26.05.2012

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Do 09.02.12 22:15

Doppelgänger - Stasi nutzte Identität eines Bundestagsabgeordneten für Auslandsspione

Von 1983 bis 1998 war der SPD-Politiker Dieter Schanz Bundestagsabgeordneter. Erst vor kurzem hat er erfahren, dass er zumindest bis 1989 einen Doppelgänger hatte - bei der Stasi. Das Ministerium für Staatssicherheit hatte den Personalausweis von Schanz nachgemacht und stattete einen Inoffiziellen Mitarbeiter damit aus, der damit als vorgeblicher Bundestagsabgeordneter Schanz im Westen ungehindert spionierte.

In unserer letzten Sendung haben wir neue spektakuläre Details zum Thema Stasi enthüllt: Tausende Westbürger, so fanden wir heraus, hatten zu DDR-Zeiten einen Doppelgänger bei der Stasi. Spitzel der DDR-Staatssicherheit reisten durch die Welt und gaben sich mit falschem Pass als Westbürger aus. Die Methode war dreist: Tausendfach wurden an der DDR-Grenze damals Pässe von Westdeutschen eingesammelt, heimlich kopiert und dann nachgemacht. Ausgestattet mit den gefälschten Pässen konnten DDR-Agenten dann unter falschem Namen spionieren. Und die Stasi schreckte vor nichts zurück. Meine Kollegin Gabi Probst zeigt: Selbst ein Bundestagsabgeordneter aus dem Westen hatte jahrelang ohne es zu ahnen einen Doppelgänger bei der Stasi.

Gestern am Rande einer Wissenschaftstagung. Nach mehr als 20 Jahren holt Dr. Ehrfried Starke seine Vergangenheit als Stasi-Spitzel ein. In den 80iger Jahren soll er Doppelgänger eines Bundestagsabgeordneten gewesen sein.

KONTRASTE
„Das erkennen Sie doch bestimmt wieder nicht wahr? Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie sich mit der Identität des Bundestagsabgeordneten Dieter Schanz für die Stasi spioniert haben?“
Ehrfried Starke
„Pfff …“
KONTRASTE
„IM ‚Siakou’ sind Sie doch?“
Ehrfried Starke
„Also das ist ein Bild von mir.“
KONTRASTE
„Das sind Sie?“
Ehrfried Starke
„Ja.“
KONTRASTE
„Haben Sie nun für die Stasi gearbeitet, oder nicht?“
Ehrfried Starke
„Tut mir leid, ich kann nicht, ich mache jetzt keine Aussagen. Nein, nein.“

„Ich mache keine Aussagen“, meint er und versteckt sich.

Doch, die Akten in der Stasi-Unterlagenbehörde geben uns Auskunft. Ehlfried Starkes Spitzeltätigkeit als IM Siakou ist hier gut dokumentiert, mit seinen Fotos, seinen Unterschriften, seiner handgeschriebenen Verpflichtung, seinen Berichten über Reisen und: seiner noch kurz vor dem Fall der Mauer verliehenen Ehrenmedaille der Stasi in Silber. Doch der Reihe nach …

Dr. Ehrfried Starke ist der Direktor für Technik der VEB Hochfrequenzwerkstätten Meuselwitz in Thüringen als ihn die Stasi 1977 als Inoffiziellen Mitarbeiter mit dem Decknamen IM Siakou für sich gewinnt. Bald ist er so gut ausgebildet, dass er als sogenannter „Instrukteur“ eingesetzt wird und in den Westen reisen darf. Seine Aufgabe als Instrukteur ist es dann andere Spitzel zu treffen, z.B. in München, um gemeinsam Industriespionage zu betreiben.

Noch 1989 besitzt IM Siakou – nach Aktenlage – allein fünf Reisedokumente, einige auf den Namen von Westbürgern. Er benutzt diese für seine Reisen in die BRD, nach Italien und in die Schweiz, damit er als Ostdeutscher nicht auffällt.

Es sind gefälschte Pässe von ahnungslosen Westbürgern, die an der deutsch-deutschen Grenze vorher kopiert wurden. Besonders brisant: ein kopierter Ausweis gehört dem damaligen Mitglied des Deutschen Bundestages.

Dieter Schanz. Für die Stasi ein riskantes Unterfangen, bei diesem politischen Amt. Das SPD - Mitglied Schanz gehört von 1983 bis 1998 dem Deutschen Bundestag an.

Die Kopie seines Originalausweises und die Fälschung sind heute in den Stasi-Akten zu finden - mit dem Foto von Ehrfried Starke. Und auch die Unterschrift des Bundestagsabgeordneten Dieter Schanz wird gefälscht.

Erst nach über 20 Jahren erfährt Dieter Schanz von seinem Doppelgänger aus Thüringen.

Dieter Schanz (SPD), Mitglied des Bundestages a.D.
„Das ist die Gefälschte. Also ich habe schon so ähnlich unterschrieben. Das ist schon gut gemacht.“

In der „Personalkontrollakte“ ist zu lesen, dass die Stasi ihn jahrelang überwacht, z.B. auf seinen Reisen mit Journalisten. Aber auch seine ganze Familie wird ausspioniert.

Dieter Schanz (SPD), Mitglied des Bundestages a.D.
„Man fühlt sich benutzt als Helfershelfer für ein Regime, will ich mal sagen, was Pläne hatte, mit Menschen so zu verfahren, was nicht akzeptabel ist. Und dass man das bis in die Familie hineingetragen hat, dass man das auch mit Freunden versucht hat, das ist schon mehr als ärgerlich.“

Gerade zu grotesk sind andere Hinweise, die er während seiner persönlichen Akteneinsicht fand.

Dieter Schanz (SPD), Mitglied des Bundestages a.D.
„Es gibt Karteikarten, wo er Betriebsbesuche gemacht hat in meinem Namen. Einmal in Gelsenkirchen, einmal bei Hamburg und einmal bei Nixdorf und einmal in Ostwestfalen in einer Stadt, ich meine in Herfurth war es. Da ist er aufgekreuzt und das war ja auch das Auftragsgebiet von solchen Leuten, die der klammen DDR Wissen verschaffen sollten. Jedenfalls mein Eindruck. Und das ich dann auch, oder er, auf der Leipziger Messe war, das habe ich auch erst aus den Akten erfahren, denn ich war nie auf der Leipziger Messe.“

Und damit vielleicht keine Hotelrechnungen aus Leipzig zur Adresse des richtigen Dieter Schanz nach Oberhausen geht, hat die Stasi sogar eine Umzugadresse nach Mainz in den gefälschten Pass geschrieben.

Dieter Schanz (SPD), Mitglied des Bundestages a.D.
„Ich war anfangs erschreckt, aber mit zunehmender Distanz habe ich das rational betrachtet, so dass ich auch diesem Doppelgänger heute in die Augen sehen wollte und könnte. Ich würde ihn fragen ‚Warum?’ Und ich würde ihn fragen: ‚Kann er sich entschuldigen?’.“

Wir haben die Frage weitergegeben. Keine Entschuldigung. Kein Wort.

Noch immer lagern hunderte Säcke zerrissener Dokumente in der Stasi-Unterlagenbehörde. Es wird noch Jahre dauern, bis wir endlich Klarheit haben, mit welchen Methoden die Stasi noch über Jahrzehnte gearbeitet hat. 
 

Beitrag von Gabi Probst

Dieser Text gibt den Sachstand vom 09.02.2012 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

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