Arzt mti Euro-Scheinen

- Ärzte unter Verdacht - Orthopäden sollen bundesweit bei Physiotherapiepraxen mitkassieren

KONTRASTE-Recherchen ergaben, dass Orthopäden wahrscheinlich bundesweit durch ihre Beteiligung an Physiotherapie-Zentren unerlaubt Kasse machen. Aufgrund der KONTRASTE-Recherchen stellt jetzt die erste Krankenkasse Anzeige wegen Betrugsverdacht.

Wenn Sie zum Arzt gehen, dann erwarten Sie selbstverständlich, dass Sie eine Behandlung bekommen, die Ihrem Wohle dient. Doch was, wenn der Arzt bei der Therapie, die er vorschlägt, nur an sein eigenes Wohl denkt? Was, wenn der Arzt bei der Therapie sogar mitverdient? Meine Kollegen Caroline Walter, Ulrich Kraetzer und Constanze Bayer sind auf ein bundesweites "Geschäftsmodell" gestoßen, das sprachlos macht.

Wir sind in einer Berliner Orthopädenpraxis. Wir haben einen Tipp bekommen: Die Ärzte verdienen angeblich daran, dass sie Patienten zu einer bestimmten Physiotherapiepraxis lotsen. Wir sind an der Reihe, werden behandelt und bekommen vom Orthopäden eine Verordnung für Krankengymnastik. Und dazu: eine Empfehlung – ungefragt.

Gedächtnisprotokoll
„Wenn Sie wollen, hier hinten ist gleich eine Praxis, wenn Sie hier wohnen. Ansonsten - weiß ich nicht."

Von der Praxis gibt es einen direkten Durchgang in das Physiotherapiezentrum. Was für ein Geschäft zwischen Orthopäden und Therapiepraxis läuft hier?

Wir recherchieren und finden heraus: die Orthopäden sind an der Therapeutenpraxis finanziell beteiligt. Wenn ihre Patienten dorthin gehen, profitieren sie quasi doppelt. Haupteigentümer der Physiotherapiepraxis ist Michael Reeder. Er ist Chef einer Unternehmensgruppe, die bundesweit agiert und mittlerweile über 160 Physiotherapiezentren betreibt.

Wir prüfen, wer an welchem Reeder-Therapiezentrum finanziell beteiligt ist. Immer wieder sind es Orthopäden, deren Praxen in unmittelbarer Nähe eines Reeder-Zentrums liegen.

Nach unseren Recherchen läuft das System so: Reeder schließt Verträge mit den Orthopäden, die selbst Gesellschafter eines Reeder-Zentrums werden. Oder noch geschickter: Familienangehörige des Arztes werden als Gesellschafter eingetragen, offenbar als „Strohleute".

Wir fragen bei der Krankenkasse KKH nach. Hier treffen wir Dina Michels, sie ist federführend tätig in Sachen Korruption im Gesundheitswesen und hat schon in vielen Fällen ermittelt. Wie schätzt sie das Reeder-Geschäftsmodell ein?

Dina Michels
Korruptionsermittlerin Krankenkasse KKH

„Ärzten ist es grundsätzlich verboten sich an Therapiezentren zu beteiligen, wenn sie ihre Patienten dann letzten Endes dort auch hinschleusen und dafür Geld kassieren. Sei es auch durch eine Gewinnbeteiligung. Das ist sozialrechtlich verboten. Das liegt daran, dass sich das auch negativ für den Patienten auswirkt und natürlich auch für das gesamte Gesundheitssystem."

Der Patient soll sicher sein können, dass die Qualität seiner Versorgung im Vordergrund steht und nicht der Profit der Ärzte - denen möglicherweise egal ist, ob ihre Patienten wirklich eine gute Behandlung bekommen.

Wir treffen die Physiotherapeutin Monika. Sie hat in einer Therapie-Praxis gearbeitet, die von der Reeder-Gruppe aufgekauft wurde. Die Arbeitsbedingungen sollen danach schlechter geworden sein, das hätten auch die Patienten gespürt.

Ex-Physiotherapeutin von Reeder
„Ich hatte das Gefühl, nicht mehr das Wohl der Patienten im Auge zu haben, sondern einfach Geld in die Kasse von Herrn Reeder und den Orthopäden eintreiben zu müssen. Uns wurde zum Beispiel bei der Manualtherapie gesagt, nur die erste Behandlung des Patienten müsste eine Fachkraft machen. Alle weiteren Sitzungen könnten dann auch Berufsanfänger beziehungsweise Kollegen ohne die nötige Spezialausbildung erledigen. Das hat mich geärgert, weil das so eigentlich nicht sein darf."

Bei einem persönlichen Besuch von Unternehmenschef Reeder sollen die Mitarbeiter auch interessante Details zum Geschäftsmodell erfahren haben.

Ex-Physiotherapeutin von Reeder
„Herr Reeder hat offen gesagt, dass die Orthopäden mitfinanziert werden. Er hat gemeint, dass ungefähr 60 Prozent des Gewinns an die Orthopäden gehen und er selbst dann 40 Prozent für sich einnimmt."

Ob das stimmt, wissen wir nicht. Aber wir stoßen auf ein Forum im Internet, in dem sich Physiotherapeuten austauschen. Dort tauchen die gleichen Zahlen auf. Und nicht nur das. Auch hier berichten Physiotherapeuten von schlechten Erfahrungen:

„Ich kann nur vor Reeder warnen", heißt es. Und: Es würden „Mitarbeiter wie Dreck behandelt."

Doch das Geschäft von Reeder läuft trotzdem. Er hat ja Orthopäden mit im Boot. Wir machen den Test in Praxen, deren Ärzte selbst oder deren Familienangehörige an Reeder-Therapiezentren Miteigentümer sind.

In dieser Praxis erhalten wir eine Verordnung für Physiotherapie mit dem Hinweis:

Gedächtnisprotokoll
„Wir arbeiten mit dem Therapiezentrum um die Ecke relativ eng zusammen, weil das uns halt am nächsten liegt, lokal."

Um auf Nummer sicher zu gehen, gibt man uns gleich die Visitenkarte des Reeder-Zentrums mit.

Auch der nächste Orthopäde wirbt – ohne dass wir danach gefragt haben.

Gedächtnisprotokoll
„Sie können hingehen, wo Sie wollen. Wir haben hier einen guten Laden bei mir direkt gegenüber. Da können Sie gleich reingehen und Termine machen."

Auch diese Physiotherapie gehört zur Reeder-Gruppe, beteiligt sind Familienangehörige der Orthopäden.

Bei diesem Arzt dauert es nur wenige Sekunden: Noch im Behandlungszimmer überreicht er die Reeder-Visitenkarte.

Gedächtnisprotokoll
„Ich geben Ihnen mal eine Adresse. Das ist gleich hier neben uns…"

Wir zeigen Dina Michels, der Ermittlerin von der Krankenkasse diese Aufnahmen.

Dina Michels
Korruptionsermittlerin Krankenkasse KKH

„Das ist eine besondere Dreistigkeit, dass hier die Visitenkarten schon liegen und dem Patienten wirklich auch direkt dann die Visitenkarte gleich in die Hand gedrückt wird. Es ist einerseits ein Klassiker und andererseits absolut verboten."

Die Orthopäden und das Reeder-System verstoßen aus Sicht der Kassen gegen den so genannten „Anti-Korruptions-Paragrafen" im Sozialgesetzbuch, aber auch gegen die Berufsordnung der Ärzte.

Die Krankenkasse hat nun ermittelt, dass viele der Therapiezentren fast 100 Prozent ihres Umsatzes allein durch die Patienten der beteiligten Orthopäden machen.

Den Orthopäden aus unserem Test schicken wir eine Interviewanfrage. Doch von ihnen kommt keine Reaktion.

Wir fragen den Unternehmenschef Reeder an – keine Zeit für ein Interview. Auch bei unserem Besuch vor Ort ist er angeblich nicht da. Selbst unsere schriftliche Anfrage zu allen Vorwürfen bleibt unbeantwortet.

Stattdessen wird uns ein Rundschreiben zugespielt - das Reeder an seine Gesellschafter, also die Orthopäden, verschickt haben soll. Darin wird unsere Berichterstattung „Anti-Korruptions-Gesetzgebungs-Propaganda" genannt. Und es wird gewarnt:
„Es besteht die Gefahr, dass Testpatienten in die orthopädische Praxis geschickt werden."
Die Ärzte sollten keine Empfehlungen aussprechen.

Genau wegen solcher Empfehlungen geriet das Reeder-System schon letztes Jahr ins Visier der sächsischen Landesärztekammer. Sie erteilte zwei Ärzten, die an Reeder-Zentren beteiligt sind, eine Rüge samt Bußgeld:
„… weil es bei ihnen auffällig viele Zuweisungen an ein Therapiezentrum der Reeder-Gruppe gab."

Doch das System von Reeder läuft einfach weiter. Wie ist das möglich?

Die Bundesärztekammer teilt auf unsere Anfrage mit, sie sei nicht zuständig, wir sollen uns an die Kassenärztliche Bundesvereinigung wenden. Die wiederum verweist uns zurück - an die Bundesärztekammer. Die Reeder-Gruppe scheint nicht bekannt.

Dabei hat die Abgeordnete Maria Klein-Schmeink bereits vor zwei Jahren auf die zweifelhaften Geschäftsmethoden der Reeder-Gruppe im Bundestag hingewiesen. Der so genannte „Anti-Korruptionsparagraf" wurde danach verschärft, genützt hat es nichts.

Maria Klein-Schmeink (Bündnis 90/Die Grünen)
Bundestagsabgeordnete

„Wenn wir jetzt feststellen müssen, das diese Geschäftsmodelle weiter verfolgt werden, dann werden wir genau noch mal den Finger darauf legen und darauf hinweisen dass wir da Nachschärfungen brauchen. Das ist das eine. Ich wünsche mir aber auch die Kooperation mit den Kammern, mit den Ärzteverbänden, die von sich aus klarstellen, dass sie solche Geschäftsmodelle nicht gut heißen."

Das Vertrauen des Patienten in seinen Arzt bleibt bei solchen „Geschäftsmodellen" auf der Strecke.

Die Korruptionsermittlerin der KKH will dabei nicht tatenlos zusehen. Für sie zeigt sich: die Krankenkassen werden getäuscht. Denn Reeder und Orthopäden würden gegen Gesetze verstoßen. Die Abrechnungen seien deshalb nicht korrekt.

Dina Michels
Korruptionsermittlerin Krankenkasse KKH

„Nach dem Ergebnis Ihrer Recherche und den Unterlagen, die sie uns vorgelegt haben, werden wir als bald Strafanzeige erstatten wegen Betruges erstatten und hier auch Rückforderungen aufmachen."

Eine Strafanzeige wegen Betrug: ein erster wichtiger Schritt. Erst gestern hat sich der Gesundheitsausschuss im Bundestag mit dem Thema Korruption und Bestechung im Gesundheitssystem beschäftigt und härtere Maßnahmen gefordert. Und das scheint auch bitter nötig zu sein.


Beitrag von Caroline Walter, Ulrich Kraetzer und Constanze Bayer