Grafik zu: Schwarzarbeit bei Pflegediensten, Quelle: rbb
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Moderne "Haussklaverei“ - Schwarzarbeit bei Pflegediensten

Sie kommen aus Polen, Bulgarien oder Rumänien und kümmern sich um all jene, die nicht ins Altenheim wollen oder können: private Pflegekräfte. In gut 200.000 Haushalten, so schätzen Experten, sind inzwischen vor allem Pflegerinnen aus dem Ausland tätig. Sie helfen dem Pflegenotstand ab, doch oft ohne jeden Schutz. Sie arbeiten oft wochenlang rund um die Uhr ohne feste Arbeits- und Freizeiten und dafür bekommen viele nicht einmal den Mindestlohn. Moderne Lohnsklaven, heißt es, die dafür sorgen, dass es Oma gut geht.

Anmoderation: Lange leben und zu Hause alt werden, das ist der Traum vieler Menschen. Doch was, wenn man irgendwann auf die Hilfe anderer angewiesen ist? Wer Kinder hat, die die Pflege übernehmen können, hat Glück. Für die anderen heißt es: Hilfe gegen Geld. Ein boomender Markt. Abertausende Pflegekräfte vor allem aus Osteuropa sorgen inzwischen dafür, dass es Oma gut geht. Die Pfleger selbst hingegen arbeiten oft unter miserabelsten Bedingungen, wie Andrea Everwien und Diana Kulozik berichten.

Ein Gasthaus in Bayern. Wir treffen Marica, eine Pflegehelferin aus Bulgarien.

Marica, Haushalts- und Betreuungskraft
"Ich bin total verbittert und enttäuscht darüber, wie man mit uns hier umgeht. Wir pflegen die Menschen doch, und werden selbst behandelt wie Sklaven, wie eine Ware, die man gekauft hat."

Vor ein paar Jahren verschlug es die knapp 60-jährige Marica nach Dorfen, in ein 14.000 Seelen-Örtchen der bayrischen Provinz. In der Kleinstadt, hinter einer der gepflegten Fassaden, betreute sie eine komplett hilflose, demente Frau in deren Wohnung.

Laut Vertrag mit ihrer Pflegefirma hieß das für Marica: 64 Stunden pro Woche arbeiten, doch tatsächlich musste sie fast rund um die Uhr für die alte Dame da sein.

Marica, Haushalts- und Betreuungskraft
"Nachts kann man nicht schlafen, weil man immer wieder aufstehen muss. Wenn nur ein Rettungswagen vorbeifährt, wird die alte Frau schon panisch, dann schreit sie: Krieg, Krieg, es ist Krieg! Ich stehe dann jedes Mal auf, um sie zu beruhigen: es ist doch kein Krieg. Dann nehme ich ihre Hand, streichele sie ein bisschen und dann beruhigt sie sich wieder."

Doch am nächsten Morgen, oft nach nur drei oder vier Stunden Schlaf, muss die Pflegerin wieder bereitstehen. Auch körperlich ist die Arbeit anstrengend.

Die Möglichkeit, auszuspannen gibt es aber nicht, außer Marica ist niemand zur Stelle. Gibt es also moderne Sklaverei in deutschen Haushalten?

Frankfurt, Hochschule St. Georgen. Hier geht man dieser Frage nach. 70 Interviews mit sogenannten "24-h-Pflegekräften" hat Professor Bernhard Emunds in einer wissenschaftlichen Untersuchung ausgewertet.

Seine These: "Damit es Oma gut geht", werde in Deutschland immer wieder gegen das Arbeitszeitgesetz verstoßen - in bis zu 200.000 Haushalten müssten Pflegerinnen fast rund um die Uhr dienstbereit sein.

Bernhard Emunds, Hochschule St. Georgen, Frankfurt
"Sie müssen ständig die Zeitstrukturen, die Rhythmen des Pflegebedürftigen mitnehmen - müssen letztendlich das Leben eines anderen leben. (...)
Das ist einer demokratischen Gesellschaft nur vertretbar, wenn auch wirklich die Arbeitszeit begrenzt ist. Das heißt, wenn es daneben Möglichkeiten gibt, auch noch sein eigenes Leben zu führen."

Das Versprechen heißt aber: 24 Stunden Pflege. Im Internet bieten zahlreiche deutsche Firmen die Vermittlung osteuropäischer Betreuungskräfte, die in den Privathaushalt der zu Pflegenden einziehen. Und dieses Rundum-Sorglos-Paket sei auch noch völlig legal.

Wie das funktioniert? Über das sogenannte "Entsendemodell".

Die Familie beauftragt eine deutsche Vermittlungsagentur. Diese kooperiert mit einer Entsendeagentur in Polen, die die Betreuungskraft als ihre Angestellte nach Deutschland schickt.

Im Vertrag zwischen Agentur und Betreuerin wird als Arbeitszeit gewöhnlich festgelegt: 40 Stunden pro Woche. Außerdem wird die sogenannte A1 Bescheinigung vorgelegt, die bestätigt, dass die Betreuerin in Polen sozialversichert sei. Damit gilt ihre Arbeit in Deutschland als legal.

Wie lange sie dann aber wirklich jeden Tag arbeitet, wird von den deutschen Behörden kaum kontrolliert.

Bernhard Emunds, Hochschule St. Georgen, Frankfurt
"Nicht verfolgt wird das, weil die Linie der deutschen Behörden ist, dass man in diese Beschäftigungsverhältnisse, die in privaten Haushalten stattfinden, dass man in die nicht hineinschauen will."

Gegenüber Kontraste gibt das Bundesarbeitsministerium sogar zu, dass man sich für diese rund zweihunderttausend Arbeitskräfte in Privathaushalten nicht besonders interessiere. Schriftlich heißt es:

"Privathaushalte" seien "kein Tätigkeitsschwerpunkt" der Kontrollen gegen illegale Beschäftigung.

Bernhard Emunds, Hochschule St. Georgen, Frankfurt
"Gerade dieser Verzicht der deutschen Behörden, regulierend einzugreifen, der ermöglicht eben ausbeuterische Arbeitsverhältnisse in den privaten Haushalten, in der 24-Stunden Pflege."

Wegen der häufig überlangen Arbeitszeit der im Haus lebenden Betreuerinnen stimmt auch ihr Lohn nicht. Der DGB weist seit Jahren darauf hin: ein weiteres Gesetz, gegen das in der 24-h-Pflege fortlaufend verstoßen werde, sei das Mindestlohngebot.

Dominique John, DGB-Projekt "Faire Mobilität"
"Also den Lohn, den die Frauen - den sie in aller Regel bekommen, das liegt zwischen 1000 Euro und 1400 Euro, wenn wir die Stunden nehmen, die gearbeitet werden müssen, dann kommen da Stundenlöhne von 4,00 bis 6,00 Euro in aller Regel raus, das hat natürlich mit dem gesetzlichem Mindestlohn von 8,84 Euro, den wir hier gerade haben, absolut nichts zu tun, das ist kein fairer Lohn."

Und selbst auf diesen unfairen Lohn werden in Polen offenbar nicht immer angemessene Beiträge für Renten, Kranken- und Arbeitslosenversicherung abgeführt. Das hat Dana erfahren. Sie möchte nicht erkannt werden, weil sie noch auf ausstehendes Entgelt wartet.

Im Auftrag einer polnischen Agentur versorgte sie vier Monate lang eine alte Dame in Niedersachsen - für 1350 Euro im Monat, wie sie sagt.

Doch als sie selbst zum Arzt musste, stellte sie fest: ihr polnischer Auftraggeber hatte sie nur für einen Monat und nur auf Basis des polnischen Mindestlohns bei der Sozialversicherungsbehörde gemeldet - als hätte sie nur einmal 2000 Zloty, also rund 450 Euro verdient.

Dem Auftraggeber erspart das offenbar einen Großteil der Sozialversicherungsbeiträge - während Dana mögliche Arbeitslosengeld- und Rentenansprüche verliert.

Unkontrollierte, überlange Arbeitszeiten, faktisch kein Mindestlohn und intransparente Sozialabgaben - für Gewerkschafter Dominique John gehört das Entsendemodell insgesamt auf den Prüfstand.

Dominique John, DGB-Projekt "Faire Mobilität"
"Es ist insgesamt ein System, was auf Profit ausgerichtet ist, nämlich auf den Profit der Entsendefirmen."

Doch es geht auch anders. Im ostwestfälischen Büren profitiert Ricarda Lorenzen vom Modellprojekt "Carifair" der örtlichen Caritas - eines von zweien solcher Projekte bundesweit. Die Caritas hat der Familie Anna Tarka aus Polen vermittelt - für die häusliche Pflege der 87-jährigen Mutter.

Anna Tarka ist direkt bei der Familie angestellt, die zahlt Tariflohn und Sozialversicherung für sie. Mehr Geld als im Entsendemodell kostet es trotzdem nicht. Die bürokratische Abwicklung erledigt eine Koordinatorin von Carifair. Damit die Tage der Betreuerin nicht zu lang werden, planen Familie, Caritas und Pflegekraft gemeinsam, wer außer Anna Tarka noch die Unterstützung der alten Mutter sicherstellen kann. Einmal die Woche kommt die Tochter für einen Tag, ein anderes Mal eine ambulante Hilfe der Caritas.

Wenn alle Stricke reißen, könnte die alte Dame auch die Seniorenbetreuung der Hilfsorganisation aufsuchen - oder in deren Tagespflegestation gehen.

So hat Anna Tarka Zeit für ihr Privatleben - täglich ein paar Stunden und einmal die Woche einen ganzen Tag.

Anna Tarka, Haushalts- und Betreuungskraft
"Ich wünsche jeder Betreuerin solch eine Familie, wie ich sie gefunden habe."

So wird aus der 24-Stunden-Pflege eine 8-Stunden Hilfe - zur Zufriedenheit beider Seiten.

Das müsste die Regel sein. Professor Emunds sieht die Bundesregierung in der Pflicht.

Bernhard Emunds, Hochschule St. Georgen, Frankfurt
"In einer Demokratie hat die Regierung eine Fürsorgepflicht für alle, die hier
in unserem Land leben und in diesem Fall auch in unserem Land arbeiten. Eine Fürsorgepflicht, dafür zu sorgen, dass nicht gegen Menschenrechte verstoßen wird."

Beitrag von Andrea Everwien und Diana Kulozik

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