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Gut zwei Millionen Euro hat eine Berliner Medizintechnikfirma mit ihren Kooperationspartnern für ein Forschungsprojekt zur schmerzfreien Diagnose von Hautkrebs vom Bundesforschungsministerium bekommen. Schon damals waren viele Experten skeptisch, und KONTRASTE hat seit 2006 immer wieder nachgefragt, was aus den Geldern geworden ist: Im Bundesforschungsministerium ist man mehr als großzügig bei der Kontrolle von Fördergeldern.
Die Bundesregierung steckt viel Steuergeld in Forschung und Entwicklung. Das ist auch gut so, denn solche Investitionen brauchen wir, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Allein das Bundesforschungsministerium verteilt in diesem Jahr rund 5.4 Milliarden Euro für Forschungsprojekte. Erstaunlich ist nur, dass es hinterher mit der Kontrolle der bewilligten Projekte offenbar nicht immer sehr genau genommen wird. Gabi Probst hat sechs Jahre lang an einem Einzelfall verfolgt, wo das Fördergeld eigentlich geblieben ist.
Sommer, Sonne, Sonnenschein – wer denkt da schon Schlimmes, an Hautkrebs. Doch das sollten wir. Rund 200.000 Bundesbürger erkranken jährlich daran. Um Hautkrebs zuverlässig erkennen zu können, müssen wir oft noch unters Messer, werden unter Schmerzen die verdächtigen Stellen herausgeschnitten und im Labor untersucht. Es folgen schlaflose Nächte und banges Hoffen.
Der Hersteller für Medizin-Lasertechnik – die World of Medicin, kurz WOM AG mit Sitz in Berlin und Bayern will uns das ersparen. Mit der „skapellosen Erkennung von Hautkrebs". Eigentlich eine gute Idee. Mit diesem Projekt begeistert die WOM AG vor sieben Jahren Anette Schavans Ministerium.
Und so spendierte 2005 das Bundesforschungsministerium zwei Millionen Euro Fördergelder für die Entwicklung einer sogenannten „Scannertechnologie zur Erkennung von Tumoren" speziell beim Hautkrebs, ein Lasergerät soll entwickelt werden.
Da die WOM AG als Wirtschaftsunternehmen das Fördergeld allein nicht erhalten darf, holt sie sich Ärzte und Wissenschaftler dazu. Dieser Verbund nennt sich Fluotom. 2008 soll es die Ergebnisse geben.
2007. Wir wollen wissen, wie die Fördermittel vom Bundesforschungsministerium kontrolliert werden und ob wir Steuerzahler wirklich von der Forschung in Sachen Hautkrebs profitieren. Wir haben Zweifel, denn Gutachter hatten das Projekt negativ beurteilt.
Das Ministerium bezeichnet das Forschungsvorhaben aber als Grundlagenforschung, als etwas ganz Neues und lässt es zunächst von einem so genannten Projektträger extern betreuen.
Grundlagenforschung? Wir wollen das genau wissen und fahren 2007 nach Aachen. Der Dermatologe Prof. Merk aus der Uniklinik Aachen forscht auch erfolgreich in Sachen Hautkrebs. Er hat ebenfalls Zweifel:
Prof. Hans-Friedrich Merk
Universitätsklinik Aachen
„Ich denke Grundlagenforschung ist das nicht mehr, sondern das dient der Erforschung dieses Gerätes.“
KONTRASTE
„Das heißt alle diese Verfahren gibt es schon?“
Prof. Hans-Friedrich Merk
Universitätsklinik Aachen
„Die physikalischen Möglichkeiten das durchzuführen, die gibt es, ja."
Wir fragen viele Haut- und Laserexperten, bundesweit. Keiner sieht das Forschungsprojekt als Grundlagenforschung an. Für den Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Hautkrebs, Prof. Schadendorf aus Essen ist:
„der Nutzen im Verhältnis zu dem, was auf dem Markt ist eher begrenzt."
Mit diesem Wissen beantragen wir beim Bundesforschungsministerium Einsicht in die Projektunterlagen. Abgelehnt.
Wir wollen den Geldempfänger, die WOM AG mit unserer Recherche konfrontieren. Kein Interview.
Schließlich gelingt es uns, Prof. Berlien aus dem Forschungsteam zu überreden. Er will uns von einem neuartigen System, einen Prototypen überzeugen. Aber der wäre angeblich noch in der Entwicklung. Wenn das Gerät fertig sei, würde eine Studie den Erfolg belegen.
Prof.Hans-Peter Berlien
Berliner Wissenschaftliche Gesellschaft
„Das ist genau das, weshalb die klinischen Untersuchungen erforderlich sind. Die dann erst starten können, wenn das Gerät in auch einer Form ist, wo es nicht mehr laufend verändert wird.“
KONTRASTE
„Wann ist es dann?“
Prof.Hans-Peter Berlien
Berliner Wissenschaftliche Gesellschaft
„Das hoffen wir eben bis Sommer nächsten Jahres."
Wir sind im „nächsten Jahr", wir schreiben 2008. Kein Ergebnis – aber eigentlich Projektende.
Doch der Geldgeber verlängert es bis Ende 2010. Aber auch nach dem Abschluss des Projektes finden wir keine veröffentlichten Ergebnisse, finden wir keine Pressemitteilung der WOM AG und keiner zeigt uns einen Prototypen. Eine Präsentation der Ergebnisse gibt es nicht, wie uns anfänglich versichert wurde. Sieben Monate schreibt die WOM AG an einem Abschlussbericht.
Ein Jahr braucht der externen Projektträger, um diesen zu prüfen. Und wie prüft der Geldgeber, das Ministerium von Frau Schavan, ob die Steuermillionen gut angelegt sind?
Kein Interview. Schriftlich teilt man uns mit, dass man sich auf den externen Projektträger verlasse. Das widerspricht aber dem eigenen, internen Handbuch zur Projektförderung. Zitat:
„Die fachliche Prüfung soll nicht von externen Beauftragten vorgenommen werden, sondern vom Fachreferat, …“.
Im eigenen Haus also.
Immerhin schreibt uns jetzt das Bundesministerium, dass das Ziel des Projektes erreicht wurde, es inzwischen sogar ein Vorführgerät gebe. Aber wie kommen die Beamten nur darauf, wenn sie das offenbar nicht selbst geprüft haben?
Im Mai 2012 beantwortet sich die Frage, bei uns landet ein anonymer Umschlag. Die Überraschung: Darin befindet sich unsere KONTRASTE-Anfrage an das Bundesforschungsministerium, die aber jetzt auch einen Briefkopf der WOM AG trägt.
Und auf unserer Anfrage ist jetzt vermerkt: „Antwortvorschläge KHS angefügt". KHS ist das Kürzel eines Mitarbeiters der WOM AG. Antwortet uns also gar nicht das Bundesforschungsministerium, sondern die WOM AG?
Offenbar. Wir machen den Absender des anonymen Umschlages ausfindig. Er will weiterhin anonym bleiben, denn er ist ein Mitarbeiter der WOM AG.
Informant
„Ich habe die E-Mail-Anfrage mit ihren Koordinaten zufällig bei uns im Drucker gefunden. Nachdem ich dann gesehen habe, dass hier offensichtlich die Anfrage vom Ministerium weitergeleitet worden ist, ist meine Schlussfolgerung, es hat Ihnen nicht das Ministerium geantwortet, sondern inhaltlich kommt die Antwort von den Mitarbeitern der WOM."
Und was ist nun mit dem innovativen Hautkrebsgerät, worauf wir Sonnenanbeter ein Recht haben. Es war doch unser Steuergeld, was das Bundesforschungsministerium offenbar unkontrolliert spendierte?
Nach unseren hartnäckigen Fragen nach einer wissenschaftlichen Veröffentlichung steht im Juni dann plötzlich eine Pressemeldung auf der Internetseite der WOM AG, eineinhalb Jahre nach Beendigung des Projektes. Merkwürdig. Und wir erhalten eine wissenschaftliche Abhandlung. Einen weiteren Monat später gibt man unserem Drängen nach und wir bekommen endlich ein Interview und uns wird sogar ein Vorführgerät, ein so genannter Demonstrator, mit den Forschungsergebnissen präsentiert.
Clemens Scholz
Vorstandsvorsitzender WOM
„Der Demonstrator zeigt, dass das Verfahren funktioniert und das Verfahren ist völlig neu und innovativ."
Wir fahren zur Universität Saarbrücken, zu dem renomiertesten Forscher Deutschlands auf dem Gebiet, Prof. König. Er entwickelte längst ein Gerät zur Hautkrebserkennung, welches weltweit verkauft wird. Mit allen WOM-Ergebnissen macht er sich vertraut: unserem Interview, der Studie, dem Demonstrator, der Pressemeldung. Präsentiert nun die WOM ein System, dass schmerz-und narbenfrei ein Bild liefert, wie behauptet wird? Er sagt nein.
Prof. Karsten König
Universität Saarbrücken
„Es ist nicht wahr, es gibt kein System der Firma WOM, jedenfalls was wir gesehen haben, das in der Lage ist, schmerz- und narbenfrei ein Bild zu erstellen. Im Gegenteil, sie müssen eine Hautprobe entnehmen, müssen diese chemisch behandeln, und dann können Sie ein Bild erstellen.“
KONTRASTE
„Also es wird etwas behauptet, was wir gar nicht sehen und was uns gar nicht vorgeführt wurde.“
Prof. Karsten König
Universität Saarbrücken
„Das ist korrekt."
Fünf Jahre Forschung, zwei Millionen Euro Steuergelder – das Ergebnis ist ernüchternd. Uns wird Bange, wenn wir an den gesamten Förderetat des Bundesforschungsministeriums denken: 5,4 Milliarden Euro jährlich.
Wie viele WOMs gibt es da eigentlich noch?
Das fragt sich auch der Bundesrechnungshof: Denn der kritisiert schon seit Jahren, dass die Verwendungskontrolle der Fördermittel dringend verbessert werden muss.
Beitrag von Gabi Probst
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/kontraste/archiv/kontraste_vom_06_09/steuermillionen_fuer.html