Jugendarbeit gegen Radikalisierung - Erfolgsmodell erhält zu wenig Unterstützung

Im Kampf gegen den islamistischen Terror setzt die Politik vor allem auf schärfere Gesetze. Doch das allein reicht nicht aus. Der Kölner Verein "180 Grad Wende" setzt auf direkte Ansprache: In den vergangenen Jahren hat er über 800 junge Menschen  betreut und viele von ihnen aus der radikalen Islamistenszene geholt. Die Sozialarbeiter des Vereins sind selbst Muslime, sie haben es einfacher Vertrauen aufzubauen. Trotz aller Erfolge: Es fehlt an Unterstützung für eine Ausweitung des Projekts.

Anmoderation: Weil sie einen Bundespolizisten bei einem Messerangriff in Hannover schwer verletzt hat, muss die 16-jährige Safia S. eine 6-jährige Jugendstrafe absitzen, das haben heute die Richter geurteilt. Mit ihrer Tat habe sie den sogenannten IS unterstützen wollen. Solche Angriffe von vorne herein zu verhindern, ist schwer. Umso wichtiger, dass es gar nicht erst soweit kommt, dass eine Muslima durch islamistische Propaganda zur Attentäterin wird. Caroline Walter und Christoph Rosenthal zeigen an einem Beispiel, welchen Erfolg präventive Massnahmen haben können.

Wir sind in Köln-Kalk: ein Viertel mit hoher Zuwanderung, Arbeitslosigkeit und Kriminalität. Junge Männer hängen herum – ohne Perspektive. Viele fühlen sich als Muslime ständig unter Verdacht. Diese Gruppe will provozieren.

Kontraste

"Was sagen Sie zu dem Attentat, was in Berlin war?"

Anonym

"Ja, ich weiß. Das ist nicht Terrorist."

Kontraste

"Warum ist der nicht Terrorist?"

Anonym

"Dieser mit Auto ja, dann machen drei tot oder so. Das ist egal, in Marokko gibt’s andere auch. Weißt du nicht."

Kontraste

"Aber der war Terrorist, das war ein Terroranschlag?"

Anonym

"Nee, glaube ich nicht."

In diesem Umfeld versuchen radikale Islamisten, neue Anhänger zu rekrutieren.

Genau das will Sozialarbeiter Mimoun Berrissoun verhindern. Er sucht den Kontakt zu jungen Muslimen, hört ihre Probleme an und bietet mit seinem Verein "180 Grad Wende" Hilfe an. Weil er selbst Moslem mit marokkanischen Wurzeln ist, findet er einen besonderen Zugang.

Mimoun Berrissoun, Verein 180 Grad Wende

"Extremisten angeln sich orientierungslose junge Leute an, die leichtgläubig sind und die gerade vielleicht sogar eine schlechte Situation durchlaufen oder einen Bruch in der Biographie haben, um dann diese Leute für ihre Sache zu gewinnen."

Auch Mourad hat eine schlechte Zeit durchlebt, bevor er den Sozialarbeiter traf. Der 22-Jährige ist in Deutschland geboren, aber er fühlte sich oft ausgegrenzt. Voller Elan ging er zur Bundeswehr, doch dort wurde er als Moslem gemobbt.

Mourad

"Ich hab ja ein Koranbuch gehabt, wo ich dann in meiner freien Zeit immer reingelesen habe. Und ja, das war dann verschwunden. Ich wurde dann diskriminiert mit schlimmen Wörtern wie du Terrorist, du Salafist, was machst du hier, geh weg."

Nach dieser Enttäuschung versuchte er eine andere Ausbildung zu finden. Aber auf jede Bewerbung kam eine Absage. In einer Moschee lernte er dann neue Freunde kennen, ohne zu wissen, dass es salafistische Extremisten sind.

Mourad

"Die haben mir Arbeit gegeben, haben gesagt, du kannst Geld verdienen. Am Wochenende sind wir Fußball spielen gegangen. Und wenn ich Probleme hatte, die haben jedes Mal gesagt, ich kann dir helfen mit den Problemen."

Aber sie verlangten bald, dass er sein Leben verändert.

Mourad

"Die haben mir gesagt, dass ich keine Musik mehr hören soll, dass ich nicht mehr mich mit anderen Leuten treffen soll, nur noch unter uns bleiben sollen. Die wollten viel mehr über meine Familie wissen, die wollten nicht mehr, dass ich also Kleidung im modernen Stil mehr trage."

Sie schürten bei ihm Hass auf eine Gesellschaft, in der er angeblich keinen Platz hätte.

Mourad

"Dass die Menschen in der Gesellschaft alle ungläubig sind und dass die alle in die Hölle kommen und dass sie vom Satan verflucht sind."

Bei Treffen in privaten Wohnungen hetzten ihn die Salafisten mit Videos auf - mit dem Leid muslimischer Kinder. Er sollte sich dem IS anschließen.

Mourad

"Die wollten, dass ich den Leuten im Krieg helfe, dass ich die Ungläubigen töten soll und dafür in den Krieg ziehen soll."

Freunde von ihm waren dann auf einmal spurlos verschwunden – wahrscheinlich nach Syrien ausgereist.

Genau zu diesem Zeitpunkt kam er in Kontakt mit Sozialarbeiter Berrissoun, der viel mit ihm über den Koran und auch seine Alltagssorgen redete. Der Verein half ihm dann neue Bewerbungen zu schreiben und einen Ausbildungsplatz zu finden. Damit schaffte Mourad den Ausstieg aus der Szene.

Die Jugendarbeit des Vereins geht auf - schon 800 junge Muslime wurden betreut und viele von ihnen aus den Fängen der Radikalen zurückgeholt. Selbst wenn diese ihren islamistischen Kampf hoch professionell über das Internet führen.

Mimoun Berrissoun, Verein 180 Grad Wende

"Das schaffen wir nur, indem wir eine Bindung zu der Person aufbauen, eine Beziehung aufbauen, indem wir es schaffen, dass ein Mentor eine ganz besondere Beziehung aufbaut mit der Person, weil dann kann diese Person auch bestimmte Inhalte gesehen haben, aber dann hat sie endlich mal einen Freund, einen Bruder, eine Schwester, wie sie sagen würden, die in dem Fall präventiv eingreifen kann."

Auch einige Moscheen haben sich dem Netzwerk des Vereins angeschlossen - wie diese in Köln-Kalk. Freitagsgebet: Viele wollen nicht gefilmt werden, weil sie allein wegen ihres Aussehens immer unter Generalverdacht gestellt werden. Sie sind zwar Anhänger eines orthodoxen Islam. Aber sie verurteilen Gewalt, warnen seit langem in Flyern vor dem IS und widerlegen die Botschaften der Terroristen.

Moscheemitglied

"Jeder normale Muslim, der sich mit seiner Religion tiefgründig beschäftigt und weiß, dass diese Art von Propaganda und Massaker, was sie machen wortwörtlich einfach nicht zum Islam gehören. Und das sind halt so Sachen, wo wir uns bemühen und anstrengen an die Jugendlichen überwiegend voranzubringen, dass so etwas nicht geht und total verboten ist im Islam."

Die Moscheemitglieder werden von den Extremisten als Abtrünnige angefeindet – wegen ihrer klaren Haltung.

Moscheemitglied

"Es gibt Ansichten, die sagen, diese Menschen, die sowas tun, das sind irregeleitete Muslime. Aber ich persönlich folge der Meinung, dass sind – wenn sie dem bewusst sind, was sie da tun  und die Köpfe darüber, das sind für mich keine Muslime, nein."

Dass Muslime selbst und gemeinsam aktiv werden, ist genau das Erfolgskonzept des Vereins "180 Grad Wende".

Auch Mourad ist jetzt ein sogenannter Multiplikator und kümmert sich um andere Jugendliche, die in die Radikalität abdriften. Er ist einer von 200 solcher Helfer, die der Verein im Einsatz hat.

Mourad

"Ich spreche mit denen, in der Form, dass ich selber das Opfer war und dann begreifen die das und öffnen sich und reden mit mir über die Sache."

Sozialarbeiter Berrissoun würde gerne noch mehr leisten, weil es viele Ecken in Nordrhein-Westfalen gibt, wo Präventionsarbeit fehlt.

Mimoun Berrissoun, Verein 180 Grad Wende

"Dann haben wir sogar auf politischer Ebene vorgeschlagen, dass wir dieses Netzwerk aufbauen auf das ganze Land. Und da wurden wir noch nicht genügend unterstützt, dass wir da wirklich mit mehr Ressourcen da noch diese Arbeit ausweiten können. Sprich, diese Wichtigkeit von zivilgesellschaftlichem Engagement aus der Mitte auch der muslimischen Gemeinde wird noch viel zu wenig gesehen."

Dabei wäre es an der Zeit, dieses Potenzial zu nutzen und mehr zu fördern.

 

Beitrag von Caroline Walter und Christoph Rosenthal

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