19.06.2013

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Do 16.08.12 21:45

Undurchsichtig - Geheimbund "Anonymous" in der Kritik

Sie bekommt zurzeit fast unbegrenzte Sympathien: die Internetguerilla "Anonymous", die angeblich ganz transparent Missstände in Politik und Wirtschaft aufdeckt. Selbstlos, ohne wirtschaftliches Eigeninteresse, aus purer Überzeugung nimmt sie scheinbar mutig den Kampf gegen Scientology, Mastercard und GEMA auf. Das Beispiel ACTA, das gerade gescheiterte Handelsabkommen, hat gezeigt, dass die Aktivisten den Kampf auch gewinnen. KONTRASTE-Recherchen zeigen, "Anonymous" ist nicht nur nicht selbstlos, sondern oft kriminell und demokratiefeindlich.

Dass wir in Deutschland frei und offen unsere Meinung sagen können, ist eine der wichtigsten Errungenschaften unserer Demokratie. Dazu gehört auch, dass man offen einsteht für seine Meinung und sich nicht versteckt. Doch genau das tun die Internetaktivisten der Gruppe "Anonymus", die derzeit so viel Beifall bekommen.

Sie verstecken sich hinter Masken und wollen für ihre Attacken im Internet keinerlei Verantwortung übernehmen. Dennoch gelten sie vielen als die Bürgerbewegung des Internetzeitalters.

Wir haben nachgeforscht, was sich tatsächlich hinter dem vermeintlich so sauberen Image der modernen Robin Hoods verbirgt. Iris Marx.


Das Internetkollektiv Anonymous. Eine geheime Gruppe von Netzaktivisten, die angeblich für unsere Freiheit kämpft – eine Online-Bewegung mit politischem Anspruch.

Auf ihre Angriffe gegen Websites bestimmter Firmen, Datenklau und Videobotschaften springen Medien nur zu gerne an. Anonymous begeistert viele Menschen, die sich von ihren Videos mitreißen lassen.

Mit ihren Drohungen haben sie Erfolg! 2010 haben sie es geschafft das Bezahlsystem Paypal so wie Visa und Mastercard aus dem Netz zu schießen. Ein Racheakt für die gestoppten Zahlungen an die Enthüllungsplattform von Julian Assanges Wikileaks.

Tausende Menschen beteiligten sich weltweit an den E-Mail-Attacken, die die Websites der Unternehmen blockierten. Vor allem diese Aktion gab Anonymous das Image einer unabhängige Bürgerorganisation, getreu dem Motto: „Gemeinsam sind wir stark"… oder wie sie sagen: „wir sind viele".

In Deutschland haben sie vor allem mit dem Protest gegen das Abkommen zum Schutz von Urhebern und gegen Produktpiraterie - kurz ACTA - von sich reden gemacht.

Das Anonymous-Video ist in den vergangenen sechs Monaten über 3 Millionen mal geklickt worden, die meisten der Nutzer empfehlen das Video, obwohl es inhaltlich schlicht falsch ist.

Eine Desinformationskampagne mit Wirkung: Das Video unterstützte eine Stimmung, in der kaum ein Politiker wagte für den Vertrag zu stimmten.

Hamburg - Zwei Mitglieder von Anonymous willigen in ein Treffen ein. Bedingung: Sie wollen anonym bleiben. Sie haben angeblich das fragwürdige ACTA-Video produziert.

Anonymous-Mitglied
„Zu dem Sachverhalt stehen wir ein bisschen kritisch, denn das Video war ja zu dem Zeitpunkt schon zwei Jahre alt. Haben wir uns sehr zu Herzen genommen. Und für die nächsten Projekte machen wir einen sehr, sehr engen Faktcheck."

Das ACTA-Video bleibt dennoch im Netz. Dass es falsch ist - kann ihnen egal sein, es hat seine Wirkung längst entfaltet.

KONTRASTE
„Sie nehmen doch für sich in Anspruch, das, was Sie publizieren, dass das auch stimmt?"
Anonymous-Mitglied
„Wir nehmen uns nicht in Anspruch, das dass, was wir posten stimmt. Wir nehmen in Anspruch, dass die, die es ansehen, sich darüber informieren."

Wer es nicht tut, muss den Schaden selbst tragen.

Anonymous-Mitglied
„Anonymous ist kein formaler Verein, Anonymous ist keine juristische Person, Anonymous muss sich nicht rechtfertigen für das, was Anonymous tut."

Rechtfertigen müssen sich dagegen die Angegriffenen. Zum Beispiel Tatort-Autor Fred Breinersdorfer. Er wagte es mit Kollegen, Anonymous zu kritisieren. Was folgte waren nächtliche Telefonanrufe, Beschimpfungen. Von seinen Kollegen stellten sie persönliche Daten ins Netz.

Fred Breinersdorfer, Autor
„Man kommt sich so ein bisschen vor wie ein Spießroutenläufer, der durch eine lange Reihe von schwarz gekleideten Menschen läuft, die alle die Maske auf hat und jeder darf Sie beliebig anschreien, Sie anspucken, auf Sie draufhauen. Das geht nicht, das ist nicht unsere Zivilisation."

Anonymous-Mitglied
„Die hätten wissen müssen, dass, wenn sie sich mit Anonymous anlegen, dass es genug Idioten gibt, die zurückschlagen. Das ist so, als würde man seinen Penis in ein Wespennetz stecken."

Leicht gesagt, wenn man sich hinter einer Maske versteckt. Das Wesen von Anonymous erklärt sich, wenn man sich seine Ursprünge anguckt. Die finden sich auf der Internetseite 4chan. Hier kann jeder unter dem Namen „Anonymous" kommentieren und Bilder hochladen - von Katzen bis Kinderpornos. Selbst Straftaten werden hier verharmlost. Die Freiheit, die sie hier ausleben konnten beanspruchen sie nun überall im Netz.

Dafür werden die Rechte anderer ignoriert und auch illegale Handlungen in Kauf genommen, zu denen sie auch aufrufen. Vielen, die diesen Aufrufen folgen, ist das gar nicht klar. Doch auch dafür übernimmt Anonymous keine Verantwortung.

Anonymous-Mitglied
„Die Leute sollten so viel Intelligenz mitbringen, dass sie wissen, was sie da tun."

Video
„Wir sind viele… Wir sind Anonymous… erwarte uns… join us!"

London. Hier treffen wir die Journalistin Parmy Olson, die gerade ein Buch über Anonymous veröffentlicht hat.

Sie hat dafür die Hintergründe der medienwirksamen Attacken gegen Mastercard und Paypal recherchiert. Dabei stellte sie fest: Die Aktionen waren nicht das Resultat einer digitalen Bürgerbewegung. In Wirklichkeit haben nur einige wenige Hacker die Fäden gezogen.

Parmy Olson
Autorin

"Als Anonymous Paypal getroffen hat, Mehr als 5000 Menschen und Tausende mehr glaubten sie wären Teil eines digitalen Sit In geworden, der erfolgreich die Website lahm gelegt hat, indem man zusammengearbeitet hat. Was aber in Wirklichkeit geschah, war, dass ein paar Leute, die das organisiert haben, vor allem zwei Hacker im Hintergrund haben die Seite lahmgelegt. Es waren nicht die vielen Mitstreiter, sie haben sie vielleicht verlangsamt, aber sie haben sie nicht offline gelegt."

Es war also nicht die Massen - aber das verschwiegen die Organisatoren. Einige von ihnen sind inzwischen enttarnt und verhaftet. Strafvorwurf: Computersabotage! Hacker, die sehr viel Zeit im Netz verbrachten und es auch verstanden ihre zum Teil ahnungslosen Mitstreiter zu manipulieren.

Parmy Olson
Autorin

„Einer der Schlüsselfiguren erzählte, wie leicht es war den Hass eines 15-Jährigen auf jedes beliebige Ziel zu steuern. Man musste in den Botschaften nur die richtige Rhetorik verwendete… Wörter wie Unterdrückung, Idealismus, Freiheit".

Die Manipulation, das Lügen - ein weiteres Wesen von Anonymous. Selbst Parmy Olson kann sich nicht sicher sein, wie viel von dem stimmt, was ihre Kontakte erzählten. Was aber sicher ist, die Propaganda-Videos von Anonymous sind ernst gemeint.

Video
„Wir werden diesen Zustand nicht länger einfach hinnehmen, wir werden diesen Zustand nicht länger akzeptieren."

KONTRASTE
„Man hat so das Gefühl, wenn sich irgendwer nicht so verhält, die Anonymous das gerne hätte, dass er dann mit einer Bedrohung rechnen muss?"
Anonymous-Mitglied
„ Das ist doch der Sinn und Zweck von Propaganda, oder?"

Tja, mit welcher Wucht das funktioniert, das konnten wir übrigens gerade heute erleben: Anonymous hat wieder eine große Propaganda-Schlacht für den Wikileaks-Gründer Julian Assange gestartet. Großbritannien will ja Assange nach Schweden ausliefern, wo er wegen möglicher Sexualdelikte verhört werden soll. Und jetzt rufen die Anonymous-Anhänger zu einem Cyber-Krieg gegen England auf.


Beitrag von Iris Marx

Dieser Text gibt den Sachstand vom 16.08.2012 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

mehr Infos

Beitrag im rbb-Politikmagazin KLARTEXT vom 23.05.12:

Zu ACTA - oder der Untergang des Internetlands

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

http://www.rbb-online.de/kontraste/archiv/kontraste_vom_16_08/undurchsichtig___geheimbund.html

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