Giftige Rekordernten - Massenhaftes Artensterben durch Insektizide in der Landwirtschaft

Sie heißen Neonicotinoide und stehen im Verdacht, dass durch ihren Einsatz in der Landwirtschaft massenhaft Insekten vernichtet werden. Giftcocktails für hohe Erträge! Aber warum eigentlich? Der Selbstversorgungsgrad in Deutschland liegt bei Getreide oder Kartoffeln weit über 100 Prozent. Der Überschuss geht in den Export und vernichtet nicht selten die Existenzgrundlage der Bauern in Entwicklungsländern. Warum verzichten wir nicht einfach auf diese gefährlichen Chemikalien und fokussieren uns auf hochwertige und unbedenkliche Produkte?

Anmoderation: Fiese kleine Mücken in der Nacht, Bienen oder Krabbelkäfer – viele halten das für lästiges Ungeziefer! Da freut sich so mancher, wenn er Sieben auf einen Streich erwischt. Wir Deutschen gelten ja als besonders effektiv - auch beim Töten von Insekten, vor allem in der Landwirtschaft. Wir sind darin allerdings so gut, dass jetzt deswegen eine akute Gefahr droht: Wissenschaftler haben herausgefunden, dass uns ein Insektensterben dramatischen Ausmaßes droht. Chris Humbs und Markus Pohl zeigen, dass die systematische Vernichtung von Insekten massive Probleme für die Natur mit sich bringt.

Expedition ins Tierreich. Krefelder Forscher fangen hier am Niederrhein Fluginsekten. Aber selbst jetzt - im Hochsommer - nur noch mit mäßigem Erfolg.

"Ungefähr halb voll, schlechter Durchschnitt"

Seit Jahrzehnten arbeiten die Insektenkundler mit den exakt gleichen Fallen – und immer an denselben Stellen. Die aktuelle Auswertung ihrer Langzeitmessungen ist ein Schock für die gesamte Fachwelt.

Josef Tumbrinck, Insektenkundler, Entomologischer Verein Krefeld

"Wir wissen eben, dass es nur noch ein Viertel der Insektenmasse ist, was an vielen Stellen gefunden wird, und das ist schon dramatisch, weil 80 Prozent, 70 Prozent sind verschwunden. Das ist sehr sehr viel, und das innerhalb von einem sehr kurzem Zeitraum, wenn man das ökologisch sieht, nämlich von 15, 20 Jahren, da sind die weggebrochen."

Insekten spielen eine enorm wichtige Rolle im Ökosystem. Vielen Vögeln, etwa dem gefährdeten Rebhuhn, dienen sie als Nahrungsgrundlage. Und die Landwirtschaft ist auf Insekten als Bestäuber angewiesen.

Was aber ist der Grund für den dramatischen Einbruch in den Beständen? Die Insektenkundler haben einen Verdacht.

Josef Tumbrinck, Insektenkundler, Entomologischer Verein Krefeld

"Internationale Studien verdichten immer mehr, es sind Insektizide, es ist die Intensivlandwirtschaft, die eben Insektizide einsetzen, Neonicotinoide stehen hier eben ganz schwer im Verdacht."

Neonicotinoide – das sind Nervengifte. Seit den 90er Jahren werden sie massenhaft in der Landwirtschaft eingesetzt. Die Wirkung auf Insekten: bis zu 7.000 Mal stärker als das berüchtigte DDT, das längst verboten ist.

Neben dem Spritzen werden auch Samenkörner damit gebeizt. Der Wirkstoff umhüllt dann das Saatgut.

Die Pflanze nimmt den Wirkstoff auf und verteilt ihn von den Wurzeln bis in die Blätter. Insekten, die sich an der Pflanze zu schaffen machen, sterben an dem Gift.

Doch es werden nicht nur Schädlinge getötet. Denn das Gift steckt auch in der Blüte, in den Pollen, im Nektar. So werden auch Schmetterlinge, Bienen und andere nützliche Bestäuber vergiftet.

2008 gab es ein Massensterben im Westen Baden-Württembergs. Fünftausend tote Bienenvölker. Für Berufsimker wie Christoph Koch war das eine Katastrophe:

Christoph Koch, Imker

"Schon beim Hinfahren hat es nach Verwesung gerochen. Wenn man da seine eigenen Bienen am Verwesungsgeruch … da war ich fertig. Da bin ich erstmal 14 Tage weg."

Auslöser des Bienensterbens war das Aussäen von behandeltem Mais auf den Feldern der Region. Die rote Beize mit dem Neonikotinoid bröselte ab. Der giftige Staub wurde aufgewirbelt und vom Wind weggeblasen. Dorthin, wo viele Bienen waren.

Der Hersteller des Insektizids, der deutsche Bayer-Konzern, zahlte den Imkern zwar eine Entschädigung – wollte bald darauf aber nichts mehr von einem Bienensterben wissen.

Annette Schürmann, Bayer AG (2014)

"Es war kein Bienensterben. Die Frage ist, wie sie ein Bienensterben definieren. Es sind einzelne Bienen gestorben, aber Bienen sterben nach vier Wochen. Die Lebensdauer einer Biene ist vier Wochen, danach stirbt sie, entsprechend können sie jeden Tag millionenfach von Bienensterben sprechen."

Das Landwirtschaftsministerium sah das etwas anders. Für drei besonders gefährliche Neonicotinoide schränkte es das Beizen von Saatgut stark ein.

Die Statistik aber zeigt: Trotz dieses Teilverbots ging der Absatz von Neonicotinoiden insgesamt sogar nach oben. Die EU zog 2013 nach und weitete das Beizverbot auf weitere Pflanzen aus. Danach gab es zwar einen Rückgang. Aber: Noch immer landen jährlich 200 Tonnen des Gifts auf deutschen Feldern.

Der Grund: Die Landwirte sind umgestiegen auf andere Neonicotinoide, die vom Verbot nicht erfasst werden, erzählt uns Wolfgang Brand, Großbauer im Oderbruch. Und: Weil etwa beim Raps das Beizen nicht mehr erlaubt sei, würden die Mittel jetzt eben gespritzt.

Wolfgang Brand, Landwirt

"Spritzmittel muss man auf jeden Fall mehr einsetzen, und die Wirkstoffe werden ja auch über die Spritzmittel in viel reichhaltiger Form verabreicht und durch die verkürzte Wirkungsdauer muss man die Spritzmittel auch öfter einsetzen."

Eines der immer noch erlaubten Neonicotinoide: Thiacloprid. Bayer verkauft es unter dem Namen Biscaya für die Landwirtschaft, es gibt den Stoff auch als Insektenvernichtungsmittel für den privaten Garten. Angeblich ist er "nicht bienengefährlich".

Professor Randolf Menzel widerspricht dem vehement. Der Berliner Neurobiologe ist eine Koryphäe der Bienenforschung. Menzel hat umfangreiche Studien zur Auswirkung des Giftes auf die Bestäuber durchgeführt.

Prof. Randolf Menzel, Bienenforscher, Freie Universität Berlin

"Thiacloprid ist in der Tat hochgefährlich für Bienen, weil es nämlich in relativ hohen Konzentrationen aufgebracht werden muss, denn es ist nur tödlich für die Schadinsekten bei sehr hohen Konzentrationen. Für Bienen ist es aber bei chronischer Aufnahme bei sehr niedrigen Konzentrationen sehr schädlich."

Menzels Experimente zeigen: Die Nervengifte in der Landwirtschaft töten die Honigbienen in der Regel zwar nicht unmittelbar. Sie fügen Ihnen aber massive Schäden zu. Die Bienen werden orientierungslos und in ihrer Kommunikation gestört.

Prof. Randolf Menzel, Bienenforscher, Freie Universität Berlin

"Sie müssen besonders gut lernen, sie müssen besonders gut effektiv bestäuben können, sie müssen sicher zu ihren Niststellen zurückkehren können, und all das ist ganz wesentlich beeinträchtigt."

Auch die Widerstandskraft der Bienen gegen Parasiten wie die gefährliche Varroa-Milbe nimmt ab. Solche Effekte aber wurden aber bei der Zulassung der Neonicotinoide überhaupt nicht berücksichtigt. Studien zu Wildbienen und Hummeln zeigen, dass diese sogar noch empfindlicher auf die Nervengifte reagieren. Zu anderen Insekten gibt es kaum Forschung, Fakt aber ist: Die Populationen gehen massiv zurück.

Wohin das führen kann, zeigt sich in China. Wegen fehlender Insekten gibt es enorme Ernteausfälle, Landarbeiter müssen die Arbeit der Bestäuber übernehmen.

Frankreich hat deshalb ein Totalverbot der Neonicotinoide beschlossen. Auch in der EU-Kommission gibt es solche Pläne.

Der deutsche Landwirtschaftsminister Christian Schmidt aber wartet ab, sieht derzeit keinen Handlungsbedarf. Währenddessen sperren sich auf EU-Ebene deutsche Abgeordnete gegen eine Ausweitung des Verbots.

Peter Jahr (CDU), EU-Parlament, Ausschuss für Landwirtschaft  

"Man hat ja Pflanzenschutzmittel auch entwickelt, um die Erträge zu steigern. Wir müssen die Menschen ernähren, wir brauchen Erträge. Und dass wir eine Minimierungsstrategie fahren, ist richtig, und dass wir zunehmend auf die Umweltwirkung achten auch im Genehmigungsverfahren, ist auch richtig, aber ein Totalverbot halte ich für realitätsfern."

Realitätsfern- solange man auf Ertragsmaximierung setzt. Doch Deutschlands Landwirte produzieren schon längst Überschuss, Lebensmittel wie Kartoffeln oder Getreide gehen in den Export. Weniger davon wäre mehr – für die Umwelt.

Beitrag von Chris Humbs und Markus Pohl

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