Müllentsorgung in ehemaligem KZ-Steinbruch - Geschäft statt Gedenken?

Es war einst ein gutes Geschäft für die SS: Granit aus dem bayrischen Flossenbürg. Für tausende Häftlinge jedoch, die dort im KZ-Steinbruch arbeiteten, war es ein Martyrium. Wie hart die Arbeit war, lässt sich heute kaum noch erahnen. Denn im historischen Steinbruch, an dem man zeigen könnte, welche Bedingungen damals herrschten, geht das Geschäft weiter: Privatgelände. Zudem wird das Areal, auf dem Tausende ums Leben kamen, als Müllhalde und Schrottplatz genutzt, gebilligt von der Kommune - und der bayerischen Landesregierung.

Anmoderation: Für die Nazis war der Granit aus dem Steinbruch in Flossenbürg ein gutes Geschäft. Für die KZ-Insassen, die hier als Zwangsarbeiter schuften mussten, war es ein Martyrium. Das Ziel der SS: Vernichtung durch Arbeit. Flossenbürg hat unter den Konzentrationslagern eine Sonderstellung: Mitten im Dorf gelegen, konnte hier jeder Einwohner mitbekommen, was hinter den Mauern und Zäunen passierte. Zehntausende Gefangene kamen um. Dennoch wird die Gedenkstätte seit Jahren vernachlässigt. Chris Humbs, Diana Kulozik und Luis Jachmann

Wir sind auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Flossenbürg. Im Nordosten Bayerns.

Hier mussten KZ-Häftlinge Granit abbauen. Spuren ihrer Arbeit sind bis heute zu sehen. Wir finden Höhlengänge. Welchem Zweck sie dienten, ist unerforscht. Schienen für die Loren verrotten.

Treppenanlagen liegen heute verborgen unterm Waldboden. Die Häftlinge mussten einst das ganze Areal ausbauen. Vernichtung durch Arbeit – dafür steht dieser Steinbruch.

Es war eines von vier zentralen Konzentrationslagern im Westen Deutschlands. Etwa 100.000 Gefangene zählte man gegen Kriegsende im Lagerkomplex Flossenbürg. 30.000 überlebten es nicht.

Ehemalige Häftlinge berichten.

Onufrij Mychajlowytsch Dudok, ehem. KZ-Häftling in Flossenbürg

"Der Capo zwang zwei Häftlinge mir einen großen Stein auf den Rücken zu heben. Wenn ich mit dem Stein gefallen wäre, Ende. Ich hätte es nicht überlebt.”

Michael Smuss, ehem. KZ-Häftling in Flossenbürg

"Die haben uns getrieben und geschlagen. Ich habe Brüche noch, die sich nie verheilt haben in 80 Jahren auf meinem Körper."

Aleksander Laks, ehem. KZ-Häftling in Flossenbürg

"Überall wo ich war, war es nicht so schlimm als Flossenbürg. Flossenbürg war das Ende der Menschheit."

Der Steinbruch ist heute kein Gedenkort, kein Ort der Bildung. Das Gelände ist gesperrt. Zutritt verboten. Hier wird Geld gemacht. Der Freistaat Bayern hat das Gelände verpachtet. Ein Privater baut weiterhin Granit ab.

Stefan Krapf hat sich intensiv mit der Geschichte seines Heimatortes auseinandergesetzt. Er protestiert seit Jahren gegen diesen Frevel – bislang ohne Erfolg:

Stefan Krapf

"Der Pächter entlädt auch hier seine Produktionsabfälle und es hat sich niemand drum gekümmert. Denkmalschutz ist in diesem Steinbruch nicht präsent."

Selbst Gebäude, die die Häftlinge erbauen mussten, stürzen ein – wie diese Schreinerei des Steinbruchs. Während in Auschwitz oder Buchenwald mit den Überresten der Konzentrationslager sorgsam umgegangen wird, zeigt sich hier ein Bild des Verfalls.

Stefan Krapf

"Um die Gebäude hat sich die letzten 20-30 Jahre niemand gekümmert. Es gingen viele authentische Flächen der Häftlinge verloren. Nur wegen des Abbaus von Granit entstand das KZ an dieser Stelle – es war eines der größten in Europa.

Dennoch gehört das Areal des Steinbruchs heute nicht zum Grundstück der Gedenkstätte. Das wollte man klein halten. Keine zweihundert Meter, hinweg über einen Schrottplatz auf dem ehemaligen KZ-Gelände, kommt man zum SS-Verwaltungsgebäude. Heute Zentrale der Gedenkstätte, die der Freistaat Bayern betreibt.

Der Leiter, Jörg Skriebeleit, würde den Besuchern der Gedenkstätte gerne das ganze Steinbruch-Areal zeigen:

Jörg Skriebeleit, Leiter Gedenkstätte Flossenbürg

"Der Steinbruch ist uns wichtig. Der Steinbruch ist als bauliches Relikt als Bodendenkmal wichtig, als historisch elementarer Teil des ehemaligen Konzentrationslagers …"

Aber der Nutzungsvertrag zwischen dem Pächter und dem Freistaat Bayern, vertreten durch die Staatsforsten, soll erstmal nicht aufgelöst werden:

"Bis 2024", lässt man uns wissen.

Damit hat man sich in der Gedenkstätte offenbar abgefunden. Und redet die Situation sogar schön:

Jörg Skriebeleit, Leiter Gedenkstätte Flossenbürg

"Für Flossenbürg ist das Glück, dass sich so viel Bausubstanz, Bodendenkmal erhalten hat, was jetzt unter dem Wald liegt, was jetzt auch tatsächlich von so einer Bewaldung geschützt wird."

Durch den Wald geschützt? Im Gegenteil, seit 72 Jahren wird das historische Erbe überwuchert und zerstört. Auch deshalb bleiben seit einiger Zeit bei den jährlichen Feierlichkeiten zur Befreiung des Lagers Plätze frei. Überlebende aus Frankreich reisen nicht mehr an. Aus Protest – sie finden den Umgang mit dem ehemaligen KZ-Gelände taktlos und unangemessen. Den Sprecher ihres Verbandes treffen wir in Lyon.

Michel Clisson, Association des déportés de Flossenbürg et Kommandos

"Die aktuelle Situation wäre nicht so, wenn die Behörden in München ihren Verpflichtungen nachgekommen wären. Wir haben verlangt, dass der historische Teil des Steinbruchs wieder freigelegt werden soll."

Doch der Protest der Überlebenden zeigt wenig Wirkung im Freistaat.

Rückblende: Die Entwicklung einer würdigen Gedenkstätte rund um die SS-Kommandantur war von Anfang an schwierig. Ende der 50er Jahre ließ die Kommune eine Wohnsiedlung auf einen Teil der Häftlingsbaracken erbauen. Die Lokalzeitung titelte damals "Auf Stätten des Leids, Heime des Glücks".

Heute haben sich die Bewohner der Siedlung mit dem belasteten Ort arrangiert.

Kontraste

"Und das war alles KZ-Gelände hier?"

Anwohner

"Ja, bis zur Straße vor, da wo der Kiosk steht, das hat alles zum KZ gehört, bis darauf."

Kontraste

"Und wie fühlt es sich an, hier zu leben?"

Anwohner

"Naja, man gewöhnt sich daran."

Insgesamt zeigt sich ein respektloser Umgang mit den Opfern des NS-Regimes. Bilder vom Abriss des KZ-Gebäudes, vor dem unter anderem der Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer ermordet wurde. Auf dem zentralen Folterplatz des KZ stand bis 1998 sogar eine Fabrikhalle.

Bruno Thomas, Manager eines französischen Konzerns kaufte sie zusammen mit anderen Betrieben in Deutschland auf. Niemand sagt ihm, dass es sich um ein KZ-Gelände handelt. Als er das bemerkt, reagiert er sofort:

Bruno Thomas, ehem. Vorstandsvorsitzender Alcatel

"Ich war geschockt, als ich das mit dem Lager entdeckt habe … Meine klare Überzeugung war, dass dieses Grundstück zurückgegeben werden muss um daraus eine Art Museum zu machen."

Erst durch diese Forderung und massiven Druck durch Engagierte wurde die Landesregierung aktiv – entwickelte eine Gedenkstätte. 2007 folgte dann eine Ausstellung zum KZ.

Doch einen weiteren Ausbau sieht man im 1.600 Einwohner-Ort eher skeptisch:

Kontraste

"Es gibt ja so Diskussionen, ob man den Steinbruch mit eingliedern soll. Was denken Sie darüber?"

Anwohner

"Habe ich mir noch keine Gedanken gemacht, das sind Arbeitsplätze, die da verloren gehen."

Bedienung

"Weil das einfach Arbeitsplätze sind, es ist so."

Manche Flossenbürger leben in den Häusern, die einst für die SS-Offiziere errichtet wurden. Sie reden ungern darüber, dass das KZ damals der größte Arbeitgeber war. Örtliche Steinmetze leiteten die Häftlinge an. Ein Wandgemälde in einem ehemaligen SS-Gebäude huldigt Ihnen.

Im Rathaus von Flossenbürg wird klar, mit dem weiteren Ausbau der Gedenkstätte und dem Erhalt des Steinbruchs hat man es nicht eilig.

Thomas Meiler (CSU), Bürgermeister Flossenbürg

Auf diesem Gelände ist ja auch vor der NS-Zeit auch schon Granit abgebaut worden, sodass ich zurzeit jetzt nicht diesen dringenden Handlungsbedarf sehe.

Kein Handlungsbedarf? Seit über 70 Jahren nutzt man den Steinbruch des Konzentrationslagers, um damit Geschäfte zu machen. Es ist an der Zeit, dieses Ignorieren und Verdrängen zu beenden.

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