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Politiker treffen, Fahrgäste und Mitarbeiter zufrieden stellen, das sollte eigentlich zu den Kernaufgaben von Bahnchef Grube gehören. Weit gefehlt! Denn genau dafür wird er extra entlohnt, so jedenfalls steht es in seinem Bonus-Vertrag, den KONTRASTE einsehen konnte.
Deutliche Worte. Dass viele Top-Manager in Deutschland weitaus mehr verdienen als die Bundeskanzlerin, ist kein Geheimnis. Doch auch bei staatseigenen Unternehmen sind die Gehälter der Vorstandschefs recht üppig, so wie etwa bei Bahnchef Rüdiger Grube. Natürlich, der Mann trägt eine hohe Verantwortung. Seltsam nur - meinen Ursel Sieber und Markus Pohl - dass ihm vertraglich noch ein Bonus zugesichert wird, für eine Aufgabe, die eigentlich sowieso zu seinem Job gehört.
Rüdiger Grube, Chef des Staatskonzerns Deutsche Bahn. Er darf sich zu Deutschlands Top-Managern zählen. Zuletzt verdiente der Bahnchef 2,6 Millionen Euro im Jahr. Erstaunlich: zwei Drittel seines Gehalts werden als leistungsabhängige Boni ausgezahlt.
Rüdiger Grube
Vorstandsvorsitzender Deutsche Bahn AG
„Das ist ein ganz normales Industrieunternehmen, und das ist heute üblich, wenn man heute gute Manager bekommen will, gute Mitarbeiter, gute Führungskräfte, dass man auch ein Bonussystem hat. Ich denke, damit ist alles gesagt. Dankeschön.“
Alles ganz normal und üblich? Kontraste hat Einblick bekommen in die vertrauliche Zielvereinbarung für Grubes persönlichen Bonus. Und die ist bemerkenswert.
Politische Beziehungspflege im Akkord lässt sich die Bahn etwas kosten. So wird Grube ein Bonus in Aussicht gestellt, wenn er sich mindestens fünfmal im Jahr mit Mitgliedern relevanter Bundestagsausschüsse trifft, viermal mit EU-Politikern und zehnmal mit Spitzenvertretern der Bundesländer.
Wir zeigen den Wortlaut der Regelung dem Fraktionsvorsitzenden der Grünen, Anton Hofreiter. Er war bis zur Bundestagswahl Vorsitzender des Verkehrsausschusses.
Anton Hofreiter (Bündnis 90/ Die Grünen)
Fraktionsvorsitzender
„Das ist absolut grotesk, die Zielvereinbarung von Herrn Grube, denn man muss sich vorstellen, wenn ein Politiker oder wenn ich mit ihm Abendessen gegangen bin, dann ist dem sein Gehalt höher geworden. Ich mein, was ist das für eine absurde Regelung?“
Damit die Kasse klingelt, muss Rüdiger Grube nicht etwa besondere Erfolge erzielen, sondern mehr als 30 Treffen im Jahr mit Politikern abhaken. Explizit genannt werden Gespräche mit Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Wörtlich heißt es in der Zielvereinbarung:
„Regelmäßige Treffen mit MP Kretschmann (Baden-Württemberg) zu Stuttgart 21“.
Anton Hofreiter (Bündnis 90/ Die Grünen)
Fraktionsvorsitzender
„Es wirkt, als wenn Herrn Grube da noch ein Zuckerl mitgegeben werden sollte. Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass er sich bei so einem wichtigen Bahnprojekt mit Herrn Kretschmann trifft. Das Kernproblem an der Klausel ist, dass nichts besser wird, wenn Herr Grube sich fünfmal oder zehnmal mit einem Politiker trifft, sondern seine Zielvereinbarung sollte beschreiben, wie es mit der Bahn weitergehen soll.“
Doch verkehrspolitische Ziele für den Bahn-Chef sucht man in der Vereinbarung vergebens.
So hängt ein Viertel von Grubes persönlichem Bonus von der politischen Beziehungspflege ab. Jeweils ein weiteres Viertel von Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit, das letzte Viertel von einer Image-Verbesserung der Bahn.
Voraussichtliche Höhe dieses individuellen Anreizes: eine Million Euro.
Professor Christian Böttger hat selbst als Wirtschaftswissenschaftler für die Deutsche Bahn gearbeitet. Der Verkehrs-Experte wundert sich.
Prof. Christian Böttger
Verkehrs-Experte, Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin
„Ich schüttele schon sehr mit dem Kopf. Das Problem besteht eben für mich darin, dass die Boni, die vereinbart sind, eigentlich falsch gesetzt sind. Alle politischen Parteien sagen, dass sie mehr Verkehr auf die Schiene bringen wollen, und es wäre eigentlich sehr nahe liegend, dass man für den Vorstandsvorsitzenden auch eine entsprechende Zielsetzung in seine Bonusregelung einbezieht.“
Mehr Verkehr auf die Schiene – eine Forderung die so auch im Koalitionsvertrag von Union und SPD steht. Warum also misst der Eigentümer Bund den Bahn-Chef nicht etwa an Fahrgastzahlen, sondern an der Zahl seiner Politiker-Kontakte?
Wir fragen nach bei Finanzminister Schäuble, sein Ministerium ist im Bahn-Aufsichtsrat vertreten. Dort verweist man uns an das Haus von Verkehrsminister Dobrindt, ebenfalls im Aufsichtsrat. Eine Erklärung bekommen wir nicht, statt dessen die Antwort:
„Der Aufsichtsrat der DB AG legt (…) die gesamte Vergütung der Vorstandsmitglieder (...) fest und ist darüber zur Verschwiegenheit verpflichtet.“
Der Bund schweigt. Die Bahnkunden zahlen. Und Rüdiger Grube kassiert.
Beitrag von Markus Pohl und Ursel Sieber









