Sind alle Hartz-IV-Empfänger arm - Streit um Armutsbegriff

0Stendal, Sachsen-Anhalt: Wer hier im Viertel Stadtsee III wohnt, der hat kaum Zukunftsperspektiven. Laut aktuellem Armutsbericht gelten die Hartz IV-Empfänger in diesem Plattenbauviertel als die Ärmsten der Gesellschaft. Doch wie sieht die Realität aus?
Eine Kontraste-Reportage und ein Interview mit dem Sozialstatistiker Prof. Walter Krämer.

Anmoderation: Die Armut in Deutschland sei auf einen neuen Höchststand gestiegen, damit hat der jüngste Armutsbericht der Wohlfahrtsverbände wieder mal für Schlagzeilen gesorgt und damit wieder einmal heftige Kritik provoziert. Ein falscher Armutsbegriff - so der Vorwurf. Und genau da wollten wir genauer hinschauen - ist Armut in Deutschland tatsächlich nur am Geld festzumachen? Caroline Walter und Christoph Rosenthal stellen fest: Die Armutsdebatte geht oft an der Realität vorbei.

Stendal, Sachsen-Anhalt. Laut neuestem Armutsbericht ist das einer der ärmsten Landkreise Deutschlands. In dieser Plattenbausiedlung, genannt Stadtsee III, wohnen überwiegend Hartz IV-Empfänger.

Doch herrscht hier wirklich Armut? Und wie sehen es die Menschen hier?

Mario Tiesis lebt von Hartz IV. Aber er hat trotzdem etwas geschaffen und zwar ehrenamtlich: eine Oase für die Kinder im Viertel. In seiner Arche finden sie Zuspruch und Hilfe bei ihren Problemen.

Mittags gibt es immer eine warme, gesunde Mahlzeit für die Kinder – nicht selbstverständlich in so mancher Hartz IV-Familie.

Mario Tiesis, Arche Stendal

"Wütend macht mich, wenn Kinder wirklich herkommen und richtig Hunger haben, also wirklich seit einem Tag oder so nichts gegessen haben. Das merken wir montags zum Beispiel ganz  massiv, Wochenende haben wir zu. Zum Teil haben die Kinder, gerade die Jungs manchmal Hosen an, die halten gar nicht mehr von alleine oder sind viel zu klein. Ich glaube, das sind so Grundsachen, da gibt’s einfach für mich überhaupt keinen Grund dafür, ein Kind so losrennen zu lassen."

Mit finanzieller Armut habe das bei den Eltern aber nichts zu tun, sagt Tiesis.

Mario Tiesis, Arche Stendal

"Ich glaube, dass da eine Gleichgültigkeit da ist und dass sie auch Weltmeister sind, im Dinge verdrängen. Das ist einfach so. Das Geld, was ich am Monatsanfang bekomme, muss ich nicht zum Nägel machen und zum Tätowieren und für‘s Handy und für den Frisör nutzen, aber es wird getan und es ist eigentlich vielen Eltern auch bewusst, dass es Geld ist, was eigentlich auch zum Teil für ihre Kinder ist und dass sie das mit ausgeben."

In der Siedlung gehen viele Kinder nicht regelmäßig zur Schule, weil es den Eltern egal ist. Deshalb hat Tiesis eine Regel eingeführt: Wer nicht im Unterricht war, darf nachmittags nicht zum Spielen in die Arche. Seitdem gehen mehr zur Schule.

Zuhause sind es trotz Hartz IV oft nicht die materiellen Dinge, die fehlen.

Kontraste

"Was hast du denn alles zuhause an Elektronik?"

Bradley

"Einen Computer, einen Fernseher, 'ne Playstation. Vom großen Bruder eine Xbox, auch eine Playstation."

Vielen Kindern mangelt es dagegen am Gefühl, etwas wert zu sein. Sie trauen sich nichts zu. Bradley hat in der Arche gerade eine kostenlose Gitarrenstunde.

Gitarrenlehrer

"Also, ich empfinde es als außergewöhnlich, ja also Bradley hat da Talent."

Bradley

"Als er es zum ersten Mal das zu mir gesagt hat, war ich ein bisschen begeistert."

Kontraste

"Was stellst du dir vor jetzt, weiterzumachen?"

Bradley

"Hmmm, vielleicht."

Kontraste

"Nur Vielleicht?"

Bradley

"50:50"

Mario Tiesis hält nichts davon, den Eltern einen höheren Hartz IV Satz zu geben. Die Kinder seien arm, weil sie emotional vernachlässigt werden.

Mario Tiesis, Arche Stendal

"Wir haben da mal einen Zettel mitgegeben für eine Kinderfreizeit kostenlos für eine Woche. Da stand dann direkt auf dem Zettel, wozu ich komme ja auch nicht raus. So ein typisches Beispiel. Wir haben Eltern, ich hab mit einem Fußballtrainer gesprochen vor zwei Tagen, der an einem Jungen dran ist, der versucht hat, den sozusagen in ein Fußballtraining zu integrieren, mit den Eltern mehrmals gesprochen hat und ähnliche Antworten gekriegt: Wozu? Es gibt oft so eine Aussage, wo man dann sagt, Mensch aus deinem Kind kann was werden, es hat da eine Chance. Und dann wozu? Dann spricht es ja nachher nicht mehr mit mir oder will mit mir nichts zu tun haben."

Tiesis kämpft jeden Tag dafür, dass die Arche weiter existieren kann. Er muss Spenden sammeln, weil er keine staatlichen Zuschüsse bekommt. Dabei finden hier sogar andere Arbeit. Wie Viola. Sie ist als 1 Euro-Jobberin in der Arche. Sie hat jahrelang häusliche Gewalt erlebt und dann Depressionen bekommen. Viola wollte sich schon aufgeben.

Viola

"Ich stand im 5. Stock auf dem Fensterbrett, wollte springen und meine Kinder haben halt gesagt, Mama, wir kommen mit. Und daher."

Heute gibt die Arbeit in der Arche ihrem Leben wieder einen Sinn. Dass sie wenig Geld hat, macht ihr nichts aus.

Viola

"Also ich seh mich eigentlich mehr als reich. Das ist wirklich so. Weil ich hab ja meine Kinder, ich hab meine Familie, ich hab meine Freunde. Ich seh mich nicht als arm. Warum?"

In Stadtsee III sind viele über Generationen hinweg vom Staat abhängig. Man hat sich eingerichtet im Hartz IV Leben.

Wie Michaela Becker – sie ist seit fünf Jahren arbeitslos. Ständig schreibe sie Bewerbungen, aber es würden eh nur die Schlanken genommen. Sie hängt den ganzen Tag ab und lässt vieles schleifen.

Kontraste

"Wenn man so lange in Hartz IV ist, wie geht es einem damit?"

Michaela

"Irgendwann fängt man damit an, klar zu kommen und damit zu leben. Weil, ich sage es ehrlich wie es ist, ich kenn es nicht anders. Ich bin so groß geworden durch meine Mama, ich kenn's halt nicht anders."

Schon ihre Mutter war lange arbeitslos. Michaela hat eine Lehre zur Hauswirtschaftshelferin abgeschlossen. Dabei blieb es. Seit Flüchtlinge in die Nachbarhäuser gezogen sind, hat sie einen Schuldigen für ihre Lage gefunden.

Michaela

"Das regt mich halt auf, dass die alles kriegen. Die kriegen, wenn die hier reinkommen in Deutschland, kriegen die einen Satz von 10. Bis 11.000 Euro."

Kontraste

"Wer erzählt denn so etwas?"

Michaela

"Das kriegt man sogar, das steht sogar in den Medien überall."

Kontraste

"Sie kriegen auf keinen Fall mehr als Sie."

Sie fühlt sich jedenfalls arm, der Hartz IV-Satz sei viel zu niedrig.

Was uns in dem Stadtteil auffällt: es gibt viele junge Mütter mit sehr vielen Kindern.

Wir bekommen Einblick in so manche Familie, in denen die Kinder verwahrlosen, während ihre Mütter sich den Tag mit Fernsehen und Computerspielen vertreiben.

Wir treffen dabei auf Philipp, er ist 16 Jahre alt und geht auf die Förderschule.

Philipp

"Meine eine Schwester ist ins Heim gekommen, dann habe ich noch eine Schwester, eigentlich sind wir ja sieben. Dann habe ich noch eine Schwester, die ist im Behindertenheim, weil die behindert ist und einen kleinen Bruder, der ist in Pflegefamilie."

Kontraste

Warum ist deine Schwester ins Heim gekommen?

"Die wollte da hin."

Philipp will Feuerwehrmann werden, um Menschen zu retten.

Wieviel Hartz IV bekommt eine Familie zum Beispiel mit fünf Kindern? Insgesamt ca. 1900 Euro plus Warmmiete.

Damit kommt er gut klar, erzählt uns Familienvater Rene. Man müsse auch nicht überall knausern. Mit den fünf Kindern und seiner Frau lebt er in einer frisch sanierten Wohnung. Rene ist ungelernt, seit circa zehn Jahren arbeitslos. Bei der Suche nach einem Job ist er wählerisch.

Rene

"Also so in Hallen oder so, das ist nichts für mich, wo die Luft so stickig ist drinne …

Außerhalb von Stendal möchte ich nicht unbedingt. Nicht dass ich morgens um 7 Uhr aus dem Haus gehe und um 19 Uhr wieder nach Hause komme. Dann habe ich von den Kindern gar nichts mehr."

Kontraste

"Aber das haben ja viele Berufstätige?"

Rene

"Das haben viele Berufstätige, das können viele halten wie sie wollen, ich möchte es nicht so. Wenn einige der Meinung sind, sie müssen jetzt alles annehmen, weil sie es müssen vom Jobcenter her, dann können die das von mir aus machen. Das andere, ist persönlich meine Einstellung, wenn ich sage, ich möchte das nicht machen, dann möchte ich das nicht machen."

Gerade hat er eine Weiterbildung vom Jobcenter abgebrochen – obwohl er dabei einen Führerschein hätte machen können.

Rene

"Man sitzt da acht Stunden am PC und macht nichts und montags abends noch den Führerschein. Das eine geht da leider nicht ohne das andere. Ja."

Kontraste

"Aber dann hätten sie wenigstens einen Führerschein am Ende gehabt?"

Rene

"Ja da hätte ich einen Führerschein, aber was mach ich die 8 Stunden davor? Da sitze ich am PC und schlaf ein."

Mitten im Stadtsee-Viertel gibt es eine Schule für Gesundheitsberufe.

In diesem Kurs sind alle hochmotiviert, dabei sind viele auch schon lange arbeitslos. Gerade haben sie den ersten Schritt hin zur Ausbildung "Altenpflegehelfer" gemacht. Der Grundkurs dauert zehn Wochen mit einem Praktikum im Altenheim. Erste Erfahrungen.

Kursteilnehmer

"Es ist genau das, was ich eigentlich wollte. Mit alten Leuten zusammenarbeiten und das macht mir Spaß."

Kursteilnehmerin

"Also, es ist anders wie ich's erwartet habe. Also ich bin positiv überrascht muss ich sagen."

Der Grundkurs ist kurz, weil oft das Durchhaltevermögen fehlt. Sich gleich auf eine Ausbildung von ein oder drei Jahren einzulassen, würde viele überfordern.

Ina Himmler, Stellvertretende Leiterin IWK

"Pünktlichkeit, füreinander da sein, Teamfähigkeit. Das sind alles Eigenschaften, wenn die nicht dauerhaft trainiert werden und man das lebt, die dann auch verloren gehen. Und so erleben wir es sehr oft bei den Teilnehmern, dass sie, wenn sie lange zuhause waren, ihren ganzen Alltag auch danach ausgerichtet haben - das geht vom großen Fernsehprogramm über die Haustierversorgung, so dass irgendwo letztendlich der Arbeitsalltag gar nicht mehr ins Alltagsgeschehen mit reinpassen würde."

Mike Lange will unbedingt raus aus Hartz IV. Früher war er Berufskraftfahrer. Dann kam ein Burn-out, mehrere Todesfälle im Umfeld warfen ihn aus der Bahn. Vorher hat er gut verdient – jetzt fühlt er sich ausgeschlossen.

Mike Lange

"Meine Kumpels, die jetzt nicht in Hartz IV leben, die können am Wochenende mal in die Disko gehen. Ja, kann ich nicht. Ja, geht nicht. Also, ich kann auch nicht mal irgendwo sagen, ich fahr mal, meine Kumpels fahren viel am Wochenende weg, kann ich auch nicht mit. Da leidet natürlich auch die Freundschaft drunter, weil ja ich es mir einfach nicht leisten kann. Das geht nicht."

Ines Uhl dagegen fühlt sich nicht eingeschränkt, trotz Hartz IV mit zwei Kindern sei sie nicht arm.

Ines Uhl

"Also ich spare persönlich an den schönen Luxusgüter wie Zigaretten, Kaffee, etc., das mache ich alles nicht. Ich brauch auch keinen Alkohol wie viele Leute und so was. Da spar ich dann wieder ein und das stecke ich dann in die Kinder. Also wir fahren auch in den Urlaub, so ist es also nicht."

Kontraste

"Wo fahren Sie da hin?"

Ines Uhl

"Wir fahren jetzt momentan bloß immer mal hinter Rathenow auf dem Campingplatz."

Wenn sie ihre Ausbildung fortsetzen, können sie sich später die Jobs in der Altenpflege aussuchen.

Wir haben an diesem Ort viele Definitionen von Armut gehört. Einfache Lösungen für die Probleme der Menschen gibt es nicht.

Beitrag von Caroline Walter und Christoph Rosenthal

weitere Themen der Sendung

Logo: Kontraste, Quelle: rbb

Kontraste vom 16.03.2017

+++ Sind alle Hartz-IV-Empfänger arm? - Streit um Armutsbegriff +++ Theaterboykott - Bürgerinitiative macht Front gegen Schauspieler +++ Willkommen im Abseits - Schulpolitik für Flüchtlingskinder +++

Theaterboykott - Bürgerinitiative macht Front gegen Schauspieler

Die Rechte Bewegung in Deutschland hat neben "Merkel" und der "Lügenpresse" einen neuen Feind ausgemacht: Das Theater. Weil Schauspieler sich im thüringischen Altenburg für Asylbewerber stark machten, rief das "Bürgerforum Altenburger Land" zum Theaterboykott auf. Die Schauspieler würden schließlich von Steuergeldern, also vom Bürger finanziert, da hätten sie kein Recht, sich gegen die Bürger zu stellen. Die Argumentation scheint Wirkung zu zeigen, nicht einmal der SPD-Bürgermeister stellt sich klar dagegen. Sein Lavieren gibt den Rechten Auftrieb. Ein Teil der angefeindeten Schauspieler verlässt jetzt die Stadt, sie alle haben einen Migrationshintergrund.

Willkommen im Abseits - Schulpolitik für Flüchtlingskinder

"Wir schaffen das!", auf diesen Satz der Kanzlerin haben viele Flüchtlinge vertraut. Es war ein Versprechen, dass ihre Kinder die Chance bekommen sollen, sich in Deutschland zu integrieren. Doch gerade in der Schule hapert es an der Umsetzung. Galten die "Willkommensklassen" lange als erster Schritt in die deutsche Gesellschaft, so stellt sich inzwischen heraus: Willkommensklassen sind oft eine bildungspolitische Sackgasse . Es mangelt an Konzepten für den Übergang in die Regelschule, an Lehrern, unterstützendem Personal und an Unterrichtsmaterialien.