obdachlose Frau

- Obdachlosenheime: Kein Platz für Frauen

Obdachlosigkeit war über Jahrzehnte ein Problem von Männern. Doch in den letzten Jahren landen wegen steigender Mieten und prekärer Arbeitsverhältnisse immer mehr Frauen in der Obdachlosigkeit. Die Heime sind darauf nicht vorbereitet.

Manchmal kommt der Abstieg ganz schnell: der Ehemann haut ab, der Job ist weg, - und wenn dann auch noch die Miete steigt, sitzen manche Frauen von heut auf morgen einfach auf der Strasse. Die Zahl der wohnungslosen Frauen in Deutschland steigt immer mehr an. Und immer häufiger sind auch Frauen aus der Mittelschicht betroffen! Axel Svehla hat über Wochen hinweg recherchiert, mit wohnungslosen Frauen geredet – und ihnen zugehört.

Claudia Kroll
wohnungslos

„Ich will keine große Wohnung, ich will ne 2-Zimmer-Wohnung, wo mein Kind sein Zimmer hat, ein Wohnzimmer, wo ich schlafen kann und ne Küche. Und mehr will ich nicht“

In Deutschland sind 250.000 Menschen wohnungslos.
Darunter sind 65.000 Frauen.
Tendenz steigend.


Claudia Kroll, 45, gelernte Metzgereiverkäuferin, alleinerziehend, wohnungslos seit 2013, z.Zt. Wohnheim Karla 51, München

Claudia Kroll
wohnungslos

„Es ist ein einziger Kreislauf auf dem freifinanzierten Markt war es so, die wollten entweder Wucherpreise für Kaution, wo Du als Alleinerziehende schon nicht zahlen kannst, abwertend war McDonald’s arbeiten, abwertend war Du hast ein behindertes Kind und ich sag: Du bist Dir vorgekommen wie, Du läufst hin, Du erledigst alles, Du gibst alles preis und dann kriegst Du auf gut Deutsch gesagt einen Tritt in den Hintern und sagen: Nein, wir helfen Dir nicht.“

Isabel Schmidhuber
Leiterin Karla 51

„Bezahlbarer Wohnraum ist in München ich glaub so knapp wie nirgendwo im ganzen Bundesgebiet. Gerade Frauen mit Kindern werden bei uns in München in zunehmendem Maße obdachlos. Dadurch, dass es so wenige Sozialwohnungen gibt, ist der Markt einfach furchtbar eng und Frauen mit einem kleinen Verdienst haben kaum noch ne Chance ne Wohnung zu finden.“

Thea Feyer
wohnungslos

„Ich habe ganz normal bei den Eltern gewohnt, ich hatte eine glückliche, ganz normale Kindheit, ich hab erst das Gymnasium besucht, dann ne Ausbildung gemacht zur Bürokauffrau. Und die Schwierigkeiten fingen da an, wo ich meinen Job verloren habe.“

Thea Feyer, 43, Bürokauffrau, arbeitslos seit 2012, wohnungslos seit 2013,z.Zt. Wohnheim Diakonie Michaelshoven

Thea Feyer
wohnungslos

„Also ich hab dann versucht eine Stelle zu finden, hab nicht direkt was gefunden und so, musste zu Arbeitsamt gehen, da wurde man halt, ja weiß ich nicht, behandelt als wär man nen Schnorrer, so kam ich mir da vor. Dann hab ich ein bisschen angefangen, den Kopf in den Sand zu stecken und dadurch, dass ich dann Termine beim Arbeitsamt nicht wahrgenommen habe, kam dann kein Geld teilweise, so dass ich die Miete nicht pünktlich zahlen konnte und ja, so fing das alles an. Das ging so ein Strudel los.“

Olaf Seibert
Sozialarbeiter Haus Segenborn

„Frauen sind nicht mehr so auf den klassischen Versorger angewiesen. Sie haben ein eigenständiges Einkommen, sie haben ein selbstgeführtes, eigenständiges Leben, sie wohnen alleine, können aber durch eine soziale Krise, durchaus in die Situation kommen, dass diese Mechanismen wegbrechen. Also, die untere Mittelschicht rückt da schon stärker in den Focus, das kann jeden treffen, davon kann jeder tatsächlich betroffen sein.“

Thea Feyer
wohnungslos

„Ich wollt schon gerne wieder aus der Situation wieder raus, aber ich wusste nicht wie. Auf der Gemeinde oder halt sich gerade bei staatlichen Stellen was zu suchen, das geht dann auch rund wie ein Lauffeuer, es wird ja auch viel getrascht und da habe ich auch nicht mehr den Mut gehabt mich zu erkundigen, auch nicht die Energie, das raubt einem auch furchtbare Energie, wenn man die ganze Zeit verdrängt, was einem da im Nacken hängt gerade wenn man sich die ganzen Zeit damit beschäftigt, das frisst sehr viel Energie weg, da kriegt man kaum noch was anderes geregelt. Es wusste ja auch keiner von irgendwas.“

Olaf Seibert
Sozialarbeiter Haus Segenborn

„Die Menschen haben es verlernt, tatsächlich um Hilfe anzufragen, die Menschen sind in dem Moment, indem sie auf der Straße landen, haben sie soviel Demütigung erlebt in ihrem Leben, soviel Rückschläge erlebt in ihrem Leben, dass sie wirklich nicht mehr glauben, es geht noch nach vorne.“

Gundula Garbe
wohnungslos

„Ich fühl mich eigentlich so miserabel, dass ich manchmal sagen könnte, am besten, man lebt nicht mehr, weil man sich auch schämen tut, dass man jetzt auf der Straße gelandet ist. Guck mal an, wie weit die jetzt gekommen ist, ganz schön weit, wir haben alle Arbeit, wir haben eine Wohnung und die sitzt auf der Straße.“

Gundula Garbe ( 52 ), gelernte Rinderzüchterin, arbeitslos seit 2010, wohnungslos seit 2012, z. Zt. Container der Caritas Hamburg

Gundula Garbe
wohnungslos

„Ich bin am Wasser lang gegangen und geguckt, wo man kann man hier einen Platz finden wo man schlafen kann ohne dass einer einen da sieht und belästigen tut. Und da mir kalt war nachher und kalt wurde, bin ich zum Bahnhof zurück und bevor ich da rein gehen wollte, sagte so ein älterer Herr „ Suchst Du denn ein Zimmer oder irgendwas?" Und ich sagte Ja."Kannst bei mir wohnen, ich hab ein Zimmer frei" und nach knapp 4 Wochen fing er schon an hier ja, ich soll ihn heiraten und so was alles und da hab ich gesagt Ne. Und er möchte Sex haben, Nein, mach ich nicht! Und dann fing er an zu streiten, so ungefähr dann kann ich auch gehen, wen ich das nicht mach. Und da hab ich meine Tasche genommen.“

Andrea Hniopek
Caritasverband Hamburg

„Wir gehen davon aus, dass viel mehr Frauen verdeckt obdachlos sind, Zuflucht finden bei, wir nennen das gang gerne mal Suppenfreiern, also bei Männern, bei denen sie für die Möglichkeit, dort Kost und Logis zu bekommen, Leistungen zu erbringen, die entweder im Haushaltsbereich oder als sexuelle Dienstleistung zu bezeichnen sind.“

Hilfe für Wohnungslose ist meist auf Männer ausgerichtet.

Claudia Kroll
wohnungslos

„Wenn ich in ein Heim mit Männern käme, da würde ich Angst haben, dass ich angelangt wär, vielleicht mein Kind angelangt wär, dass es dreckig ist, dass Alkohol oder auch Drogen im Spiel sind, wo ich es überhaupt nicht, also das Thema kann ich gar nicht, ich weiß nicht , ich komm nicht klar damit.“

Gundula Garbe
wohnungslos

„Hier in der Stadt würde ich mir keinen Platz als Frau suchen, also persönlich nicht, weil man da Angst hätte, dass man zusammengeschlagen wird, nachts ausgeraubt und vergewaltig wird.“

Wohnungslose Frauen brauchen einen geschützten Raum für sich.

Isabel Schmidhuber
Leiterin Karla 51

„Wohnungslose Frauen sind sowieso Freiwild, die sind nicht mehr wert, die trauen sich auch nicht mehr ,sich zu wehren und deshalb brauchen Frauen, die akut obdachlos sind, einen geschützten Rahmen, die müssen wissen, dass ihnen in dem Haus nichts passiert, dass sie eben nicht über den Flur huschen müssen, Hauptsache es sieht sie keiner und sie erst in ihrem Zimmer sicher sind, sondern sie müssen das Gefühl haben, ich bin hier in dem ganzen Haus komplett sicher, ich kann ruhig schlafen, mir passiert hier nichts.“

Claudia Kroll, Thea Feyer und Gundula Gabe haben vorübergehend ein sicheres Obdach gefunden. Andere wohnungslose Frauen haben dieses Glück nicht.

Wenn Sie Näheres wissen wollen, auf unserer Homepage haben wir mehr zu den Schicksalen wohnungsloser Frauen.



Beitrag von Axel Svehla