Grafik zu: Mangelnde Chancengleichheit verhindert gerechtes Bildungssystem, Quelle: rbb
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Mangelnde Chancengleichheit für Schüler - Kleinstaaterei der Länder verhindert gerechtes Bildungssystem

Schüler, die in Bayern ihr Abitur machen, müssen sich um ihre Zukunft keine Sorgen machen! Glauben viele, ist aber falsch! Denn im Süden Deutschlands ein 1er Abi zu schaffen, ist viel schwerer als im Norden, wo es inzwischen eine Flut von Bestnoten gibt. Da bei fast der Hälfte der Studiengänge ein Numerus Clausus gilt, dürfen vergleichsweise leistungsstarke Schüler aus Bayern weder Medizin noch Jura studieren. Die Proteste gegen die höchst unterschiedliche Schulpolitik der Bundesländer werden lauter. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz möchte mit einer Verfassungsänderung dem Bund mehr Kompetenzen in der Bildungspolitik geben.

Anmoderation: Nicht nur das Thema Renten hat sich SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz auf die Fahnen geschrieben, er will Deutschland auch zum "weltweit stärksten Land in der Bildung" machen. Um das zu erreichen, sticht er mit einer Forderung in ein Wespennest! Bisher gilt nämlich laut Grundgesetz: Bildung ist Ländersache. Doch genau dagegen will Martin Schulz jetzt vorgehen:

Martin Schulz (SPD)
"Das war ein in Verfassungsrecht gegossener Irrtum. Dann müssen wir ihn auch beseitigen. Der Bildungsföderalismus in seiner radikalen Form hat sich überholt. Wir brauchen weder Kleinstaaterei noch Kooperationsverbote."

Fortsetzung Anmoderation: Mit anderen Worten: Der Bund soll künftig eine zentrale Rolle bei der Bildung spielen. Eine Forderung, so haben meine Kollegen Chris Humbs und Luis Jachmann festgestellt, für die der SPD-Kanzlerkandidat bei den Praktikern eine Menge Zustimmung bekommt.

Auch er fordert ein Ende des Durcheinanders im deutschen Bildungsdschungel. Robert Rauh wurde 2013 von seinen Schülern als Lehrer des Jahres nominiert. In seinem Buch "Schule, setzen, sechs" rechnet er mit dem Versagen der deutschen Schulpolitik ab.

Robert Rauh, Lehrer in Berlin
"
Ich bin der Auffassung, dass die Bildungshoheit der Länder weggenommen werden müsste, dass der Bund die Bildung in Deutschland, das ist der wichtigste Rohstoff, den wir haben, als gesamtgesellschaftliche Aufgabe versieht und dazu gehört, dass man einheitliche Prüfungsanforderungen schafft, dass man einheitlich die Schulformen schafft, einheitliche Fächer und Lehrpläne."

Sie musste den Bildungs-Wahnsinn in Deutschland am eigenen Leib erfahren. Paulina Ringeisen ist 18 und hat bereits einiges hinter sich. Erzählt sie von ihrer Schul-Odyssee, greifen sich so manche an den Kopf.

Paulina Ringeisen, Schülerin aus Bayern
"Ja, natürlich ist meine Geschichte merkwürdig, weil ich von einer Realschüler aus Bayern erstmal nach Baden-Württemberg, und von Baden-Württemberg wieder zurück, wo alle sagen: 'Hä? Baden-Württemberg ist doch einfacher. Wieso bleibst du nicht da?' Da wird man schon schräg angeschaut. So, hier war ich da, dann war ich da, dann da."

Aber der Reihe nach. Paulina macht in Bayern zunächst ihren Realschulabschluss - mit guten Noten. Sie möchte dann auf ein Gymnasium mit Schwerpunkt Gesellschaftswissenschaften. Dort aber weist man Realschüler ab.

Ganz anders im Nachbarland, in Baden-Württemberg. Hier bekommt Paulina sofort einen Platz auf dem Gymnasium. Also pendelt sie frohgemut von Bayern ins Ländle. 40 min hin, 40 min zurück. Doch dann merkt sie, wie sehr sich die beiden Schulsysteme unterscheiden.

Paulina Ringeisen, Schülerin aus Bayern
"Da haben sich immer mehr und mehr Dinge raus gestellt, die jetzt doch nicht so einfach waren. Zum Beispiel ist das Schulsystem in Baden-Württemberg komplett anders aufgebaut, wie bei uns. Da denkt man sich: das hatte ich noch nie, bei uns lernt man es aber später. Dafür habe ich aber andere Teile schon gelernt, was die jetzt erst lernen."

Ein paar Monate hält sie in Baden-Württemberg durch. Dann bricht sie ab. Jetzt fährt sie zum Unterricht in das Gymnasium, wo sie von Anfang an hinwollte - gleich ums Eck in ihrer Heimatstadt in Bayern. Hier könne sie jederzeit mit dem Unterricht anfangen, hieß es auf einmal. Schließlich komme sie ja jetzt von einem Gymnasium und nicht mehr von einer Realschule.

Deutschlands Schullandschaft: ein wildes Durcheinander von Regeln und Systemen. Die Leidtragenden sind Lehrer, Eltern und Schüler - vor allem dann, wenn sie beweglich sind.

Robert Rauh, Lehrer in Berlin
"Wenn eine Familie von einem Bundesland ins andere umzieht, dann gleicht dieser Umzug einem Hürdenlauf, der dem der Kleinstaaterei im 19. Jahrhundert zu vergleichen ist. Das macht keinen Sinn."

Gegen diese Kleinstaaterei war auch die Kanzlerin. 2008 setzte sie sich für mehr Einheitlichkeit und Chancengleichheit ein und rief die Länderchefs zum Bildungsgipfel. Das Ergebnis: kläglich. Es änderte sich so gut wie nichts.

Auch nicht beim Thema "Gleiches Abitur für alle". Eltern schulpflichtiger Kinder fordern das längst: Schluss mit: schweres Abi hier, leichtes Abi dort.

92 % der Eltern sind für ein einheitliches Zentralabitur, also dieselben Prüfungsaufgaben zur selben Zeit für alle Schüler Deutschlands. So wie in der Schweiz oder Frankreich.
Endlich soll dieses Zentralabitur nun auch in Deutschland kommen - jedenfalls verkündeten dies kürzlich einige Länder:

"In Mecklenburg-Vorpommern beginnen (...) die zentralen und länderübergreifenden Abiturprüfungen." Quelle: Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern, 24.4.17,
Hört sich gut an, stimmt aber nicht.

Denn die Länder haben in großer Runde lediglich folgendes vereinbart:

Vertreter aus allen Bundesländern packen einvernehmlich Abi-Aufgaben für lediglich vier Fächer in einen Pool. Daraus dürfen sich alle Länder bedienen. Aber: Sie müssen es nicht! Heißt also: jedes Bundesland kann weiterhin machen, was es will.

Mit einem Zentralabi - also Chancengleichheit - hat das alles nichts zu tun, meint der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes:

Josef Kraus, Präsident Deutscher Lehrerverband
"Das, was wir jetzt haben mit diesen so genannten Poolaufgaben, das ist nichts anderes als Beruhigungspille und Schaufensterpolitik."

Eine Schaufensterpolitik. Verantwortlich sind die Bundesländer, die damit der Ungerechtigkeit weiter freien Lauf lassen.

Paulina Ringeisen, Schülerin aus Bayern
"Zwei Schüler, die genau gleich schlau in Anführungszeichen sind: einer schreibt in Bayern Abitur, schafft vielleicht nur ein 2,5er Abitur, ist ja nicht schlecht. Und einer, der schreibt in einem anderen Bundesland, wo es eventuell einfacher ist und schafft vielleicht ein 1,2er Abitur. Dann kann der natürlich viel einfacher Medizin studieren.“

Ein exzellenter Schulabschluss ist inzwischen Voraussetzung, um zum Beispiel im Studiengang Medizin einen Platz zu ergattern. Für die Uni zählt meist der Abi-Schnitt, egal, aus welchem Bundesland man kommt.

Auf dieses Auswahlverfahren der Unis reagieren manche Bundesländer, in dem sie für ihre Abiturienten die Prüfungen immer leichter machen:

Josef Kraus, Präsident Deutscher Lehrerverband
"Wenn ich mir vergegenwärtige, dass sich in mehreren Ländern die Zahl der 1,0er Abiturzeugnisse innerhalb kürzester Zeit verzweifacht, verdreifacht hat , in manchen Bundesländern mehr als verzehnfacht hat, dann ist da irgendwas schief."

Hier könnte man daran etwas ändern: In der Kultusministerkonferenz der Bundesländer - kurz KMK. Jedoch gilt in dieser Runde: für jede bundesweite Reform braucht es die Einstimmigkeit: Sagt ein Land nein, ist alles blockiert.

Und nein sagen, ist in der KMK sehr beliebt.

Landesregierungen beharren auf ihrer ganz eigenen Schulpolitik. Die Schulminister lehnen auch jede Einmischung des Bundes strikt ab.

Ludwig Spaenle, CSU, Staatsminister für Bildung in Bayern
"Sie werden bayerische Eltern, wenn man sagt, wir führen jetzt das ein, was in Bremen stattfindet oder in Berlin, im Land Berlin, dann werden sie keine große Begeisterung auslösen. Der Weg der Vereinheitlichung auf Bundesebene ist der Falsche, weil das zu dramatischen Qualitätsveränderungen, sage ich mal, führen würde."

Doch für bayerisches Eigenlob gibt es keine wissenschaftliche Begründung. Denn: Welches der 16 unterschiedlichen Schulmodelle tatsächlich gut und welches schlecht ist, das weiß niemand so genau. Denn unabhängige Vergleiche zwischen den Bundesländern sind gar nicht erwünscht.

Das geht soweit, dass sogar vorhandene Vergleichsdaten nicht an Wissenschaftler wie Wilfried Bos herausgegeben werden. Für ihn ist diese Geheimnistuerei der Länder ein Armutszeugnis.

Prof. Wilfried Bos, Bildungsexperte, Uni Dortmund
"Es gibt ja für einen empirisch arbeitenden Erziehungswissenschaftler eigentlich nichts Schöneres als 16 Bundesländer, die in Konkurrenz unterschiedliche Dinge machen. Das könnte man wunderbar vergleichen, man kann das auswerten. Was hat sich denn bewährt? Was war weniger hilfreich? Was war schwach? Aber dafür braucht man natürlich die Daten. Und ich habe den Eindruck, manche Dinge wollen die Leute, die dort politisch verantwortlich sind, gar nicht wissen, weil, wenn man das weiß, dann muss man ja handeln."

Beitrag von Chris Humbs und Luis Jachmann

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