Vivantes, Quelle: rbb

- Gutes Geschäft - Krankenhausbetreiber setzt Kranke auf die Straße

Der Berliner Krankenhauskonzern Vivantes will ein gutes Geschäft machen: Vom Land Berlin bekam er einst eine Immobilie für 1 DM, die er jetzt für 2,5 Millionen Euro weiterverkaufen will. Dass dadurch rund 40 psychisch kranke Menschen ihr Heim verlieren, interessiert weder die Konzernmanager noch die Politik.

Mit Immoblien kann man in Berlin derzeit viel Geld verdienen. Das hat jetzt offenbar auch der landeseigene Klinikkonzern Vivantes erkannt. Dass dabei psychisch kranke Menschen auf der Strecke bleiben, ist für die Konzernmanager anscheinend zweitrangig. Andrea Everwien über einen fragwürdigen Immobiliendeal.

Fast wäre sie selbst aus dem Fenster gesprungen, dann hat sie doch nur ihre Kleider hinausgeworfen: eine Bewohnerin dieses Wohnheims in Schöneberg. Der Heimleiter ist alarmiert.

Georg Mast
Heimleiter Pinel gGmbH

„Das ist jetzt eine Bewohnerin, die heute morgen erfahren hat, dass sie eventuell ihre Heimat verlieren wird und jetzt so verzweifelt ist, dass sie ihre sämtlichen Anziehsachen aus dem Fenster geworfen hat.“

Mitten in der Stadt, gegenüber vom Rathaus Schöneberg, hat sich die Szene vor ein paar Tagen abgespielt – in diesem Haus in der Dominicusstraße. Die gemeinnützige Pinel GmbH betreut hier seit 15 Jahren etwa 40 schwer kranke Menschen – psychisch kranke Menschen. Vor ein paar Tagen haben sie erfahren: das Haus wird verkauft, wahrscheinlich müssen sie dann raus.

Peter Gniatczyk
„Nee, ich will nicht umziehen, nee.“

Was ist hier los? Rückblick:

Das Haus gehörte ursprünglich dem Land und wurde vom Bezirk Schöneberg verwaltet. Zuständige Bezirksbürgermeistern war damals Elisabeth Ziemer. Sie übergab die Immobilie einem Schöneberger Krankenhaus, das es an die Pinel gmbH vermietete.

Elisabeth Ziemer (Bündnis 90/Die Grünen)
ehemalige Bürgermeisterin Berlin-Schöneberg

„Die Zielsetzung war ganz klar die Pinel-Gesellschaft soll hier betreutes Wohnen einrichten für Psychiatrie-Betroffene und damit die Enthospitalisierung – das Strategieprogramm damals und heute – umsetzen.“

Enthospitalisierung – das heißt: heraus soviel Selbständigkeit wie möglich, soviel Betreuung wie nötig.

Den Schlüssel haben die Bewohner in der Pinel-WG selbst in der Hand – anders als früher im Krankenhaus.

Fast alle hier leben mit einer großen Verunsicherung und mit Verfolgungsängsten. . Die häufigsten Diagnosen: Schizophrenie und Psychosen. Viele hören Stimmen, halten sich heute für Gott und morgen für den Teufel.

Anette Jäger
„Und es hat halt nicht aufgehört und es gibt Leute, die was penetrieren und sorgen dafür, dass man es im Leben nicht mehr schafft, ja.“

Damit sich die Bewohner sicher fühlen, gestaltet jeder sein Zimmer nach eigenen Wünschen.

Heidi Wabnig liebt es mädchenhaft, sie hat ein Faible für Kinder und kleine Tiere. Die freundliche Umgebung hilft ihr, ihre tiefe Angst vor einem Krieg zu bannen.

Peter Gniatczyk war früher einmal obdachlos. Er ist ein Asket, duldet nicht einmal Bilder an der Wand. Er braucht die tägliche Ordnung, alles muss übersichtlich und an seinem Platz sein.

Peter Gniatczyk
„Sonst fühle ich mich nicht wohl wenn nicht schön aufgeräumt ist bei mir.“
KONTRASTE
„Wie wäre das denn, wenn andere das machen für Sie?“
Peter Gniatczyk
„Nein, das brauch ich nicht, das möchte ich selber machen.“

Dreimal die Woche geht Kurt Kujawicki arbeiten – im Restaurant um die Ecke, das auch zur Pinel- Gesellschaft gehört. Gemeinsam mit anderen Patienten kocht er hier für alle Bewohner – Arbeit, die ihn nicht überfordert, seinen Tagen aber Sinn und Struktur gibt.

Kurt Kujawicki
„Ich bin psychisch krank, das ist eine Schizophrenie, dass man nicht genau weiß, welcher Weg gerade einzuschlagen ist, …aber hier wird auf einen aufgepasst.“

Karin Ries schätzt am Wohnheim die guten Kontakte zu den Nachbarn – und den Park vor der Haustür.

Karin Ries
Bewohnerin Pinel

„Ich erhole mich da erstmal nervlich, rauch mein Pfeifchen, schau zum Springbrunnen hin da, schöön!“

Den Menschen geht es gut hier. Doch ihr Zuhause ist bedroht.:

Denn: das Haus gehört nicht mehr dem Land. 2001 ging es für den symbolischen Preis von 1 DM an den Krankenhauskonzern Vivantes. Vivantes will jetzt verkaufen – offenbar für rund 2,5 Millionen Euro an das das buddhistische Zentrum Karma Kagyü Berlin.

Für die psychisch Kranken wird hier dann kein Platz mehr sei. Dabei hatte Pinel sogar selbst mitgeboten, um das Haus zu kaufen. Doch offenbar können die Buddhisten mehr zahlen – und Vivantes will soviel Geld rausschlagen wie möglich.

Bernd Gander
Pinel gGmbH

„Es ist tatsächlich so, dass wir hier in die Gemeinde fest integriert sind, hier wirklich die ärmsten, die kränkesten Menschen wohnen und es kann es nicht sein, dass man auf Kosten dieser Menschen jetzt Profite macht.“

Elisabeth Ziemer (Bündnis 90/Die Grünen)
ehemalige Bürgermeisterin Berlin-Schöneberg

„Ich bin auch völlig entsetzt über Vivantes, die machen keine Gesundheitspolitik, nur noch Immobilienpolitik.“

Und der Gesundheitssenator? Vor der Kamera will er sich nicht äußern. Einerseits sitzt Mario Czaja im Aufsichtsrat der Vivantes. Andererseits ist er aber für die psychisch Kranken zuständig. Dieser Verantwortung ist er aber bislang offenbar nicht gerecht geworden.

Natürlich haben wir auch beim Krankenhauskonzern Vivantes nachgefragt, doch dort wollte man uns kein Interview vor der Kamera geben.

 

Beitrag von Andrea Everwien

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