Willkommen im Abseits - Schulpolitik für Flüchtlingskinder

"Wir schaffen das!", auf diesen Satz der Kanzlerin haben viele Flüchtlinge vertraut. Es war ein Versprechen, dass ihre Kinder die Chance bekommen sollen, sich in Deutschland zu integrieren. Doch gerade in der Schule hapert es an der Umsetzung. Galten die "Willkommensklassen" lange als erster Schritt in die deutsche Gesellschaft, so stellt sich inzwischen heraus: Willkommensklassen sind oft eine bildungspolitische Sackgasse . Es mangelt an Konzepten für den Übergang in die Regelschule, an Lehrern, unterstützendem Personal und an Unterrichtsmaterialien.

Anmoderation: "Wir schaffen das!", auf diesen Satz der Kanzlerin haben viele Flüchtlinge vertraut. Es war ein Versprechen, dass sie und auch ihre Kinder alle Chancen bekommen sollten, sich in Deutschland zu integrieren. Und heute? Gerade in Schulen hapert es oft an der Umsetzung. Galten "Willkommensklassen" lange als erster Schritt in Richtung schnelle Integration, so stellt sich nun heraus: Für viele Kinder führen sie in eine bildungspolitische Sackgasse. Mehr von Andrea Everwien, Diana Kulozik, und Philipp Reichert.  

Lehrerin

"Einen wunderschönen Guten Morgen wünsche ich Euch"

Klasse

"Guten Morgen, Frau Harder …"

Mit ihrer Lehrerin haben diese Schüler einer Berliner Willkommensklasse Glück: Janina Harder ist  ausgebildete Pädagogin, qualifiziert  für Deutsch als Fremdsprache. Ihre Schüler haben verstanden: diese Klasse ist ihre Chance auf Integration. Nach nur einem Jahr Unterricht können sie sich im Alltag schon ganz gut verständigen. Dabei sind ihre Voraussetzungen fürs Lernen denkbar schlecht. Zu allererst fehlt ihnen ein richtiges Zuhause.

Ahmad Almansour (14), Schüler aus Syrien

"Ich war in einem Heim mit meiner Familie, wir sind sieben Personen, in einem Zimmer.

Kontraste

"Gab es da überhaupt einen Schreibtisch?"

Ahmad Almansour (14), Schüler aus Syrien

"Nein, viel zu klein, nur die Betten."

Schule ist – vor allem für unbegleitete Flüchtlinge – eine Art Ersatz-Zuhause, Lehrerin Janina Harder die einzige Bezugsperson, die seit einem Jahr verlässlich für sie da ist.  

An normalen Tagen sitzen ihr zwölf Schüler gegenüber, nicht nur die drei, die heute da sind. Um die anderen zu schützen, dürfen wir sie nicht filmen.

Janina Harder, Lehrerin Paulsen-Gymnasium Berlin

"Wir haben hier an unserer Schule zwölf Jungs, die tatsächlich stark traumatisiert sind. Das merken wir im Unterricht jeden Tag. Wir haben Schüler, die starke Schlafstörungen haben, die sich deswegen sehr wenig konzentrieren können."

Lutfuddin Hakimi (16), Schüler aus Afghanistan

"Ja, manchmal, wenn ich so viele Problem habe, dann denke ich viel daran und damit kann ich nicht mehr schlafen … Ich versuche so, ich liege auf dem Bett und so, ich mache  'so' (Geste) und 'so' … Aber ich kann das nicht."

Lehrerin in einer solchen Klasse zu sein – das erfordert mehr – mehr Wissen, mehr Einfühlungsvermögen, gute Nerven.  Manchmal reicht das alles trotzdem nicht. Dann fühlt sich auch Janina Harder überfordert.

Janina Harder, Lehrerin Paulsen-Gymnasium Berlin

"Wir hatten hier auch einen Schüler, der eine SMS bekommen hat mit einem Bild des verkohlten Leichnams seiner Mutter."

Kontraste

"Im Unterricht?"

Janina Harder, Lehrerin Paulsen-Gymnasium Berlin

"Im Unterricht beziehungsweise in der Pause. Und der natürlich vollkommen aufgelöst den Unterricht dann verlassen hat. Das ist eben … ja man ist quasi hilflos in der Situation als Lehrer."

Doch wie immer stand sie allein da - in ihrer Willkommensklasse.

Janina Harder, Lehrerin Paulsen-Gymnasium Berlin

"Wir bräuchten ja eigentlich jemanden, der hier im Unterricht den Unterricht mit begleitet, am besten einen Sozialpädagogen mit psychologisch geschultem Hintergrund, der den Unterricht begleitet und in solchen Fällen einfach sofort eingreifen kann und die Situation auffangen kann."

Bundesweit klagen Lehrer, ihrer Aufgabe in den Willkommensklassen nicht gerecht werden zu können.

Udo Beckmann, Vorsitzender von Deutschlands zweitgrößtem Lehrerverband Bildung und Erziehung schlägt Alarm

Udo Beckmann, Vorsitzender Verband Bildung und Erziehung

"Das, was wir zum Beispiel zurzeit an Schulsozialarbeit und Schulpsychologen haben,  muss mindestens verdoppelt werden, wenn nicht verdreifacht werden, wenn wir diesen Herausforderungen vernünftig begegnen wollen."

Ein Jahr lang haben diese Schüler nun schon die Willkommensklasse an ihrer Schule besucht. Doch auf dem Pausenhof bleiben sie noch immer unter sich. Kontakt zu Deutschen: Fehlanzeige.

Lutfuddin Hakimi (16), Schüler aus Afghanistan

"Ich habe noch nicht in der Schulhofpause dann mit jemandem geredet auf Deutsch."

Kontraste

"Mit den anderen deutschen Schülern nicht?"

Lutfuddin Hakimi (16), Schüler aus Afghanistan

"Nein."

Kontraste

"Warum denn nicht?"

Lutfuddin Hakimi (16), Schüler aus Afghanistan

"Keine Ahnung, vielleicht die wollen nicht oder wir wollen nicht, keine Ahnung."

Janina Harder, Lehrerin Paulsen-Gymnasium Berlin

"Wir sehen ja auch hier, dass die Schüler isoliert bleiben in ihren Klassen. Denn Integration passiert da, wo Schüler miteinander arbeiten müssen, wo sie miteinander Freude und Leid teilen und gemeinsam etwas schaffen. Da entsteht dann wirklicher Kontakt und auch wirkliche Integration."

Die Flüchtlinge lernen aber in einer Extra-Klasse, der so genannten "Willkommensklasse". Um sie zusammen mit deutschen Schülern in einer Regelklasse zu unterrichten, bräuchte man viel mehr Lehrer –  am besten zwei pro Klasse, damit sie den Sprach- und Bildungsunterschieden gerecht werden können.

Udo Beckmann, Vorsitzender Verband Bildung und Erziehung

"20.000 weitere Stellen brauchen wir mindestens … also 20.000 ist sicherlich nicht zu hoch gegriffen. Das Problem, das wir haben, ist: wir haben zurzeit nicht genügend originär ausgebildete Pädagogen, also die eine pädagogische Qualifizierung haben".

Trotz aller Schwierigkeiten hält Janina Harder einige ihrer Schüler jetzt für reif für die Regelklasse. Doch der Übergang gestaltet sich schwierig.

Ahmad Almansour (14), Schüler aus Syrien

"Die Lehrer hat mir gesagt, dass ich nach den Osterferien in eine normale Klasse gehen kann …"

Kontraste

" Wolltest du das gerne?"

Ahmad Almansour (14), Schüler aus Syrien

"Ja, weil ich schon ein Jahr Deutsch lerne in der Willkommensklasse."

Kontraste

"Aber jetzt bist du nicht in einer Regelklasse. Wie findest du das?"

Ahmad Almansour (14), Schüler aus Syrien

"Also was soll ich sagen?"

Kontraste

"Ein bisschen schade, oder?"

Ahmad Almansour (14), Schüler aus Syrien

"Ja."

Janina Harder, Lehrerin Paulsen-Gymnasium Berlin

"Die Schüler müssen in der Willkommensklasse verbleiben, bis ein Platz gefunden wird und bisher bekommen wir immer nur die Rückmeldung vom Schulamt und von der Koordinierungsstelle, dass es keine Plätze gibt. Und so lange sollen die Schüler in den Willkommensklassen bleiben."

Kontraste liegen Beispiele  aus mehreren Bundesländern vor, in denen ganze Willkommensklassen einfach als Regelklassen weitergeführt werden. So bleiben die Flüchtlinge unter sich, obwohl sie genug Deutsch gelernt haben.

Im Herbst 2016 formulierten  die Kultusminister der Länder aber ein ganz anderes Konzept. Dort heißt es:

Zitat

"Das Ziel einer möglichst schnellen Beschulung junger Geflüchteter besteht in der raschen Integration in den Regelunterricht der Schulen."

Doch offenbar erweisen sich die Willkommensklassen mancherorts als  bildungspolitische Sackgassen.

Janina Harder, Lehrerin Paulsen-Gymnasium Berlin

"Wir werden hier im Stich gelassen. Wir machen unsere Arbeit gut und wir erreichen unsere Ziele, wir haben hier Schüler, die fleißig sind, die sehr gut auf das Schulleben vorbereitet sind, die sprachlich adäquat agieren können. Und die jetzt nicht weiter lernen dürfen."

Es fehlt an allem: an Lehrern, Psychologen – und sogar an Schulplätzen.  

Heute tagt in Berlin erneut die Kultusministerkonferenz, Kontraste fragt nach: warum finanzieren die Länder die  schulische Integration von Flüchtlingen nicht ausreichend?  Doch die Präsidentin streitet ab, dass es überhaupt Probleme gibt.   

Susanne Eisenmann, Präsidentin Kultusministerkonferenz

"Ich denke, dass die Länder da auch finanziell ihrer Verantwortung gut nachkommen. Und wir stellen uns dieser Aufgabe. Weil es einfach eine Herausforderung ist, die gar nicht anders behandelt werden kann. Aber ich denke, dass das insgesamt momentan zufriedenstellend läuft."

Der Lehrerverband bleibt dabei: mindestens eine Milliarde Euro zusätzlich wäre nötig,  um  genug Lehrer und Sonderpädagogen in die Schulen zu holen. Sein Vorschlag: der Bund solle diese Kosten mit tragen.

Genau das aber wollen die Länder nicht. Auf keinen Fall soll der Bund Einfluss auf die Bildungspolitik bekommen - koste es was es wolle. Bildung sei Ländersache.

Das sogenannte "Kooperationsverbot" verbiete es dem Bund sogar, Geld in schulische Bildung zu investieren.

Susanne Eisenmann, Vorsitzende Kultusministerkonferenz

"Wir haben eine Aufgabenteilung. Wir haben die Länderhoheit im Bereich der Bildungsfragen. Und deshalb ist es konsequent, dass der Bund auch im Bereich der Flüchtlingsintegration nicht direkt in Schulen oder in den Bereich der Bildung investiert."

Udo Beckmann, Vorsitzender Verband Bildung und Erziehung

"Das Kooperationsverbot muss fallen, damit der Bund die Länder und die Kommunen unterstützen kann bei solchen Herausforderungen bis hin zu personellen Ressourcen."

Kooperationsverbot hin oder her  -   Flüchtlingskinder – egal ob in Hamburg, Berlin oder München - sollten die gleichen Bildungschancen bekommen wie deutsche Schulkinder. Genau das heißt Integration.

Beitrag von Andrea Everwien, Diana Kulozik und Philipp Reichert

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Kontraste vom 16.03.2017

+++ Sind alle Hartz-IV-Empfänger arm? - Streit um Armutsbegriff +++ Theaterboykott - Bürgerinitiative macht Front gegen Schauspieler +++ Willkommen im Abseits - Schulpolitik für Flüchtlingskinder +++

Theaterboykott - Bürgerinitiative macht Front gegen Schauspieler

Die Rechte Bewegung in Deutschland hat neben "Merkel" und der "Lügenpresse" einen neuen Feind ausgemacht: Das Theater. Weil Schauspieler sich im thüringischen Altenburg für Asylbewerber stark machten, rief das "Bürgerforum Altenburger Land" zum Theaterboykott auf. Die Schauspieler würden schließlich von Steuergeldern, also vom Bürger finanziert, da hätten sie kein Recht, sich gegen die Bürger zu stellen. Die Argumentation scheint Wirkung zu zeigen, nicht einmal der SPD-Bürgermeister stellt sich klar dagegen. Sein Lavieren gibt den Rechten Auftrieb. Ein Teil der angefeindeten Schauspieler verlässt jetzt die Stadt, sie alle haben einen Migrationshintergrund.