Kontraste: Freiburg nach dem Mord, Quelle: rbb

Eine Stadt im Zwiespalt zwischen Willkommenskultur und Unbehagen - Freiburg nach dem Mord

Freiburg - liberal, grün, weltoffen. Nach dem mutmaßlichen Mord an der Studentin Maria L. geraten alte Gewissheiten ins Wanken. An der Willkommenskultur wird festgehalten, aber immer mehr Bürger sorgen sich auch um ihre Sicherheit.

Anmoderation: Nun steht es fest: Der Flüchtling, der die 19-jährige Maria in Freiburg vergewaltigt und getötet haben soll, ist bereits vor fast drei Jahren wegen versuchten Totschlags in Griechenland verurteilt worden. Nach der vorzeitigen Haftentlassung konnte er sich unkontrolliert nach Deutschland absetzen. Wieder Öl auf das Feuer derjenigen, die Marias Tod schon seit Tagen für Stimmungsmache gegen Fremde und Flüchtlinge nutzen. Doch auch so manche Befürworter der deutschen Willlkommenskultur sind verunsichert. Und die Freiburger selbst?

Diesen Auftritt genießt Dubravko Mandic sichtlich. Für den Freiburger AfD-Politiker ist eigens ein russisches Kamerateam angereist.

Mandic führt sie an die Dreisam, an die Stelle, wo eine Studentin vermutlich von einem Flüchtling vergewaltigt und getötet wurde. Hier darf er im russischen Fernsehen verkünden, die deutsche Willkommenskultur sei gescheitert.

Dubravko Mandic, AfD Freiburg
"Wir als Partei, als AfD, wussten, dass, also spätestens seit den Vorkommnissen an Silvester in Köln, dass viel Leid auf unser Volk zukommt."

Dass die AfD ausgerechnet am Tatort triumphiert, ruft bei einem Passanten spontanen Protest hervor.

"Es wird auf eine ganz billige, beschämende Weise hiermit Politik gemacht und Bauernfängerei betrieben, das Ganze haben wir hier schon im letzten Jahrhundert gehabt!"

Mandic stammt selbst aus Bosnien. Trotzdem nutzt er den schrecklichen Tod Marias nun als Fanal gegen die deutsche Flüchtlingspolitik.

Derzeitiges Titelbild auf der Facebook-Seite des Politikers: eine blutbefleckte Merkel-Raute.

Dubravko Mandic, AfD Freiburg
"Na das steht einfach für all die Opfer, die eben doch Opfer bringen mussten einfach aufgrund der geöffneten Grenzen. Und die wesentliche, die größte Protagonistin dieser Politik ist nunmal die Frau Merkel, und die trägt auch die Hauptverantwortung."

Frage Reporter
"Das heißt, sie würden sagen, an Frau Merkels Händen klebt Blut?"

Dubravko Mandic, AfD Freiburg
"Bildlich gesprochen ist das so, ja."

Im links-liberalen Freiburg konnte die AfD mit solchen Parolen bislang kaum punkten. Hier war man immer stolz auf Toleranz und Weltoffenheit.

Auch das Opfer, die 19-jährige Maria L., engagierte sich für ein Schulprojekt in Afrika.
In der Freiburger Stadthalle treffen sich an diesem Abend ehrenamtliche Flüchtlingshelfer. Die Stimmung nach der Gewalttat: ein trotziges Jetzt-erst-recht! Der Sozialbürgermeister dankt den Helfern.

Ulrich von Kirchbach, SPD, Sozialbürgermeister Freiburg
"Wir dürfen in unserem Engagement nicht nachlassen. Zumal wir auch wissen, dass die Ermordete engagiert war im Flüchtlingsbereich. Und insofern finde ich das besonders dreist und niederträchtig, dass bestimmt Kreise diese Tat jetzt instrumentalisieren und unsere Willkommenskultur zerreden wollen, das finde ich unerträglich!"

Dass die Tat eines Einzelnen nun die liberale Flüchtlingspolitik komplett in Frage stellen soll, das sehen sie hier nicht ein.

O-Töne
"Die Stimmung ist glaube ich auch unter allen Leuten hier, mit denen wir so arbeiten, so dass man sagt, das ist grauselig, aber man kann das nicht auf die anderen Flüchtlinge übertragen."

"Und umso schöner finde ich es, dass hier einfach alles weitergeht, und dass man sagt, das ist ein Täter, egal welche Nationalität, der muss bestraft werden."

"Also ich hab selber zwei Töchter und wir haben sehr oft über diese Geschichten gesprochen, dass natürlich das Frauenbild in einigen Kulturen ein völlig anderes ist, als wie wir das hier leben und erleben. Und das ist garantiert auch ein ganz großes Problem von Integrationsarbeit."

Sie ringen hier um eine Haltung, die heutzutage gern als political correctness denunziert wird. Aber deckt diese Milde nicht tatsächlich auch Konflikte zu?

Hat man in Freiburg die Risiken der Einwanderung heruntergespielt - oder war man zu blauäugig? Der grüne Oberbürgermeister muss in diesen Tagen ein Interview nach dem anderen geben, sich rechtfertigen.

Dieter Salomon, Bündnis90/ Die Grünen, Oberbürgermeister Freiburg
"Naja, das ist der Kurzschluss, der da heißt: da sind viele Grünen-Wähler, die Grünen sind sowieso Gutmenschen und Gutmenschen sind naiv. Aber wenn 'ne Million Menschen neu nach Deutschland kommt, dass die natürlich auch alle Probleme mitbringen, die Deutsche auch haben: Kriminalität, Gewalttätigkeiten, sexuelle Übergriffe, ist klar, dass wir da tatsächlich ein Problem haben. Ist auch nie beschönigt worden, das ist auch ne Integrationsaufgabe. Aber ich kann nur nochmal wiederholen: naiv waren wir sicher nicht."

Und doch hat sich auch in Freiburg ein Unbehagen gegenüber den Flüchtlingen eingeschlichen, nicht erst seit dem gewaltsamen Tod Marias. Und nicht nur bei Rechten.

Anfang des Jahres sorgte der linke Club White Rabbit für Aufsehen. Kurzzeitig wurden alle Flüchtlinge an der Tür abgewiesen, weil es mehrere schwere Übergriffe gegeben hatte.

Wir treffen einen jungen Mann, der seit Jahren als Türsteher im Freiburger Nachtleben arbeitet. Er will nur mit uns sprechen, wenn er unerkannt bleibt.

Türsteher
"Mein linkes Herz blutet, wenn ich das sage. Ich sag das wirklich nicht gerne, aber Geflüchtete sind überproportional häufig in Konflikte im Nachtleben verwickelt. Und mit diesen Konflikten meine ich verbale und körperliche Gewalt, Diebstähle und sexuelle Übergriffe."

Frage Reporter
"Wie sehen die aus, also sexuelle Übergriffe, was ist da so das Spektrum, was man sich darunter vorstellen muss?"

Türsteher
"Hartnäckiges Baggern, einfach nicht Aufgeben, obwohl die Frau schon ein-, zweimal klar signalisiert hat, ich will nicht mit dir reden, ich will nicht mit dir tanzen. Es ist für die Mädels manchmal richtig eklig. Die laufen von der Toilette zurück auf die Tanzfläche, 20 Typen, die im Vorbeigehen sagen hey Baby, hey Baby, how are you… Und es wird gegrapscht!"

Es sei nur eine kleine Minderheit der Flüchtlinge, betont er. Aber die Übergriffe seien so massiv, dass er sie öffentlich machen will - auch wenn das viele nicht hören wollen.

"Grad hier in Freiburg ist das schon tabuisiert, also ich lauf tatsächlich Gefahr, angefeindet zu werden für die Sachen, die ich hier sage."

Frage Reporter
"Woran liegt das, dass man sowas nicht offen benennen kann, wenn es denn tatsächlich die Realität ist?"

Türsteher
"Ja, man befürchtet eben, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit dadurch zu unterstützen, und das ist das Letzte, was wir wollen, und ich ja auch nicht."

Auch er ist dafür, weiter Flüchtlinge aufzunehmen. Aber für deren Integration sei es notwendig, Probleme klar anzusprechen.

Unter Frauen wächst einstweilen ein Gefühl der Unsicherheit.

"Den hast du, Hüfte hoch und... jawoll!"

Die Selbstverteidigungskurse in Freiburg sind derzeit so gut besucht wie nie zuvor. Frauen wollen sich gegen Übergriffe wehren können. Pfefferspray war nach dem gewaltsamen Tod Marias zeitweise ausverkauft. Es sind Risse im liberalen Idyll.

O-Töne
"Ich denke jetzt nicht hundertprozentig, dass es wirklich nur an den Flüchtlingen liegt, ich denke, es gibt auch viele andere, die jetzt nicht Flüchtlinge sind, und es trotzdem machen, aber es hat sich halt in der Zeit, sage ich mal, vermehrt und ist finde ich gefährlicher geworden."

"Es ist jetzt nicht so, dass ich nicht mehr rausgehe nachts, aber man überlegt zweimal, laufe ich jetzt durch die dunkle Straße oder lauf ich lieber, wo jetzt ein bisschen mehr Leute unterwegs sind.“

Freiburg - ein Wendepunkt, so wie die Kölner Silvesternacht? Die Hetzer im Internet fühlen sich bestätigt. Selbst über Maria, das Opfer, werden Hass und Häme ausgekübelt.

In einem Cafe treffen wir die Gründer der "Flüchtlingshilfe Freiburg", einer Facebook-Gruppe. Sowohl der mutmaßliche Mörder, als auch Maria selbst waren dort Mitglied, gekannt haben sie sich aber wohl nicht. Kurz nach der Identifizierung des Täters brach ein wahrer Shitstorm über die Gruppe herein.

Philipp Spitczok von Brisinski, Flüchtlingshilfe Freiburg
"Ich konnte solche Sachen lesen wie: Und ihr Willkommensklatscher, habt ihr denn jetzt wenigstens mal, zeigt ihr jetzt mal Reue oder könnt ihr euch jetzt mal entschuldigen dafür? Also solche Geschichte. Oder fühlt ihr euch mitschuldig, fühlt ihr euch wenigstens mitschuldig?"

Simone Erdenberger, Flüchtlingshilfe Freiburg
"Marias Blut klebt an ihren Händen, solche Dinge. Ich selbst auch, also ich hab Nachrichten gekriegt, sie haben die Studentin auf dem Gewissen und solche Dinge."

Hinter den Angriffen aus dem Netz steckt aus ihrer Sicht schlicht Fremdenfeindlichkeit.

Simone Erdenberger, Flüchtlingshilfe Freiburg
"Von diesen ganzen Leuten, die jetzt einen Aufschrei des Entsetzens im Internet inszenieren: Unsere armen Frauen! Die haben sich vorher noch nie auch nur einen Funken für Frauenrechte interessiert. Keiner von denen! Das ist einfach nur Gründe suchen, um diese Menschen ablehnen zu können, um Stimmung gegen sie machen zu können."

Währenddessen in der Innenstadt - ein fast hilflos wirkendes Zeichen gegen das Misstrauen. Afghanische Frauen und Männer nehmen ihren Mut zusammen, weisen auf das Selbstverständliche hin: Nicht alle Afghanen sind Mörder.

O-Töne
"Sind wir hier gekommen wegen dieser Medizinstudentin Maria, unsere Trauer zu zeigen, die Familie Beileid zu sprechen."

"Wir haben schon Angst, dass alle in Deutschland sagen, dass alle Deutschen denken, dass alle Afghanen oder Flüchtlinge gleich sind."

Nur wenige Tage nach Maria wurde in der Gegend eine weitere junge Frau vergewaltigt und getötet. Von vielen in Freiburg hört man in diesen Tagen: Bitte, lass es nicht wieder ein Flüchtling gewesen sein.

Beitrag von Markus Pohl & Lisa Wandt

weitere Themen der Sendung

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Kontraste vom 15.12.2016

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Kontraste: Altersvorsorge ohne Skrupel

Wie manche Renten- und Pensionsfonds mit Kinderarbeit und Kriegsverbrechen Kasse machen - Altersvorsorge ohne Skrupel

Ob staatlich geförderte Riester- und Rürup-Rente oder Pensionsfonds - für alle gilt: Versicherungen und Banken legen dort an, wo sichere und hohe Renditen zu erwarten sind. Anders als in Norwegen gibt es in Deutschland keine Verpflichtung, nur in sozial, ökologisch und ethisch handelnde Unternehmen zu investieren. Die Folge: Deutsche Rentner und Pensionäre profitieren von Umweltzerstörung, Kinderarbeit und Streumunition. Dabei ist längst klar, auch ethisch und ökologisch bewusst handelnde Unternehmen erzielen hohe Renditen.