26.05.2012

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Do 09.02.12 22:15

Ackern bis zum Tod – Warum ein Bauer mit 75 Jahren keine Rente bekommt

Jahrzehntelang hat er in die Rentenkasse für Landwirte eingezahlt, doch bis heute bekommt der 75jährige Bauer keinen Pfennig. Er muß erst seinen Hof aufgeben, so steht es im Rentengesetz. Erst dann erhielte er eine Rente, doch die würde kaum zum Leben reichen. So muss er im hohen Alter immer weiter schuften. Was einst gedacht war, um den Generationenwechsel in der Landwirtschaft zu beschleunigen, wird heute für viele kleine Landwirte zur Falle.

Bis er ins Rentenalter kam, war seine Welt noch in Ordnung. Doch jetzt graut Bauer Bohnenkamp aus Nordrhein-Westfalen vor der Zukunft. Ein Passus im deutschen Rentenrecht treibt ihn in die Alters-Armut. Jahrzehntelang zahlte er brav in die Rentenversicherung ein, doch jetzt ist dieses Geld futsch. Keineswegs ein Einzelschicksal, tausende Landwirte in Deutschland sind davon betroffen. Detlef Schwarzer.

Dieter Bohnenkamp, Landwirt
„Ich habe die Schnauze voll, wenn man 40 Jahre bezahlt hat. Jeder, der 65 ist, kriegt seine Rente, ob das jeder Handwerker, jeder Beamter kriegt mit 65 seine Rente, auch die Freiberuflichen, die können alle weitermachen, spielt gar keine Rolle, was sie machen, nur der Bauer nicht."

Auch Dieter Bohnenkamp bekommt keine Rente, obwohl er eingezahlt hat. Seit frühester Kindheit arbeitet er hier auf dem Hof, von morgens 6 bis tief in die Nacht. Urlaub hat er noch nie gemacht. Der kleine Hof, die Arbeit mit den Tieren. Das ist sein Leben.

Dieter Bohnenkamp, Landwirt
„Die Kühe, da habe ich das ganze Leben für gearbeitet. Ich kenn jede Kuh von Kalb auf an. Haben wir selber groß gezogen. Wenn ich mal ´ne Kuh zum Schlachter bringe, dann bin ich acht Tage krank - seelisch."

Es ist ein hartes und entbehrungsreiches Leben für Dieter Bohnenkamp und seine Frau Heidi, moderne Technik gibt es kaum. 15 Milchkühe hat er, die kriegen noch Rüben und Hafer, selbst angebaut wie vor 50 Jahren.

Doch langsam lassen Bauer Bohnenkamps Kräfte nach. Er ist 75. Längst müsste er Rente beziehen, doch die wird ihm seit zehn Jahren verwehrt.

Dieter Bohnenkamp, Landwirt
„Ich darf da gar nicht dran denken, wie sie mich betrogen haben. Ich will von keinem was haben umsonst, aber normalerweise stände mir die Rente zu."

Dass er die nicht bekommt, liegt an einem Gesetz von 1957, der sogenannten Hofabgabeklausel. Sie besagt: Wer seinen Hof nicht abgibt mit 65 Jahren, bekommt keine Rente.

Dieter Bohnenkamp, Landwirt
„Wenn Sie mir die Rente nicht gönnen vom Bauernverband und alle wie sie sind auch vom Gesetzgeber, sollen sie mir das Geld, was ich eingezahlt habe wiedergeben. Dann ist alles in Ordnung. Aber nicht 66.200 D-Mark kassieren und keinen Pfennig rausrücken, Dann hätte ich es auch in den Teich schmeißen können, wäre genau dasselbe gewesen."

Die Gründe für das Gesetz damals: die Bauern sollten die Höfe rechtzeitig an die nächste Generation abgeben - damit die nach eigenen Vorstellungen wirtschaften kann. Doch die Bohnenkamps blieben kinderlos und einen Hofnachfolger würden sie nicht mal finden.

Denn junge Bauern wollen nicht auf den Hof, weil er zu wenig einbringt. Zu wenig Kühe und die kleinen Ackerflächen liegen verstreut über den ganzen Ort, so dass man moderne Großmaschinen nicht einsetzen kann.

Bauer Bohnenkamp sitzt in der Klemme: Kinder hat er nicht. Die andere Möglichkeit an seine Rente zu kommen, wäre, sein Ackerland zu verpachten. Doch das sind nur 15 Hektar. Die bringen nicht viel. Mit seiner kleinen Rente von 450 Euro, die er dann bekommen würde, hätte er mit seiner Pacht insgesamt gerade mal 700 Euro im Monat.

Dieter Bohnenkamp, Landwirt
„Wenn ich das so mache, dann gehe ich mit Riesenschritten in die Altersarmut."

Um das zu verhindern, könnte er krumme Sachen machen, sich einen Strohmann suchen, der den Hof zum Schein übernimmt. So wie viele andere: Die verpachten Ihre Flächen einfach an die Kinder oder andere Verwandte. Die Alten bewirtschaften ihre Höfe dann weiter. Und kassieren die Rente.

Dieter Bohnenkamp, Landwirt
„Da ist jemand auch der Sohn ist Pilot bei der Lufthansa, hat den Hof gepachtet. Einer ist in Bayern, in München als Ingenieur, hat den Hof zuhause gepachtet. Oder die Tochter ist bei der Sparkasse und die haben zuhause das gepachtet. Die haben überhaupt keine Verbindung zur Landwirtschaft. Das sind alles Scheinverträge nur dass die Eltern ihre Rente kriegen."

Einziger redlicher Ausweg für Dieter Bohnenkamp. Alles verkaufen und in eine Mietwohnung ziehen, doch das bringt er nicht übers Herz, verzichtet da lieber auf die Rente.

Dieter Bohnenkamp, Landwirt
„Man hängt an der Scholle. Das kann ich Ihnen gar nicht beschreiben, wie das ist. Wenn ich so pflüge oder bin auf dem Acker, säe, oder wenn ich eine Kuh habe, die ein Kalb kriegt und gebärt da ein Kalb, das kann man gar nicht beschreiben, wie das ist. Und so was soll ich aufgeben? Nein, das kann man nicht."

So eine Klausel im Rentenrecht gibt es sonst kaum in Europa. Und trotzdem hat der deutsche Bundestag heute beschlossen, dass es dabei bleiben soll. Das zeigt, wie weit unsere Politiker manchmal vom wirklichen Leben entfernt sind. 
 

Beitrag von Detlef Schwarzer

Dieser Text gibt den Sachstand vom 09.02.2012 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

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