- Mangelhafte Leichenschau - warum immer noch Morde unentdeckt bleiben

Seit über zwei Jahrzehnten kritisieren Rechtsmediziner, dass die Leichenschau in Deutschland ungenügend ist. Gewaltverbrechen, ärztliche Behandlungsfehler oder Missstände in Altenheimen können so vertuscht werden. Doch statt zu handeln, bleiben die Gesundheitsminister der Länder untätig.

Der perfekte Mord ist der, der nie bemerkt wird. Leider passiert das viel häufiger, als wir alle glauben! Und zwar aufgrund falsch ausgestellter Totenscheine. Dabei weiss die Politik seit langem, wie man Verbrechen besser aufdecken könnte. Caroline Walter und Christoph Rosenthal über eine Reform, die nie stattfand.

Dr. Hartl wurde gerade von der Münchner Polizei angerufen – eine Frau liegt tot in ihrer Wohnung. Der Arzt ist im Einsatz für den Leichenschaudienst und fährt sofort zum Fundort. Er muss den Tod, aber vor allem die Todesart bescheinigen. Wir bleiben draußen – aus Respekt vor den Angehörigen. Drinnen findet er heraus, dass die Frau Herzbeschwerden hatte, in eine Klinik ging, aber ohne Befund wieder entlassen wurde.

Dr. Stefan Hartl
Forensischer Leichenschaudienst München

„Ich attestiere da in so einem Fall eben eine ungeklärte Todesart, es ist nicht meine Aufgabe zu beurteilen, ob da jetzt ein Behandlungsfehler vorlag, aber durch die ungeklärte Todesart übernimmt diese Aufgabe eben Polizei und Staatsanwaltschaft.“

Dr. Hartl gehört zu diesem Team von besonders ausgebildeten Leichenschauärzten. Seine Kollegen treffen sich heute zur monatlichen Fallbesprechung mit zwei renommierten Rechtsmedizinern. Die Gruppe geht alle Todesfälle akribisch durch – um daraus zu lernen. Wie gerade bei diesem Fall, wo der Patient an der Überdosis eines Medikaments verstarb.

Dr. Matthias Skrzypczak
Forensischer Leichenschaudienst München

„Die Ehefrau hat das geschildert, dass er so nach sechs bis zwölf Stunden Durchfälle bekommen hat, das Zittern bekommen hat, dass er aber weiter diese Tabletten eingenommen hat, weil der Arzt gesagt hat, er darf die alle zwei Stunden nehmen und ist einige Stunden später dann tot aufgefunden worden von der Ehefrau.“

Dr. Oliver Peschel
Institut für Rechtsmedizin München

„Das ist sicherlich ein Fall, der bei manchen anderen als natürlich durchgerutscht wäre. Wobei ich keinen, wirklich keinen Zweifel habe, dass das eine Intoxikationsfolge ist.“

In München ist der Leichenschaudienst eine feste Institution – die Ärzte haben viele Einsätze und damit viel Erfahrung.

Dr. Sybille Kraus
Institut für Rechtsmedizin München

„Bei Verstorbenen, die aufgefunden werden, steht leider nicht immer auf der Stirn ‚ich bin ermordet worden’. Es gibt in der Rechtsmedizin sehr viele kleine Befunde. Beispielsweise kleine punktförmige Einblutungen ins Augenlied- und Bindehäuten, die für eine Gewalteinwirkung gegen den Hals sprechen können. Und wer diese Befunde nicht kennt, der kann sie auch nicht sehen.“

Doch ein qualifizierter Leichenschaudienst wie in München ist in Deutschland die absolute Ausnahme. Stirbt jemand, wird fast überall ein beliebiger Arzt gerufen, um die Leichenschau durchzuführen – ohne entsprechende Qualifikation. Und das hat Folgen.

Wie dieser Fall aus Hessen zeigt. Ein älterer Mann wird tot in seiner Wohnung aufgefunden, der Arzt bescheinigt einen natürlichen Tod – trotz Blutlache. Die Leiche wird eingeäschert. Niemand ahnte, dass der Enkel ihn im Streit erstochen hat. Es kam nur heraus, weil der junge Mann es später aus Versehen ausplauderte.

Schlampige Leichenschau – das ist Alltag in Deutschland und erschwert vor allem die Suche nach Tätern. Darüber beklagt sich der Bund Deutscher Kriminalbeamter.

Wilfried Albishausen
Bund der Kriminalbeamten

„Die Leichenschau in Deutschland ist stark verbesserungsbedürftig, weil wir immer wieder feststellen, dass Ärzte sozusagen ihrer Pflicht eine genaue Leichenschau vorzunehmen, die Leiche zu entkleiden und dann letztlich auch die Feststellung treffen, wie jemand um’s Leben gekommen ist, nicht korrekt nachkommen.“

Massenhaft fehlerhafte Totenscheine – dies belegen zahlreiche Untersuchungen aus den letzten Jahren. In Essen war jeder 5. Totenschein fehlerhaft. Und in einer neuen Studie gab es vier Todesfälle, die als natürlich bescheinigt wurden, obwohl der Verdacht auf Tötung vorlag. Sie waren bei der ersten Leichenschau durchgerutscht.

Oft wird zum Ausstellen des Totenscheins der Hausarzt gerufen – doch Rechtsmedizinerin Dr. Kraus sieht genau darin das Problem.

Dr. Sybille Kraus
Institut für Rechtsmedizin München

„Die Problematik ist sicher ein Stück weit, dass der Hausarzt in vielen Dingen vielleicht, einfach ein Stück weit, betriebsblind ist. Er kennt einen Patienten, er weiß von den Vorerkrankungen. Jetzt stirbt der Patient, der Hausarzt ist nicht sonderlich erstaunt darüber und wie schnell ist der Herzinfarkt bescheinigt. Trotzdem waren es vielleicht die Angehörigen, die auf Grund irgendwelcher Erbproblematik das Kissen einfach auf’s Gesicht gedrückt haben und somit den Tod herbeigerufen haben.“

Circa 1.300 Tötungsdelikte bleiben pro Jahr unentdeckt – so alarmierten Wissenschaftler bereits vor 15 Jahren. Und so lange weiß die Politik schon, wie dringlich das Problem ist. 2009 gab es schließlich einen Anlauf, die Qualität der Leichenschau zu verbessern. Roswitha Müller-Piepenkötter war damals Justizministerin in Nordrhein-Westfalen und treibende Kraft, bundesweit etwas zu verändern.

Roswitha Müller-Piepenkötter
ehemalige Justizministerin Nordrhein-Westfalen

„Die Justizministerkonferenz hat 2009 einstimmig beschlossen, die Länder aufzufordern, dass die Bestattungsgesetze eine professionelle Leichenschau durch ein amtlich bestellten Leichenbeschauer vorsehen.“

Doch zuständig für die Umsetzung sind die Gesundheitsminister. Und die schoben den Vorgang vor sich her. Jahr für Jahr. Von einer Arbeitsgruppe in die nächste, suchten immer neue Bedenken. Ihr Fazit 2011: eine Reform der Leichenschau sei nicht umsetzbar.

Prof. Michael Birkholz, der damals als Sachverständiger gehört wurde, ist enttäuscht, wie hier die Politik versagt.

Prof. Michael Birkholz
Institut für Rechtsmedizin Bremen

„Es gab auch verschiedene Arbeitsgruppen schon, die dort ganz konkrete Pläne ausgearbeitet haben. Das liegt alles auf dem Tisch, die Politik müsste es nur noch aufgreifen. Man müsste es nur einmal wollen. Ich glaube, es fehlt der Wille zur Reform.“

Seinem Engagement ist es zu verdanken, dass in Bremen die Leichenschau gut funktioniert – hier gibt es einen amtlichen Leichenschaudienst der Gerichtsmedizin. Es gibt keinen Totenschein, der nicht noch einmal kontrolliert wird. In Bremen können die Bürger sicherer sein, dass ein Verbrechen aufgedeckt wird.

Das war nicht immer so: Prof. Birkholz zeigt uns Belege, was passierte, als die Stadt ungeschulte Ärzte für die Leichenschau einsetzte. Das Resultat: 20 fehlerhafte Totenscheine in nur drei Monaten. Darunter auch dieser Fall.

Prof. Michael Birkholz
Institut für Rechtsmedizin Bremen

„Im Gebüsch mit Hämatomen im Bereich der Nase auf dem Bauch liegend gefunden. Schürfungen an den Händen und am rechten Auge. Durch am Boden liegenden Ast erklärbar. Kein Anhalt für Fremdverschulden. Natürlicher Tod. Hier ist ein Tötungsdelikt eindeutig übersehen worden.“

Doch es geht nicht nur um Verbrechensaufklärung. Dr. Hartl vom Münchner Leichenschaudienst wird auch in Pflegeheime gerufen – wie jetzt nach dem Tod einer Bewohnerin. Bei ihr wird er einen natürlichen Tod feststellen. Aber er deckt auch Missstände auf.

Dr. Stefan Hartl
Leichenschaudienst München

„Ich habe mal erlebt, dass ein Verstorbener massiv dehydriert war, also offensichtlich über längere Zeit nichts getrunken hat oder nichts zu trinken bekommen hat, oder man sich nicht darum gekümmert hat, dass derjenige ausreichend trinkt. Und letztlich ist er daran verstorben, obwohl er in einer professionellen Pflegeeinrichtung war. Und wenn ich das entsprechend auf dem Totenschein vermerke, dann geht die Kriminalpolizei in München dem auch nach.“

Ein professioneller Leichenschaudienst deckt Mängel auf – und schützt damit auch die Lebenden. Selbst ärztliche Behandlungsfehler können so ans Licht kommen.

Doch statt von München und Bremen zu lernen, bleiben fast alle Bundesländer in dieser Sache untätig.

Wir haben alle Gesundheitsminister angeschrieben – die Antworten sind frappierend. Hamburg antwortet auf die Frage - ob Reformen umgesetzt wurden, lapidar mit nein. Bei anderen heißt es, „kein Änderungsbedarf“, oder „nicht realisierbar“. Wieder andere verweisen auf die nächste Arbeitsgruppe.

Der Minister von Rheinland-Pfalz schreibt, man halte die Verbesserung der Leichenschau für „sinnvoll und notwendig“. Gesetzliche Maßnahmen seien „…aber nicht geplant“.

Auch aus Sachsen-Anhalt teilt der zuständige Minister mit, dass es „…keine Gesetzesinitiative zur Verbesserung der äußeren Leichenschau gibt…“.

Dabei kennt er die Missstände in seinem Land genau. Das geht aus einer Anfrage im Landtag von 2011 hervor – dort räumt sein Ministerium ein:
„Ja, Defizite ergeben sich vor allem bei der korrekten Feststellung der Todesart…“
Und: dass sich „bei acht Verstorbenen Anzeichen für ein Tötungsdelikt herausstellten, die bei der Leichenschau übersehen worden waren.“

Das Resümee: Bundesweit Stillstand seit Jahrzehnten.

Roswitha Müller-Piepenkötter
Bundesvorsitzende Weisser Ring

„Ich werfe den Gesundheitsministern eigentlich vor, dass sie sich um dieses Problem nicht kümmern, dass sie in einer Abwehrhaltung sind, warum sollen wir das tun, statt sich mal mit den Fakten auseinanderzusetzen.“

Doch bis dahin bleiben weiter viele Verbrechen - ungeklärt.

Wenn man zynisch wäre, könnte man sagen: Wo keine Lobby ist, ist auch kein Druck.

 

Beitrag von Caroline Walter und Christoph Rosenthal

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