Inside Facebook - Die Arbeit der Löschteams jenseits der Pressetermine

Seit Wochen bemüht sich Facebook, sein Image in der Öffentlichkeit aufzupolieren. Insbesondere geht es um die Mitarbeiter, die damit betraut sind, Inhalte zu löschen. Viele klagten lange über psychischen Druck und wenig Unterstützung vom Dienstleister Arvato. In dieser Woche nun öffnete Arvato die Türen der "Löschzentrale" und präsentierte zufriedene Angestellte. KONTRASTE traf Menschen, deren Ansichten die PR-Abteilung von Facebook wohl nicht von selbst öffentlich machen würde.

Anmoderation: Anfang der Woche gab es einen denkwürdigen Pressetermin in Berlin: Facebook hat ausgewählte Journalisten eingeladen, sich ein Bild zu machen, wie das Unternehmen mit dem Löschen von Gewaltvideos im sozialen Netzwerk umgeht - und wie sorgsam man scheinbar die Mitarbeiter dabei  vermeintlich begleitet. Freiwillig war Facebook vermutlich nicht auf die Idee gekommen: Für den nötigen Druck dürfte das neue "Anti-Hatespeech-Gesetz" von Justizminister Maas gesorgt haben. Das schreibt Betreibern sozialer Netzwerke vor, offensichtlich rechtswidrige Inhalte binnen 24 Stunden zu löschen. Facebook war mit seiner PR-Aktion scheinbar zufrieden. Doch Joachim Rüetschi hat einen Mann getroffen, der eine ganz andere Geschichte erzählt hat.

Wahrhaftige Selbstmorde – Reale Vergewaltigungen – Abscheuliche Brutalität. Das Netz als Buffet menschlicher Abgründe. Im Original komplett unverpixelt. Alltag auch bei Facebook. Videos und Bilder tausendfach geteilt. Bis sie einzeln und von Hand gelöscht werden.

Er hier hat gelöscht für Facebook. Über viele Monate. Quasi im Akkord. Bis er nicht mehr konnte. Und er hat unterschrieben, nicht darüber zu sprechen. In seinem Arbeitsvertrag. Tut es aber trotzdem. Anonym.

O-Ton

"Sterbende Kinder, Menschen, die sich das Leben nehmen. Jeden Tag neue Grausamkeiten. Wenn du nach Hause gehst, bleiben die Bilder in deinem Kopf. Sie verfolgen dich in deinen Träumen. Sie verändern dich. Dein Gehirn entwickelt eine Art Schutz, der sagt: Das ist nicht real. Das passiert jetzt nicht wirklich. Du sitzt vor diesen Bildern und fängst an zu lachen. Und staunst über dich selbst. Ich bin durchgedreht. Das schaffst du nicht. Das schaffst du einfach nicht. Du musst dir den gesamten Müll der Leute reinziehen. Den Müll der ganzen Welt quasi."

Berlin Spandau. Hier wird der digitale Dreck entsorgt. Von rund 600 Mitarbeitern. Der Dienstleister Arvato sorgt für die Dekontaminierung des Hochglanzprodukts Facebook. Die Regeln nach denen gelöscht wird, sind streng geheim, werden ständig erweitert und sind wohl kaum noch nachvollziehbar.

Ob Brüste drinbleiben dürfen oder raus müssen hängt zum Beispiel ab von der Pose, in der sie präsentiert werden. Diese doch eher nichtigen Vorschriften werden den Mitarbeitern während der Einarbeitungswochen eingetrichtert. Die wirklich schmutzigen Fälle würden da noch gar nicht behandelt.

O-Ton

"Beim Kennenlernen wurde mir fast gar nichts gesagt über den Job. Lediglich dass es sich um monotone Computerarbeit handele. Später – während der Einarbeitungszeit – haben die uns nur völlig harmlose Beispiele vorgeführt. Aber als es dann losging, hab ich gesehen: es ist nicht so wie im Training. Da kommen Bilder auf deinen Schirm in einer Tour, die Wahnsinn sind. Folter, Suizide. Und so weiter."

Blockade. Schweigen. Geheimnistuerei. Monatelang hat Facebook versucht, die Löschzentrale aus der Öffentlichkeit herauszuhalten. Bis in dieser Woche plötzlich für ausgewählte Medien die Tür aufging. Botschaft der Inszenierung: Alles im Butter. Wir kümmern uns um unsere Mitarbeiter.

Klaus Gorny, Sprecher Facebook

"Wir haben zunächst ein mehrstufiges Auswahlverfahren. Wo wir uns eben darum kümmern, dass die Mitarbeiter genau wissen, was sie erwartet. Und gleichzeitig gibt es jederzeit die Möglichkeit, dass Mitarbeiter, wenn sie sich einer Aufgabe nicht gewachsen fühlen oder einen Inhalt belastend fühlen, Unterstützung, dies kann zum Beispiel auch psychlogische Unterstützung sein, in Anspruch nehmen können."

Aus Unternehmenssicht ist alles geregelt. Mitarbeiter der Löschzentrale würden erst explizit aufgeklärt, danach ausführlich geschult und schließlich intensiv betreut. Klingt schlüssig. Deckt sich aber so gar nicht mit den Erfahrungen, die er gemacht hat.

O-Ton

"Es heißt, es gibt da einen Psychologen. Aber der schickt dich nur zurück an die Arbeit. Der führt ein kurzes Gespräch mit dir und das war’s. Als ich meinen Freunden erzählte, dass ich diesen Job mache, haben die gesagt: Einer muss es eben machen. Das ist traurig, denn es macht diejenige Person kaputt, die das macht."

Er lässt sich nicht länger kaputt machen. Doch geheilt ist er deshalb noch lange nicht. Dafür müsste er das, was er bei Facebook gelöscht hat, auch aus seinem Kopf löschen.

Beitrag von Joachim Rüetschi

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