtschaft hinzu, sieht es schon anders aus: Vor allem massives Düngen, der Kampf gegen Schädlingsbefall in Monokulturen und der hohe Einsatz von Pestiziden gehen negativ in die Bilanz ein.

Das ist von Betrieb zu Betrieb unterschiedlich, doch im europäischen Durchschnitt wird die Ökobilanz dadurch schlecht.

Dennoch: In Brandenburg wurde im letzten Jahr drei Mal mehr Raps angebaut als noch vor fünf Jahren, vor allem für Biosprit. Und auch Roggen wächst wieder auf über 200.000 Hektar – so viel wie seit Jahren nicht. Brandenburger Biokraftstoffe – offiziell eine Erfolgsgeschichte.

Matthias Platzeck, Regierungserklärung 14.12.2005
„Wer hätte denn zum Beispiel gedacht, dass Brandenburg unter den Produzenten von Biodiesel mit Abstand zum Spitzenreiter in Deutschland aufsteigen würde? Genau diese Entwicklung ist aber eingetreten.“

Und er trägt mit dazu bei: Horst Gäbert, Landwirt in Jühnsdorf. Er baut auf über 1.000 Hektar Raps an, zwei Drittel davon für Biosprit. Für ihn ist das eine rein marktwirtschaftliche Entscheidung: Raps bringt gutes Geld. Auch, weil die EU noch eine Prämie für so genannte Energiepflanzen dazu gibt. Die Ökobilanz? Ein Luxusproblem.

Horst Gäbert, Stadtgut Berlin-Süd Vrieling KG
„Wenn man Raps auf unseren Böden hier in unseren Verhältnissen 40 Doppelzentner Doppelzentner ernten will, ist der Raps eine intensive Sorte. Er wird mehrmals mit Insektiziden behandelt, mit Fungiziden behandelt. Er wächst nicht von alleine. Von alleine würden wir einige Doppelzentner ernten.“
KLARTEXT
„Haben Sie da kein schlechtes Gefühl bei?“
Horst Gäbert, Stadtgut Berlin-Süd Vrieling KG
„Nein. Man könnte ja sagen, es ist ethisch nicht vertretbar, dass man Nahrungsmittel zu einer Energiepflanze macht, und so viel Aufwand betreibt. Aber andere führen wegen Erdöl Kriege. Da ist die Frage, was besser ist.“

Gäbert macht, was die Europäische Union von ihm will: Intensiven Anbau für die Biospritproduktion. Denn aus Brüssel kam die Ansage: bis 2020 sollen zehn Prozent des Treibstoffs aus Energiepflanzen sein.

Die Bundesregierung geht noch weiter. Der Anteil von Sprit aus Raps, Roggen und Co. soll sogar bis zu 17 Prozent betragen – zu Gunsten der Klimabilanz. Ein klares „Ja“ zu Biokraftstoffen von Seiten der Politik – auch in Brandenburg.

Biospritanlagen werden kräftig gefördert. Acht Anlagen gibt es bereits in Brandenburg, eine davon die EOP Biodiesel in Falkenhagen. Erst vor drei Monaten kamen Bundesverkehrsminister Tiefensee und Ministerpräsident Platzeck vorbei. Sie eröffneten eine neue Teilanlage – symbolisch für den „Siegeszug“ der Biokraftstoffe.

Hier in Falkenhagen wird vor allem Raps aus der Region verarbeitet, doch zu rund 30 Prozent kommt der Rohstoff aus dem Ausland – wo man die Anbaumethoden noch schwerer kontrollieren kann.

Die Früchte werden zu Rapsöl gepresst und chemisch in Biodiesel umgewandelt. Dass der dann eine negative Ökobilanz haben soll - der Geschäftsführer Sven Schön will davon nichts hören.

Sven Schön, EOP Biodiesel AG
„Ich kann jede Studie so hindrehen, dass sie entweder positiv oder negativ ist. Wir sind keine Produzenten, die irgend welche Kuckucksheime errichten, sondern wir produzieren einen alltagstauglichen Treibstoff. Und ich glaube schon, dass die Bundesregierung seit 2000 diesen Industriezweig nicht unterstützt hätte, wenn die Ökobilanz und die Energiebilanz nicht positiv wäre.“

Er hat die Politik auf seiner Seite. Auch in Brandenburg. Im Wirtschaftsministerium ist man dennoch stolz auf das so genannte „Kompetenzfeld Biokraftstoff“. Die schlechte Ökobilanz? – vielleicht eine Kinderkrankheit.

O-Ton Steffen Kammradt, Ministerium für Wirtschaft Brandenburg
„Was die Anbaubedingungen angeht, ist das jetzt etwas, was einfach sehr neu
ist, und sich im Laufe der Zeit entwickeln muss, dass hier die Kapazitäten in einer vernünftigen Weise hergestellt werden.“

KLARTEXT
„Aber was ist, wenn wir wissen, dass die Gesamt-Ökobilanz schlecht ist?“
O-Ton Steffen Kammradt, Ministerium für Wirtschaft Brandenburg
„Das ist etwas, was man jetzt zunächst einmal in der Entwicklung betrachten muss. Denn wir haben jetzt nicht Jahre, auf die wir zurücksehen, und wir sind mitten im Start.“

Ach ja? Wie gesagt: Düngemittel und Pestizide – der Preis der intensiven Landwirtschaft ist seit Jahren bekannt.

Und beim derzeitigen Stand der Technik ist die Umwandlung in Treibstoff einfach noch nicht effektiv genug. Experten wie Christian Hey hoffen deshalb auf die Technologie der so genannten „2. Generation“. Bei denen wird die gesamte Pflanze zu Treibstoff umgewandelt wird, und nicht nur die Frucht.

Christian Hey, Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung
„Wenn ich Wirtschaftsförderung machen würde, dann würde ich auf solche Zukunftstechnologien setzen und nicht auf die Technologien der ersten Generation.“
KLARTEXT
„Warum?“
Christian Hey, Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung
„Weil diese weder in der Wirtschaftlichkeit noch in der Klimawirksamkeit dauerhaft rentabel sein werden.“

Katrin Aue