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Knapp 500.000 Menschen erkranken jedes Jahr in Deutschland durch Infektionen mit multi-resistenten Krankenhauskeimen, etwa 40.000 sterben. Schlampige Hygiene in den Krankenhäusern sei oft die Ursache, kritisieren Experten. Um kostengünstiger zu arbeiten, sparen die Einrichtungen bei der Reinigung der Stationen und Operationssäle. Die Leistungen werden an externe Firmen vergeben. Doch deren Reinigungskräfte können wegen schlechter Arbeitsbedingungen die Vorgaben der Krankenhaushygiene nicht mehr erfüllen - mit verheerenden gesundheitlichen Folgen.
Gefährliche Keime in Krankenhäusern sind in Deutschland vermutlich für mehr Tote verantwortlich als Verkehrsunfälle, Verletzungen und Vergiftungen zusammen! Immer wieder alarmieren uns solche Meldungen. Deshalb sollte man eigentlich davon ausgehen, dass die Kliniken alles dran setzen, um für größtmögliche Hygiene zu sorgen. Doch tun sie das tatsächlich? Wir haben in über 200 Klinken nachgefragt und mussten feststellen: Viele Krankenhäuser sind heutzutage profitable Wirtschaftsunternehmen, bei denen das hochsensible Thema Reinigung einfach outgesourced wird. Markus Pohl, Ursel Sieber und Susanne Katharina Opalka mit Hintergründen.
Claudia Gronau hat einen wahren Alptraum hinter sich. Im März 2011 bricht sie sich das Sprunggelenk. Die Operation scheint zunächst erfolgreich. Doch dann entzündet sich die Wunde, die Ärzte stellen eine schwere Infektion fest: Staphylokokkus epidermidis, ein Krankenhauskeim, resistent gegen fast alle Antibiotika. Über Monate gelingt es den Ärzten nicht, die Entzündung zu stoppen. Stattdessen nistet sich Pseudomonas ein, ein zweiter multiresistenter Erreger.
Claudia Gronau
Infektions-Opfer
„Da war ich richtig schockiert dann, weil da stand dann schon zur Option, dass das Bein abkommt. Und das ist natürlich in meinem Alter heftig gewesen, ich war gerade 40, 41. Das war ganz schön… Da brauchte ich eine ganze Weile, um damit klar zu kommen.“
18 Operationen sind nötig, um das Bein zu retten. Die Ärzte entnehmen einen Hautlappen vom Schenkel, um die Wunde zu schließen, verpflanzen Knochen, um das von Bakterien zerfressene Gelenk zu stabilisieren. Claudia Gronau ist überzeugt: Die Keime lauerten im Krankenhaus.
Claudia Gronau
Infektions-Opfer
„Man fragt sich eigentlich, was ist los in den Krankenhäusern, was ist mit der Hygiene, wo ist die Hygiene, das ist doch, das ist eigentlich unbegreiflich.“
Jedes Jahr erkranken in Deutschland 600.000 Patienten an Krankenhauskeimen, bis zu 40.000 sterben daran. Experten schätzen: Ein Drittel der Todesfälle wäre durch bessere Hygiene zu verhindern. Regelmäßige Händedesinfektion gilt als Schlüssel.
Hygiene-Fachleute wie Franz Sitzmann heben aber auch die Bedeutung der Krankenhausreinigung hervor.
Franz Sitzmann
Hygieneberater Krankenhaus Havelhöhe
„Die Hände der Mitarbeiter, kann man gar nicht oft genug sagen, dass sie desinfiziert gehören. Aber die Oberflächen, die eben auch mit den Händen angefasst werden, sind genauso wesentlich. Und da hat die Reinemachefrau einen sehr großen Wert drauf zu legen. Dass sie irgendwelche Touchpads, oder Monitoroberflächen, dass sie da eine sorgfältige Desinfektion durchführt. Wenn diese Reinemachefrauen nicht ordentlich arbeiten, wenn sie nicht eingewiesen arbeiten, dann hat es die Konsequenz, dass sie die Keime mehr verteilen, als dass sie sie wegnehmen vom Patienten, sie verteilen sie eher dann im gesamten Krankenhaus.“
Doch gerade bei der Reinigung wird massiv gespart. Beispiel Schwerin: In unserer letzten Sendung haben wir über den Streik beim Krankenhaus-Konzern Helios berichtet. Wir treffen Reinigungs-Frauen, die in eine Servicegesellschaft ausgelagert wurden. Sie erzählen Erschreckendes über Hygienemängel und Leistungsdruck.
Reinigungsfrau
„Das ist so knapp bemessen die Zeit, da kann man sich noch so beeilen, das schafft man gar nicht. In ner halben Stunde muss ich sechs Zimmer schaffen, sechs Patientenzimmer, das sind große Zimmer, da könnte man zwei Zimmer von machen, von einem Zimmer könnte man zwei Zimmer machen.“
KONTRASTE
„Haben sie den Eindruck, dass die Zeit so ist, dass sie wirklich die Sachen so reinigen können, dass sie den Hygieneanforderungen…?“
Reinigungsfrau
„Nein, nein, das sieht ein Blinder mit Krückstock.“
KONTRASTE
„Was?“
Reinigungsfrau
„Dass es dreckig ist. Also wenn einer sagt, das Krankenhaus ist sauber, der lügt.“
30 Minuten für sechs Patientenzimmer – das sind gerade einmal 5 Minuten für die Reinigung eines Zimmers inklusive Nasszelle und mehrmaligem Wechsel des Wischlappens. Im Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin setzt man auf fest angestellte Kräfte. Hier hält man fünf Minuten für viel zu kurz.
Franz Sitzmann
Hygieneberater Krankenhaus Havelhöhe
„In fünf Minuten kann ich eben nicht geordnet ein Patientenbad, ein Waschbecken, eine Dusche, eine Toilette, ein Nachttisch, ein Patientenbett, einen Schrank, eine Türklinke, kann ich nicht geordnet wischen mit unterschiedlichen Lappen, mit unterschiedlichen Materialen, sondern da kann ich nur rüberwischen, drüberhuschen, und die Ecken rund wischen.“
KONTRASTE
„Und das geht dann zu Lasten der Patienten?“
Franz Sitzmann
Hygieneberater Krankenhaus Havelhöhe
„Ja, eindeutig.“
Wir konfrontieren die Helios-Zentrale mit den Aussagen der Reinigungskräfte. Das Unternehmen streitet die Zeitvorgaben ab und bleibt im Ungefähren, Zitat:
„Die Reinigungsleistung ist von der Architektur des jeweiligen Gebäudes und den Anforderungen an die Raumgruppen abhängig und lässt sich nicht allgemeingültig festlegen.“
Schwerin ein Einzelfall? Wir fahren an den Main, zur Uniklinik Frankfurt. Das Krankenhaus hat seine Reinigung seit April komplett an externe Anbieter ausgelagert.
Wir treffen drei Angestellte, die seit Jahren in der Klinik sauber machen. Nur einer von ihnen will sich zu erkennen geben. Sie berichten von massiven Kürzungen und zeigen uns Reinigungspläne. Objekte wie Türklinken würden nur noch wöchentlich sauber gemacht, früher täglich.
Reinigungskraft
„Die gleiche Arbeit, wo vorher zwei Frauen gemacht haben, macht jetzt eine Person. Also es hat sich sehr viel verschlechtert.“
KONTRASTE
„Wie viel Zeit bleibt für ein Krankenzimmer?“
Reinigungskraft
„Fünf Minuten in Patientenzimmer. Die putzen nach Zeit hier, nicht nach Hygiene. Seit diese Firma gekommen, Reklamation von Ärzten, von Schwestern, von Patienten, jeden Tag … Zeit ist nicht mehr da!“
Reinigungskraft
„Bei uns gibt es nur Infektions-, keine normalen Zimmer.“
KONTRASTE
„Wie viel Zeit haben sie für ein Zimmer?“
Reinigungskraft
„Früher hatten wir eine Stunde, jetzt nur noch zehn oder fünf Minuten. Das passt nicht.“
KONTRASTE
„Zehn Minuten für ein Zimmer auf einer Infektionsstation?“
Reinigungskraft
„Ja, der Chef sagt: Nein, bis elf Uhr muss alles fertig sein!“
Reinigungskraft
„Das ist nicht mehr hygienisch nach meiner Ansicht. Weil die Zeit nicht mehr da ist.“
Wir fragen die Uniklinik, ob die Vorwürfe zutreffen. Statt konkreter Antworten: der Verweis auf den Dienstleister, Zitat:
„Das beauftragte Unternehmen hat sich vertraglich an das Leistungsprofil der Ausschreibung gebunden. Schulungen, Arbeitszeiten und Mitarbeiterführung und –einteilung fallen in die Kompetenz des Unternehmens.“
Die Verantwortung wird einfach delegiert. Gewerkschafter wie Lars Dieckmann erkennen darin ein Muster. Immer häufiger legen Kliniken ihre Reinigung in die Hand von Billigkräften.
Lars Dieckmann
Gewerkschaftssekretär IG Bau
„Für uns ist das ein Geschäftsmodell, was da dahinter steckt, das heißt, es wird in Kauf genommen, dass die Reinigung nicht mehr so gut vollzogen werden kann, wie das vielleicht noch der Fall vor fünf, sechs Jahren gewesen ist. Langfristig Beschäftigte findet man kaum noch in solchen Modellen, das heißt man kann sich das so vorstellen wie ein Durchlauferhitzer, da werden dann Leute mit Sechs-Monatsverträgen ausgestattet, die vielleicht zwei Wochen vorher noch Straßenbahnen gereinigt haben, die werden dann plötzlich in der Klinik eingesetzt.“
Wir wollen es genau wissen, schreiben Kliniken in ganz Deutschland an und fragen sie, wie sie es mit ihrer Reinigung halten. 26 Kliniken und Klinikkonzerne antworten, insgesamt repräsentieren sie 265 Krankenhäuser in Deutschland.
Nur zwei von ihnen geben an, ausschließlich eigenes Personal zur Reinigung einzusetzen, der Rest beauftragt Tochter- oder Fremdfirmen. Und: Mit Ausnahme von vier Kliniken und einem Konzern geben alle Häuser Abstriche bei der Reinigung am Wochenende zu.
Gerade sonntags ist es weit verbreitet, nur sichtbaren Schmutz zu entfernen. Professor Heike Martiny, Hygieneexpertin, kritisiert diese Praxis scharf.
Prof. Heike Martiny
Hygienikerin
„Das ist auf Deutsch gesagt ziemlicher Blödsinn. Sichtreinigung würde ja bedeuten, dass am Wochenende wir die Patienten entlassen, dass wir keine Maßnahmen machen, und dass wir keine Bakterien und keine Pilze verbreiten, und dass wir auch keinen Schmutz machen. Also wir müssten dann die Besucher rausschicken, weil die bringen sicherlich auch was mit rein und nehmen was mit raus. Es ist logisch nicht zu erklären. Sie machen das Krankenhaus ja am Wochenende nicht dicht.“
Gemäß Infektionsschutzgesetz bestimmt das Robert-Koch-Institut verbindliche Richtlinien für Oberflächenreinigung und Desinfektion in den Kliniken. Die konkrete Umsetzung aber liegt bei den einzelnen Häusern, die Bestimmungen bleiben vage.
Ein Spielraum, den auch die Charité in Berlin nutzt. Die renommierte Klinik hat ihre Reinigung an eine Tochtergesellschaft ausgelagert. Eine ehemalige Reinigungsfrau erklärt sich bereit, mit uns zu sprechen. Im November 2011 lief ihr befristeter Vertrag an der Charité aus. Auch sie berichtet von Überforderung der Mitarbeiter, und sie erhebt schwere Vorwürfe zum Umgang mit Isolationszimmern. Hier liegen Patienten abgeschirmt, die mit multiresistenten Keimen infiziert sind. Eigentlich gelten besonders strenge Hygiene-Vorschriften.
Reinigungskraft
„In einem Isolierzimmer dürfte nichts was da drin ist wieder raus, ohne desinfiziert zu sein. Das heißt, es müsste für die Reinigung müssten drin sein Lappen, Einmallappen, es müsste da sein Möppe, die dann noch speziell in Desinfektion ein gelegt wird und erst dann rausgenommen werden darf. Es müsste ein Klapphalter im Zimmer bleiben, das auch nicht der Fall ist, der wir auch wieder mit rausgenommen. Dasselbe ist mit dem Geschirr, auch das Geschirr wird von den Keimzimmern so wieder mit rausgenommen, geht ganz normal dann in die Essenswägen wieder mit rein und wird dann erst in der Küche gespült.“
Schlamperei im Umgang mit hochgefährlichen Erregern? Massive Vorwürfe, die uns von einer Krankenschwester an der Berliner Charité bestätigt werden. Auch sie will unerkannt bleiben, um ihre Anstellung nicht zu gefährden.
Krankenschwester
„Wir haben auch Isolier-Zimmer, die endgereinigt werden müssten, wenn der Patient verlegt wird. Ich finde das entsetzlich, wie das jetzt läuft. Früher hatten wir einen richtigen Desinfektor, jetzt wird das Reinigungskräften übertragen, die dafür nicht ausgebildet sind. Ich habe da richtig Angst um unsere Patienten, wenn wir solche Zimmer wieder neu belegen.“
In einer Stellungnahme streitet die Charité die Vorwürfe ab, Zitat:
„Patientenzimmer von Patienten mit solchen Erregern (werden) durch speziell geschultes Personal durchgeführt, das separat von den Stationen angefordert wird.“
Infektions-Opfer Claudia Gronau hat ein Jahr im Rollstuhl durchgestanden, auch mit Hilfe ihres Lebensgefährten. Jetzt klagt sie gegen die behandelnden Kliniken. Auf Schmerzensgeld und um ein Zeichen zu setzen.
In den Niederlanden gibt es übrigens deutlich weniger Infektionsraten! Dort werden Patienten schon bei der Aufnahme ins Krankenhaus auf gefährliche Keime hin untersucht und gegebenenfalls strikt isoliert. Es geht also auch anders.
Beitrag von Markus Pohl, Ursel Sieber und Susanne Katharina Opalka
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/kontraste/archiv/kontraste_vom_04_10/sparen_bei_den_reinigungskraeften.html